1. Bruiser
Anmerkung der Autorin:
Hallo zusammen ❤️
Schön, dass ihr da seid! Ich hoffe, euch gefällt diese Geschichte! ❤️
Bevor es losgeht, möchte ich kurz erwähnen, dass dies die zweite Geschichte der Broken Halos MC-Reihe ist. Falls ihr den ersten Teil auch lesen wollt, solltet ihr das zuerst tun. Hier gibt es nämlich einige Spoiler zum Vorgänger. Ihr findet „Broken Halos MC“ vollständig auf meiner Seite. Ihr könnt diese Story aber auch als Stand-alone lesen, falls euch das lieber ist.
Wenn ihr über die Serie oder meine anderen Projekte auf dem Laufenden bleiben wollt, folgt mir einfach. Ich poste regelmäßig Updates zu aktuellen Projekten, Änderungen im Zeitplan und mehr ❤️
Alles Liebe!
– Bee
_________________________________
Ich bin im Gebrüll von Motoren und dem Geruch von abgestandenem Bier und Asphalt aufgewachsen. Das war das einzige Wiegenlied, das ich je kannte.
Der Broken Halos MC war nicht nur ein Club; er war mein Erbe. Mein alter Herr war der VP, während Stones Dad als Prez den Hammer schwang. Wir waren noch Kinder, als wir anfingen, ihnen wie Schatten zu folgen. Wir lernten schnell, dass das Patch auf dem Rücken mehr zählte als Blutverwandtschaft. Als die Zeit für den Wachwechsel kam und Stone zum President gewählt wurde, war niemand überrascht, dass ich den Platz an seiner Seite übernahm. Wir sind die Söhne der alten Garde – im unseren Adern fließt das Blut von Prez und VP. Das ist die einzige Sprache, die wir fließend beherrschen.
Ich erinnere mich noch, wie ich vor dem Clubhouse an meiner Maschine lehnte. Die Nachtluft kühlte den Schweiß in meinem Nacken. Ich rauchte gerade eine mit Stone und Riot, als sie zum ersten Mal auftauchte.
Alexandra.
Sie kam nicht einfach auf uns zu. Sie stolperte aus der Dunkelheit wie ein Geist, der von einem Dämon gejagt wird. Ich weiß noch genau, wie sie aussah. Sie zitterte am ganzen Körper, ihre grünen Augen waren weit aufgerissen und feucht vor Angst. Die Panik war so greifbar, dass man sie fast schmecken konnte. Mit ihrem zerzausten kastanienbraunen Haar und ihrem rasselnden Atem klammerte sie sich an den Stahl unserer Bikes, als könnten sie ihr Zuflucht bieten.
Damals dachte ich nicht, dass sie auch nur eine Woche durchhalten würde. Sobald ich das Wort „Austauschschülerin“ hörte, hielt ich sie für erledigt. Ich erwartete, dass sie abhauen würde, sobald das Adrenalin nachließ. Sicher würde sie zurück in die Sicherheit von Dänemark oder Rumänien flüchten. Zurück in eine Welt, die verdammt viel sanfter war als unsere. Ich kannte ihre Welt und ich wusste, wie sie normalerweise reagierte, wenn sie mit unserer in Berührung kam.
Aber Lex überraschte mich.
Sie rannte nicht weg. Sie blühte auf. Wenn ich sie heute sehe, erkenne ich das Mädchen von damals nicht wieder, das auf unserer Türschwelle zusammenbrach. Sie und Stone sind ein Team, und er kann sich verdammt glücklich schätzen, sie gefunden zu haben – sie ist seine Frau, sein Anker. Für mich ist sie wie die kleine Schwester geworden, die ich nie hatte. Sie ist der Mensch, der dafür sorgt, dass dieses chaotische und gewalttätige Leben sich so anfühlt, als hätte es eine echte Mitte.
Genau deshalb schmeckt das Schuldgefühl in meinem Hals immer noch wie Blei.
