Chapter 1
Kapitel 1
Ich atmete tief ein.
Das war ein Fehler. Die dicke, mit Rauch und Parfüm geschwängerte Luft füllte meine Lungen. Sofort musste ich so heftig husten, dass mir die Tränen in die Augen schossen.
„Verdammt“, krächzte eine Stimme. „Mir hat niemand gesagt, dass wir Chormädchen einstellen.“
Ich drehte mich um.
Eine ältere Frau, vielleicht Mitte vierzig, lehnte an der Wand, eine Zigarette zwischen den Fingern. Ihr Lippenstift war leuchtend rot und ihre Augen waren mit schwarzem Kajal umrandet. Sie trug ein Showgirl-Kostüm – ein Einteiler mit glitzernden blauen Pailletten.
Sie musterte mich langsam von oben bis unten und schnalzte mit der Zunge – als würde sie mich jetzt schon verurteilen.
„Erster Tag, was?“, fragte sie, stieß sich von der Wand ab und kam auf mich zu.
Ich nickte.
Sie hob eine Augenbraue, bevor sie tief an ihrer Zigarette zog. „Schätzchen, du siehst aus, als wärst du auf dem Weg zum Ballett falsch abgebogen.“
„Ich bin Riley“, krächzte ich; mein Hals war von der Luft immer noch staubtrocken. Ich angelte mein Inhalatorspray aus der Tasche, setzte es an die Lippen und nahm zwei tiefe Atemzüge.
„Mira“, sagte sie und blinzelte misstrauisch auf mein Inhaliergerät. Sie schnippte die Asche auf den Fliesenboden und fuhr fort: „Und was zum Teufel soll das Ding sein?“
Ich zögerte. „Mein Inhalator?“
Sie legte den Kopf in den Nacken und lachte – und zwar richtig.
„Du bist in einem Club, Süße“, feixte sie. „Damit reißt du hier nichts.“
Ich wandte mich von ihr ab und betrachtete mich im Spiegel. Es sah fast aus, als wäre ich nackt. Ich trug ein Oberteil, das wie ein BH geformt war, und ein Unterteil aus goldenen Ketten und weißen Kristallen. Das Design sollte die Illusion erwecken, ich sei kaum bekleidet, damit die Leute dachten, sie würden mehr sehen, als eigentlich zu sehen war.
„Komm schon, Schätzchen. Einarbeitung“, sagte Mira. Sie warf mir noch einen langen Blick zu, bevor sie sich umdrehte. Ich hastete hinter ihr her.
Ich folgte ihr durch einen schmalen Flur voller alter Gemälde und greller weißer Lampen, die bei unserem Vorbeigehen flackerten. Wir kamen an einigen Tänzerinnen vorbei. Sie lachten und unterhielten sich, ihre Kostüme raschelten, während wir an ihnen vorbeigingen – aber keine von ihnen würdigte mich eines Blickes.
„Regel Nummer eins“, sagte Mira und warf einen Blick zurück zu mir. „Keine Dates mit den Gästen – und lass dich nicht mit ihnen ein.“
Ich blinzelte. „Das hatte ich auch gar nicht vor.“
„Das sagen viele Frauen, wenn sie hier anfangen“, entgegnete sie. „Aber bei diesen Männern, Süße … wenn Worte nicht reichen, benutzen sie ihr Geld. Und davon haben sie jede Menge.“
Sie blieb vor einem Schminktisch stehen, beugte sich vor und prĂĽfte ihren Lippenstift.
„Regel Nummer zwei“, fuhr sie fort und drehte sich zu mir um. „Die Gäste dürfen dich anfassen, wenn es dir nichts ausmacht. Aber wenn dich jemand gegen deinen Willen berührt, musst du das sofort Rick melden.“
Ich nickte und sah zu, wie sie ihre Zigarette auf dem Schminktisch ausdrĂĽckte.
Rick war der Manager des Clubs. Ich hatte ihn beim Vorstellungsgespräch kennengelernt. Er war ein älterer Mann, wahrscheinlich in den Fünfzigern. Er wirkte eigentlich ganz nett.
