Kapitel Eins
Ava
Das Geräusch von zerbrechendem Glas hallte durch das Haus und durchschnitt die Stille. Mein Herz rutschte mir in die Hose, als ich auf die zersplitterte Vase am Boden starrte – das Stück, von dem Bryce immer behauptete, es sei mehr wert als ich.
Nein, nein, nein …
Ich sank auf die Knie. Meine Hände zitterten, während ich versuchte, die Scherben aufzusammeln. Ich konnte meinen panischen Atem nicht kontrollieren.
Bryce würde mich garantiert umbringen deswegen. Nicht wörtlich natürlich, aber manchmal wünschte ich, er würde es tun. Wenigstens wäre die Angst dann vorbei.
Ich hörte seine Schritte, die den Flur entlangdonnerten. Ich zuckte zusammen und kniff für einen Moment die Augen fest zu, um mich auf das gefasst zu machen, was nun kommen würde.
„Was zur Hölle hast du jetzt schon wieder angestellt, Ava?“, hörte ich Bryce wütend sagen, als er näher kam.
Ich konnte ihn nicht ansehen. Ich ertrug es nicht, die Wut in seinem Gesicht zu sehen. Ich starrte auf den Boden, auf das Chaos, das ich verursacht hatte.
„I-ich es tut mir leid“, flüsterte ich. Meine Stimme war kaum zu hören, selbst für mich nicht.
Ich versuchte, die Scherben aufzuheben, und eine scharfe Kante schnitt in meine Handfläche. Ich sog die Luft ein und unterdrückte den Schrei, der mir über die Lippen kommen wollte.
Tränen machten Bryce nur noch wütender.
„Leid?!“, herrschte Bryce mich an, und ich zuckte erneut zusammen, als ich hörte, wie seine Schuhe auf dem Glas knirschten, während er näher trat. „Es tut dir immer leid, du tollpatschiges Stück Scheiße! Aber das macht gar nichts wieder gut, oder?“
Ich schüttelte den Kopf, während mir die Tränen in die Augen schossen. Ich verlor den Kampf gegen das Weinen, ich konnte es spüren.
„Ich wollte das nicht … Ich mache es sauber, ich verspreche es.“
Er beugte sich vor, packte mich in die Haare und zerrte mich auf die Füße.
„Glaubst du, das Saubermachen bringt mein Geld zurück?“ Sein Griff war so fest, dass ich spüren konnte, wie einige Strähnen an der Wurzel herausgerissen wurden. „Du bist nutzlos!“
„E-es tut mir leid“, wiederholte ich. Die Worte kamen wie auf Autopilot. Mehr konnte ich nicht mehr sagen.
„Verschwinde aus meinen Augen“, knurrte er und stieß mich weg. Ich taumelte rückwärts, schlug mit dem Arm gegen die Kante der Anrichte und meine Beine zitterten.
Die Stelle pochte, aber ich nickte nur und wich so schnell zurück, wie ich konnte, ohne ihm den Rücken zuzudrehen.
Sobald ich den Treppenhandlauf spürte, rannte ich die Treppe hinunter, bevor er es sich anders überlegen konnte, mich so leicht davonkommen zu lassen.
Mein Herz hämmerte so laut in meiner Brust, dass ich nicht hörte, wie die Haustür aufging oder die massigen Gestalten eintraten. Erst als ich frontal mit jemandem zusammenstieß und hart auf meinen Hintern fiel, bemerkte ich sie.
Mein ganzer Körper bebte, als ich langsam nach oben blickte. Mein Blick fiel zuerst auf ein Paar polierte schwarze Schuhe, dann wanderte er hinauf zu den großen, imposanten Gestalten, die vor mir standen. Alle trugen dunkle Anzüge, bei denen man sofort sah, dass sie wohlhabend waren.
Doch der Mann in der Mitte zog meine Aufmerksamkeit am meisten auf sich. Im Gegensatz zu den anderen drei, die sehr dunkle Sonnenbrillen trugen, die sie eher wie Schatten als wie Menschen wirken ließen, trug er keine.
Sein dunkelbraunes Haar war perfekt gestylt, aber seine stechend blauen Augen waren eine ganz andere Geschichte. Sie wirkten wie zwei scharfe Klingen – so kalt, so berechnend. Ich hatte noch nie jemanden mit solchen Augen gesehen. Sie waren leer, frei von jeder Emotion. Sein Gesicht war markant und lächerlich gutaussehend, aber etwas an ihm war beunruhigend. Er war zu perfekt, zu akkurat. Als bestünde er aus Stein oder etwas Ähnlichem.
