Sturm über Oxford

Alle Rechte vorbehalten ©

Zusammenfassung

Oxfords golden boy datet nicht. Archie Duboïs ist der Rugby-Star der Universität, Jahrgangsbester und der Typ, der sich niemals festlegt. Mädchen flirten mit ihm, Teamkollegen wetten auf ihn, und jeder weiß, dass man von ihm nichts Ernstes erwarten sollte. Evie O'Doyle hat kein Interesse daran, das Gegenteil zu beweisen. Schlagfertig, distanziert und mit mehr Verantwortung auf den Schultern, als in ihrem Alter gesund ist, hat sie nicht die Absicht, sich mit jemandem wie Archie einzulassen. Unglücklicherweise ändert eine betrunkene Lüge in einem überfüllten Nachtclub alles. Plötzlich glaubt die halbe Universität, dass Evie Archies Freundin ist. Was als harmlose Cover Story beginnt, entwickelt sich schnell zu einem Strudel aus Klatsch, Eifersucht und einem Ruf, den keiner von beiden wollte. Doch je mehr Zeit sie miteinander verbringen, desto schwieriger wird es, die Wahrheit zu ignorieren. Denn Evie O'Doyle ist ganz anders als die Mädchen, von denen Archie sich sonst fernhält. Und ehe er sich versieht, verfällt Archie Duboïs dem Sturm, dem er einfach nicht entkommen kann.

Genre:
Romance
Autor:
Erin
Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
41
Rating
5.0 7 Bewertungen
Altersfreigabe
18+

Prolog

17. Juli — 2010

Archie:

Ich merke sofort, wenn sie die Party betritt, weil die Jungs sofort mit ihrer üblichen Scheiße anfangen. Die Musik ist ohnehin schon zu laut und der Flur brechend voll, aber sobald sie auftaucht, scheint sich die Luft zu verändern. Alle Köpfe drehen sich und jeder stupst den anderen an, um sie zu sehen.

Da sträubt sich sofort alles in mir. Mein Griff um die Flasche in meiner Hand wird fester, während ich das beobachte und zuschaue, wie sie hereinkommt. Ich will rübergehen und allen Typen, die sie anmachen, sagen, dass sie sich verpissen sollen. Aber das kann ich nicht. Denn leider hasst mich Evie O’Doyle. Und der Grund warum ist ganz allein meine Schuld.

„Oi, oi!“, ruft Sam Clarke ihr zu, als sie an ihm vorbeiläuft, während er halb von einem Stuhl hängt. „Wie heißt du?“

„Geht dich gar nichts an“, ruft sie über die Schulter zurück und schlängelt sich durch die Menge zu ihrer besten Freundin.

Es ist eine beschissene Hausparty, aber ist es nicht das, was wir an einem Freitag in den Sommerferien so machen? Normalerweise bin ich mittendrin, quatsche mit jedem, aber heute habe ich echt keine Lust dazu. Und erst recht nicht, jetzt wo sie hier ist.

„Was?“, sagt Sam und starrt sie lüstern an. Ich mochte den Wichser noch nie; er war der Kapitän unserer Fußballmannschaft und obendrein ein arroganter Sack. „Bist du zu hochnäsig oder was?“

Sie zeigt ihm den Mittelfinger. „Wie findest du das für hochnäsig?“

So geht das Hin und Her weiter, bis sie bei Ivy ankommt. Die beiden sind seit ihrer Kindheit beste Freundinnen und unzertrennlich. Ivy grinst sie an, beugt sich vor, um zu hören, was auch immer Evie ihr zuflüstert, lacht dann und zieht sie in eine kurze Umarmung. Evie bekommt einen Drink in die Hand gedrückt, mit dem sie und Ivy anstoßen. Keine von beiden sieht sich nach den Jungs um, die sie immer noch geil und lüstern anstarren.

Gut so. Sie soll sich gefälligst von denen fernhalten. Der Gedanke überrascht mich, denn ich bin kein besitzergreifender Arsch, und eigentlich sollte es mir völlig egal sein, wen Evie gut findet.

