Prolog: Der klinische Albtraum
Auf der Station roch es nicht nach Sauerstoff. Es roch nach Bleichmittel, Ozon und dem metallischen Beigeschmack von Blut, das in den Boden eingezogen war und nie ganz verschwand. Ich war kein Mädchen. Ich war nicht einmal ein Name. Für die Männer in den weißen Kitteln, die sich wie Raubtiere bewegten, war ich nur Child 117. Oder, wenn ihnen Effizienz wichtiger war: „One-Seventeen“.
Ich saß auf der Kante des kalten Untersuchungstisches, die Beine baumelten in der Luft, und fühlte mich kleiner, als ich war. Dreizehn Jahre alt und bereits Eigentum des Staates, vorbereitet und vollgepumpt mit synthetischen Hormonen, von denen mir schwindelig wurde und mein Puls raste. „Das Gefäß vorbereiten“, nannten sie es.
„Leg dich hin, 117“, sagte ein Techniker, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Das musste er auch nicht. Mein Körper war nur ein Werkzeug, mein Gesicht bedeutungslos.
Die Steigbügel fixierten meine Füße, das Metall fühlte sich eiskalt auf meiner Haut an. Ich spürte den eisigen Druck des Spekulums und das scharfe Eindringen des Katheters. Sie „implantierten“ ihr nächstes Projekt – ein Leben, das ich austragen sollte. Ich schloss die Augen und versuchte, mich geistig von hier fortzubewegen, während der Ultraschallbildschirm summte; eine grüne, gnadenlose Überwachung des Embryos. „Platzierung bestätigt“, murmelte er in ein Aufnahmegerät. „Subjekt 117 ist jetzt ein Wirt. Auf Abstoßung überwachen.“
Ich wusste damals noch nicht, dass die wahre Abstoßung von außerhalb des Labors kommen würde. Kein Erholungsraum wartete auf mich. Grobe, hastige Hände zerrten mich von meiner Pritsche. Die sterile Kälte des Labors wich einer pechschwarzen Angst, als mir eine Augenbinde ins Gesicht gepresst wurde. Ein Knebel aus abgestandenem Stoff und Salz brannte in meinem Mund. Seile schnitten in meine Handgelenke, als sie hinter meinem Rücken gefesselt wurden.
Ich wollte schreien. Der Laut erstarb in meiner Kehle. Niemand hörte zu. Das Fahrzeug ruckelte, dass mir die Zähne klapperten. Die Luft veränderte sich; der antiseptische Geruch wich dem scharfen, salzigen Rauschen des Ozeans. Zackige Felsen und kalte Erde bohrten sich in meine nackten Füße. „James, beeil dich“, zischte ein Mann. Seine Stimme war schwer vor grausamer Erregung. „Ich verpasse ihr ein Souvenir“, antwortete ein anderer. James. Der Techniker von vor ein paar Stunden.
Eine Klinge glitt kalt über meine Wange. Eins. Zwei. Drei. Vier. Blut brannte an meinem Hals hinab. Dann das weißglühende Feuer auf meiner rechten Schulter, als Buchstaben in meine Haut geritzt wurden: F. T. „So“, flüsterte James an meinem Ohr, sein Atem roch nach Whiskey und Bosheit. „Jetzt wird jeder wissen, wem du gehörst, wenn sie deinen Kadaver finden.“ Ein Stoß. Die Welt verschwand. Ich war schwerelos, mit gebrochenen Flügeln. Der Wind nahm meinen Schrei auf und trug mich dem aufgewühlten, schwarzen Schlund des Atlantiks entgegen. Ich betete nicht darum, zu leben. Ich betete um einen Weg, zurückzukehren. Ich wusste damals nicht, dass die Göttin des Todes zuhörte. Und sie war hungrig.