Chapter 1
Eliza
„Was macht denn diese hier?“, fragt meine beste Freundin Lily Jane. Sie hält eine zweifarbige schwarz-orange Kerze hoch, schnuppert daran und sieht mich erwartungsvoll an. Ihre Augen sind weit aufgerissen, als würde sie von einer einfachen, selbstgemachten Kerze erwarten, dass sie ihren Feinden Herpes verpasst oder den Weltfrieden herbeiführt.
„Sie riecht gut.“
Sie stellt die Kerze zurück auf den Verkaufstisch. „Das ist einfach nur stinklangweilig, Eliza“, sagt sie, greift sich eine weitere Halloween-Kerze, riecht daran und legt sie achtlos zurück auf den Tisch, ohne sich Gedanken darüber zu machen, wo sie eigentlich hingehört.
„Tut mir leid, dass ich dich nicht unterhalte“, kichere ich und hake die Düfte und Farben der Kerzen auf meiner Inventarliste ab.
Lily Jane ist seit der dritten Klasse meine beste Freundin. Damals tauchten meine Mutter und ich bei ihr zu Hause auf, um ihrer Mutter bei einem kleinen Problem zu helfen. Lily Jane und ich wurden in den Keller verbannt, während die älteren Frauen sich flüsternd unterhielten und durch die Tasche meiner Mutter stöberten – ihre „Hausbesuchstasche“, wie sie sie nannte.
An diesem Tag zeigte mir Lily Jane ihr Barbie-Wohnmobil, und damit war es um mich geschehen. Ich fand sie einfach großartig mit ihrem pinken, puppengroßen Wohnmobil, komplett mit Rutsche und einem Ken, der ohne Hose im Pool saß. Es war das reinste Paradies für kleine Mädchen, verglichen mit dem Kessel und den Gewürzgläsern voller getrockneter Froschteile, mit denen ich spielen musste. Lily Jane war jedenfalls froh, als ihr Vater eine Woche später wieder zu Hause einzog, nachdem er sich von seiner Geliebten getrennt hatte. Als Erwachsene haben wir nie wirklich darüber gesprochen, aber wir beide wissen, warum meine Mutter an diesem Tag zu ihr gerufen wurde, auch wenn wir als Kinder keine Ahnung hatten.
Meine Mutter war die Hexe der Stadt. Wenn man ein Problem hatte, löste sie es. Ist dein Ehemann mit seiner Geliebten durchgebrannt? Er kommt innerhalb eines Mondzyklus zurück und bettelt sogar auf Knien. Hat deine Schwester deinen Teil des Erbes eingestrichen? Keine Sorge. Sie wird bald ihr ganzes Geld verlieren, und du bekommst deinen Anteil und noch mehr dazu. Schlechte Haut? Für Lonnie Owl kein Problem.
Unsere Gegend wurde vor ein paar Jahren von der staatlichen Universität untersucht, weil es im Landkreis so wenige Anfragen für In-vitro-Fertilisation und Fruchtbarkeitsbehandlungen gab. Sie fanden keinen erklärbaren Zusammenhang für die hohe Fruchtbarkeits- und niedrige Sterilitätsrate. Die Forscher waren fassungslos, warum die Frauen in unseren Gemeinden keine herkömmlichen Fruchtbarkeitsbehandlungen in Anspruch nahmen, während diese überall sonst zunahmen. Das Wasser wurde untersucht. Stromleitungen wurden überprüft.
Tja, man kann eben schlecht erklären, dass die örtliche Hexe bei der Hälfte der Frauen im Landkreis auf der Kurzwahltaste steht. Die meisten Frauen waren einfach zu schüchtern, einem Wissenschaftler gegenüber zuzugeben, dass die Hexe aus dem Ort ihre Eierstöcke verzaubert hat.
Meine Mutter starb vor zwei Jahren. Sie konnte ihr eigenes Leben nicht retten, als der Krebs zuschlug. Viele im Ort hielten sie für unbesiegbar und glaubten, sie könne niemals sterben. Leider ist das eine bittere Wahrheit über die Magie meiner Familie.
Wir können sie nicht für unsere eigenen Zwecke nutzen. So hat es noch nie funktioniert.