Hinter ihnen schnaubt Sam und erzwingt ein Lachen, das nicht wirklich echt klingt. Sein Gesicht ist rot und er ist sichtlich peinlich berührt von ihrem Korb. Ich empfinde eine kleine diebische Freude dabei. Vielleicht bin ich doch mehr ein Arsch, als ich wahrhaben will. Chris sagt über die Musik hinweg etwas, das ich nicht verstehe, und stupst Sam wieder an. Ich schwöre bei Gott, ich muss mich verdammt zusammenreißen, um nicht rüberzugehen und ihre Köpfe auf dem Tisch zu zerschmettern.

Als sie die beiden weiterhin ignoriert, wenden sie sich langsam wieder ab. Erst als sie ihre Augen von ihr abwenden, spüre ich, wie die Anspannung aus meinem Körper weicht.

Dicky, mein bester Freund, stößt mich in die Seite und folgt meinem Blick, der wieder auf Evie liegt. „Stehst du also immer noch auf sie?“

„Nein“, sage ich zu schnell und lockere meine Finger am Flaschenhals, während ich meinen Blick über das überfüllte Haus schweifen lasse. „Überhaupt nicht.“

„Ja, klar“, spottet Dicky. „Und meine Mutter wird der nächste Papst.“

Ich zucke mit den Schultern und nehme einen Schluck von meinem Bier. „Ehrlich gesagt, kann ich sie nicht ausstehen.“ Lüge, Lüge, eine riesige, fette Lüge.

„Na ja, du solltest dich besser mit ihr gut stellen“, sagt er und nickt in Richtung Ivy, „denn ich werde ihre beste Freundin heiraten. Du wirst Trauzeuge sein. Sie wird Brautjungfer sein.“

„Halt die Fresse, Dicky.“ Ich verdrehe die Augen; er ist der dramatischste kleine Vollidiot, den ich kenne. „Wir sind viel zu jung, um übers Heiraten nachzudenken.“

„Ganz im Gegenteil“, sagt er, trinkt sein Glas leer, grinst und sieht dabei verdammt selbstgefällig aus. „Ich werde diese scharfe kleine Rothaarige eines Tages heiraten, und nichts und niemand wird mich davon abbringen.“

Ich lache. „Weiß Ivy eigentlich von deinen großen Plänen?“

Dicky grinst. „Sie weiß, dass ich in sie verliebt bin.“

„Ja, gut.“ Ich nehme noch einen Schluck von meinem Bier und schaue zurück zu Evie. „Sie hat nicht gerade den besten Umgang, oder? Bist du dir sicher, dass das die Leute sind, mit denen du dich einlassen willst?“

Dicky mustert mich kurz, seine Stirn in Falten gelegt. „Was zur Hölle ist eigentlich zwischen dir und Evie passiert?“

Ich antworte nicht. Ich beobachte sie nur. Und verdammt noch mal, sieht sie verdammt scharf aus. Da gibt es gar nichts dran zu rütteln. Das Kleid, ihre Beine, die Art, wie sie mit Ivy tanzt, als wüsste sie genau, wie sexy sie ist. Ihr braunes Haar ist offen und schwingt, wenn sie sich bewegt. Wenn sie den Kopf dreht, sehe ich das Grün ihrer Augen, das von dichten Wimpern umrahmt wird. Ihr Körper ist in Topform, und ich wette, sie ist sich dessen total unsicher. Die meisten Mädchen mit tollen Körpern machen sich darüber Gedanken.

Evies kleine rothaarige Partnerin in Crime tanzt eng an sie gepresst, sie trägt ebenfalls ein schwarzes Kleid. Sie sind die hübschesten Mädchen auf der Party, verdammt noch mal.

Es pisst mich an, wie sehr mich das immer noch mitnimmt. Sie hat mir zweimal einen Korb gegeben. Mindestens ein Dutzend Mal gesagt, ich soll mich verpissen, und scheint mich absolut abgrundtief zu hassen... trotzdem kriege ich sie nicht aus dem Kopf.

Und glaub mir, ich habe es verdammt noch mal versucht.

