Episode 2 - Der Märchenmörder -I
Kapitel 1
Es ist dunkel. Nicht nur finster, sondern schwer, klebrig, erdrückend. Eine Dunkelheit, die nicht um mich herum existiert, sondern sich durch meinen Körper zieht.
Ich falle nicht. Ich bin gefangen zwischen Bewusstsein und Betäubung.
Ein Geräusch dringt durch den Nebel. Gleichmäßig. Metallisch. Ein Monitor.
Eine Stimme. Gedämpft. Verzerrt. Zu nah.
Spricht der Arzt mit mir – oder über mich?
Die Worte passen nicht hierher. Er spricht von Herausforderungen. Vom Scheitern. Vom drohenden Untergang. Von unausweichlichen Konsequenzen.
Sein Tonfall bleibt ruhig. Beinahe interessiert. Nicht wie bei einem Arzt, der beruhigen will.
Etwas daran ist falsch.
Ich versuche, die Augen zu öffnen. Meine Lider reagieren nicht. Mein Körper gehört mir nicht. Ich spüre Druck auf der Brust. Kein Gewicht. Ein Sensor. Vielleicht Elektroden.
Warum kann ich mich nicht bewegen?
Ich versuche, die Hand zu heben. Es geschieht nichts. Mein Kopf ist schwer. Mein Denken ist zäh, als würde es durch Watte gefiltert.
Verdammt. Was ist hier los?
Dann erinnere ich mich.
Hunde.
Ihr Atem. Ihre Nähe.
Zu viele Hunde. Ein Käfig.
Schüsse. Jemand hat geschossen.
Ich habe geschossen.
Der Einsatz. Der Zugriff. Der letzte Moment, bevor alles schwarz wurde.
Die Stimme kommt näher.
„Sie kämpfen dagegen an“, sagt sie leise.
Jetzt klarer. Keine Hallfahne. „Das ist bemerkenswert.“
Ich versuche, meine Atmung zu kontrollieren. Wenn ich schon nicht sprechen kann, dann wenigstens zählen.
Eins. Zwei. Drei. Vier.
„Die meisten geben schneller auf“, fährt er fort. „Sie sinken weg. Aber Sie klammern sich.“
Seine Stimme trägt ein Lächeln. Kein freundliches.
Mein Herz beschleunigt sich. Ich spüre es jetzt. Dumpf, aber deutlich.
„Keine Sorge“, sagt er. „Das hier ist kein Verhör.
“Eine Pause. „Noch nicht.“
Die Worte schneiden klar. Er steht dicht neben mir. Ich rieche ihn. Kein typischer Geruch nach Desinfektionsmittel.
„Sie wissen es nur noch nicht“, fährt er fort, „aber wir stehen uns seit Längerem gegenüber.“
Wir.
Das Wort hallt nach.
„Sie glauben, Sie jagen Monster“, sagt er ruhig. „Dabei haben Sie nie verstanden, dass Monster keine Krallen brauchen.“
Das ist jemand, der mich kennt.
„Sie haben mich herausgefordert“, sagt er. „Nicht öffentlich. Nicht bewusst. Aber konsequent.“
Ein leises Geräusch. Metall berührt Metall. Vielleicht legt er etwas auf den Nachttisch. Vielleicht berührt er das Bettgitter.
Er ist entspannt. Zu entspannt.
„Ich wollte sehen, ob Sie wirklich existieren“, sagt er. „Oder ob Sie nur ein Mythos sind, den man in internen Berichten größer macht, als er ist.“
Ein leises Ausatmen. „Sie sind kein Märchen.“
Seine Stimme wird noch leiser. „Und das bedeutet, dass wir beide in derselben oberen Liga spielen.“
Ein Atemzug. „Die Frage ist nur, warum ich Sie nicht jetzt töte.“
Kein dramatischer Tonfall. Es klingt wie eine nüchterne Feststellung.
„Weil ein Spiel ohne Gegenüber keinen Wert hat. Aber ruhen Sie sich aus“, sagt er. „Sie werden jede Kraft brauchen.“
Er entfernt sich. Die Zimmertür öffnet sich. Kein Quietschen. Danach schließt sie sich wieder.
Ich versuche, einen Finger zu bewegen. Nichts.
Die Dunkelheit wird dichter.
Aber jetzt weiß ich: Sie ist chemisch. Nicht endgültig.
Kapitel 2
Ott reißt die Augen auf. Nicht langsam, nicht orientierungslos, sondern abrupt – als hätte jemand einen Schalter umgelegt.
