Der Traum, der jagte
In der ersten Nacht, in der sie von ihm träumte, wachte Lyra mit seinem Namen auf den Lippen auf.
Das Problem war:
Sie kannte seinen Namen nicht.
Nur das Gefühl, das er in ihr auslöste.
Hitze. Schatten. Kraft.
Alles fing mit dem Wald an.
Jede Nacht fand sie sich dort wieder.
Das Mondlicht ergoss sich wie silbernes Feuer über die hoch aufragenden Bäume. Es erhellte ihre nackten Füße, während sie über Moos und Wurzeln rannte, die ihr nie die Haut aufkratzten. Die Luft roch wild. Unberührt. Elektrisierend.
Und sie hatte niemals Angst.
Sie rannte, weil sie die Jagd mochte.
Weil die Vorfreude tief in ihrem Bauch pulsierte.
Weil sie spüren konnte, dass er hinter ihr war.
Er beobachtete sie.
Als seine Hand zum ersten Mal ihr Handgelenk umschloss, keuchte sie auf – nicht vor Angst.
Sondern vor Wiedererkennen.
Die Berührung brannte heiß.
Große Finger. Raue Handflächen. Kontrollierte Stärke.
Er zerrte sie nicht zurück.
Er ließ sie zuerst seine Zurückhaltung spüren.
„Schon wieder am Laufen“, grollte seine Stimme hinter ihr.
Tief. Wie Samt über Stahl.
Sie schluckte.
„Du verfolgst mich.“
Ein tiefes Lachen vibrierte an ihrem Rücken, als er näher trat. Seine Brust streifte sie. Er war massiv. Hitze strahlte von ihm aus wie von einem lebendigen Ofen.
„Ich folge nicht“, murmelte er an ihrem Ohr. „Ich pirsche mich an.“
Seine andere Hand glitt langsam von ihrer Hüfte zu ihrer Taille.
Besitzergreifend.
Vorsätzlich.
Ihr Atem ging flach, als er sie zu sich herumdrehte.
Als sie sein Gesicht zum ersten Mal deutlich sah, setzte ihr Puls aus.
Dunkles Haar fiel ihr in die Stirn. Narben zogen sich über seine bronzefarbene Haut. Sein Kiefer war hart und markant gezeichnet.
Aber seine Augen –
Silber.
Sie glühten schwach im Mondlicht.
Wolfsaugen.
Raubtieraugen.
Mate-Augen.
Ihr Wolf schnurrte in ihrer Brust.
Er hob die Hand und ließ die Knöchel langsam über ihre Wange gleiten.
„Du hast keine Angst vor mir“, stellte er fest.
„Ich kenne dich nicht.“
Sein Daumen strich über ihre Unterlippe.
„Das wirst du.“
Und dann lagen seine Lippen auf ihren.
Nicht sanft.
Nicht brutal.
Einfordern.
Der Kuss war anfangs langsam und prüfend. Seine Hand vergrub sich fester in ihrem Haar und neigte ihren Kopf, um den Winkel zu vertiefen. Sie fühlte sich verschlungen, ohne verletzt zu werden. Überwältigt, ohne dass es sie schwächte.
Seine Zunge drängte gegen ihre Lippen und forderte Einlass.
Sie gewährte ihn ihr.
In dem Moment, als sich ihre Münder fanden, zerriss etwas zwischen ihnen wie ein straff gespanntes Seil.
Ihr Körper drängte sich wie von selbst an seinen.
Sein Knurren hallte durch ihre Brust, als würde es dort hingehören.
Er hob sie mühelos hoch und drückte sie gegen einen Baumstamm. Die Rinde war fest und kühl an ihrer Haut. Der Kontrast zu seiner Hitze ließ sie in seinen Mund hinein aufkeuchen.
„Mein“, flüsterte er an ihrem Hals.
Das Wort war nicht zärtlich.
Es war nicht süß.
Es war unvermeidlich.
Sie wachte zitternd auf.
Außer Atem.
Allein.
Und voll Verlangen.
Die Träume hörten nicht auf.
Sie wurden intensiver.
Nacht für Nacht kehrte sie in diesen Wald zurück.
Manchmal wartete er bereits auf sie.
