Kapitel 1
Dinge, die tot sind, sollte man besser tot lassen.
Aber das sagt man einem Kind nie.
...
Hinds Dorf hatte keinen Namen. Es lag eingeklemmt zwischen drei kahlen Bergen, schwarz wie die verrottenden Zähne der Erde, und auf der vierten Seite – dem Wald. Jeder nannte ihn einfach den bösen Wald, als ob das schon alles wäre. Und das war es auch.
Die Häuser waren niedrig, ihre Dächer schwer, niedergedrückt von Jahren und Wintern. Das Holz war gespalten, der Lehm fiel stellenweise ab. Niemand reparierte mehr, als nötig war, um alles vor dem Einsturz zu bewahren.
Ihr Haus stand am Dorfrand, wo die Straße schmaler wurde und sich im Wald verlor. Es war ein kleines Haus, von der Zeit gebeugt, mit einem großen Raum, der all ihr Hab und Gut und all ihr Schweigen beherbergte, und einem weiteren, noch kleineren hinten, in dem die Kälte selbst dann noch blieb, wenn das Feuer brannte.
Drei Seelen lebten dort – Hind, ihre Mutter und ihre Großmutter. Oder besser gesagt: zweieinhalb, denn ihre Mutter war zwar körperlich anwesend, aber nicht mehr mit allem, was sie einst gewesen war.
Nachdem Hinds Vater im Salzbergwerk gestorben war, verschlungen von der Erde, ohne etwas zu hinterlassen als die Nachricht und ein schweres Schweigen, hatte sich etwas in ihrer Mutter langsam verschlossen.
Sie berührte das Kind nicht mehr, das immer noch nach ihr griff. Sie fragte nicht mehr, ob es hungrig oder müde war, erzählte keine Geschichten mehr, um die Abende zu füllen, und hob den Blick nicht mehr, um zu sehen, ob jemand sie ansah.
Sie arbeitete nur.
Sie arbeitete mit einer schweren Stille, verloren in ihrem eigenen Geist.
Sie wachte vor dem Licht auf, putzte das Haus, kochte, aß ohne zu schmecken, blieb stumm und schlief dann ein, als wäre der Schlaf selbst nur eine weitere Art von Arbeit.
Ihr Blick ging durch Hind hindurch, ohne je auf ihr zu ruhen – und das war ein Jammer, denn hätte er auch nur einen Moment lang innegehalten, hätte sie ein Kind gesehen, wie es in solchen Gegenden nur selten heranwächst. Ein kleines Mädchen von erst sechs Jahren, doch erfüllt von einer Wärme und Lebendigkeit, die so hell war, dass sie das ganze Haus allein hätte ausfüllen können, wenn nur jemand da gewesen wäre, um sie zu sehen.
Hind war die Art von Kind, das noch nicht wusste, wie man vollkommen traurig ist, obwohl die Welt um sie herum ihr genug Gründe gab. Ein Kind, das sich noch an kleine Dinge klammerte und sie groß machte: einen Sonnenstrahl an der Wand, eine Pfütze, in der sich der Himmel spiegelte, ein fallendes Blatt, dem sie bis zum Boden folgte, als wäre es etwas Wichtiges.
Ihre Augen waren schwarz, weit und tief – zu groß für ihr kleines Gesicht. Ihre Haut war blass und rein, als könnte Schmutz sie nur an der Oberfläche berühren, sie aber niemals wirklich erreichen. Ihr langes schwarzes Haar fiel in verfilzten Strähnen über ihre Schultern, doch unter den Fingern ihrer Großmutter wurde es weich und fügsam, als würde sie etwas Zerbrechliches pflegen.
Sie lächelte oft, ohne nachzudenken, ohne ihre Freude abzuwägen.
Und vielleicht war das Seltsamste an ihr, dass sie die Welt genau so liebte, wie sie war. Ohne zu fragen, warum sie so schwer war, ohne sie zu verurteilen. Sie fand in jedem Tag etwas, das es wert war, betrachtet zu werden: den Regen, der sich in ihren Wimpern sammelte und sie blinzeln und lachen ließ, die Sonne, die in ihre Augen schlüpfte und sie halb schließen ließ, den Wind, der ihr Haar anhob und ihr Dinge zuflüsterte, die sie zwar nicht verstand, aber irgendwie fühlte.
Hind wusste nicht, dass das selten war. Und es war niemand da, der es ihr hätte sagen können.