Wut ist das Erste, was zurückkehrt. Nicht Schmerz. Nicht Angst.
Wut.
Der Zerstörer war da. Greifbar. Und Ott hat ihn gehen lassen. Er weiß, dass er außer Gefecht gesetzt war. Trotzdem fühlt es sich wie ein Versagen an.
Über ihm stehen Kempf, Anna, Löw und Dr. Pullmann. Vier Gesichter. Vier Haltungen.
Kempf wirkt erleichtert. Fast triumphierend.
Anna angespannt, bemüht professionell.
Löw steht leicht versetzt, die Arme locker, aber wachsam.
Pullmann lächelt.
Ott blinzelt einmal. Langsam. Absichtlich.
Im Flur hört er eine vertraute Stimme. Gedämpft, aber eindeutig. Hanka Marie telefoniert.
Die Gesichter am Bett hellen sich auf, als sie seinen fokussierten Blick erkennen.
„Wie lange war ich weg?“ Seine Stimme ist rau.
Löw antwortet zuerst. „Knapp vierundzwanzig Stunden.“
Ott registriert das. Ein ganzer Tag. Vierundzwanzig Stunden Kontrollverlust. Er lässt sich nichts anmerken.
„Was habe ich verpasst?“
Löw beginnt. „Als wir den Käfig geöffnet haben, warst du bewusstlos. Blutverlust.“
Ott unterbricht ihn. „Die Kinder? Die Frau?“
Pullmann antwortet ruhig. „Alle gerettet. Stabilisiert. Außer Lebensgefahr.“
Ott nickt minimal. Kein Lächeln. Kein Dank. Pflicht ist Pflicht.
Löw fährt fort. „Die Hunde waren kontaminiert. Tollwut und Leptospirose. Das Labor hat es bestätigt. Pullmann hat dir eine Tetanusauffrischung gegeben.“
Pullmann ergänzt: „Sie hatten mehrere Bissverletzungen. Wir mussten die Wunden ausräumen.“
Sein Lächeln bleibt. Ott registriert es.
Ein kurzes Schweigen.
Kempf räuspert sich. „Wir haben ihn.“
Ott richtet den Blick auf ihn. „Wen?“
Kempf genießt den Moment. „Den Serienmörder.“
Ott sagt nichts. Sein Blick bleibt ruhig.
„Wie?“
Kempf tritt näher ans Bett. „Streifenbeamte bemerkten ihn auf einem angrenzenden Gelände. Er beobachtete den Einsatz. Das war zu auffällig.“
Eine Pause.
„Wir haben ihn über Stunden verfolgt. Aber wir haben ihn.“
Ott hört zu. Ohne Unterbrechung. „Identität?“
Kempfs Gesicht verfinstert sich. „Keine Treffer in den Datenbanken. Keine Fingerabdrücke im System. Gesichtserkennung ohne Ergebnis. Offenbar mehrfach operiert.“
Ott schaut zu Löw. Löws Blick ist ruhig, aber skeptisch.
„Und er hat gestanden?“, fragt Ott.
„Nein“, sagt Kempf. „Er schweigt.“
„Zu ruhig?“, fragt Ott.
Löw antwortet diesmal. „Wartend.“
Ott setzt sich langsam auf. Der Schmerz zieht durch seinen Körper, aber er ignoriert ihn.
Ein Täter, der solche Inszenierungen baut, beobachtet keinen Zugriff wie ein Schaulustiger.
„Das ist nicht unser Mann“, sagt Ott.
Kempf reagiert sofort. „Er war am Tatort.“
„Er wollte dort sein“, entgegnet Ott ruhig.
Stille.
Pullmann verschränkt leicht die Arme. „Oder er ist narzisstisch genug, es genießen zu wollen.“
Ott sieht ihn an.„Ein Narzisst will gesehen werden. Unser Täter braucht das nicht.“
Einer nach dem anderen verlassen sie das Zimmer. Kempf zuerst. Dann Anna. Pullmann folgt, sein Lächeln bleibt bis zur Tür.
Löw bleibt kurz.
Ott sagt leise: „Du glaubst es auch nicht.“
Löw nickt kaum sichtbar. „Zu glatt.“
Nachdem Ott ihm ein paar Anweisungen gegeben hat, geht auch er.
Nur Hanka bleibt im Türrahmen.
„Du stellst dich gerade gegen die offizielle Version“, sagt sie.
„Die offizielle Version ist Mist“, antwortet Ott.