Als Whitmore sie entführte, fühlte es sich an, als wäre mein eigenes Versagen in meine Haut geritzt worden. Ich war derjenige, der sie an diesem Tag gehen ließ. Ich habe nur vermutet, statt sicher zu sein. Wenn Stone weg ist, gehört der Club mir – jede Entscheidung, jede Konsequenz. Und das schließt sie mit ein. Ganz besonders sie. Stone dabei zuzusehen, wie er fast den Verstand verlor, während sie weg war… das ist eine Schuld, die ich wohl nie ganz begleichen kann.
Ich war schon immer ein Mann, dem Fakten und Logik wichtig sind. Aber wenn ich die beiden sehe, frage ich mich, ob es da draußen vielleicht auch jemanden für mich gibt. Jemand, der so offensichtlich für mich gemacht ist, wie Lex für Stone.
Mein alter Herr sagte immer, dass Biker anders gestrickt sind – wir lassen uns auf nichts langsam ein. Wenn es einen erwischt, dann mit voller Wucht. Diesen Schlag habe ich bisher noch nicht gespürt. Ich habe noch niemanden gefunden, der den Lärm in meinem Kopf verstummen lässt.
Das laute Gemurmel im Clubhouse holte mich zurück in die Gegenwart. Ich verlagerte mein Gewicht und spürte die kalte Bierflasche in meiner Handfläche, während ich wieder dem Gespräch am Tisch zuhörte. Lex lehnte sich an Stones Seite. Ihr Gesichtsausdruck war ernster als den restlichen Abend über.
„Also“, sagte sie und blickte in die Runde, „ich brauche mal einen Gefallen.“
Damit hatte sie die Aufmerksamkeit von allen. Im Raum wurde es still, und das übliche Gefrotzel verstummte.
Stone sah zu ihr herab, seine Hand ruhte beschützerisch auf ihrer Hüfte. „Das bedeutet meistens Ärger.“
„Nur logistischen Ärger“, sagte Lex leichtfertig. „Ihr wisst ja, dass meine beste Freundin zur Hochzeit eingeflogen kommt.“
„Beste Freundin“, wiederholte Ink und lehnte sich vor. „Im Singular?“
„Ganz eindeutig Singular“, bestätigte Lex.
Ich beobachtete, wie Stone sie sanft anlächelte. Wir wussten, was dieses Mädchen ihr bedeutete – Adelina. Lex hatte uns Bruchstücke erzählt. Sie war ihre Rettungsleine in Rumänien gewesen, die einzige Konstante in einer Kindheit, die nicht immer nett zu ihr war. Nachbarin, Zuflucht, Schwester. Dieses Band saß tief, und das respektierte ich. In diesem Club war Loyalität die einzige Währung, die zählte.
„Sie landet in drei Wochen“, fuhr Lex fort, „und irgendjemand muss sie abholen.“
Stone brummte. „Das kann ich machen.“
„Ich weiß, dass du das kannst“, sagte Lex und lächelte ihn an. „Aber du darfst nicht. Du machst ihr nur Angst.“
Er schnaubte. „Ich bin charmant.“
„Du hast letzte Woche einen Mann mit einem Löffel bedroht.“
„Er hat es verdient.“
Ich konnte nicht anders und prustete in mein Bier. Die Vorstellung von Stone – dem Mann, der eine rivalisierende Gang zerlegen konnte, ohne mit der Wimper zu zucken – wie er Küchenutensilien als Waffe benutzt, war typisches President-Verhalten.
„Ist sie auch Rumänin?“, fragte ich und meldete mich schließlich zu Wort.
„Ja“, sagte Lex und wandte sich mir zu. „Und sie ist… irgendwie unglaublich.“
Das sorgte für ein paar neugierige Blicke am Tisch.
„Inwiefern?“, fragte Riot.
„Sie arbeitet in zwei Vollzeitjobs“, erklärte Lex. „Einer ist ein Bürojob bei einer Non-Profit-Organisation. Die Sorte, die nur durch Fördergelder und Burnout überlebt. Der andere ist auf dem Bauernhof ihrer Familie. Frühes Aufstehen. Schlamm. Keine freien Tage.“
Neon pfiff leise durch die Zähne. „Das ist mal eine Ansage.“
„Eher eine Notwendigkeit“, sagte Lex. „Und obendrein schreibt sie noch an ihrem Doktor.“
Ich platzte heraus: „In was?“
„Biotechnik.“
Danach herrschte Stille. Das war nicht gerade der Lebenslauf, den wir hier in diesem Raum normalerweise zu hören bekamen.