Ehrlich gesagt, kann ich es ihr nicht mal verübeln, dass sie mich nicht mag. Unser erstes Treffen endete damit, dass ich einen brennenden Feuerwerkskörper nach ihr geworfen habe. Mit Absicht. Und danach habe ich sie nach einem Date gefragt, als er sie nicht voll im Gesicht getroffen hat. Im Nachhinein betrachtet, war das nicht mein bester Eröffnungsschachzug. Aber das ist ein ganzes Jahr her, und sie hat es immer noch nicht verwunden.

Was okay ist. Völlig verständlich.

Was soll’s.

Es ist mir egal.

Während sie zu Dirrty von Christina Aguilera tanzt, versucht sie ernsthaft, mir einen Herzinfarkt zu verpassen. Die beiden reiben ihre Körper so aneinander, dass jeder Kerl im Raum davon einen Ständer bekommt. Ivy ist einen guten Kopf kleiner als sie, und sie sind die Art von Paar, das jeden Typen auf der Jagd anzieht wie Motten das Licht.

Wir beobachten, wie ein paar von ihnen näher kommen, sie einkreisen – alles voller Selbstvertrauen und schlechter Ideen, weil sie unsere Mädels wollen. Aber das Ding mit den beiden ist, dass sie sich selbst verteidigen können und es gar nicht schätzen, wenn wir wie ein Haufen durchgeknallter Terrier dazwischengehen.

Das haben wir auf die harte Tour gelernt.

Fairerweise muss man sagen, dass Evie eine allgemeine Abneigung gegen alle Männer zu haben scheint. Aber derjenige, den sie auf diesem Planeten am wenigsten leiden kann, bin ich. Wir interagieren nur wegen der erzwungenen Nähe. Ich bin nur der beste Freund vom Freund ihrer besten Freundin.

Und sie lässt mich das keine Sekunde vergessen.

Ein weiterer Typ macht einen halbherzigen Versuch, sich tanzend zu nähern. Ivy bemerkt ihn zuerst und stellt sich vor Evie, ohne aus dem Rhythmus zu kommen. Gemeinsam lachen sie ihn aus, perfekt synchron. Die beiden haben dieses gewisse Etwas. Etwas Besonderes. Diese unausgesprochene Verbindung. Sie können einander besser lesen und verstehen als jeder andere Mensch auf der Welt.

Sie sind quasi eine Einheit. So eine Freundschaft habe ich noch nie gesehen.

Ich nehme noch einen Schluck von meinem Bier und sage mir wieder einmal, dass ich aufhören muss, sie zu beobachten. Das hält vielleicht drei Sekunden an. Es ist etwas an ihr, das jedes Mal meine Aufmerksamkeit auf sich zieht, als hätten meine Augen da gar kein Mitspracherecht. Seit diesem ersten Tag ist sie für mich so – das, was ich bemerke, ohne es zu wollen.

In diesem Moment schleicht sich Hannah Nunns neben mich.

Hör zu, ich bin nicht verblendet. Ich weiß, dass ich nicht hässlich bin. Ich bin groß genug, dass Mädchen mich bemerken, bevor sie überhaupt etwas über mich wissen, und ich habe die dunklen Locken meiner Mutter und diese dauerhaft gebräunte Haut, auf die mich die Leute immer ansprechen. Mädchen stehen auf mich, und ich stehe auf Mädchen. Ich kann relativ leicht eine abkriegen, und ich bin nicht schüchtern oder so. Es ist nur so, dass ich keine von ihnen wirklich will.

Außer sie.

Und der ist meine Existenz vollkommen egal.

Hannah mustert mich, anzüglich und offensichtlich, dann lächelt sie. „Du siehst gelangweilt aus.“

Ich reiße meine Augen von Evie los. „Tue ich das?“

„Ja.“ Sie lässt einen Finger über meine Brust wandern. „Wollen wir woanders hingehen?“

„Wohin zum Beispiel?“

Sie zuckt mit den Schultern und wiegt ihre Hüften. „Keine Ahnung. In ein Schlafzimmer?“

Hannah ist ein hübsches Mädchen. Sie war eines der hübschesten Mädchen in unserem Jahrgang. Blond. Volle Lippen. Wir haben ein paar Mal miteinander geschlafen, aber ich musste das vor ein paar Monaten beenden, als sie anfing, Leuten zu erzählen, ich wäre ihr fester Freund.