„Und Regel Nummer drei“, sagte sie, „wenn du mit anderen Mädels zusammen tanzt, teilen wir das Trinkgeld, das auf die Bühne geworfen wird. Aber wenn du eine Solonummer hast, gehört alles dir. Am Ende des Abends müssen wir allerdings alle einen Teil unserer Einnahmen an Rick abgeben.“
Sie drehte sich wieder zum Spiegel und deutete auf den Stuhl. „Na gut, dann wollen wir mal sehen, was wir aus dir machen können. Ich soll dir beim Schminken helfen.“
Innerlich verzog ich das Gesicht. Nicht, dass Mira nicht nett wäre – aber ihr Make-up … das war ein bisschen aus der Mode gekommen.
Sie seufzte, als könnte sie meine Gedanken lesen: „Keine Sorge, Schätzchen, ich weiß schon, wie ihr jungen Dinger euch gerne schminkt. Jetzt komm schon.“
Ich lächelte höflich und setzte mich auf den Stuhl.
„Ich liebe deine Haare“, sagte sie und zupfte sanft an ein paar Strähnen. „Platinblond steht dir gut – und der Bob auch. Sehr stylisch.“
„Danke“, sagte ich.
„Wir machen Gold für deine Augen, Gold sieht bei braunen Augen toll aus“, murmelte sie und holte eine Lidschattenpalette hervor. Ein paar Minuten später war sie schon fertig. Ich schätze, jahrelange Übung beim Schminken zwischen den Auftritten zahlt sich aus.
Mir fiel die Kinnlade herunter, als ich mich im Spiegel betrachtete.
„Ich wusste, dass es dir gefällt“, schnurrte sie hinter mir, während sie sich die nächste Zigarette ansteckte.
„Das tut es“, sagte ich lächelnd. Sie hatte Brauntöne und Gold verwendet und kleine goldene Strasssteinchen um meine Lider und neben meinen Augen platziert.
Ich atmete tief durch und versuchte, meine Nerven zu beruhigen.
„Du wirst das schon machen“, sagte Mira und stieß eine Rauchwolke aus. „Obwohl ich nicht verstehe, warum sie dich ausgerechnet an deinem ersten Abend ein Solo tanzen lassen.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Macht mir nichts aus. Ich tanze schon mein ganzes Leben lang.“
Sie lachte. „Das hier ist eine ganz andere Nummer. Das ist viel zu viel Druck für ein neues Mädchen.“
„Oder vielleicht erkennt das Management Talent, wenn es welches sieht“, sagte eine Stimme hinter uns. Ich sah im Spiegel, dass Rick hinter uns stand. Ich erkannte ihn sofort wieder von meinem Vorstellungsgespräch – mit seinen nach hinten gegelten Haaren und dem grauen Anzug.
Mira verdrehte im Spiegel die Augen zu mir: „Na gut, ich denke, du bist bereit.“
Tja. Das war immer noch ein riesiges Fragezeichen. Sicher, ich war schon mein ganzes Leben lang Tänzerin gewesen. Jahrelang Ballett, Hip-Hop. Alles dank meiner verkorksten Familie. Warum?
Weil arme Kinder an Programmen für arme Kinder teilnehmen können. Wissen Sie, diese Programme, die uns helfen sollen, aus dem Elend aufzusteigen – oder in meinem Fall, aus einer Kleinstadt. Es war die perfekte Flucht vor meinem Zuhause gewesen. Mit einer wahnsinnigen Mutter und einem abwesenden Vater.
Jetzt war ich hier in New York. Weit weg vom ländlichen Massachusetts. Ich arbeitete als Tänzerin in einem Nachtclub. Ich war zweiundzwanzig und würde bald mein letztes Semester an der Kunsthochschule beginnen.
Ich liebte es. Das Gefühl von Kohle unter meinen Fingernägeln, die Farbe auf meiner Haut. Die Art, wie ich die Kontrolle hatte, weil ich meine eigene Welt erschaffen konnte. Aber jedes Mal, wenn mich jemand fragte, was ich mit meinem Abschluss anfangen wollte …
Hatte ich keine Ahnung.
Ich wusste nur, dass ich nicht nach Hause zurĂĽckkonnte.