„Okay“, sagte Engine schließlich. „Das… hab ich jetzt nicht erwartet.“
„Sie ist furchteinflößend“, sagte Lex liebevoll. „Sie lebt von Kaffee, Sturheit und der Überzeugung, dass Aufgeben ein persönliches Versagen ist.“
Stone atmete schwer durch die Nase aus. „Vorsicht, Kleines“, sagte er milde. „Du fängst an, wie eine Amerikanerin zu klingen. Du verherrlichst Erschöpfung.“
Lex grinste. „Siehst du? Du färbst schon auf mich ab.“
„Gefällt mir nicht“, brummelte er, aber es klang amüsiert.
Ich hatte Lex nicht aus den Augen gelassen. Farmarbeit und Biotechnik. Dreck unter den Fingernägeln und Hochleistungswissenschaft im Kopf. Das war eine schräge Mischung – ein Rätsel, das nicht so recht zusammenpasste.
„Sie ist damit aufgewachsen, Dinge zu reparieren“, antwortete Lex auf meinen unausgesprochenen Gedanken. „Tiere. Maschinen. Systeme. Jetzt macht sie das Ganze eben in groß.“
In meiner Brust regte sich etwas. Ein stilles, fokussiertes Interesse. Ich mochte Leute, die wussten, wie man Dinge repariert. In meiner Welt ging ständig irgendetwas kaputt.
„Ist sie zäh?“, fragte ich.
„Ja“, sagte Lex ohne zu zögern. „Aber sie macht kein großes Ding daraus. Sie trägt es einfach. Als wäre sie an das Gewicht gewöhnt.“
Ich nickte einmal. Ich kannte diese Art von Zähigkeit. Es war die Sorte, die erst bricht, wenn es längst zu spät ist.
„Ich hole sie ab“, sagte ich. Die Worte waren draußen, bevor ich sie richtig verarbeitet hatte. Ich lehnte mich zurück. Das Kondenswasser der Bierflasche klebte an meiner Hand. Ich wusste nicht, was zur Hölle gerade über mich gekommen war. Normalerweise mied ich Fahrten zum Flughafen wie die Pest – zu viel Verkehr, zu viel Warterei, zu viel Zeit zum Grübeln.
Stone hob den Kopf und suchte meinen Blick. „Bist du sicher?“
„Ja“, antwortete ich und zuckte mit den Schultern, als wäre es nichts. „Ich bin sowieso da. Und sie klingt nicht wie jemand, der sich so leicht ins Bockshorn jagen lässt.“
Lex blickte zwischen uns hin und her, ein kleines, wissendes Funkeln in den Augen. „Das macht dir wirklich nichts aus?“
Meine Mundwinkel zuckten. „Nö. Wer Farmarbeit und einen Doktortitel überlebt, wird wohl mit einem Flughafen und meiner Visage klarkommen.“
Lex lachte und lehnte sich wieder an Stone. „Adelina wird dich mögen.“
„Warten wir's ab“, murmelte ich.
Neben mir verengte Stone die Augen. Er kennt mich, seit wir Kinder waren. Er kann mein Schweigen besser deuten als die meisten Leute ein Buch. Er sagte nichts, aber sein leichtes Kopfnicken verriet mir, dass er die Veränderung bemerkt hatte. Ich bot mich nicht nur für einen Gefallen an; ich war neugierig. Und Neugier war in diesem Leben eine gefährliche Sache.
Ich sah wieder zu Lex. Sie wirkte so glücklich, so angekommen. Mitten in unserem Chaos hatte sie ihr Zuhause gefunden. Ich fragte mich, ob diese Adelina aus derselben Mischung aus Seide und Eisen bestand.
„Drei Wochen?“, fragte ich mit neutraler Stimme.
„Drei Wochen“, bestätigte Lex. „Ich schicke dir die Flugdaten.“