Bin ich nicht. Ich hatte noch nie eine feste Freundin.

Ich lasse es gar nicht so weit kommen. Ich bin kein Arsch deswegen oder so, ich kenne mich nur gut genug, um zu wissen, dass ich ein bisschen einen an der Waffel habe. Ich glaube nicht, dass sich ein Mädchen freiwillig auf die volle Version von mir einlassen würde. Bevor ich antworten kann, hakt sie ihren Daumen in den Bund meiner Jeans und zieht mich zu sich. Ich bewege ihre Hand nicht weg, lehne mich aber auch nicht dagegen.

„Komm schon, Arch.“ Sie stellt sich auf die Zehenspitzen, sodass ihre Lippen nur einen Hauch von meinen entfernt sind. „Wir hatten früher Spaß miteinander.“

„Hannah.“ Evies Stimme ist plötzlich direkt hinter mir, was mich schaudern lässt. „Habt ihr und eure komische kleine Clique nichts Besseres zu tun, als zwischen Jungs hin- und herzuspringen?“

Hannah versteift sich, geht zurück auf ihre Fersen und dreht sich wütend zu Evie um. „Hast du mich gerade Schlampe genannt?“

„Ich glaube nicht, dass es so etwas gibt“, sagt Evie mit gelangweilter Stimme.

Mein Herz hämmert, jetzt wo sie so nah ist, und ich versuche, die körperliche Reaktion, die ich immer habe, wenn sie in der Nähe ist, zu unterdrücken.

Evie winkt ab. „Schlaf mit so vielen Männern, wie du willst. Ist mir völlig egal.“ Sie tritt näher, und ihr Parfüm steigt mir in die Nase. Daisy von Marc Jacobs. Ich hatte sie einmal danach gefragt, und wie der erbärmliche Vollidiot, der ich bin, habe ich es nicht vergessen. Ich glaube, ich könnte diesen Duft sogar auf meinem Sterbebett herausriechen. Ihre Augen huschen für eine halbe Sekunde zu mir, bevor sie wieder zu Hannah wandern. „Aber du solltest wissen, dass du dich von Archie fernhalten solltest.“

„Warum?“, fragt Hannah. „Weil er dir gehört?“

Evie schnaubt. „Archie gehört niemandem.“

Das trifft einen wunden Punkt bei mir, und ich werfe ihr einen bösen Blick zu, während ich ignoriere, wie wunderschön ich sie eigentlich finde. Verdammt, hör mir nur zu. Ich klinge wie ein jämmerlicher Haufen Scheiße. „Woher zur Hölle willst du das wissen?“

Evie richtet ihren Blick auf mich und beginnt an ihren Fingern abzuzählen. „Hannah. Sarah. Olivia. Emma. Amelia. Elle. Sophia. Mia –“

„Hast du etwa jedes Mädchen auswendig gelernt, mit dem ich jemals geschlafen habe?“

Sie starrt mich an. „Ja.“

So ein Bullshit. Ich habe nicht mit der Hälfte dieser Mädchen geschlafen. Tatsächlich ist Hannah die einzige auf dieser Liste, die ich überhaupt angefasst habe. Ich starre zurück. „Und gibt es dafür einen Grund?“

Sie legt den Kopf schief. „Den gibt es.“

„Willst du ihn mir verraten?“

„Als wir uns das erste Mal trafen und du mich fast umgebracht hast –“

„Ich habe dich nicht fast –“

Sie winkt ab. „Doch, hast du. Ich führe diese Diskussion nicht *noch einmal* darüber, was passiert wäre, wenn dieser Feuerwerkskörper mich tatsächlich verdammt noch mal getroffen hätte.“

„Er hätte dich nicht getroffen, weil ich ihn auf den Baum *neben* dir gezielt habe.“ Eine Lüge. Ich habe den Baum *getroffen*. Ich *zielte* auf sie. Ich war ein dummer Junge, aber das sage ich ihr nicht. Sie würde sich köstlich amüsieren.

