Kapitel 1 ❉ Kaltweiß
Das Seidenlaken klebt an meiner Haut, schwer von der Hitze der vergangenen Stunde und dem Geruch nach Macht.
Magnus atmet ruhig. Magnus Rathmore — Königstiger und designierter Thronfolger, amtierender Regent des dahinsiechenden Königs. Ihm fehlt der Titel, doch die Macht gehört ihm schon. Sein Arm liegt schwer über meiner Taille, besitzergreifend, eine stählerne Klammer, die selbst im Schlaf nicht nachgibt.
Ich liege vollkommen still auf der Seite, den Blick auf die gewaltigen, regengeschwängerten Fenster des königlichen Schlafzimmers gerichtet. In der Spiegelung des Glases leuchten meine eigenen Augen ausdruckslos und eisblau zurück. Das einzige Erbe des Schneeleoparden in einer Hülle, die ansonsten für die Royalen gezüchtet wurde.
Für Tiger wie ihn.
Er rührt sich, schmiegt sein Gesicht in meinen Nacken. Ich bekomme eine Gänsehaut, als seine Nase über meinen Puls streift. Keine Erregung, aber auch keine Abneigung. Sofort greife ich nach der Magie in meiner Brust. Ich spüre das Aufflackern seines Besitzanspruchs, scharf und fordernd, und lege sanft meine empathischen Fäden darum. Ich dämpfe seine latente Paranoia — dieses ständige, nervöse Summen, das Magnus nie ganz verlässt — stattdessen flute ich ihn mit dem Gefühl tiefer, brennender Hingabe.
Ich streichle seine Emotionen, bis ich spüre, wie er sich entspannt. Es ist ein Diebstahl an seinem freien Willen, ein notwendiges Gift, das ich ihm Tropfen für Tropfen einflöße. Er glaubt, die berauschende Liebe sei die Antwort auf meinen Herzschlag.
Er irrt sich.
Es ist eine Illusion, die ich für ihn webe. Eine, die ich an manchen Tagen selbst glauben möchte, um die Stille in meiner eigenen Brust zu übertönen.
Ich kann ihm mein Herz nicht geben. Ich besitze keines mehr, das noch lebendig genug dafür wäre. Aber Magnus hat meine Treue. Bis in den Tod, wenn es sein muss. Bevor er den Thron verwaltete, war ich nichts weiter als ein seltener Fehler im System — ein Hybrid, der im Nest der Tiger geboren wurde. Ein Makel, den sie zu ihrer wertvollsten Waffe umfunktioniert haben. Für die Royalen ist meine Existenz eine seltene Gelegenheit, die von Hand zu Hand gereicht wurde, in der Hoffnung, den perfekten Erben zu zeugen. Sie sahen in mir einen Stammbaum.
Magnus sah mich.
Er gab mir Würde, wo vorher nur Kalkül war. Er behandelt mich wie ein Individuum, wie eine Schattenkönigin. Und ich sorge dafür, dass er seine Entscheidung nie bereut. Manchmal ist Loyalität eben nur ein anderes Wort für eine Schuld, die man niemals ganz abtragen kann.
“Du bist wach”, murmelt Magnus, seine Stimme dunkel und rau vom Schlaf.
“Ich bewache deinen Schlaf, mein König”, flüstere ich wahrheitsgemäß.
Ich drehe mich in seinen Armen um, streiche ihm sanft eine helle Haarsträhne aus der Stirn. Er fängt meine Hand ein, drückt einen Kuss auf meine Handfläche. In seinen hellgrün leuchtenden Augen liegt ein Hunger, der mich jedes Mal ein bisschen mehr aushöhlt, weil er so verdammt echt ist. Es wäre einfacher, wenn er mich hassen würde. Hass ist ehrlich. Seine Liebe hingegen ist ein Gewächs, das ich in einer Wüste aus Lügen züchte, und ich bin diejenige, die zusehen muss, wie sie mich langsam erstickt, mich auslaugt.
“Ich brauche dich wach”, sagt er leise und zieht mich etwas näher. “Die Ernennung ist durch. Cooper Harcourt hat den Osten, aber er hat seinen Thronanspruch aufgegeben. Das Schachbrett ist neu aufgestellt.”
“Eine brillante Meisterleistung”, sage ich, und die Anerkennung in meiner Stimme ist nicht gespielt. “Aber du klingst, als gäbe es noch lose Fäden.”
Ein kalter Schatten huscht über sein Gesicht. Der Regent übernimmt wieder die Kontrolle. “Harcourt und seine kleinen Rebellen glauben, sie hätten mich in der Hand. Aber ich habe mir die Schwestern gesichert. Die mittlere...” Er schnalzt leise mit der Zunge, als würde er über ein lästiges Insekt sprechen. “Nyx. Der weiße Jaguar. Ich schicke sie in den Westen. Alpha Corso braucht eine Braut, und ich brauche die Minen der Schneeleoparden. Ein Bündnis, das Harcourt daran erinnern wird, wer die Allianzen schmiedet.”