Ihre Großmutter war krank und konnte nur wenige Schritte durch ihre kleinen Räume gehen.
Ihre Hände waren dünn und knotig, gezeichnet von den Jahren, doch warm und geduldig. Ihre Stimme war leise, fast ein Flüstern, aber lebendig – hartnäckig, wie ein kleines Licht, das sich weigerte zu verlöschen.
Sie sang oft, fast jeden Abend, als wäre die Stille des Hauses zu schwer und müsste in kleine, erträgliche Stücke zerbrochen werden.
Es waren keine fröhlichen Lieder. Sie sprachen nicht von einfachen Dingen oder leichter Freude, und auf diese seltsame Art waren sie gerade deshalb wunderschön.
„Komm her, kleiner Vogel“, sagte sie zu Hind und zog sie behutsam an sich.
Sie kämmte langsam ihr Haar und entwirrte dabei nicht nur die Knoten in den dunklen Strähnen, sondern irgendwie auch die Knoten der Tage, die sich übereinander auftürmten.
Und dann sang sie und ließ die Worte fließen wie ein stiller Bach, der seinen Weg kennt –
Von Regen, der nie an denselben Ort zurückkehrt, von Mond und Sternen, die ohne Urteil zusehen, von der Sonne, die wärmt, ohne eine Gegenleistung zu verlangen, von Dingen, die Hind nicht ganz verstand, die sie aber als etwas Gutes empfand.
Von Kindern, die zu schnell erwachsen werden …
Hind verstand nicht alles, aber das musste sie auch nicht. Denn in diesen Momenten – eng an ihre Großmutter gepresst, mit halb geschlossenen Augen und weichem Atem – wurde ihre Welt, die in ihrer Einfachheit ohnehin schon schön war, wärmer, sanfter und leichter zu lieben.
„Eines Tages, kleiner Vogel, wirst du diesen Ort verlassen und etwas Besseres finden“, flüsterte ihre Großmutter, während ihre warmen Finger durch die verfilzten Strähnen glitten und sie sorgsam teilten, als wäre jede einzelne etwas Kostbares. „Du wirst an einen Ort gehen, an dem das Leben süß ist, wo die Menschen oft lachen und niemand traurig ist.“
Hind blieb ganz nah bei ihr, ihre Wange ruhte auf dem Arm der Großmutter. Sie spürte, wie jede Bewegung sie beruhigte, wie jede Berührung ihre Gedanken sammelte und wieder an den richtigen Platz rückte.
„Und dort“, fuhr die Großmutter fort, „wirst du jemanden finden, der dich wirklich sieht – der dich nicht nur anschaut, sondern dich sieht, so wie du bist, klein und strahlend. Und er wird deine Hand halten und nie wieder loslassen. Er wird dich mit Leidenschaft lieben, mit Feuer.“
Hind sagte nichts, doch in ihrem Kopf begannen einfache, warme Bilder Gestalt anzunehmen – keine klaren Gesichter, keine großen Worte, nur das Gefühl, dass es irgendwo einen Ort gab, an dem sie nicht darum bitten musste, geliebt zu werden.
„Und du wirst auch dein eigenes Zuhause haben, vielleicht klein, aber voller Leben“, fuhr die Großmutter fort, ihre Stimme wurde immer leiser, wie ein Lied, das langsam verklingt, „und du wirst Kinder haben, die lachen und rennen und an deiner Hand zupfen, und du wirst nie zulassen, dass sie sich allein fühlen. Deine kleinen Vögelchen. Und du wirst glücklich sein, meine liebe Hind … das wirst du.“
Ihre Stimme wurde dünner, verlor sich, doch die Berührung blieb.
Hind blinzelte schwer, spürte, wie der Schlaf langsam über sie kam, wie warmes Wasser, das sie ohne Eile bedeckte. Und kurz bevor sie völlig wegdämmerte, hatte sie das flüchtige Gefühl, dass sie nicht mehr in dem Haus war, nicht mehr in dem Dorf, nicht mehr an irgendeinem Ort, an dem sie jemals zuvor gewesen war.
Sie träumte.
Zuerst war da nichts – nur ein schwaches Licht, wie am Morgen, wenn die Sonne sich noch nicht entschieden hat, ob sie bleiben will.
Dann erschienen die Augen.
Blau.
Leuchtend.
Hind lächelte im Schlaf, ohne zu wissen, warum.
Und für einen Moment, kurz wie ein Atemzug, fühlte sie sich geliebt.