Wahnsinn
„Dort oben auf dem Hügel ist es!“, rief Olsen den Männern zu und wies mit dem rechten Arm auf ein Gebäude, das einsam und allein auf einer Anhöhe thronte. Der Truppführer hatte mit seinen vier Männern Richard Weger, Karl Erich, Daniel Birns und Leo Thalbach mehrere flüchtende Sowjets verfolgt und getötet.
Die vier letzten, darunter Gregor Orajev, ein Soldat von hohem Rang, konnten sich viele Tage verborgen halten – Wurden dann aber von einigen Zivilisten an Olsen's Trupp verraten. Gregor hatte wichtige Dokumente bei sich, über mehrere Standorte feindlicher Militärlager, dutzende Namen hochrangiger Offiziere, sowie Informationen über das weitere Vorgehen der Russen im Krieg. Diese Dokumente waren zu diesem Zeitpunkt für den Ausgang des Kriegs zwischen Russland und Deutschland von grosser Wichtigkeit und Olsen war kein Leid zu gross, um diese Dokumente sicher zu stellen.
Und nun, nach langer Suche hatte der deutsche Trupp endlich sein Ziel erreicht. Ein verlassenes Haus, heruntergekommen und gespenstisch, auf einem Hügel nahe 'Nevazhny' – Einem Dorf unweit der Stadt Stalingrad. Es war ein regnerischer Sommertag im Juni 1942. Der Himmel war Wolken behangen und liess die Atmosphäre trüber und trüber werden, je näher sie dem Haus kamen.
Die Männer schlichen, die Gewehre im Anschlag durch eine Wiese mit kniehohen Gräsern, um möglichst lange unbemerkt zu bleiben. Der Gefreite Richard Weger, ein eher unscheinbarer Mann von fast 29 Jahren, lief ganz hinten. Die Köpfe seiner Kameraden waren starr auf ihr Ziel gerichtet und so schien er der Einzige zu sein, der rechts von ihnen einen einzelnen Baum ausmachte. Es irritierte ihn, dass er auf den Baum aufmerksam wurde, hatte er doch eigentlich viel Wichtigeres im Sinn. Aber der Baum faszinierte ihn trotzdem. Ganz allein stand er da – Nirgendwo sonst war ein anderer Baum zu sehen. Er war nicht all zu hoch, vielleicht drei Meter mit einem dünnen Stamm und einem buschigen Blätterbausch am Kopfende.
„Was ist denn da hinten, Weger?“, fragte Karl Erich, dem Richards faszinierter Blick aufgefallen war. Erich war ein richtiger Patriot und ein guter Kartenspieler, mit dem man in einer Runde von Leuten viel Spass haben konnte. Im Gespräch zu zweit aber eher oberflächlich. Erich hielt nicht viel von Philosophie, sondern tat einfach das, was getan werden musste. Er war ziemlich korpulent, was seiner Ausdauer aber nicht schadete. Manchmal kamen ihm geschmacklose Witze über die Lippen, die Richard aber irgendwie auch witzig fand. Dinge wie „Diesen Bolschewiken drück' ich meinen Lauf in den Arsch, bis denen die Rosette glüht!“, oder „Lieber n' Tag im Spitali, als n' Tag mit Vitaly.“, gehörten zu seinem Standard-Repertoire an Sprüchen.
Richard winkte ab und konzentrierte sich wieder auf die Hütte. Der Drang, zu dem Baum hinüberzuschauen versiegte alsbald, je näher sie dem Grundstück kamen. Das Gelände flachte zunehmend ab. Deshalb gab Olsen nun den Befehl die letzten 30 Meter zu einer kleinen Ruine zu kriechen, von der es nicht mehr weit bis zum Haus war. Die Ruinen-Wände waren gerade so hoch, dass man sich, wenn auch ein wenig geduckt, dahinter stellen konnte, was alle Männer ausser Richard auch taten. Nebst der feldgrauen Wehrmacht Uniform und den schwarzen Stahl-Helmen trugen alle Männer eine MP-40 mit sich. Eine tüchtige Maschinenpistole, bei der es jedoch oft zu Ladehemmungen kam. Ausserdem steckte bei allen eine Walther P38 im Holster. Olsen spähte um die Ecke und musterte die zu überquerende Strasse. Die umgegrabene Erde vor und hinter der Strasse, gefiel ihm überhaupt nicht. Der bärtige Hüne von einem Truppführer hatte nämlich schon viele Male erlebt, wie Männer blindlings über genau solches Gelände gegangen waren und einer nach dem anderen in Stücken vom Himmel rieselten. Zum Glück hatte er genau den richtigen Mann an seiner Seite, um die Lage genauer einzuschätzen.
„Weger! Das sieht mir stark nach einem Minengürtel aus. Rücken Sie weiter vor und schauen sie sich das einmal an.“, schrie Olsen im Flüsterton. Richard schien für einen winzigen Augenblick sehr abwesend zu sein, horchte dann auf und antwortete: „Äh.. Verstanden Truppführer!“, kam die Antwort etwas laut, was Olsen mit einem mürrischen Blick quittierte. Richard hatte einen scharfen Blick für vergrabene Minen, was schon zahlreichen Verbündeten das Leben gerettet hatte. Er legte sich auf den Boden und robbte aus der Ruine heraus hinter ein nahes Gebüsch.
Als er das Gelände überblickte, war es für ihn ganz klar, dass hier Mienen vergraben wurden. Wahrscheinlich war dieser Ort ein Sprengstofflager und die Flüchtigen hatten in den letzten Tagen ganze Arbeit geleistet. Weger kehrte zurück zu Olsen und berichtete, dass auf den 50 Metern von ihrem Standort bis zum Haus überall Minen verteilt sein mussten. „Wir sollten versuchen sie zu umgehen..“, meinte Leo Thalbach – Er war immer etwas ängstlich, aber wenn es darauf an kam ein treuer Gefährte. Sein Körper war klein und schlaksig. Das Gesicht erinnerte eher an einen Jungen als an einen Mann, der im Krieg nach Heldentaten strebte. Vielleicht wäre er bei der Schutzstaffel besser aufgehoben gewesen, dachte Richard oft. Aber man konnte es sich halt nicht immer aussuchen. Richard schüttelte den Kopf. „Da wird es das gleiche sein.. Das Haus ist nur klein – Die haben bestimmt alles zugepflastert.. Ich schlage vor die Minen mit unseren Granaten auszulösen und aggressiv vor zu gehen.“ Olsen nickte. „Ich stimme Weger zu – Diese Bolschewiken haben sich nun schon viel zu lange vor uns versteckt.“ Die anderen beiden Männer Birns und Erich hatten keine Einwände. Sie waren erschöpft und wollten die Sache hinter sich bringen.