„Die Landesregierung hat bereits kommuniziert“, sagt Hanka. „Festnahme. Erfolg. Stabilisierung der Lage.“
Ott sieht sie an. „Was wissen wir gesichert?“
„Dass er chirurgisch verändert wurde“, sagt sie. „Die Details stammen von Pullmann.“
Ott lehnt sich zurück. „Das gefällt mir nicht.“
„Du verdächtigst Pullmann?“
Ott antwortet nicht direkt. „Ich vertraue niemandem, der zu zufrieden ist.“
Ein Moment.
„Wir brauchen eine eigene Struktur“, sagt Ott dann.„Eine SEK-Einheit unter unserer direkten Kontrolle. Einen unabhängigen Gerichtsmediziner. Und Löw wird temporär zum Bund versetzt.“
Hanka zögert nicht. „Ich organisiere es.“
„Und die Leichen bleiben weiter in Bundesgewahrsam“, ergänzt Ott. „Neue Untersuchung. Vollständig.“
„Das gibt politischen Druck. Die Familien werden die Herausgabe fordern.“
„Dann halten wir ihn aus.“
Hanka mustert ihn. „Du wirkst nicht überrascht.“
Ott hebt den Blick. „Er war hier.“
Hanka erstarrt. „Im Krankenhaus?“
„Ja.“
Keine Dramatik. Nur Feststellung.
„Was hat er gesagt?“
Ott antwortet ruhig. „Dass wir uns schon lange begegnen. Und dass es schlimmer wird.“
Hanka schweigt. „Und?“
„Und ich glaube ihm.“
Keine Zweifel in seiner Stimme. Nur Klarheit.
Hanka hält seinem Blick stand. „Dann beginnen wir jetzt.“
Ott nickt.
Kapitel 3
Ott unterschreibt seine eigene Entlassung gegen ärztlichen Rat. Wie schon so oft zuvor.
Die Stationsärztin versucht, ihn zu halten, verweist auf Infektionsrisiken, auf innere Blutergüsse, auf mögliche Komplikationen. Ott hört zu, stellt keine Fragen und unterschreibt ohne weitere Diskussion.
Seine rote Lederjacke ist beschädigt. Die Bissspuren haben den Ärmel aufgerissen. Getrocknetes Blut zeichnet dunkle Linien auf dem Leder. Er zieht sie trotzdem an.
Draußen wartet der Wagen. Löw sitzt am Steuer.
Ott steigt ein. „Fahr.“
Löw sagt nichts. Er fährt. Zwischen ihnen liegt kein Smalltalk, nur Übereinstimmung. Beide wissen, dass der Festgenommene entweder ein Durchbruch ist – oder eine Inszenierung.
Das Präsidium kommt in Sicht. Der Wagen rollt auf den Hof.
Ott steigt aus. Der Schmerz ist da, dumpf und tief, beeinflusst jedoch weder seinen Gang noch seinen Blick.
Am Eingang wartet Hanka Marie.
Ihre Präsenz verändert den Raum, noch bevor sie spricht. Uniformierte richten sich auf. Gespräche brechen ab. Nicht aus Respekt, sondern aus politischem Instinkt.
Im Besprechungsraum warten bereits:
der Polizeipräsident,
der Leiter der Direktion Kriminalität,
Uwe Kempf,
Anna Brunnenburg,
Becker von der Forensik und Dr. Pullmann.
Pullmann ist der Einzige, der nicht offen gereizt wirkt. Sein Lächeln ist beinahe kollegial. Zu kontrolliert für diese Lage.
Die Tür schließt sich.
Die Reaktionen explodieren. Vorwürfe. Kompetenzgerangel. Politische Unterstellungen.
Es geht nicht mehr nur um einen Serienmörder, sondern um Zuständigkeit und Erfolgsansprüche. Der Bund – vertreten durch Ott und Hanka – hält den Fall für nicht abgeschlossen. Die Ermittlungen laufen weiter.
Hanka hebt die Hand. „Die Entscheidung ist gefallen“, sagt sie ruhig. Ihr Ton ist sachlich. Unangreifbar.
Als sie erklärt, dass Löw offiziell zum Bund abgeordnet wird, verliert Kempf die Fassung. „Das ist ein Eingriff in meine Behörde.“
Ott antwortet ruhig. „Du wolltest ihn loswerden. Jetzt ist er weg. Worin liegt das Problem?“
Ein Raunen.
