schloss II

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Zusammenfassung

🔑 Das Haus gehört ihr. Die Stille gehört ihr. Zum ersten Mal seit Jahren gehört sie sich selbst. Dann bekommt er die gleichen SMS. Die gleichen Fotos. Das gleiche Spiel. Nur: Sie kennt das Spiel. Sie hat es durchlebt. Und je lĂ€nger sie hinsieht, desto weniger Angst hat sie. 🔐 In schloss – Band 2 wird aus Fragen etwas, das grĂ¶ĂŸer ist als Antworten. đŸ–€ Explizit. Literarisch. Kompromisslos. Wie Band 1. Nur tiefer.

Status:
In Arbeit
Kapitel:
13
Rating
n/a
Altersfreigabe
18+

schloss

Die TĂŒr fĂ€llt ins Schloss. Von innen. Das GerĂ€usch ist leise und endgĂŒltig, und sie steht im Flur und atmet Luft, die nach Holz riecht und nach WĂ€rme, und die Stimme ist verstummt, und die Stille ist so dicht, dass sie ihren eigenen Herzschlag hört.

Sie rĂŒhrt sich nicht. Dreißig Sekunden. Eine Minute. Steht auf dem Dielenboden, der unter ihren Sneakern knarrt, obwohl sie sich nicht bewegt, weil zweihundert Jahre altes Holz unter jedem Gewicht arbeitet, und wartet.

Worauf. Auf die nĂ€chste Anweisung. Auf eine ErklĂ€rung. Auf irgendetwas, das ihr sagt, was sie hier tun soll, denn sie ist eine Frau, die immer weiß, was sie tun soll, die Akten liest und Urteile schreibt und Verhandlungen fĂŒhrt und Abends die Handgelenke hebt und GrĂŒn sagt und nie, in dreizehn Jahren auf der Richterbank und in sieben Jahren in seinen Fesseln, nie hat sie dagestanden und nicht gewusst, was als NĂ€chstes kommt.

Nichts kommt.

Die Stimme schweigt. Das Haus schweigt. Draußen der Regen auf dem Sandstein und irgendwo das Ticken einer Uhr, die sie nicht sieht, und sonst nichts, und sie begreift: Es gibt keine Anweisung. Das hier ist kein Gerichtssaal und kein Schlafzimmer. Hier sagt ihr niemand, was sie tun soll.

Also tut sie, was sie immer tut, wenn niemand zusieht.

Sie beginnt zu ermitteln.


Der Flur ist schmal. Drei TĂŒren, alle geschlossen. Geradeaus eine Treppe nach oben, steil, die Stufen aus dem gleichen Holz wie der Boden, abgetreten in der Mitte, Generationen von FĂŒĂŸen. Links an der Wand ein Regal, leer bis auf einen kleinen Bluetooth-Lautsprecher, der aussieht wie etwas, das man bei Amazon fĂŒr neununddreißig Euro bestellt. Die Stimme. Kein Kabel. Akku oder Strom aus der einzigen Steckdose im Flur, die so offensichtlich nachgerĂŒstet ist, dass sie Jahrzehnte nach den Mauern kam.

Sie berĂŒhrt den Lautsprecher nicht. Noch nicht.

Erste TĂŒr links. KĂŒche.

Klein, funktional, nicht renoviert, aber sauber. HolzschrĂ€nke, die aus den Achtzigern stammen, aber gewischt sind. Ein Fenster zur Seite, Blick auf die Hecke. Ein Tisch, zwei StĂŒhle. Ein Wasserkocher. Tee – Darjeeling, loser Blatt, in einer Dose ohne Etikett. Daneben Honig. Daneben eine Tasse, weiß, schlicht, kein Aufdruck, die so aussieht, als hĂ€tte sie jemand gekauft, der keine Meinung ĂŒber Tassen hat.

Sie trinkt Kaffee. Keinen Tee. Hier gibt es keinen Kaffee.

Der KĂŒhlschrank summt. Leise. Sie öffnet ihn.

Nicht leer. Nicht voll. AusgewÀhlt. Wie von jemandem, der ein Profil hat, aber kein vollstÀndiges.