Also starteten sie den Angriff. Ihre Stiel-Granaten flogen in weitem Bogen über die Ruinen-Mauern und sprengten Mine um Mine in ihrem Weg. Dreck und Geröll spritzte hoch in die Luft und die Geräusche mussten kilometerweit zu hören sein – So heftig war das Gebrüll und Gedonner. „Los, los, los!“, brüllte Olsen und winkte einen Mann nach dem anderen aus der Ruine. „Das Haus mit kurzen Feuerstössen eindecken!“ Wie die wilden sprinteten die Männer in einer Linie über die Strasse, feuerten immer wieder ein paar Schüsse auf die wenigen Fenster im 1. und 2. Stock des Gebäudes ab. Dann ertönten russische Flüche, gefolgt von Mündungsfeuer aus den Fenstern – Jedoch nur selten, da die deutschen sie stetig in Deckung zwangen. Die Feinde trugen die gewöhnliche hellbraune Uniform der russischen Armee, sowie grüne Stahlhelme. In Sachen Bewaffnung waren sie mit der Standard-Ausführung der PPSH-41, auch 'Pepeshe' genannt ausgestattet – Eine Maschinenpistole mit einer hohen Feuerrate.
Weger lief dicht hinter Thalbach, gefolgt von Olsen. Er spürte, wie eine Kugel an seinem Helm vorbei zischte. Olsen schrie und Weger blickte sich aus Reflex um. Sein Truppführer wurde in die linke Schulter getroffen, was dazu führte, dass er einen heftigen Schwenker nach links machte. „Olsen, nicht!“ *Minenexplosion* Bäuchlings auf eine noch aktive Mine gefallen, sprengte sich diese mit einem dumpfen Knall mitten durch Olsens Brustkorb, dessen Eingeweide hoch in die Luft emporstiegen, wie der Inhalt einer feucht fröhlichen Tischbombe. Weger schien wie gelähmt, fasste sich dann aber und eilte seinen Kameraden hinterher.
Sie waren hinter einem Fahrzeug in Stellung gegangen, das 15 Meter von der Haustür entfernt war. „Olsen hats erwischt! Olsen hat's erwischt..“, keuchte Weger und schluckte leer. Dies zu hören war ein erheblicher Schlag für die restlichen drei Männer. Olsen war das Rückgrat dieses Unternehmens gewesen und nun wusste keiner so recht wie weiter. Immer hatte Olsen die Dinge wieder in die richtigen Bahnen gelenkt – Wusste genau welcher Mann wo seine Stärken und Schwächen hatte. Er war wie ein Fels in der Brandung, auf den man Vertrauen konnte. Woher kamen nun die Befehle? Birns war der Rang-Nächste und somit der neue Truppführer. „Ich verstehe..“, sagte Birns, „Erich auf die linke Seite des Lastwagens, Thalbach auf die Rechte.. Ich und Weger rennen zum Haus – Gebt uns Feuerschutz.“ Erich und Thalbach nickten und postierten sich an beiden Seiten des Fahrzeugs. Richard und Birns spurteten los und kamen heil an der Hausmauer an, während Thalbach und Erich das Feuer einstellten „Hast du noch eine Granate Weger?“, fragte Birns aufgeregt.
Richard mochte ihn sehr. Mit ihm konnte man sich immer wunderbar über alles Mögliche unterhalten. Ein guter Mensch, der auch sowjetische Gefangene nicht schlechter behandelte als er behandelt werden möchte. „Ich habe noch eine.. Du?“ Birns nickte. „Eine noch.. Also los schmeissen wir die Dinger durchs Fenster. Ich glaube nicht, dass unten einer ist. „Alles klar! Dann los!“, rief Richard und beide machten ihre Granaten scharf, bevor sie sie durch die Fenster beförderten. Dann fiel ein Schuss und Birns kippte getroffen nach hinten. Das Projektil hatte seine Kehle zerfetzt, wobei das Blut wie eine Fontäne aus seinem Nacken in den Matsch des Vorplatzes spritzte. Leider war doch einer der Gegner nach unten gekommen und hatte Birns durch ein Loch in der Eingangstür gesehen. „Scheisseee!“ Weger packte Birns am Bein und zog ihn von der Tür weg. Oben detonierten die Granaten, wobei grosse Bruchstücke der Hausmauer heraus explodierten. Gequälte Schreie liessen vermuten, dass mindestens einer der Feinde verletzt war.
Erich und Thalbach kamen angerannt. Als sie bei Weger und Birns ankamen, war der jüngste Truppführer bereits verstorben. Erich klopfte seinen beiden Kameraden aufmunternd auf die Helme. „Kommt Jungs, nicht aufgeben! Wir müssen diese Dokumente um jeden Pr..! *Krachen*, *Gewehrfeuer* Aaah!“ Der Feind, der Birns erschossen hatte kam aus der Tür gesprungen und feuerte in Richtung der drei Deutschen. Erich wurde in die Brust getroffen und Thalbach rannte zurück zum Truck. Richard wollte seine Waffe auf den Russen richten, doch Erichs fallender Körper riss ihn um. Der Feind richtete seine PPSH auf Thalbach, da er geglaubt hatte Richard ebenfalls erschossen zu haben. Thalbach wurde von 6 Kugeln durchbohrt, ehe er vor dem Fahrzeug stürzte und liegen blieb. Der Russe atmete tief durch, bevor sein Gesicht von einer Kugel getroffen aufplatzte. Richard hatte seine Pistole gezogen und nicht gezögert.
Er stemmte Erichs zuckenden Körper von sich und kam auf die Beine. Er konnte seinen Atem kaum beherrschen. Alles im Arsch. So schnell konnte es gehen, dass absolut alles im Arsch war. Erich hatte mittlerweile aufgehört zu atmen. Nun war Richard ganz alleine. Sein Griff um die Pistole festigte sich. Er blickte hoch in den Regen und schwor sich: „Ich werde diese Mission beenden.“ Also ging er zur Haustür und zielte um die Ecke. Keiner im Untergeschoss. Keiner auf der Treppe. Nichts war zu hören. Er machte wenige Schritte und ging dann langsam die Treppe nach oben.