Manchmal spürte sie zuerst seinen Blick – schwer, heiß, hungrig.
In anderen Nächten ließ er sie länger rennen.
Er ließ die Vorfreude wachsen, bis ihre Oberschenkel zitterten und ihr Puls in ihren Ohren hämmerte.
Sie begann sich nach dem Moment zu sehnen, in dem seine Finger sich um sie schließen würden.
Sie sehnte sich danach, wie sein Körper ihren einfing.
Sie sehnte sich nach der Dominanz in seiner Stille.
Er fragte nie nach ihrem Namen.
Sie fragte nie nach seinem.
Sie brauchten sie nicht.
Ihre Wölfe sprachen durch Instinkt.
Durch Geruch.
Durch Besitz.
Eines Nachts hing der Mond ungewöhnlich tief am Himmel und badete sie in fahlem Licht, als er sie in die Enge gegen einen Felsbrocken trieb.
„Du wirst absichtlich langsamer“, warf er ihr leise vor.
Sie hob das Kinn.
„Vielleicht will ich ja gefangen werden.“
Seine Augen leuchteten heller auf.
Seine Hand glitt an ihrer Seite herab. Seine Finger zeichneten die Kurve ihrer Taille nach, bevor er ihren Oberschenkel umfasste und ihn um seine Hüfte legte. Die Bewegung war geschmeidig. Kontrolliert. Absichtsvoll.
Ihr Atem stockte, als sie spürte, wie er sich fest gegen sie presste.
Er legte seine Stirn gegen ihre.
„Du forderst mich heraus“, murmelte er.
„Du genießt es.“
Ein Knurren war seine Antwort.
Er küsste sie erneut, diesmal langsamer. Tiefer. Seine Hände wanderten ohne Zögern über ihren Körper, als würde er sich ein Territorium einprägen, das er erobern wollte.
Sie fühlte sich beansprucht, ohne gebrochen zu werden.
Begehrt, ohne herabgesetzt zu werden.
In der Traumwelt war sie kein Opfer.
Sie war Feuer, das auf Feuer traf.
Seine Zähne knabberten an der empfindlichen Stelle, wo ihr Hals in die Schulter überging.
Ihr Rücken wölbte sich instinktiv.
„Wenn du echt wärst“, flüsterte sie atemlos, „würdest du mich nicht so reden lassen.“
Sein Griff wurde gerade fest genug, um sie daran zu erinnern, wer die Macht besaß.
„Wenn du echt wärst“, antwortete er an ihrer Haut, „würdest du es nicht überleben, mich herauszufordern.“
Hitze durchflutete sie.
Keine Angst.
Ein Kribbeln.
Sie wachte auf, während sich seine Geisterzähne noch immer in ihre Haut drückten.
Meilen entfernt, in einem Gebiet, das von Dominanz und Stille beherrscht wurde, schlief Raze Blackthorne nicht mehr ruhig.
Seit Monaten suchte ihn dasselbe Weibchen heim.
Er hatte alles versucht, um es zu stoppen.
Whisky.
Erschöpfung.
Nächtliche Patrouillen.
Nichts half.
Sobald er die Augen schloss, kam der Wald.
Und sie kam auch.
Klein, aber wild. Weiche Kurven, die Stahl verbargen. Ein Mund, der ihn herausforderte, selbst als er sich unter seinem öffnete.
Sie bettelte nie.
Sie unterwarf sich nie.
Selbst wenn er sie festhielt.
Selbst wenn er sie mühelos hochhob und spürte, wie ihr Körper gegen seinen schmolz.
Ihr Wolf begegnete seinem mit dem gleichen Hunger.
Er hatte noch nie einen solchen Hunger gekannt.
Es war nicht nur körperlich.
Es war territorial.
Instinktiv.
Uralt.
Jedes Mal, wenn sie ihn im Traum auslachte, zog sich etwas in seiner Brust zusammen.
Jedes Mal, wenn sie ihren Körper trotzig gegen seinen presste, schwand seine Selbstbeherrschung.
Er wachte hart und wütend auf.
Weil sie nicht echt war.
Das konnte sie nicht sein.
Und doch konnte er sie noch riechen, als er aus dem Bett stieg – wilder Regen und etwas Scharfes wie ein Blitz.