Ott lehnt sich leicht vor. „Und weil ihr euch intern blockiert habt, wurden Spuren nicht priorisiert. Das wird nicht noch einmal passieren.“
Der Polizeipräsident schweigt. Er weiß, dass Berlin hinter dieser Entscheidung steht.
Löw sitzt ruhig da. Er genießt den Moment nicht. Er akzeptiert ihn.
Hanka übernimmt wieder. „Jedes Opfer erhält eine separate Bundesakte. Die Mordkommission arbeitet weiter, um die Ermittlungen zu vervollständigen. Die Opfer bekommen ihre Würde zurück.“
Schweigen.
Ott lässt den Blick durch den Raum wandern und bleibt einen Moment bei Pullmann hängen.
„Ein externer Gerichtsmediziner übernimmt die Zweituntersuchung aller Leichen. Mit eigenem Team. Unabhängig.“
Pullmann tritt einen Schritt vor. „Sie können hundert Gutachten anfertigen lassen“, sagt er ruhig. „Die Todesursachen bleiben identisch. Ich stehe zu meinen Befunden.“
Ott nickt. Die Spannung ist messbar.
Jetzt zählt nur noch der Verdächtige.
Vier große, maskierte SEK-Beamte holen ihn aus der Zelle. Keine unnötige Härte. Der Mann wird in den Verhörraum gebracht. Kein Tisch. Nur ein Stuhl.
Er bleibt allein.
Im Überwachungsraum stehen Hanka, Kempf und Anna. Ott und Löw etwas abseits.
Dreißig Minuten vergehen. Der Verdächtige bewegt sich kaum. Er ist trainiert. Kontrolliert seine Atmung. Fixiert einen Punkt an der Wand.
„Er wartet“, murmelt Löw.
Nach einer Stunde gibt Ott ein Zeichen. Die SEK-Beamten betreten den Raum und positionieren sich schweigend.
Dann geht Ott hinein.
Ein Blick genügt. Die Beamten treten zurück, bleiben jedoch im Raum.
Ott setzt sich direkt vor den Mann. Knie an Knie. Kein Tisch als Barriere. Stille. Minuten vergehen.
Ott spricht zuerst. „Er war im Krankenhaus.“
Keine Reaktion. Doch ein minimaler Muskelimpuls im Kiefer. Ott registriert ihn.
„Er wollte, dass ich es weiß.“
Noch immer kein Wort.
„Wie heißt er?“
Schweigen.
„Wie kommuniziert er mit dir?“
Ein kaum sichtbares Zucken der Augenlider.
Ott steht auf. Seine Bewegung ist schnell. Kein wütender Ausbruch, sondern gezielt.
Er greift dem Mann hart an den Kehlkopf und drückt für den Bruchteil einer Sekunde zu. Nicht tödlich. Aber schockauslösend. Mit der anderen Hand stößt er ihn gegen das Brustbein.
Der Mann verliert kurz die Luft.
Die SEK-Beamten greifen sofort ein, fixieren ihn. Der Mann ringt nach Luft. Seine Augen sind weit offen. Nicht vor Schmerz, sondern weil seine innere Disziplin gerade zerbricht.
Ott beugt sich vor. „So schnell verlierst du die Kontrolle.“
Im Überwachungsraum erstarrt Kempf. „Das ist Körperverletzung“, flüstert er.
Hanka sagt nichts.
Im Verhörraum spricht der Mann heiser. „Sie werden es bereuen.“
Ott bleibt ruhig.„Bist du der Bote? Oder nur das Opfer?“
Der Mann atmet schwerer.
„Es wird größer“, sagt er.
„Es wird sich ausbreiten.“
Seine Stimme gewinnt an Stabilität.
„Die Königin. Der Hof. Niemand ist außerhalb.“
Ott reagiert nicht auf die Metaphern.„Wie läuft der Kontakt?“
Ein leises Lächeln.
„Er lässt Sie grüßen.“
In diesem Moment fällt das Licht aus. Die Überwachungskamera erlischt gleichzeitig.
Kapitel 4
Das Licht bricht abrupt ab. Nicht nur im Verhörraum. Im gesamten Gebäude fällt gleichzeitig die Hauptstromversorgung aus.
Monitore werden schwarz. Server fahren ungeordnet herunter. Aufzüge bleiben stehen. Zugangsschleusen verriegeln sich im Fail-Safe-Modus. Die Klimaanlage verstummt.
Für eine Sekunde herrscht absolute Stille. Dann bricht das Chaos los.
Befehle hallen durch die Gänge. Funkgeräte rauschen ohne Signal.
Niemand weiß, ob es ein technischer Defekt oder ein koordinierter Angriff ist.