„Aaaaaaaaaaaah!“ Das Geländer des 2. Stocks links neben ihm splitterte und wie von einer Walze getroffen segelte er samt dem Angreifer die Treppe hinunter. Richard war dermassen schwindelig, dass er kaum noch wusste, wo oben und unten war. Etwas schnürte ihm die Luft ab. Er sah seinen Peiniger, einen stämmigen und bärtigen Russen der ihm mit beiden Händen den Hals zu drückte..
Richard zog sein Messer aus dem Gürtel und rammte es dem Feind in die Seite. Dieser schrie wie eine Bestie und hieb dann wieder und wieder auf Richards Gesicht ein, dass dessen Helm von seinem Kopf purzelte. Mit letzter Kraft zog er sein Messer aus dem Körper des Feindes und stach zwei Mal zu. Beim dritten Stoss verharrte sein Arm plötzlich in der Bewegung. Der Russe packte seine Hand und entriss ihm unter immenser Anstrengung die Waffe. Der Mann heulte und liess sie auf Richards Brust nieder, doch dieser konnte den Angriff mit beiden Händen stoppen und verlangsamen.
Leider hatte der Gegner den Vorteil, sein ganzes Gewicht auf das Messer stemmen zu können und so kam es langsam aber sicher weiter herab, bis es Richards Brust berührte. „Aaaaaaannghhh scheiss Bolschewiiiiikkkk! Aaaaaaaaaah!“ „Stiiirb Nazi-Schwein!!“, gab dieser mit schlechtem Deutsch zurück. Richards Augen weiteten sich, als die Klinge in seine Brust eindrang. Zentimeter für Zentimeter. Er fühlte, wie es in seiner Brust erst heftig stach und wütete - Dann aber komischerweise angenehm warm wurde. Seine Augen fixierten seinen Feind, dessen Spucke langsam auf Richards Hals tropfte - Die Zähne zusammengebissen, wie ein tollwütiges Tier. Richard wurde übel. Seine Augen schweiften in die Ferne. Ein Licht begann vor seinem Blick zu tanzen. Und als es zunehmend von Schwärze getränkt erlosch, war da nichts mehr.
„Weger! Das sieht mir stark nach einem Minengürtel aus. Rücken Sie weiter vor und schauen sie sich das einmal an.“, schrie Olsen im Flüsterton. Richard atmete heftig auf. Plötzlich waren da wieder Eindrücke. Sein Herz klopfte und er fühlte sich wieder ganz gut – Im Gegensatz zu.. Richard stutzte. Vor ihm stand Olsen an der Ruinenmauer und schaute ihm erwartungsvoll entgegen. „Olsen.. Was ist hier los?“, wollte Richard wissen. „Was hier los ist? Checken sie das Gebiet ab habe ich gesagt!“, antwortete Olsen. „Mann Junge, was ist denn mit dir plötzlich los?“, erkundigte sich Erich. Richard öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber es kamen keine Worte.
„Na was ist jetzt Weger?!“, drängte Olsen. „Da.. Da sind Minen..“ Der Truppführer schien verblüfft. „DAS haben Sie schon von hier aus festgestellt Weger? Ich bin beeindruckt! Was schlagen sie vor?“
„Wir.. Sollten.. Granaten..“, stotterte Richard. „Granaten ja eine sehr gute Idee! Stürmen wir die Bude – Wir benötigen diese Dokumente!“, sagte Olsen ungeduldig. Und so wurde es gemacht. Schon wieder, wie es für Richard den Anschein hatte. Er machte mit, war aber sichtlich neben der Spur. Die Granaten detonierten und der Trupp wurde abermals über die Strasse geschickt. Beim Spurt erinnerte sich Richard an die Mine, die Olsen töten würde. Er wusste was passieren würde, aber er war zu perplex, um noch irgendetwas zu begreifen. Gerade kämpfte er um sein Leben – Hatte ein Messer in der Brust und jetzt.. „Aaah! Ich bin getroff.. *Minenexplosion*“
Richard vernahm die Detonation, spürte einen heftigen Luftzug von hinten – Aber er lief einfach weiter. „Was geht hier vor sich..“, flüsterte er wieder und wieder zu sich selbst. „Mann Junge was ist passiert?!“, wollte Birns wissen, als Richard beim Fahrzeug ankam, wo die anderen wieder in Deckung gegangen waren. „Olsen ist tot..“, sagte Richard monoton. „Scheisse! Okay.. okay okay.. Wir.. Wir machen es so: Erich auf die linke Seite – Thalbach auf die Rechte. Gebt mir und Weger Feuerschutz..“ Und so wurde es gemacht. Genau wie vorher. Birns und Richard kamen ohne Schramme bei dem Haus an. „Hast du..?“ „Noch Granaten?“, beendete Richard Birns Satz. Dieser schien jetzt auch irritiert. „Mann Weger.. Was ist bloss los mit dir?!“ „Ich.. Habe keine Ahnung..“ Birns presste wütend die Lippen zusammen. „Wir haben jetzt keine Zeit für diesen Mist, Weger! Granaten raus und durch die oberen Fenster damit!“
Richard tat wie geheissen und als die Granaten durch die Fenster klapperten, zog er Birns bestimmt von der Tür weg. Der Schuss durch die Tür erfolgte eine Sekunde darauf. „Mann Weger..Du hast mich gerettet!“ Richard nickte nachdenklich. „Ja.. Unglaublich“, kicherte Richard und plötzlich hatte er ein schlechtes Gewissen wegen Olsen – Aber er kam ja erst gerade irgendwie klar auf die Situation. Hatte er alles bloss geträumt? Die Granaten explodierten wie zuvor. Grosse Stücke der Hausmauer schossen nach allen Seiten. Gequälte Schreie. Dann kamen Thalbach und Erich angerannt „Sehr gut! Jetzt rein und dann machen wir den..“ Erich verstummte mitten im Satz. Einer der Feinde kam aus der Tür gepoltert und wurde sogleich von Richards Gewehrfeuer in die Zange genommen.
Genosse 'wie auch immer' fiel gegen die Tür – Die Brust durchlöchert. Richard wurde von seinen Kameraden angestarrt, als wäre er ein Geist. „Mann Richard, woher kommt diese Reaktionsfähigkeit so plötzlich!?“, wollte Thalbach wissen. Richard zuckte nur mit den Schultern.