Eines Nachts veränderte sich der Traum.
Er jagte sie nicht.
Er wartete.
Sie betrat die Lichtung von allein.
Langsam.
Wissentlich.
„Du wirst ungeduldig“, bemerkte sie.
Er lehnte an einem Baum; die Arme über der Brust verschränkt.
„Du wirst leichtsinnig.“
Diesmal blieb sie nur Zentimeter vor ihm stehen.
Kein Rennen.
Keine Jagd.
Ihre Finger glitten über seine Brust und zeichneten eine Narbe nahe seinem Schlüsselbein nach.
Er atmete scharf ein.
Diese kleine Berührung fühlte sich gefährlicher an als jede Schlachtwunde.
„Du glaubst, ich habe Angst vor dir“, sagte sie leise.
Seine Hand schoss hervor und packte ihr Handgelenk – nicht grob, aber fest.
„Ich weiß, dass du das nicht hast.“
Er zog sie näher, bis ihre Körper vollkommen aneinanderlagen.
Ihr Puls hämmerte zwischen ihnen.
„Das solltest du aber.“
Anstatt zurückzuweichen, beugte sie sich vor und biss ihn in die Unterlippe.
Sein Wolf bäumte sich gewaltsam in ihm auf.
Der Wald verdunkelte sich.
Der Wind heulte durch die Bäume, während er sie herumdrehte und sie diesmal mit dem Rücken auf den Boden drückte, während er sich über ihr aufbaute. Seine Hände umrahmten ihren Kopf und sperrten sie unter seinem Körper ein.
„Du provozierst“, knurrte er.
„Du reagierst.“
Seine Augen brannten heller als je zuvor.
„Vorsicht“, warnte er.
Ihre Beine schlangen sich um seine Taille und hielten ihn fest.
„Dann zwing mich doch.“
Das Geräusch, das er machte, war nicht menschlich.
Es war reiner Wolf.
Er beugte sich hinunter und nahm ihren Mund erneut gefangen, während die Welt um sie herum im Rhythmus ihrer Verbindung zu pulsieren schien.
Und zum ersten Mal –
fühlte sich der Traum fast echt an.
Fest.
Nah.
Als ob etwas außerhalb ihrer Kontrolle die Entfernung zwischen ihnen verringerte.
Dann kam die Nacht, in der alles zerbrach.
Lyra träumte nicht vom Wald.
Sie spürte kein Mondlicht.
Sie spürte Hände.
Echte Hände.
Grob.
Grausam.
Sie schreckte in eine Dunkelheit hoch, die nicht silbern und sicher war.
Steinwände.
Kalte Luft.
Sein Geruch.
Ihr ehemaliger Alpha.
„Du dachtest, du könntest für immer weglaufen?“, spottete seine Stimme.
Schmerz explodierte auf ihrer Wange, als er sie schlug.
Ihr Wolf knurrte, aber sie war schwach, betäubt von der Nacht zuvor.
Er packte ihr Haar und riss ihren Kopf zurück.
„Du gehörst mir.“
Tief in ihrem Verstand blitzten silberne Augen auf.
Ein fernes Knurren hallte wie Donner über den Bergen wider.
Aber es war nicht nah genug.
Ihr ehemaliger Alpha stieß sie gegen die Wand, seine Finger gruben sich in ihre Kehle – kein beanspruchen.
Ein Zerquetschen.
„Ich werde dich brechen, bis du dich erinnerst, wem du gehörst.“
Dunkle Punkte füllten ihr Sichtfeld.
Die Luft verschwand.
Und als ihr Bewusstsein schwand –
flackerte der Wald auf.
Nur für eine Sekunde.
Silberne Augen brannten in der Dunkelheit.
Ein Wolf heulte vor Wut.
Dann nichts mehr.
Meilen entfernt schoss Raze in seinem Bett hoch, die Brust bebte.
Die Verbindung schrie.
Nicht vor Verlangen.
Vor Gefahr.
Zum ersten Mal seit Monaten –
roch er Blut.
Und es war nicht seines.
Sein Wolf erhob sich langsam, tödlich.
Sie war nicht nur ein Traum.
Sie war real.
Und jemand hatte gerade das verletzt, was ihm gehörte.
Die Jagd würde gleich beginnen.