Kapitel 1
Alessia
Ich würde heiraten.
Tränen liefen mir über die Wangen, während ich mich im Ganzkörperspiegel betrachtete. Das stundenlange Weinen hatte meine Haut gerötet und meine Augen geschwollen und verweint aussehen lassen. Ich konnte diesem Schicksal nicht entkommen, nicht, wenn jeder Winkel des Anwesens meiner Eltern von seinen Männern wimmelte. Ich konnte nicht fliehen; ich musste mich dem fügen, was er für mich vorgesehen hatte. Mein Leben gehörte nicht mehr mir, sondern ihm – er spielte damit, wie er wollte.
„Komm, wir müssen dich fertig machen“, sagte die Frau, die mit ihm gekommen war. Sie hatte mich in das Kleid gezwungen. Sie hatte meine Haare gemacht, mein Make-up, einfach alles. Nicht, dass man von dem Make-up noch viel sehen konnte. Meine Tränen hatten ihre makellose Arbeit zunichtegemacht. Sie sah missbilligend auf mich herab, während sich ihre Augenwinkel in Falten legten. Trotzdem bedeutete sie mir, mich auf den Stuhl vor dem Schminktisch zu setzen, und zwang mich so, mein Spiegelbild erneut zu betrachten.
Ich hasste die Frau, die ich da sah. Ich hasste diesen Ausdruck von Niederlage in ihren Augen. Ohne groß nachzudenken, wanderte mein Blick zu meinem Handy. Er hatte es nicht für nötig gehalten, es mir wegzunehmen. War das eine Prüfung? Wollte er sehen, was ich damit anfangen würde? Meine Hand schnellte danach vor, bereit es zu greifen, doch ihre Stimme hielt mich zurück.
„Denk an die Leute unten“, sagte sie und trug eine weitere Schicht Make-up auf mein Gesicht auf, um die Spuren meiner Tränen zu verwischen. „Und Schluss jetzt mit der Heulerei. Das hilft dir nicht weiter. Männer wie…“ Sie verstummte. Ich sah zu ihr auf, und sie seufzte, während ihre Schultern kraftlos nach unten sanken. „Männer wie er fragen nicht, sie nehmen sich, was sie wollen. Tränen werden ihn nicht umstimmen. Und lass dir eines gesagt sein…“ Sie hielt wieder inne, als würde sie gründlich über ihre nächsten Worte nachdenken.
„Wenn du in seiner Welt Schwäche zeigst, frisst sie dich bei lebendigem Leib auf. Sei stark.“ Ich nahm ihre Worte auf, aber ich war nicht in der Lage, jetzt stark zu sein. Nicht, während all meine Träume direkt vor meinen Augen zerstört wurden. Ich hatte mir dieses Leben nie ausgesucht. Ich war hineingeboren worden, und gerade als ich kurz davor war, dem zu entkommen, musste er auftauchen und alles ruinieren.
„Ist er ein guter Mensch?“, fragte ich mit zitternden Lippen und tat mein Bestes, um keine weitere Träne über meine Wange kullern zu lassen.
„Es gibt keine guten Männer in dieser Welt, Kind. Such nicht nach dem Guten an einem Ort, von dem du ganz genau weißt, dass du es dort nicht finden wirst.“ Ihre Worte drangen durch meine Haut bis auf meine Knochen und ließen mich beben. Ich hatte gehofft, dass ich unter all der Rücksichtslosigkeit etwas in ihm finden würde, das ich ertragen konnte, aber nein, ihre Worte erstickten diese Hoffnung im Keim.
„Halte den Kopf unten. Hör auf das, was er sagt, und vielleicht überlebst du.“
„Wie lange bist du schon bei ihnen?“
„Schon lange“, sagte sie mit einem Hauch von russischem Akzent. Ich wollte gerade etwas anderes fragen, als sich die Tür zu meinem Zimmer öffnete. Meine Mutter trat ein, trug ein schwarzes Kleid und ihre Augen waren rot vom Zurückhalten der Tränen.
Sie sah mich kurz an und wandte dann den Blick zum Fenster. Die Trauer, die von ihr ausging, ließ in mir den Wunsch aufkommen, den Mann im Wohnzimmer umzubringen. Er war an all diesem Leid schuld.
Als sie mich wieder ansah, wirkte es, als hätte sie das Gefühl, bei mir versagt zu haben.
„Es ist nicht deine Schuld, Mama“, sagte ich zu ihr.
„So fühlt es sich aber nicht an“, sagte Gianna Ricci. Sie schenkte mir ein trauriges Lächeln. Als ich wieder etwas sagen wollte, kam sie mir zuvor. „Er wartet auf dich.“ Mein Körper spannte sich bei diesen Worten an, aber ich brachte ein kleines Nicken zustande und erhob mich. Meine Beine gaben nach und ich wäre auf den Teppichboden gestürzt, hätte mich die Frau nicht rechtzeitig aufgefangen. Ich kannte nicht einmal ihren Namen. Die Schrecken dieses Tages waren einfach zu viel, als dass ich noch den Anschein von Manieren hätte wahren können.