„Hmm.. Na dann, gehen wir rein. Ich gehe voraus., wies Birns an. ICH gehe voran..“, widersprach Richard vehement und lief durch die Tür. Die anderen kamen hinterher, bevor sie ihm die Treppe hoch folgten. Richard zielte mit seinem Gewehr durch eine Rille des Geländers, sobald er hoch genug war – Sah den heran polternden Feind, der ihn zuvor erstochen hatte und drückte ab. Der Bulle sackte von 3 Kugeln getroffen zusammen und schlidderte, eine lange Blutspur hinter sich herziehend, gegen das Geländer.
Für Richard fühlte sich das alles an, als wäre er Teil eines einstudierten Schauspiels. Für die anderen waren die Fähigkeiten ihres Kameraden äusserst beeindruckend. Sie traten über die letzte Stufe zum 2. Stock und begannen mit der Durchsuchung. Nun auch für Richard neues Terrain, denn bis hierher wusste er wie alles kam – Aber nun? Dies wurde sogleich klar, als Birns durch eine Tür trat und den Stolperdraht übersah, der mit einem Sprengsatz verbunden war. Der Knall sprengte den gesamten Türrahmen weg, riss Birns in Stücke und liess etliche Holzsplitter fliegen, die sich in Thalbachs Gesicht bohrten. „My ne delayem eto tak prosto dlya vas!“, kam es plötzlich durch einen Korridor links von Richard und Erich gedonnert. Diese waren durch die Explosion etwas benommen und merkten zu spät, wie der Russe an sie heran gestürmt kam. Richard, auf allen Vieren, sah zu dem Feind hoch und direkt in eine Mündung. Ein Knall. Schwärze.
„Weger! Das sieht mir stark nach einem Minengürtel aus. Rücken Sie weiter vor und schauen sie sich das einmal an.“, schrie Olsen im Flüsterton. „Oh.. Oh nein.. Oh nein..“, meinte Richard. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Er ging in die Knie und schüttelte den Kopf – Die Ohren mit den Händen verschliessend wie ein Patient im Irrenhaus. Seine Kameraden fragten natürlich was los sei, doch Richard schwieg. Olsen schätzte die Lage mit den Minen also selbst ein, als er erkannte, dass es keinen Sinn machte Richard zu schicken. Dieser beteiligte sich kaum an den folgenden Ereignissen. Olsen starb. Birns starb. Thalbach und Erich starben und Richard wurde von den Russen gefangen genommen. Er sprach kein Wort mit ihnen, bis diese ihn kopfschüttelnd hinrichteten.
„Weger! Das sieht mir stark nach einem Minengürtel aus. Rücken Sie weiter vor und schauen sie sich das einmal an.“, schrie Olsen im Flüsterton. Langsam wurde es nervig. Richard spürte eine sich aufstauende Energie in sich hoch kochen. „Leckt mich.. Ich mache das nicht mehr mit.“, sagte er. Normal und bestimmt. Dann lief er der Strasse entlang davon. „Weger, Sie können nicht einfach gehen!“, schrie Olsen ihm hinterher. Dieser reagierte nicht. „Weger, ich werde Sie erschiessen! Sie sind ein Deserteur!“ Richard lief weiter. *Schussgeräusch* Richard ging in die Knie und fiel vornüber aufs Gesicht. Die einsetzenden, betäubenden Schmerzen waren ihm völlig gleichgültig – Ebenso der Tod, den ihn kurz darauf zu sich rief, denn er hatte so eine Ahnung was ihn nun erwartete.
„Weger! Das sieht mir stark nach einem Minengürtel aus. Rücken Sie weiter vor und schauen sie sich das einmal an.“, schrie Olsen im Flüsterton. „Lasst mich in Ruhe, verdammte Scheisse!“, schrie Richard Olsen an und rannte aus dem Raum heraus. „Hiergeblieben Weger!“ Doch Richard rannte und rannte. Bald war er zu weit weg, um noch von den anderen gesehen zu werden. Scheiss auf die Mission – Scheiss auf den Trupp – Scheiss auf alles. Als er ungefähr 500 Meter vom Haus entfernt war, schaute er nicht mehr zurück und lief dm einsamen Weg entlang. Der war äusserst monoton und langweilig. Ewig lang und einfach nichts anderes in Sicht, als diese karge Landschaft. Kein anderes Haus, kein Wald, keine Menschen. Ungefähr eine Stunde später ging er erschöpft in die Knie und ruhte sich ein wenig aus. Da wagte er doch einmal wieder einen Blick zurück.
Sein Herz machte einen Hüpfer und ein Schauer des Schocks fuhr durch seine Brust. Das Haus war noch da. Ca. 500 Meter weit entfernt. „Was.. Was.. Aaaaaaaaah!!! WAS machst du mit mir?!! Scheeeeeeeeeiiisssseeeeeeeeeeee!!“ Richard brach zusammen und blieb liegen. Weinend und rotzend wie ein kleiner Junge in einem Wehrmacht Outfit. Was sollte er nun machen? Sich erschiessen? Das würde nichts bringen. Hier liegen bleiben? Wozu? Also raffte er sich Minuten später wieder auf und ging den Weg zurück zum Haus. Eine Wut hatte sich in ihm aufgebaut, die er so noch nie gefühlt hatte. Ein Widerstand bezüglich dieser absoluten Unmöglichkeit. Als er zu der Ruine zurückkam, fand er Olsens zerfetzten Körper. Die Russen waren aus dem Haus gekommen und untersuchten gerade die Leichen seiner restlichen Kameraden.
Richard lief auf sie zu und überraschend wie er plötzlich da auftauchte, ballerte er alle vier Feinde auf einmal über den Haufen. Nach einem belustigten Schnauber über die Einfachheit der 'Operation', durchsuchte er die Leichen nach den Dokumenten. Tatsächlich hatte sie einer, wohl Orajev, in seiner Brusttasche. „Hah! Hier habe ich sie! Die wichtigen Dokumente! Hörst du Gott!?“, rief Richard, den Kopf in den Himmel gerichtet. Aber Gott antwortete nicht. „Die Mission ist erfüllt!“, verkündigte er mit gespieltem Stolz. Wieder nichts. Er steckte die Papiere ein und dachte daran, es jetzt noch einmal zu versuchen. Vielleicht würde er nun aus dieser Wiederholungshölle entlassen werden. Er trat vom Haus we, lief zur Strasse und.. Über eine Mine.