„Niemand glaubt diesen Mist“, zischt sie, ihre grünen Augen blitzen, und ich liebe es, wenn sie gemein ist. „Steh zu deinem Scheiß, Arch. Du hast ihn nach mir geworfen. Mehrere Leute haben es gesehen. Und das ist nicht einmal der Punkt.“ Sie tritt einen Schritt näher, das Kinn erhoben. „Du hast mich nach einem Date gefragt, und weißt du noch, was ich darauf gesagt habe?“

Ich mahle mit den Zähnen und funkle sie an. „Du hast Nein gesagt.“

„Ich habe gesagt: *unter einer Bedingung*.“

Ich trete näher an sie heran, sodass unsere Brustkörbe sich fast berühren, und spüre die gleiche Elektrizität, die ich bei ihr immer habe. „Was zum Teufel? Nein, hast du nicht.“

„Doch, hat sie“, wirft Ivy ein, und ehrlich gesagt hatte ich vergessen, dass wir ein Publikum hatten. Mein Kopf ist zu sehr auf Evie fixiert, um irgendjemanden sonst wahrzunehmen. „Sie meinte, wenn du es schaffst, sechs Monate enthaltsam zu leben, würde sie es sich vielleicht überlegen.“

Ich lache kurz auf. „Warum sollte ich für ein *Vielleicht* zölibatär leben, wenn ich Single bin?“ Ganz zu schweigen davon, dass ich seit Hannah vor zwei Monaten mit niemandem mehr Sex hatte...

Sie zeigt auf mich. „Genau deshalb habe ich Nein gesagt. Sex ist für dich nur ein Witz.“

„Nein“, fahre ich sie an und fühle mich überfordert, weil sie mir so nah ist. „Sex ist für mich kein Witz. Was du *verlangt* hast, ist ein Witz. Sechs Monate?“

Dicky wirft mir einen Blick zu, der sagt: *Im Ernst?*. Er versteht nicht, warum ich als Single nicht mit jeder ins Bett hüpfe. Keiner der Jungs in unserem Team tut das, eigentlich haben sie sich nur eingebildet, ich sei eine Art Freak, der mit zu vielen Frauen schläft, um sie alle aufzuzählen. Die einzige Person, die weiß, dass ich eigentlich ein ziemlicher Einzelgänger bin, ist Dicky, und ich sehe, dass er sich jetzt fragt, warum ich nicht einfach ehrlich bin.

Ich kann einfach nicht mit Evie. Ich will nicht, dass sie irgendetwas von mir denkt, außer dem, was sie ohnehin schon tut, und ich kann nicht erklären, warum das so ist.

„Du hättest nicht mal sechs *Wochen* geschafft“, sagt sie wütend, ohne ihre grünen Augen von meinen blauen abzuwenden. „Und das weißt du. Du bist nicht vertrauenswürdig, Arch.“

Ich kneife die Augen zusammen. „Das ist Bullshit.“ Ich schüttle den Kopf, mein Kiefer ist angespannt. „Ich gehe nicht fremd. Ich verarsche niemanden. Wirklich nie. Warum sollte mich das unglaubwürdig machen?“

Evies Mund zuckt, als hätte sie dieses Argument schon einmal gehört. Vielleicht von jedem Jungen, den sie je getroffen hat. Aber sie hat noch nie einen Jungen wie *mich* getroffen.

„Du denkst, Vertrauen bedeutet, nicht zu lügen“, sagt sie. „Das stimmt nicht.“

„Was ist es dann?“

Sie zögert, während wir uns gegenseitig mustern. Ich *sehe*, wie sie mich in sich aufsaugt, wie ihre Augen an mir hängen bleiben und meinen Körper überall zum Prickeln bringen. Ich weiß, dass sie sich zu mir hingezogen fühlt. Dass sie diese verfickte Anziehungskraft auch spürt. Sie ist wie etwas Lebendiges zwischen uns, und egal wie sehr wir versuchen, ihr aus dem Weg zu gehen, das Ding will einfach nicht *sterben*.