Meine Mutter nahm meine Hand und führte mich aus dem Zimmer. Ich folgte ihr, weil ich wusste, dass ich sie nicht aufhalten konnte – wenn ich es täte, würde er meinen Vater töten. Ich konnte dem hier nicht entkommen, ohne jemanden zu verlieren, den ich liebte.
Ich atmete tief ein und versuchte verzweifelt, die Tränen zurückzuhalten. Ich würde nicht weinen, nicht vor ihm. Wenn er das tat, um mich zu brechen, würde ich ihm den Gefallen nicht tun.
Der Weg zum Wohnzimmer fühlte sich wie der längste, qualvollste Gang meines Lebens an. Jeder Schritt ließ meine Knochen erzittern. Bei jedem Schritt drohten Tränen aus meinen Augenwinkeln zu laufen.
Ich konnte nicht begreifen, wie ein Tag, der so perfekt begonnen hatte, so enden konnte.
„Ich will das nicht“, sagte ich zu ihr, wobei meine Stimme am Ende brach.
Wir blieben stehen. Meine Mutter packte meine Schultern und drehte mich zu sich um. Ich blinzelte die Tränen weg, als ich den Schmerz in ihren Augen sah. „Du musst das nicht tun. Wir können ihm Nein sagen.“
„Dann stirbt Papa“, stellte ich fest. Warum zögerte ich das Unvermeidliche überhaupt hinaus? Seine Anwesenheit hier hatte mein Schicksal besiegelt. Jede Verzögerung könnte für meinen Vater tödlich sein. Ich konnte das nicht zulassen. Ich könnte niemals mit mir selbst leben, wenn ich wüsste, dass die Heirat mit diesem Monster das Leben meines Vaters gerettet hätte.
„Ich glaube nicht…“
„Er ist ein Monster, Mutter. Er würde es tun.“ Meine Mutter seufzte, eine einzelne Träne lief über ihre Wange. „Und wir können nicht gegen ihn kämpfen. Was tue ich hier eigentlich?“ Ich wich einen Schritt zurück. Wir konnten hier stehen und darüber reden, aber nichts würde mich vor diesem Schicksal bewahren, außer dass ich meinen Vater vor dem Tod retten konnte.
„Machen wir es.“
„Alessia –“
„Nein, Mama. Ich werde ihn nicht verlieren.“ Ich zwang meine Füße dazu, mich von ihr wegzubewegen. Sie folgte dicht hinter mir, ihre Absätze klackten auf dem Boden.
Meine Muskeln erstarrten, als wir das Wohnzimmer erreichten. Ich nahm die Szenerie in mich auf; jeder Teil von mir zitterte – vor Schmerz, vor Frustration, vor Hoffnungslosigkeit. Männer in schwarzen Anzügen und Krawatten füllten den Raum, ihre Hände waren frei von Waffen. Eine Illusion von Sicherheit, alles nur, um mich in Sicherheit zu wiegen, zumindest dachte ich das.
Ich suchte den Raum ab, bis mein Blick an meinem Vater hängen blieb. Sie hatten ihn an einen Stuhl gefesselt, seine Hände waren auf dem Rücken zusammengebunden, sein Mund mit Klebeband zugeklebt. Schweißperlen standen auf seiner Stirn, sein Haar war zerzaust, als wäre es nicht vor ein paar Stunden noch perfekt gekämmt gewesen.
Als er den Blick hob, trafen sich unsere Augen, und sie zeigten einen Schmerz, den ich niemals vergessen würde. Ich war bei weitem nicht dumm genug, um zu glauben, dass mein Vater mich nicht für seine Freiheit opfern würde. Männer in dieser Welt waren aus demselben Holz geschnitzt: grausam und egoistisch. Das Einzige, was hier geschah, war, dass Ivan Antonov ihn als Druckmittel benutzte, um an mich heranzukommen.
Apropos Ivan: Er stand ein Stück entfernt von meinem Vater, ein Priester neben ihm. Sie flüsterten miteinander, während ich in dem Hochzeitskleid dastand, von dem ich nicht geahnt hatte, dass ich es heute tragen würde.
Als hätte mein Blick seine Haut verbrannt – ich hoffte es –, sah er auf. Seine grünen Augen trafen meine, und er lächelte.
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♥️♥️♥️









Poor Alessia ( I do love that you have an Alessia and I had an Alessio! lol)
How did I miss this one?
Like always, two feet jumping in at once
I been waiting for this one to be completed 🙌