„Weger! Das sieht mir stark nach einem Minengürtel aus. Rücken Sie weiter vor und *Gewehrschüsse* Aaah!“ „Nein!“, brüllte Richard, „Kein Minengürtel! Keine Papiere! Keine Mission!“ Seine Kameraden schauten mit offenen Mündern Olsen zu, wie dieser an der Ruinenwand hinab glitt. Richard richtete seine Waffe auf die anderen. „Sonst noch einer?“ Birns hob beschwichtigend die Hand. „W-w-weger warte.. Was tust du da?..“ Richard lächelte „Ich bringe euch um *kicher*, *Gewehrschüsse*, *Wehklagen*Und da lagen sie dann. Allesamt in einer Reihe – Leblos und blutig. Richard lächelte, griff sich eine zweite MP und machte sich auf den Weg zu seinen nächsten Opfern. Wie ein Nazi-Terminator lief er, ohne nach Minen zu sehen, über die Strasse. Dann begann er auf das Haus zu feuern – Mit beiden MP's, einfach aus der Hüfte. „Haaaaalllooooooooo *Gewehrschüsse* Bolsche-bolsche-bolschewiiiiiiiken!“ Die Russen trauten ihren Augen und Ohren nicht, als sie Richard sahen, wie er furchtlos und gemächlich feuernd auf sie zu kam.
„Etot ublyudok sovsem soshel s uma!“, fluchte einer der Russen, was bedeutete, dass dieser Bastard dort unten total irre sei. Sie schossen zurück, während die Kugeln seitens Richard gegen die Hausmauer prasselten. Sie trafen ihn sogar in den Bauch, doch Richard spürte die Verletzung kaum, was die Russen noch mehr einschüchterte. Einer kam aus dem Haus gerannt und fiel sogleich durch eine Streusalve. Richard trat die Tür ein, die unter seinem energischen Stiefel zerbarst wie eine Papiertüte. „Haaaallooooooo! Ich bin zuhause!!!“ *Gewehrsalve*, *Sterbelaute*, *Fällt Treppe herunter*. Der Feind stürzte getroffen die Treppe hinab und als Richard sich den Stufen näherte , kam eine Granate herunter geklimpert. Aber wer war diese schon, Terminator Richard aufzuhalten? Das Ding kam ihm genau auf Knöchel-Höhe entgegen und er kickte sie wie einen Fussball einfach wieder hoch. Leider konnte er den Blick des Feindes, der die Granate geworfen hatte, nicht sehen, als sie unmittelbar vor seinem Gesicht detonierte – Seinen Kopf samt Brustkorb in Stücke riss und auf dem Fussboden verteilte.
Richard stieg die kaputte Treppe hoch in den, die Gewehre im Anschlag und mit einem Gesichtsausdruck, den selbst Rambo in seine Schranken weisen würde. „Niiiiemand wird mich aufhal..“ Ein Schuss knallte durch den Korridor. Der letzte Russe schnellte um die Ecke des Gangs vor Richard und traf ihn in den Arm, so dass eines der Gewehre über die Dielen klackerte. Er drückte bei der anderen Waffe den Abzug. *Klick* „Hahahaa! Du chast verloren Nazi! *Klick* „Blyat!“ Auch das Gewehr des Russen war leer geschossen. Und so rannten sie plötzlich mit gezückten Messern aufeinander los. Richard fuchtelte wie wild vor seinem Gesicht herum, doch der Russe war geschickt im Ausweichen – Zack, zack, zack, links, rechts „Haaaa!“ Ein Volltreffer. Die Klinge des Russen steckte tief in Richards Bauch. Der Schrank von einem Mann grinste ihm siegessicher entgegen. Aber Richard war nicht zu bremsen. Er schnitt durch die Luft, so dass die Kehle des Russen in einem weiten Streich auseinanderklaffte und seine Miene erstarrte.
Richard stiess ihn mit letzter Anstrengung zurück. Das Fenster hinter ihnen zerbarst und er stürzte wie auf einem russischen Surfbrett durch die Luft. Zum Leidwesen des Surfbretts befand sich unter dem Fenster ein stabiler Gitterzaun, auf dem sein Körper bei dem Aufprall entzwei klappte, wie ein Knäckebrot. Richard fiel nach vorne, landete mit dem Gesicht voran im Dreck und blieb erschöpft liegen. „Das.. Das hat Spass gemacht.. Das.. Das mache ich nie wieder..“. 5 Minuten später stapelte er die Leichen seines Amoklaufs vor dem Fahrzeug auf dem Vorplatz auf und übergoss sie mit einem Kanister Sprit, den er auf der Ladefläche des Fahrzeugs fand. Er setzte sich zuoberst auf den Haufen und zündete sich eine geklaute Zigarre an. Mirko hiess der Knabe, in dessen Seitentasche er sie gefunden hatte. Die Jungs hatten nämlich allesamt rote Pässe und anderen Plunder bei sich. Nicht nur die berüchtigten, wichtigen Dokumente. Ausserdem fand Richard ein kleines schwarzes Buch mit dem deutschen Titel: Nacht der Untoten von Dimitri Reznov. Aber die Seiten des Buchs waren vollkommen leer. Richard schüttelte teils amüsiert und teils verunsichert den Kopf. Wie gruselig. Er schnaubte und warf es achtlos über seine Schulter. Da sass er nun und bemerkte plötzlich, dass er ja angeschossen und angestochen wurde. „Oh..“, kommentierte er das viele Blut, mit dem seine Hose und die Jacke getränkt waren. „Ach was soll's..“ Er rauchte ein wenig Zigarre, während der von ihm zuvor entfachte Haufen unter ihm zu lodern begann. Schon bald leckten die Flammen auch nach ihm und er verbrannte ohne grosses Gejammer, samt den Leichen.