Ihre Augen blitzen vor Ärger auf, und sie schiebt ihre braunen Haare wütend hinter ihr Ohr. „Ich werde nicht nur ein weiteres Mädchen für dich sein. Oder für irgendwen sonst. Etwas, das du auf deiner Liste abhaken und dir selbst auf die Schulter klopfen kannst. Du *führst* keine Beziehungen. Und du bist nicht loyal. Und das ist absolut okay. Lass uns nur nicht so tun, als wäre es anders.“

Hannahs Hand schließt sich um meine und ich zucke zusammen, ich dachte, sie wäre schon weg. „Sie hat recht, Arch. Also lass uns nach oben gehen –“

Ich ziehe meine Hand weg, ohne sie anzusehen, mein Blick ist fest auf die kleine Brünette gerichtet, die viel zu viel Platz in meinem Kopf einnimmt. „Wie lange?“

„Was?“ Evie stockt, völlig überrascht, während ein Schatten von Fassungslosigkeit über ihr Gesicht huscht.

„Wie lange müssten wir daten“, dränge ich, „und ich müsste enthaltsam bleiben, damit du mir vertraust?“

Sie lacht kurz auf. „Ich werde dir *nie* vertrauen.“

„Könntest du“, sage ich, und meine Stimme klingt dumm überzeugt, obwohl ich ein wenig zittere. „Du *könntest* mir vertrauen.“

„Nein“, sagt sie fester und hebt eine Augenbraue. „Könnte ich nicht.“

„Warum nicht?“

Evie legt den Kopf schief, die Augen verengen sich leicht, als wäre ihr gerade etwas klargeworden. Sie hebt die Hand und zeigt auf mein Gesicht. „Woher hast du das blaue Auge, Arch?“

*Verdammt.*

Es ist inzwischen fast verblasst, nur noch schwach gelblich und leicht wegzuerklären, wenn man schnell das Richtige sagt. Ich habe jahrelang darin geübt.

„Boxen“, sage ich automatisch, weil ich das immer sage.

Deshalb habe ich überhaupt damit angefangen. Dasselbe gilt für Rugby. Das sind wirklich gute Ausreden, die die Leute akzeptieren, ohne nachzubohren. Nur weiß Evie, dass ich seit Wochen weder geboxt noch Rugby gespielt habe, nicht seit ich von der Uni zurück bin. Ivy weiß es, weil Dicky es weiß, was bedeutet, dass Evie es auch weiß. Und hier unter ihrem Blick fühlt sich die Lüge verdammt dünn an.

Ich habe es bekommen, als ich mich vor meine kleine Schwester gestellt habe, nachdem sie neulich ihre Probeprüfungen verhauen hatte. Dad geht mit Enttäuschungen nicht gut um, und ich habe schon vor langer Zeit gelernt, wie schnell sein Zorn ein Ziel findet. Ich könnte ihn zurückschlagen. Ich könnte den Bastard glatt umhauen. Boxen hat dafür gesorgt, dass ich das könnte. Aber ich habe auch früh gelernt, was passiert, wenn ich das tue: Die Frauen im Haus müssen dafür bezahlen, wenn ich nicht da bin, um sie zu beschützen.

Also wehre ich mich nicht mehr.

Ich stecke es ein.

Denn es gab einen Tag, da hatte er seine Hände um Mollys Hals, so fest, dass ihre Augen fast aus den Höhlen traten, und als es vorbei war, sagte er mir, es sei *meine* Schuld gewesen.

Sie war dreizehn.

Wenn Molly nicht immer noch unter diesem Dach wohnen würde, wäre ich in dem Moment, als ich achtzehn wurde, für immer abgehauen. Ich wäre gegangen und nie zurückgekehrt. Aber sie ist da. Also komme ich immer zurück. Denn wer sollte sie verdammt noch mal beschützen? Nicht unsere Mutter, das ist sicher. Sie ist so sehr in das wohlhabende Leben vertieft, das Dad ihr bietet, dass es ihr einfach egal ist, wie er sich sonst verhält.

Es macht mich krank.

Aloïs Dubois wollte nie Kinder. Er kümmert sich nicht um sie. Er braucht uns nur, um sein Image zu wahren. Die Welt denkt, wir seien die perfekte, liebevolle Familie. Aber ich kenne die Wahrheit. Molly kennt die Wahrheit. Er hat mich nur bekommen, um seinen Nachfolger zu haben. Ich wurde auf nichts weniger als Perfektion getrimmt.