„Was machst du morgen Abend?“, fragt Lily Jane und reißt mich aus meinen Gedanken an meine Mutter. „Kerzen gießen, die das Sexleben der ganzen Stadt aufpeppen?“, fragt sie und nickt in Richtung meines Ladens.
„Komm schon. Du weißt, dass ich an Halloween das Haus nicht verlassen kann. Ich kann schon froh sein, wenn ich die Tür für die Kinder öffne und ihnen Süßigkeiten gebe. Selbst das macht mir eine Scheißangst. Ich drücke ihnen die Twizzlers in die Hand und knalle die Tür so schnell wie möglich zu. Ich glaube, das macht den Kindern auch Angst. Ich habe das Gefühl, dass ich *dieses* Haus bin. Du weißt schon, das, bei dem sich die Kinder gegenseitig herausfordern, hinzugehen.“
„Hast du etwa ein Kind in eine Kröte verwandelt und mir nichts gesagt?“
Ich lache und lockere meinen Nacken. „Noch nicht. Aber wenn ich mir die grünen Gesichter ansehe, wenn sie nach Süßigkeiten fragen, halten sie es durchaus für eine Option.“
„Hast du immer noch nicht gelernt, deine Probleme in den Griff zu bekommen? Deine Mutter hat Halloween geliebt. Sie ist mit Gewichten an den Füßen durch die Stadt gelaufen, als Hommage an all unsere Vorfahren, die in Salem als Hexen ertränkt wurden. Sie hatte nie irgendwelche Probleme.“
Ich ziehe eine Kiste unter der Registrierkasse hervor und fange an, einen Tisch mit Weihnachts-Kerzen für die Kunden zu bestücken, die am Tag nach Halloween kommen werden. „Tut mir leid, dass ich meine Kraft nicht so gut beherrschen kann wie meine Mutter.“
„Genau das verstehe ich nicht“, sagt Lily Jane, lehnt sich gegen den Tisch und schlägt die Beine übereinander. Sie zieht ihren braunen Pferdeschwanz fest und neigt den Kopf zur Seite. „Du hast deine Kraft unter Kontrolle, wenn du deine Tränke und Kerzen machst“, sagt sie und deutet im Raum herum. „Warum kannst du sie sonst nicht kontrollieren?“
Sie hat recht. Ich konnte meine Kraft noch nie kontrollieren, außer wenn ich sie auf die Tränke fokussiere, die ich in meinem Laden herstelle. Wie traurig es auch klingen mag, ich wurde die Hexe der Stadt, als meine Mutter starb. Außer für ein paar Kerzen, die die Leute anzünden können, um sich eine Beförderung zu wünschen oder Haarausfall zu verhindern, bin ich seitdem die Enttäuschung der Stadt.
„Ich weiß es nicht“, grummle ich, ohne sie anzusehen. „Wenn ich es herausfinde, lasse ich es dich und alle anderen wissen, die bei mir vor der Tür stehen und wollen, dass ich die Impotenz ihres Mannes heile oder ihre Kampagne für den Schulausschuss zum Erfolg führe. Bis dahin stehe ich hier in der Ecke, braue meine Tränke, schmelze sie in meine Kerzen und hasse mich selbst.“
„Ich wollte nicht, dass du dich schlecht fühlst. Sorry“, sagt sie.
Ich winke die Entschuldigung ab. „Schon gut. Es ist schwer, weißt du? Es ist, als ob ein berühmter Basketballspieler einen Sohn hätte, der nicht gleichzeitig laufen und Kaugummi kauen kann. Ich habe nicht nur das Gefühl, die ganze Stadt enttäuscht zu haben, sondern auch meine Mutter. Und die ist nicht mal hier, um mich zu verurteilen.“
„Du weißt, dass sie stolz auf dich war.“
„War sie das? Und obendrein habe ich Angst, dass die Stadt mich hasst.“
„Wir haben das Jahr 2022. Glaubst du wirklich, die Leute würden eine Hexe mit Mistgabeln und Fackeln aus der Stadt jagen? Außerdem: Wenn die Stadt dich hassen würde, würden sie deine Kerzen nicht kaufen. Du verkaufst dich hier gut.“
Ich atme tief durch und sehe sie einen Moment lang an. Mit meinem Geschäft hat sie recht. Es boomt sogar. Sicher, das liegt zum größten Teil daran, dass Touristen unsere malerische Einkaufsstraße mit ihren gemütlichen Eisdielen, Blumenläden und Läden für hausgemachte Seifen und Badebomben mögen. Die Einheimischen kommen aber auch oft genug, vor allem um Weihnachten herum. Weihnachtskerzen machen 25 Prozent meines Jahresumsatzes aus. Sie kommen auch, wenn sie verzweifelt etwas brauchen, in der Hoffnung, dass Lonnie Owls Tochter dieselbe Magie bewirken kann.