„Weger! Das sieht mir stark nach einem Minengürtel aus. Rücken Sie weiter vor und schauen sie sich das einmal an.“, schrie Olsen im Flüsterton. Richard senkte den Blick und nickte nur grinsend vor sich hin. Es dauerte noch um die 15 Zyklen, bis er völlig von Sinnen auf dem Minenfeld herum hüpfte. Eine Mine detonierte und riss ihm das Bein vom Körper. Es kaum zur Kenntnis nehmend und „Hui! Hui! Hui!“ rufend kroch er auf der Strasse herum, während er mit seiner Hand nach Minen patschte. „Völlig kaputt..“, bemerkte Olsen zu den anderen. „Hui! Hui! Hu *Minenexplosion*“
„Weger! Das sieht mir stark nach einem Minengürtel aus. Rücken Sie weiter vor und schauen sie sich das einmal an.“ *Schuss*
„Weger! Das sieht mir stark nach einem Minengürtel aus. Rücken..“ *Schuss*
„Weger! Das sieht mir stark nach“ *Schuss*
„Weger!“ *Schuss*
„We!“ *Schuss*
„We!“ *Schuss*, „We!“ *Schuss*, „We!“ *Schuss*, „We!“ *Schuss*.
„Weger! Das sieht mir stark nach..“
„Weeegeer äääh Minengürtelääääää..!“, äffte Richard Olsen nach und fuchtelte mit den Armen. Dann lief er dumm vor sich hin brabbelnd aus der Ruine. „Jajaaaa! Minen da, Minen dort – Ich mine mich dahin und alsbald wieder foooort!“, sang er – Gleich einem Opernsänger. „Auf wichtiger Missioooooon bin ich hiiiier – Sterbeeeeen werden doort vooooorn' die Vitaly's zu viiiiiiiiert!“ Dann hielt er sich die Arme geschlossen über den Kopf und drehte sich im Kreis wie eine Ballerina. Die 'Vitalys' im Haus rümpften die Nase, zuckten dann aber mit den Achseln und beschossen Richard. Seine Kameraden glaubten ihren Augen kaum. Wie in Zeitlupe drehte sich ihr Mann auf dem Minenfeld – Singend und grinsend, von zischenden Kugeln umgeben, bis er von einem riesigen Getöse detonierender Minen verschluckt wurde.
Nach weiteren 10 Mal sterben auf diese und jene Weise, hatte er eine Eingebung. Das Problem war, dass er seinen Trupp nicht am Leben halten konnte. Er musste die Mission abschliessen, und zwar MIT seinen Leuten – So musste es sein. Ganz klar. Und er versuchte es. Es dauerte genau 23-mal, bis er es hinkriegte. Dadurch, dass er Olsen rettete, änderte sich die Lage natürlich und Richard musste es immer wieder und wieder versuchen, damit er alle Ausgänge des Kampfes auswendig kannte. Schlussendlich waren sie ins Haus eingedrungen, hatten alle Fallen überwunden und die Russen einen nach dem anderen eliminiert. Olsen hielt die Dokumente in Händen. Richard war kaum noch er selbst. Sein Körper zitterte, als würde er gleich in die Luft gehen. Nun war es endlich so weit. Sie haben überlebt und die Mission erfüllt – Also musste es nun weiter gehen. Es musste einfach!
Gemeinsam verliessen sie das Gebäude und machten sich auf den Rückweg – Aufrecht und stolz über den erfolgreichen Ausgang. Da fiel Richard der Baum wieder auf. Warum hatte dieses Ding so eine Anziehung auf ihn? Sie überquerten das Feld und Richard verspürte eine grosse Erleichterung. Wie dumm er doch gewesen war, das nicht schon früher begriffen zu haben. All das Leid, all der Wahnsinn – Umsonst. Das Schicksal wollte ihn prüfen und er hatte es zuletzt doch noch verstanden. Olsen, Birns, Erich und Thalbach gingen durch das Tor eines Zauns, während Richard sich noch einmal dem Haus zuwandte. Er biss sich auf die Lippe und streckte dem Haus den Mittelfinger entgegen. Diesem Scheiss Ort, der ihn gequält hatte! „Auf nimmer wiedersehen!“, rief er und Schritt durch das Zaun Tor.
Als er an sich hinunter blickte fiel ihm auf, dass der Zaun ihm irgendwie.. folgte. Olsen und die anderen entfernten sich, lachend und sich abklatschend. „Hey! Leute! Lasst mich hier nicht zurück!“ Aber sie hörten ihn nicht mehr. Kaum waren sie draussen war es, als gäbe es keinen Richard Weger mehr. „Hiiiiilfe! Bitteeeeee!!“, schrie Richard. Er rannte, aber der Zaun kam mit. Es wirkte, als würde er den ganzen verdammten Ort hinter sich herziehen. Er liess ihn einfach nicht gehen. Und diese Erkenntnis zerschlug seine Psyche. „Uaaaaaaaaaaaarrrghhhhhhh! Aaaaaaaaaaaaaaaahhhhhhhhhhh!“ Richard schrie und schrie – Brüllte, bis seine Stimmbänder schmerzten – Krümmte sich auf dem von Wasser getränkten Boden, wie ein Wurm. Und er blieb dort. Er blieb so lange liegen, bis er im Matsch einschlief.
„Weger! Das sieht.. Das sieht stark nach.. Sieht nach..“ Richard fühlte sich innerlich abgestorben, doch kam er nicht umhin, auf Olsens Zustand mit einem unmerklichen Stutzen zu reagieren. „Minen.. Sieht stark nach Gürtel.. Sieht mir stark stark..“, stotterte Olsen gleich einem defekten Roboter. Seine Haut war blass und die Augen suchten die Luft wirr nach einem Fixpunkt ab. Auch der restliche Trupp benahm sich seltsam. Ihre Gesichtszüge waren von einer erheblichen Erschöpfung gezeichnet, während ihre Atmung stossweise die Münder verliess. Als er näher an Olsen heran ging, bemerkte Richard, dass die Augen seines Truppführers von schwarzen Äderchen durchzogen waren – Was die blasse Iris aufleuchten liess, wie eine kleine Sonne auf schwarzem Hintergrund.
Verstört durch diesen Anblick, verliess er die Ruine und schüttelte nachdenklich den Kopf. Auch hier waren Unterschiede zu erkennen. Er streckte seine Hand nach den feinen Partikeln aus, die sich vom Erdboden lösten und in Richtung Wolkendecke davon schwirrten - Getragen von einer unsichtbaren Kraft. Der Regen hatte etwas nachgelassen, was Richard aber in keinster Weise beruhigte. Es schien eine Ankündigung drohenden Unheils zu unterstreichen, die Richards Vorstellungskraft sprengen würde. Richards müdes Gesicht versteinerte, bevor die Wut mit voller Kraft zu Tage trat. „Jaaaa.. Jaaaa! Mach doch! Was willst du mir schon antun, das schlimmer wäre, als das was ich schon ertrage?! Du scheiss Ort! Du scheiss Haus! Du scheiss Hölle!!“, brüllte Richard aus vollem Rohr.