ZiegenkĂ€se. Sie mag ZiegenkĂ€se. Trauben, grĂŒn, die richtigen. Aber auch: Naturjoghurt – sie isst keinen Joghurt. Schwarzbrot, das sie nicht kaufen wĂŒrde, weil sie Dinkel bevorzugt. Eine Flasche Weißwein, Riesling, Mosel – sie trinkt Sauvignon Blanc. Und Butter, SĂŒĂŸrahm, nicht gesalzen, nicht die irische, die sie immer kauft.

Nah genug, um zu wissen: Da hat sich jemand MĂŒhe gegeben. Weit genug daneben, um nicht sicher zu sein, wer.

Sie nimmt die Trauben. Isst drei. Stellt sie zurĂŒck.


Erste TĂŒr rechts. Wohnzimmer.

GrĂ¶ĂŸer als erwartet. BacksteinwĂ€nde, unverputzt, die dunkelroten Steine mit weißen Fugen. Ein Sofa, nicht neu, aber gut – Leinen, grau, tief, die Art von Sofa, in das man sich setzt und nicht wieder aufsteht. Davor ein Tisch, Holz, massiv, mit Kratzern, die Geschichten erzĂ€hlen, die sie nicht kennt. Am Fenster ein Sessel, Ohrensessel, dunkelgrĂŒn, und neben dem Sessel ein Stapel BĂŒcher.

Sie geht zum Stapel. Sechs BĂŒcher. Keines davon kennt sie. Kein Fachbuch, keine Jura. Romane. Ein islĂ€ndischer Krimi. Ein Essay ĂŒber Alleinsein, der Rest auf Deutsch, Titel, die nichts mit ihrem Beruf zu tun haben und nichts mit seinem und nichts mit ihrem gemeinsamen Leben.

BĂŒcher fĂŒr jemanden, der Zeit hat.

Sie hat nie Zeit.

Neben dem Sofa, auf dem Boden, eine Wolldecke, zusammengefaltet. Senfgelb. Nicht Kaschmir, nicht das, was sie kennt. Gröber. WĂ€rmer. Etwas, das nach Funktion gekauft wurde und nicht nach Ästhetik, und es ist ihr sofort lieber als die Decke im Penthouse.

Am Fenster: Blick auf den Garten. ObstbÀume, kahl, November. Dahinter der Deich, und dahinter, unsichtbar, die Elbe. Kein Containerschiff. Kein Kran. Kein Hamburg. Nur Land und Himmel und Regen und Stille.

Sie steht am Fenster und merkt, dass ihre Schultern tiefer hÀngen als heute Morgen. Tiefer als gestern. Tiefer als seit Wochen.


Zweite TĂŒr links: Badezimmer. Klein, gefliest, Siebziger-Fliesen in einem Beige, das mal modern war. Wanne, keine Dusche. HandtĂŒcher, weiß, frisch. Ein StĂŒck Seife, das nach Lavendel riecht und nach nichts, das sie kennt.

Und unter dem Waschbecken, in einem geschlossenen Schrank, den sie öffnet, weil sie alles öffnet: Pants. Ihre SaugstÀrke. Die richtige Marke. Zwei Packungen, ungeöffnet, neben Toilettenpapier und Waschlappen.

Sie starrt die Packungen an.

Der ZiegenkĂ€se war nah genug. Der Riesling war daneben genug. Der Tee statt Kaffee war eine Ablenkung. Aber das hier – das ist prĂ€zise. Das ist nicht ungefĂ€hr. Das ist jemand, der genau weiß, was sie nachts braucht, und der es hierhergestellt hat, damit sie bleiben kann.

Sie spĂŒrt, wie sich etwas in ihrem Magen zusammenzieht. Nicht Angst. Etwas anderes. Etwas, das sie noch nicht benennen kann.

Sie schließt den Schrank. Steht auf.


Die Stimme.

Sie kommt, als sie den Fuß auf die erste Treppenstufe setzt, und sie kommt nicht aus dem Lautsprecher im Flur, sondern von oben, vom Treppenabsatz, ein zweiter Lautsprecher, und die Stimme ist die gleiche – weiblich, warm, ruhig, ohne Befehl und ohne Bitte.