“Der eiskalte Westen”, murmle ich. “Der Bergfürst wird sie verschlingen. Sie ist praktisch ein Kind.”
Und sie hat die emotionale Belastbarkeit von nassem Pergament. Magnus schickt eine Lilie in den Dauerfrost.
“Das ist der Plan”, erwidert Magnus ungerührt. Seine Fingerspitzen wandern meine Wirbelsäule hinab, eine Spur aus Eis auf erhitzter Haut. “Aber ich brauche jemanden, der sicherstellt, dass der Alpha seine Pflichten mir gegenüber nicht vergisst. Und jemanden, der das Mädchen im Auge behält, falls sie auf dumme Gedanken kommt.”
Sein Blick bohrt sich in meinen. Er sucht nach Zögern, nach dem kleinsten Riss in meiner Fassade. Ich begegne ihm mit nichts als sanfter, loyaler Offenheit, während ich die winzige Nadel der Angst tief in meinem Inneren begrabe.
“Du willst, dass ich mit ihr gehe”, stelle ich fest.
“Nur für ein paar Wochen.” Magnus streicht über meine Wange, eine Geste, die Zärtlichkeit simuliert und doch nur Besitz markiert. “Niemand kennt die Natur der Schneeleoparden besser als du, Ani. Du wirst seine Verhandlungen durchschauen. Du wirst mir seine wahren Absichten auf dem Silbertablett servieren.”
Er vertraut mir. Ein bisschen. Das ist das höchste Maß an Vertrauen, zu dem dieser Mann fähig ist.
“Ich werde deine Augen und Ohren sein”, verspreche ich und lehne mich vor, um seine Lippen zu streifen.
Magnus’ Hand schließt sich um meinen Nacken. Er erwidert den Kuss, kurz und hart. “Das wirst du. Aber weil du meine teuerste Gefährtin bist und ich nicht riskieren kann, dass dir im feindlichen Eis etwas zustößt... wird Vesper euch begleiten.”
Mein Blut gefriert, doch ich lasse keinen Muskel zucken. Vesper. Eine Luchs-Wandlerin. Einer von Magnus’ loyalsten Bluthunden, fähig, die lautesten Gedankenränder zu hören. Er schickt sie nicht zu meinem Schutz. Er schickt sie, um mich zu überwachen.
Ein kalter Stich der Einsamkeit bohrt sich in meine Brust. Seit einem Jahr habe ich ihm alles gegeben, was ich bin. Ich schütze seinen Verstand vor seiner eigenen Dunkelheit. Und dennoch reicht es nicht. Die Paranoia des Regenten duldet keine blinden Flecken, nicht einmal in seinem eigenen Bett.
“Vesper ist eine hervorragende Wahl”, antworte ich reibungslos und schiebe den Schmerz unter das makellose Eis meiner Seele.
Er nickt nicht. Bestätigung erfragt er nicht. Er nimmt sie sich.
“Wann brechen wir auf?”
“In zwei Stunden”, erwidert er und schiebt einen Arm unter seinen Kopf. “Ich habe bereits für dich packen lassen.”
Sein blondes, leicht gelocktes Haar raschelt auf dem Seidenstoff, als er den Kopf zur Seite dreht. Ich warte, bis sein Atem schwer und gleichmäßig wird. Erst als ich sicher bin, dass der künftige König tief in seinem falschen, von mir gewebten Frieden schläft, löse ich mich vorsichtig aus seiner Umklammerung.
Die kühle Luft des Schlafgemachs schlägt mir entgegen, als ich nackt aus den Laken gleite.
Ich greife nach dem schweren, seidenen Morgenmantel, der über einem Sessel liegt, und hülle mich darin ein. Lautlos wie der Schnee, dessen Erbe ich in mir trage, durchquere ich das Zimmer und öffne die schwere Flügeltür zum Vorzimmer. Sobald sie hinter mir ins Schloss gleitet, lehne ich mich mit dem Rücken gegen das glatte Ebenholz. Es ist so kalt und unnachgiebig, dass es auch Stahl sein könnte. Ich schließe die Augen und erlaube meinen Schultern, für einen winzigen Augenblick nachzugeben. Meine Finger zittern, meine Beine fühlen sich an wie Blei. Die Magie aufrechtzuerhalten — seine Dämonen zu dämpfen und eine Liebe zu simulieren, die ich nicht empfinde — kostet Kraft, die mich von innen her schält.
Reiß dich zusammen, Ani.
Ich wische mir die Erschöpfung aus dem Gesicht, schiebe die Scherben meiner Seele zurück in die dunkelste Ecke meines Verstandes und verschließe sie so fest, dass ich sie selbst kaum noch wiederfinde.