*In der Ferne hallendes Monstergebrüll* Auf einmal versiegten alle Geräusche. Als hätte jemand den Hahn abgedreht hörte es auf zu regnen – Wodurch Richard in Stille zurückblieb. Vor dem Minenfeld stehend, mit Augen voller Zorn und Abscheu. Und die einkehrende Stille liess seinen Hass auf sein Schicksal umso stärker lodern, bis er ihn in einem einzigen, wahnsinnigen Schrei der Verzweiflung in den Himmel entliess. „ICH! HASSE! DIIIIIIIIIIIIICH! Zwischen den Wolken rumorte es – Gleich einer teuflischen Himmelsbestie – Doch war es kein Schrei der Wut. Kein Schrei der Angst. Es war ein Schrei, gleich einer Mutter, die um ihr verstorbenes Kind weint. Ein Schrei, der eine tiefe Erschütterung widerspiegelte.
Richards Miene blieb in Zorn versteinert, als eine wahre Donnerflutwelle durch den Himmel fegte. Als zehntausende kraftvoller Blitze hinter dem Haus nieder gingen und wie eine Lawine auf Richard zu rasten. Der Boden vibrierte und schüttelte – Das Haus stürzte in sich zusammen, noch bevor die Blitze überhaupt ihren Weg dorthin gefunden hatten. Hinter Richard stolperte sein Trupp aus der Ruine – Mit zu Schreien aufgerissenen Mündern, aus denen eine schwarze Flüssigkeit sprudelte. Mit zu Klauen verkrampften Händen und Augen, die in Form zahlreicher Rinnsale aus ihren Augenhöhlen flossen. Und als der Gewittersturm bei ihnen eintraf lächelte Richard, während ein anderer, von Leid und Elend überdeckter Teil weinte.
Als Richard in der Ruine zu sich kam, war er allein. Der Sturm, der über ihn gekommen war, hatte sich über den ganzen Himmel verteilt. Viele Blitze gingen hier und da auf die Erde nieder – Regen, schwarz wie Teer prasselte von der dichten Wolkendecke. Er trat nach draussen und sah als erstes Thalbach, der im Minenfeld kauerte und sich an der Erde zu schaffen machte. Richard lief zu ihm hinüber, während ein Blitz in die Ruine einschlug, der das brüchige Gemäuer sprengte wie ein Spielzeug-Häuschen. „Was machst du da Thalbach? Reibst du dich mit Erde ein, du Made?“, fragte Richard monoton. Leo drehte sich im zu – Der Mund voll mit Dreck – Die Augen schwarz und starr. „Ichaa.. Ich haabe.. Angst Richard.. Warum hilfst.. HILFST du uns nicht Richard?!“, Flehte er und lachte und weinte zugleich, so dass Richard ein Schauer des Bedauerns überkam - Doch wurde das Gefühl schnell wieder überdeckt von gleichgültiger Aggression. Also war ER Schuld? „Ich?!", begann er laut lachend, „Was kann ich schon bewirken?.. Siehst du nicht was hier passiert Leo? Siehst du nicht, wie sie mich behandelt? Die Welt?“ Thalbach senkte erschöpft den Kopf. „Du.. Du bist nicht.. Nicht Richard..“, flüsterte er kaum hörbar.
„Was?“ „Richard.. Ist kein böser Mensch..“ Wieder ein Anflug des Bedauerns – Wieder von Kälte überschrieben. Richard hieb Thalbach die geballte Faust ins Gesicht. Dieser ging wie von einer Kanone getroffen auf die Bretter. „Ich bin das, wozu die Welt mich gemacht hat!“, schrie Richard, während seine Augen zu wässern begannen. Thalbach fuchtelte wild mit den Armen – Unsichtbare Schläge abwehrend, bis er schreiend davonrannte – Einfach der Strasse entlang. Eine der Minen riss ihm den Unterschenkel vom Körper und eine Zweite verteilte seinen Kopf in alle Richtungen.
„Das ist DEINE Schuld! Nicht meine! DEINE Schuld!“, kommentierte Richard Thalbachs Tod und stapfte wütend in Richtung Haus. Hier und da krachte ein Blitz vom Himmel – Zerschlug die Ladefläche des Trucks, Teile des Hauses, sowie die Strasse, wobei etliche Minen detonierten und die Atmosphäre mit einer Destruktivität erfüllten, wie es die Welt noch nie erlebt hatte. Vor dem Haus lagen die toten Russen aufgestapelt auf einem Haufen, während Olsen und Erich davor kauerten und die Taschen der Toten durchsuchten. Birns lehnte an der Mauer und beobachtete die beiden. Auch SEINE Haut war blass – Seine Augen schwarz und seine Kleidung völlig verdreckt und verwittert.
„Da! Dadadada! Hjhjaaaaa! Daaaaaa!“, flüsterte Olsen aufgeregt vor sich hin. Er hatte in einer Tasche die Dokumente gefunden und befingerte die weissen Blätter mit seinen dreckigen Händen.
„Schau Erich! Dada sind.. Die WICHTIGEN Doku.. Dokumente! HAH!“ Dann übergab er Erich einen Teil davon, bevor beide begannen sich den Papiermatsch in die Münder zu stopfen. Als sie Richard bemerkten, blickten sie in den Lauf seiner Maschinenpistole. Das Blut spritzte schwarz aus ihren Hinterköpfen, nachdem Richard ihnen die MP an die Stirn hielt und je ein Mal abdrückte. „Ihr widert mich an..“, sagte er zu den beiden und wusste, dass ein grosser Teil dieser Aussage auch für ihn selbst galt. Aus Frust pumpte er die beiden Leichen mit dem Rest des Magazins voll. Birns musterte Richard, der sich ihm nach der Leichenschändung seiner ehemaligen Kameraden langsam näherte und direkt vor ihm stehen blieb. Sie starrten sich lange in die Augen. „Was ist nur aus dir geworden, Richard?“, fragte Birns. Und bevor Richard antworten konnte, zuckte ein Blitz vom Himmel, der ihn selbst, Birns und die Hälfte des Gebäudes im Bruchteil einer Sekunde auslöschte.