Nie wieder wollte ich meine Tage damit verbringen, das Geschrei meiner Mutter zu ertragen oder den Schmerz über das Fehlen meines Vaters zu spüren. Nur um die beiden dann am nächsten Morgen wieder zusammen beim Pfannkuchenessen zu sehen, als wäre absolut nichts passiert.
Am Tag, als ich achtzehn wurde, packte ich meinen ScheiĂź und haute ab.
Ich war nie wieder zurĂĽckgekehrt.
„Riley, du bist in zwei Minuten dran“, sagte eine Frau, deren Kopf im Spiegel hinter mir auftauchte.
Mein Magen zog sich zusammen. „Danke.“
Rick zwinkerte mir zu, als ich aufstand und mich umdrehte: „Geh mir ein bisschen Geld verdienen.“
Mira schnaubte, als er wegging.
„Charmebolzen“, murmelte sie.
Dann stieß sie mich sanft an der Schulter an. „Los jetzt, Showgirl.“
Ich schluckte und versuchte, ruhig zu atmen, während ich auf die Bühne trat. Es war dunkel. Ich nahm meine erste Tanzpose ein.
Für einen Sekundenbruchteil fragte ich mich, was zur Hölle ich mir dabei gedacht hatte.
Warum war ich hier?
Hätte ich nicht irgendetwas anderes finden können?
Das war alles Hazels Schuld. Sie war auch Tänzerin hier – und meine Mitbewohnerin. Sie hatte mich überzeugt mitzukommen und prahlte immer mit dem ganzen Geld, das sie verdiente. Aber im Moment schlürfte Hazel Margaritas in Mexiko und war mit ihrer Familie im Urlaub.
Ich spürte, wie die Musik einsetzte, die Vibrationen schossen durch meine Fußsohlen. Dann – gingen die Lichter an. Sie blendeten mich erst, aber ich verlor mein Lächeln nicht.
Tanze. Genau wie du es immer getan hast, Riley.
Also tat ich es. Ich hatte diese Nummer auswendig gelernt und öfter geübt, als ich zählen konnte. Die Bewegungen fielen mir leicht. Sie waren weich, lasziv und … sehr sexy. Aber das wollten sie doch, oder?
Und dann …
Der Stuhl.
Das war der Teil, bei dem ich mir unsicher gewesen war. Es kam mir etwas übertrieben vor, mich auf einen Stuhl zu spreizen und mit den Händen an meinem Oberkörper entlangzufahren. Aber ich erinnerte mich daran, dass es nur ein Tanz war.
Ich lieĂź mich in der Musik verlieren, bis zum allerletzten Schlag.
Die Lichter wurden gedimmt und der Applaus brandete auf. Gefolgt von Pfiffen und Jubel. Ich konnte sehen, wie das Geld durch die Luft flog, als die Gäste es auf die Bühne warfen. Einige liefen zum Bühnenrand und legten ein kleines Bündel ab. Sie sahen zu mir hoch, in dem Versuch, meinen Blick einzufangen, aber ich tat so, als würde ich sie nicht sehen.
Erleichterung machte sich in mir breit.
Ich hatte es geschafft.
Und … ehrlich gesagt hatte es Spaß gemacht. Vielleicht würde es gar nicht so schlimm werden?
Es hatte etwas … Mächtiges, wie sie mir quasi zu Füßen lagen.
„Beweg dich“, zischte eine Stimme. Ich drehte mich um und sah einen Mann in der Dunkelheit, der das Geld von der Bühne aufsammelte. Da waren noch mindestens zwei andere Männer, die meine Einnahmen einsammelten.
Wir sollten so schnell wie möglich von der Bühne runter. Das hatte ich vergessen.
„Entschuldigung!“, flüsterte ich. Ich wandte mich ab, um die Bühne zu verlassen.
Aber dann … sah ich ihn.
Einen Mann.
Sein Gesicht war teilweise durch die Schatten der Privatloge, in der er saß, verborgen. Ein Stroboskoplicht flackerte in der Nähe und beleuchtete kurz wieder einen Teil seines Gesichts.
Ich zog scharf die Luft ein.
Das konnte nicht sein. Nicht wirklich.
Nein.
War er es?
Der Mann, den ich vor all den Jahren zurĂĽckgelassen hatte?
Ich flĂĽsterte in die Dunkelheit.
„Jaxon?“