Ich löse mich von der Tür, durchquere den Vorraum und trete in den Flur hinaus. An einer Marmorsäule im Halbdunkel lehnt eine Gestalt. Vesper. Die Luchs-Wandlerin pellt sich aus den Schatten, als wäre sie ein Teil von ihnen. Schlank, drahtig, mit scharfen, bernsteinfarbenen Augen und Haaren, die an die Farbe von trockenem Wüstensand erinnern. Sie lächelt, aber es ist das Lächeln eines Raubtiers, das gerade eine Fährte aufgenommen hat.
“Der König schläft?“, fragt sie. Ihre Stimme ist ein leises Schnurren, das an den Steinwänden abprallt.
“Natürlich”, antworte ich kühl. Ich ziehe den Seidenmantel enger um mich und baue sofort eine mentale Mauer auf. Keine lauten Gedanken. Keine aufgewühlten Emotionen. Vespers Ohren fangen alles auf, was an der Oberfläche meiner Seele kratzt. Ich darf ihr nichts geben, womit sie arbeiten kann.
“Er hat dir von unserer kleinen Reise erzählt”, schnurrt sie weiter und kommt einen Schritt näher. Ihr Blick gleitet berechnend an mir herab und verweilt dort, wo Magnus’ Hitze immer noch an mir klebt. “Der Westen. Alpha Corso. Und ein kleiner weißer Jaguar im Gepäck. Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit, Ani.”
“Die Freude ist ganz meinerseits”, erwidere ich monoton. Eine Lüge, so glatt poliert, dass sie beinahe an mir selbst abperlt.
Vesper neigt den Kopf leicht zur Seite, als würde sie einer fernen Melodie lauschen. Sie sucht nach den Echos meiner Gedanken. Nach dem Schmerz über Magnus’ Misstrauen. Nach versteckter Wut.
Aber sie findet nichts.
Mein Schneeleoparden-Blut friert meine Aura ein, bis ich emotional so teilnahmslos und tot bin wie ein zugefrorener See. “Magnus hat große Erwartungen an diese Allianz. Wir werden dafür sorgen, dass das Mädchen ihre Pflicht tut.”
“Oh, das werden wir.” Vesper fixiert mich, ihre Nasenflügel beben leicht. Sie hasst es, wenn sie keinen Hebel findet, keine emotionale Unwucht, an der sie ihre Krallen ansetzen kann. Dass ich emotional so leer bin wie eine ausgebrannte Kerze, ist mein einziger Sieg in diesem Raum.
“In zwei Stunden”, sagt Vesper und löst sich von der Säule. Sie deutet mit einer herablassenden Geste in Richtung des goldenen Käfigs, den wir den Gästeflügel nennen. “Das Mädchen wartet bereits. Nyx de Layes hat wohl die ganze Nacht kein Auge zugetan. Man hört ihr Herz bis in den Flur klopfen. Ein schneller, flattriger Takt. Wie bei einem Vogel, der weiß, dass die Katze vor dem Nest sitzt.”
Sie tritt einen Schritt zurück in die Schatten, ihre bernsteinfarbenen Augen leuchten ein letztes Mal auf. “Ein weißer Jaguar, Ani. Man sagt, sie sei wunderschön. Aber wunderschöne Dinge zerbrechen so leicht, wenn der Druck zu hoch wird. Findest du nicht auch?”
“Manche Dinge zerbrechen nicht”, erwidere ich ungerührt, während ich bereits an ihr vorbeigehe. “Sie zersplittern. Und Splitter können verdammt scharf sein, Vesper.”
Ich warte nicht auf ihr hämisches Schnurren, das mir garantiert folgen würde. Ich drehe mich um und gehe den langen, kaltweiß beleuchteten Korridor hinab. Mein Herzschlag ist ruhig, mein Verstand klar und eiskalt, auch wenn meine Beine sich immer noch anfühlen, als müsste ich sie durch tiefen Schlamm ziehen.
Nyx de Layes.
Das nächste Opferlamm der Krone. Magnus überlässt es mir, sie zur Schlachtbank zu führen — oder zumindest so weit in den Norden, bis die Kälte den Rest erledigt. Ich werde ihr gleich in die Augen sehen und ihr erklären müssen, dass ihr Leben ab sofort nicht mehr ihr gehört. Dass sie nur noch eine Unterschrift unter einem Vertrag ist, der in Blut besiegelt wird.
Ich werde die loyale Dienerin spielen. Die Schattenkönigin, die keine Gnade kennt. Aber während meine Hand nach dem schweren Griff der Tür zum Gästeflügel greift, frage ich mich, ob Magnus gerade den Fehler seines Lebens macht.
Denn er schickt uns in den Westen. Und der Westen verschlingt keine Opfer.
Er formt Monster.









Ich bin auch wieder dabei und freue mich auf eine spannende Fortsetzung.
Ein wundervoller Anfang. Ich freue mich auf die Fortsetzung 🥰
Ein toller Start 😻 mir ist schon eiskalt 🥶
😹😘