Im Verhörraum reagieren die SEK-Beamten instinktiv. Sie sichern den Gefangenen.
„Funk tot“, meldet einer.
Das Notlicht springt verzögert an. Kaltes, flackerndes Weiß.
Der Verdächtige sackt in sich zusammen. Zuerst wirkt es wie ein simuliertes Wegknicken. Dann wie Bewusstlosigkeit.
Ein Beamter tastet nach dem Puls. Zögert. Prüft erneut.
„Kein Puls.“
Reanimation wird sofort eingeleitet. Keine Reaktion. Keine sichtbare Verletzung. Der Mann stirbt lautlos – als wäre ein interner Mechanismus aktiviert worden.
Im Überwachungsraum sind die Monitore schwarz.
Hanka steht reglos. Kempf flucht. Anna greift nach ihrem Handy – kein Netz.
Die nächsten sechzig Minuten sind ein Kampf um Kontrolle. Treppenhäuser werden gesichert. Serverräume manuell überprüft. Notstromaggregate starten mit Verzögerung.
Der IT-Leiter meldet schließlich: Der Angriff lief nicht extern über das Netz, sondern wurde physisch über einen internen Wartungszugang im Keller eingespeist. Zugang möglich nur mit Personalchip.
Mehrere Protokolle wurden gelöscht. Backups manipuliert. Die Videoaufzeichnung des Verhörs wurde kopiert – nicht nur gespeichert.
Zwanzig Minuten später wird Löw im Kellertreppenhaus gefunden. Bewusstlos. Eine punktgenaue Injektionsstelle in der Halsbeuge. Ein sehr schnell wirkendes Sedativum. Sauber gesetzt.
Dr. Pullmann ist nicht auffindbar. Sein Büro ist leer. Sein Spind offen. Die Zugangsdaten für den Wartungsschacht wurden mit seinem medizinischen Generalschlüssel freigeschaltet. Niemand kann sagen, wann er das Gebäude verlassen hat.
Ott sitzt allein im Verhörraum. Das Notlicht wirft harte Schatten. Die Luft riecht nach kaltem Staub und überhitzter Elektronik.
Er atmet ruhig, ohne Zorn. Der Sturm war nicht der Stromausfall. Der Sturm war die Vorbereitung.
Jetzt klingelt sein Telefon. Der BND-Direktor.
„Wie konnte das passieren?“
Die Stimme ist angespannt.
„Er war vorbereitet“, sagt Ott. „Er hatte interne Unterstützung.“
„Das Verhörvideo ist bereits in sozialen Netzwerken“, sagt der Direktor. „Es sieht aus, als hätten Sie ihn misshandelt.“
Ott schließt kurz die Augen.
„Wie oft hatten wir dieses Thema schon?“
„Die Kanzlerin ist nicht zufrieden.“
„Sollte sie auch nicht sein. Genau wie Sie. Genau wie ich. Niemand ist zufrieden.“
Stille.
Ott nutzt sie. „Er hat einen Bauern geopfert. Und gleichzeitig gezeigt, wie angreifbar das System ist. Sein Ziel war nicht der Gefangene. Sein Ziel war der Sicherheitsapparat.“
„Und jetzt?“
Ott antwortet ruhig. „Ich ziehe mich zurück.“
„Das ist politisch schwer vermittelbar.“
„Politik ist gerade sein Spielfeld“, sagt Ott. „Wenn ich sichtbar bleibe, bin ich berechenbar.“
Wieder Schweigen.
„Er spricht von der Königin und ihrem Hof“, fährt Ott fort. „Das ist nicht das erste Mal. Sie brauchen erhöhte Schutzmaßnahmen.“
„Das wird umgesetzt.“
Eine längere Pause.
„Sie bekommen Ihre Bewegungsfreiheit“, sagt der Direktor schließlich.
Die Verbindung endet.
Ott bleibt einen Moment sitzen. Draußen beginnt die mediale Explosion. Live-Ticker. Breaking News.
„Toter Verdächtiger im Polizeigewahrsam.“
„Misshandlungsvorwürfe gegen Bundeseinheit.“
Das System verteidigt sich selbst.
Ott steht auf. Er nimmt seine rote Lederjacke vom Stuhl. Der Stoff ist noch steif vom getrockneten Blut.
Er verlässt das Präsidium über einen Nebenausgang und verschwindet in der Nacht.
Hinter ihm beginnt die offizielle Version. Vor ihm beginnt der eigentliche Kampf.