In den folgenden Zyklen wurde Richards Vorgehen immer brutaler. Er tat seinen Mitmenschen furchtbare Dinge an – Erschoss, verbrannte und beschimpfte sie – Warf sie auf Minen, stopfte Dreck in ihre Mäuler, quälte und tötete sie mit Messern, Stangen und allem, was herum lag. Die Stimme der Vernunft in ihm wurde leiser und auch sein schlechtes Gewissen ertrank in einer wachsenden Pfütze aus Bosheit und Verderbnis. Und irgendwann war es so weit. Er erwachte in der Ruine. Der Sturm tobte. Die Männer waren fort – Das spürte Richard. Er trat nach draussen und erschauderte beim Anblick des Hauses, das sich einem grossen Kopf gleich wand und krümmte. Als wäre es ein lebendiges Wesen, flossen Bäche aus knallrotem Blut aus den Fenstern. Darüber, in der Wolkendecke, hatte sich eine Art Wirbel gebildet. Seine Grösse war immens und überspannte den Himmel über mehrere Kilometer weit. Der Regen war einem starken Wind gewichen, der über das Gelände fegte und Bruchstücke von Holz, Dreckschwaden und anderen Plunder mit sich riss, die nach und nach von dem Wirbel aufgesaugt wurden. Richard stemmte sich gegen den Wind, bis sich ein Stück Metall, dass sich von dem Fahrzeug gelöst hatte in seinen Schädel bohrte.
Wieder in der Ruine.. Keine Geräusche. Kein Wind. Alles schien, wie von einem schwarzen Tuch überdeckt. Das Haus lag in sich zusammen gefallen da – Ein Gemäuer wie ein längst verstorbenes und vergessenes Wesen – Umringt von einer Trostlosigkeit, wie nur ein Ort anmuten konnte, der jeglichen Lebens – Jeglicher Freude beraubt wurde. Vor der Strasse stand Birns, der die Überreste des Hauses musterte. Der Wirbel am Himmel war verschwunden, während die Wolkendecke ruhig vor sich hintrieb.
Richard trat neben Birns. Sie schwiegen lange. Wenn jemand Richard fragen würde, wie er sich fühle, wüsste er nicht, was er antworten sollte. „Die Welt.. Verkümmert..“,, kommentierte er den fragwürdigen Zustand der Umgebung. Birns schwieg, bis er sich schliesslich hinkniete und eine Hand voll Erde vom Boden aufhob. „Nein Richard..DU verkümmerst..“ Birns drückte Richard die Erde in die Hand. „Und die Welt mit dir.. Das ist dein Werk.“ Richard betrachtete die Erde und warf sie bei Seite. „MEIN Werk? ICH habe nicht darum gebeten hier zu sein! Nicht auf der Welt – Nicht an diesem Ort und bestimmt nicht in diesem verfluchten Zyklus! Ich habe das nicht gewählt!“ „Aber das Leben hat DICH gewählt.“, meinte Birns – Unbeeindruckt von Richards Zorn. „Schmerz ist in diesem Leben nicht zu vermeiden.. Er ist ein natürliches Phänomen.. Doch zu leiden ist optional.. Die Situation ist wie sie ist – Du magst sie beeinflussen können, aber kontrollieren kannst du sie nicht.. Was du aber kontrollieren kannst, ist deine Position gegenüber der Situation.. Durch deine Schuldzuweisungen, deine Wut und deinen Widerstand hast du deine Welt negativ beeinflusst und letztendlich vergiftet.. Und wir alle gehen mit dir unter..“, erklärte Birns und fuhr mit seinem Arm über die Landschaft. „Was du hier siehst, ist ein Spiegel deiner selbst.“ Richard zitterte am ganzen Leib. Etwas in ihm reagierte auf Birns Worte. Und die Einsicht legte sich schwer über seine verwüstete Gefühlswelt. „WER bist du?! Hast du mich hier hergebracht?!“ Birns wandte sich Richard zu – Mit finsteren Augen, die wach unter dem Helm hervor blitzten. Dann atmete er die stickige, von Staub geschwängerte Luft tief ein und wieder aus.
„Ich bin jemand, der möchte, dass du zu verstehen beginnst.. Das Ende ist nah Richard – Ich spüre es.. Ein letzter Akt.. Und es wird sich zeigen, welchen Weg du wählst..“ Birns legte Richard eine Hand auf die Schulter. „Was denkst du.. Warum du hier bist Richard?“ Dieser zuckte nur mit den Achseln. „Weiss ich nicht.. Warum?“ Ein subtiles Lächeln zeigte sich auf Birns spröden Lippen. „Weil du tief in dir drin, die Weitsicht besitzt, die dir helfen kann dein wahres 'Ich' zu erkennen – Der Hintergrund all dessen, was existiert.. Noch kannst du es aber nicht sehen.. Du bist gesteuert.. Von dem Müll in deinem Kopf.“ Ein leichtes Beben floss durch die Erde, bevor sie immer heftiger und heftiger zu rütteln begann. „Es ist Zeit Richard.. Finde den Anker.. Ich habe Vertrauen in dich.“ Birns Griff löste sich von Richards Schulter, als ein schwarzer Saft aus den Ritzen der Erde quoll – Als tausende und abertausende Körper am Himmel auftauchten, die wie kleine Ameisen in Richtung Erde stürzten. Richard wich zurück. Eine gewaltige Angst kochte in ihm hoch „Was.. Was passiert jetzt?!“
„Fürchte dich nicht Richard!“, sagte Birns und warf seine Arme hoch in die Luft, um all die herabregnenden Körper willkommen zu heissen. „Werde EINS mit dem Unausweichlichen!“ Richards Blick schnellte nach oben. Und als die Körper zu Boden hagelten, versank Richards Welt in einem einzigen Chaos aus Gliedmassen und detonierenden Minen.









@OliverChaos, ich habe das erste Kapitel verschlungen. Dicht und dynamisch. Tolle Beschreibung.
das stört mich überhaupt nicht. Ich habe es eher wie eine Off-Stimme wahrgenommen, die die Geschichte weitererzählt, wenn der Erzähler eine Pause macht.
Wie gesagt, das erste Kapitel fand ich super, und ich werde es sicher bis morgen zu Ende lesen. Ich finde es auch interessant – ein Thriller, der nicht wie eine Short Story wirkt, sondern eher wie ein Kondensat.
Nur als Denkanstoß: Vielleicht könntest du diese Hinweise entfernen, wenn sie nicht dazugehören.
Aber hey – wie gesagt, ich bin überzeugt und zufrieden.