*Wie verdammt enttäuscht sie wohl sein müssen.*

„Archie?“ Evies Stimme holt mich zu ihr zurück. Die anderen sehen mich auch an – Dicky belustigt, Ivy verwirrt, Hannah wütend.

„Hm?“ Da ist dieses unsichtbare Band zwischen uns, das sich spannt, wann immer sie meinen Namen nennt, und meine Aufmerksamkeit zurückzieht, ob ich will oder nicht. „Was?“

Sie runzelt die Stirn. „Ich sagte, du hast seit Wochen nicht geboxt. Oder Rugby gespielt.“

„Spionierst du mir hinterher oder was?“ Mein Herz hämmert jetzt, in ihrer Nähe zu stehen macht alles lauter.

*Was ist nur mit diesem Mädchen?*

Evie schnaubt. „Da kannst du lange warten.“

Ich schnaube verächtlich und winke mit der Hand zwischen uns, wobei ich versehentlich ihren Ellbogen leicht treffe. „Du bist diejenige, die die Mädchen aufzählt, mit denen ich geschlafen habe, und darauf herumreitet, dass ich nicht mehr boxe. Was hat das alles mit dir zu tun?“

„Willst du mir jetzt einfach die Frage beantworten? Was ist mit deinem Auge passiert?“

„Nichts.“ Mein Kiefer schmerzt vom Zusammenbeißen. „Boxen.“

„Das stimmt nicht.“

„Doch, stimmt es.“

„Warum willst du es mir nicht sagen?“

„Weil dich das einen Dreck angeht.“ Ich verlagere mein Gewicht, die Flasche ist rutschig in meinem Griff, meine Knöchel weiß um den Flaschenhals.

Ihre Augen durchschauen alles. „Aber du willst, dass ich dir vertraue?“

„Ja“, presse ich hervor.

Sie atmet durch die Nase aus. „Tja, sieht so aus, als hätten wir beide Pech gehabt, was?“

Der Abstand, den sie zwischen uns bringt, sollte mich nicht stören, aber das tut er. In Evies Nähe zu sein ist, als würde man in einen Spiegel schauen und Dinge sehen, die man nicht anschauen will, aber auch nicht ignorieren kann. Sie sieht Dinge, die ich nicht ausspreche. Dinge, von denen ich nicht einmal merke, dass ich sie verrate.

Nichts an uns ergibt Sinn. Wir sind in der gleichen Gegend von London aufgewachsen, aber nicht im gleichen Leben. Ich lebe im schickeren Teil. Sie kommt aus dem Sozialbau die Straße runter. London hat mich schon immer so verwirrt – wie man auf derselben Straße jemanden mit extremem Reichtum und gleich daneben einen Sozialbau haben kann.

Sie wurde auf ein Internat geschickt, während ich auf eine der besten Privatschulen Londons ging. Meine wurde von meinem Vater bezahlt. Ihre war eine Art Stipendium, das sie bekam, weil sie ein Wunderkind war oder so. Es gab Gerüchte, dass sie an der Oxford University für Jura angenommen wurde und ablehnte. Ich weiß nicht, wie viel Wahres daran ist. Ich *studiere* Betriebswirtschaft und Finanzen in Oxford. Wir hätten im selben Jahrgang sein müssen, und ich weiß sicher, dass sie nicht dort ist.

Ich habe nachgeforscht.

Dicky hat auch nie die verfickten Antworten auf die Fragen, die ich über sie stelle. Obwohl er mit ihrer besten Freundin zusammen ist. Ehrlich gesagt gibt es so viele Gerüchte über sie, dass es schwer ist, sie zu sortieren.

Alles, was ich weiß, ist: Wenn sie in meiner Nähe ist, reagiert mein Körper, bevor mein Kopf es tut. Mein Puls beruhigt sich nicht. Meine Hände fühlen sich ruhelos an. Ich bekomme diese dummen, sehr realen Schmetterlinge, von denen ich immer dachte, die Leute würden übertreiben. Und der Nebel, der normalerweise meinen Kopf verstopft, lichtet sich. Alles wird zu leise oder zu laut.

Dieses Mädchen lässt mich einfach *fühlen*.

Vom ersten Moment an, als ich sie traf, wurde sie zu etwas für mich. Ich weiß nur noch nicht, was das ist.