„Lass uns das Thema von meinen beschissenen Hexenfähigkeiten wegwechseln.“
„Super“, sagt Lily Jane, klatscht in die Hände und zeigt ihr Grinsen, das bedeutet, dass sie etwas ausheckt. „Willst du dieses Jahr den Kindern helfen?“, fragt sie.
„Ich will immer den Kindern helfen, aber was hast du dir vorgestellt?“
„Du weißt doch, dass ich für die Charity-Veranstaltung und das Lagerfeuer im Krankenhaus morgen Abend verantwortlich bin?“
„Ja“, sage ich langsam. Lily Jane ist Krankenhausverwalterin und für Dinge wie Wohltätigkeitsveranstaltungen für die pädiatrische Krebsstation zuständig. Sie plant das jährliche Halloween-Gala-Event für die Krebsforschung schon seit Monaten. „Was hat das mit mir zu tun?“, frage ich.
„Nun, wir dachten, es wäre lustig, eine Date-Verlosung auf der Party zu machen.“
„Was ist eine Date-Verlosung?“
„Du suchst Frauen, die freiwillig für Dates zur Verfügung stehen, ähnlich wie bei einer Date-Auktion. Wenn die Männer kommen, kaufen sie ein Los für die Verlosung. Wenn die Nummer auf seinem Los mit deiner übereinstimmt, seid ihr ein Paar.“
„Das ist sexistisch und barbarisch zugleich. Von dir hätte ich mehr erwartet“, fahre ich sie an.
„Wieso ist das sexistisch?“, fragt sie, runzelt die Stirn und ignoriert meine Frage. „Es ist freiwillig. Niemand zwingt eine Frau dazu, sich als Date-Preis anzubieten, und die Gewinnnummern werden zufällig gezogen. Es ist nicht sexistischer als dieses Speed-Dating, bei dem wir letztes Jahr angemeldet waren. Es ist ja nicht so, dass ein Typ sich aussuchen kann, wen er will, wie bei einer Viehauktion. Es ist einfach nur Spaß, um den Abend aufzulockern und neue Leute kennenzulernen.“
Ich stelle die letzte Kerze auf den Tisch, baue den Karton ab, durchstoße das Klebeband und falte ihn zusammen, bevor ich ihn hinter meinen Verkaufstresen werfe. „Lass mich das richtig verstehen. Ein Typ zahlt Geld für die Chance auf ein Date mit einer Frau, die er vielleicht gar nicht attraktiv findet. Reden wir gar nicht erst davon, was die arme Frau abbekommt. Sie könnte bei einem gruseligen Stalker landen oder bei einem Neunzehnjährigen voller Pickel.“
„Die hypothetische Frau könnte aber auch ein Date mit einem attraktiven Milliardär gewinnen.“
„Ein attraktiver Milliardär, der nichts Besseres zu tun hat, als in die Kleinstadt Rose Bluff in Ohio zu kommen und darauf zu wetten, dass ihn sein Zehn-Dollar-Los zur Frau seiner Träume führt?“, frage ich mit einem aufgesetzten Lächeln.
„Technisch gesehen kostet ein Los zehn Dollar.“









Absolutely LOVED the synopsis!! It is very compelling & fun!! Can't wait to read this story!!
I like the banter between the friends. Interesting way o doing the raffle too. Still sexist but needed for the story. 🤓