Ich konnte nicht wegsehen, obwohl jeder Instinkt in mir schrie, ich solle den Blick senken und nicht seine Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Als er einen Schritt vortrat und den Abstand zwischen uns verringerte, schoss meine Angst in die Höhe. Die Angst, die ich all die Jahre bei Bryce empfunden hatte, war nichts im Vergleich dazu. Dieser Mann war anders … gefährlich auf eine Art, wie Bryce es nie sein könnte.
„Was zur …“, Bryces Stimme durchschnitt die Spannung. Ich drehte mich um und sah ihn oben an der Treppe stehen. Sein Gesicht wechselte in Sekundenschnelle von wütend zu bleich.
„Mr. Morano“, stammelte Bryce, als er die Treppe herabkam. Er versuchte, seine Nervosität mit einem gezwungenen Grinsen zu überspielen.
Ich hatte ihn noch nie so erlebt.
„Ich habe Sie nicht … so früh erwartet.“
Mr. Morano antwortete nicht sofort. Seine Augen huschten für einen kurzen Moment zu mir hinab, bevor sie zu Bryce zurückkehrten. Ich konnte die Last seines Blickes spüren, selbst als er wieder wegah, als wäre ich gemessen und für zu leicht befunden worden.
Bryces Augen wanderten zwischen mir und Mr. Morano hin und her, seine Nervosität wuchs mit jeder Sekunde des Schweigens. „Sie ist … sie ist nur meine Stiefschwester.“ Dann sagte er durch zusammengebissene Zähne zu mir: „Steh auf!“
Ich hatte völlig vergessen, dass ich noch auf dem Boden saß. Ich erhob mich langsam und ließ den Blick gesenkt.
„Verdammt noch mal … Hol uns was zu trinken“, sagte Bryce wieder durch die Zähne, und ich flitzte sofort los. Ich konnte Mr. Moranos Blick in meinem Rücken spüren, als ich ging, aber ich wagte es nicht, aufzusehen.
Ich ging in die Küche. Meine Hände zitterten, während ich ein Tablett mit Getränken vorbereitete.
Als ich zurück ins Wohnzimmer kam, saßen Bryce und Mr. Morano einander gegenüber, das niedrige Couchtischchen zwischen sich. Die anderen drei Männer standen hinter Mr. Morano mit grimmigen Gesichtsausdrücken.
Als ich mich dem Tisch näherte, um das Tablett abzustellen, pochte mein schmerzender Arm. Der Schmerz war so plötzlich und scharf, dass ich das Tablett beinahe fallen gelassen hätte.
Ich versuchte, mich zu fangen, aber es war zu spät … Die Gläser kippten um, landeten auf dem Boden und ergossen sich über Bryces teure Schuhe.
Ich stand wie erstarrt da und starrte auf die nächste Ladung Scherben, die auf dem Boden verstreut lag.
„Du nutzlose Idiotin!“, fuhr Bryce mich an. In seinen Augen lag eine wilde Mischung aus Angst und Wut. Bevor ich auch nur daran denken konnte, mich zu bewegen, packte er meinen Arm so fest, dass ich spüren konnte, wie seine Finger in die bereits vorhandenen blauen Flecken gruben.
„Es war ein Unfall, ich schwöre es …“, ich versuchte mich loszureißen, doch sein Griff wurde nur noch fester.
„Du bist nichts weiter als eine …“
„Lass sie los.“ Mr. Moranos Stimme durchschnitt die Luft und brachte Bryce sofort zum Schweigen. Bryce erstarrte. Sein Gesicht wurde bleich, als er sich langsam zu Mr. Morano umdrehte, als würde ihm gerade erst bewusst werden, dass er noch immer dort saß.
„Du hast mich gehört. Lass. Sie. Los.“
Bryces Hand ließ mich sofort los, als hätte er sich verbrannt. Ich stolperte zurück, hielt mir meinen pochenden Arm und ließ meine Augen nervös zwischen den beiden Männern hin- und herwandern.
Ich konnte spüren, wie Mr. Moranos Augen mich musterten … mich bewerteten.
„Sie ist dir keine große Hilfe, oder?“, Mr. Moranos Tonfall war kalt und ließ die ohnehin schon angespannte Stimmung noch kälter werden.
Bryce brachte kein Wort heraus, er nickte nur.
„Ich werde sie dir abnehmen“, sagte Mr. Morano, den Blick fest auf mich gerichtet. „Und im Gegenzug sind deine Schulden beglichen.“
Es fühlte sich an, als würde sich der Raum drehen, und diese Worte hallten in meinem Kopf nach. Das konnte nicht sein Ernst sein, oder?
Ich sah Bryce an und suchte nach einer Antwort. Sein Mund öffnete und schloss sich ein paar Mal, als würde er nach den richtigen Worten suchen, aber alles, was herauskam, war ein gepresstes: „Abgemacht.“
Das war die einzige Antwort, die ich bekam. Er meinte es sehr ernst, und es war endgültig.