»Du hast morgen keinen Verhandlungstag. Melde dich krank. Sag ihm, du hast eine Fortbildung. Über Nacht.«

Stille.

Drei SĂ€tze. Kein bitte. Kein wenn du möchtest. Aber auch kein du musst. Die Stimme sagt es so, wie man jemandem sagt, dass es draußen regnet: als Tatsache. Als etwas, das ohnehin passieren wird.

Sie steht auf der Treppe, die Hand am GelĂ€nder, und ihr Puls ist ruhig, ruhiger als er sein sollte, und das irritiert sie mehr als die Stimme selbst. Sechs Wochen Angst, und jetzt steht sie in einem fremden Haus und eine fremde Stimme sagt ihr, sie soll sich krankmelden, und ihr Puls liegt bei – was? Siebzig. FĂŒnfundsechzig. Ruhepuls.

Weil es sich nicht anfĂŒhlt wie eine Bedrohung.

Es fĂŒhlt sich an wie Erlaubnis.

Du darfst hierbleiben. Du darfst dir die Zeit nehmen. Du darfst morgen nicht funktionieren.

Sie hat sich in dreizehn Jahren nicht krankgemeldet. Nicht bei Grippe, nicht bei MigrĂ€ne, nicht nach dem Sturz auf dem Glatteis, als sie sich das Steißbein geprellt hat und zwei Wochen auf einem Kissen saß. Die Richterin erscheint. Immer. Das ist keine Tugend, das ist ein Symptom, und sie weiß das, hat es immer gewusst, und jetzt steht eine Stimme in einem Haus im Alten Land und sagt ihr, was sie sich nie erlaubt hat.

Ihr Handy summt.

E-Mail. Absender: Deutscher Richterbund – Fortbildungszentrum Trier. Betreff: BestĂ€tigung Ihrer Anmeldung – Familienrechtliches Symposium, 13.–14. November.

Sie öffnet die Mail. Briefkopf, Logo, Aktenzeichen, ein Ansprechpartner mit Durchwahl, ein Link zur Hotelreservierung, alles perfekt, alles professionell, und sie weiß, dass das Symposium existiert, weil sie die Einladung vor drei Wochen gelesen und abgesagt hat, und jetzt hat sie offenbar doch zugesagt, und die BestĂ€tigung ist so makellos, dass selbst sie einen Moment braucht, um zu verstehen: Das ist nicht echt. Das ist gebaut. FĂŒr sie. Damit sie morgen eine Geschichte hat, die niemand hinterfragt.

Infrastruktur.

Das Wort kommt ihr in den Sinn, und es passt. Das hier ist keine Improvisation. Das ist Planung. Wochen, vielleicht Monate. Jemand hat dieses Haus gefunden, hat den KĂŒhlschrank gefĂŒllt, hat BĂŒcher ausgewĂ€hlt, hat Lautsprecher installiert, hat Audio-Dateien aufgespielt, hat eine gefĂ€lschte E-Mail gebaut, die einer Richterin standhĂ€lt.

Sie denkt den Gedanken nicht weiter. LĂ€sst ihn da, wo er ist, wie ein BeweisstĂŒck, das sie noch nicht ins Protokoll aufnimmt, aber auch nicht aus der Hand legt.


Oben.

Die Treppe knarrt unter jedem Schritt, und oben ist ein kleiner Flur, zwei TĂŒren. Die erste: ein Arbeitszimmer, leer bis auf einen Schreibtisch, einen Stuhl, ein Fenster nach Norden. Kein Computer. Kein Bildschirm. Papier, ein Stapel, liniert, und drei Stifte, verschiedene StĂ€rken. Ein Raum, in dem man denken kann. Oder schreiben. Oder nichts tun.

Die zweite TĂŒr.

Schlafzimmer.

Sie drĂŒckt die Klinke und öffnet die TĂŒr, und das Erste, was sie sieht, ist das Bett. Groß. Breit. Holzrahmen, massiv, kein Metall, keine Pfosten, nichts, woran man etwas befestigen könnte. Ein Bett, das nur zum Schlafen da ist. Oder zum Nicht-Schlafen, aber ohne Fesseln, ohne Seile, ohne Karabiner.

Weiße BettwĂ€sche. Kissen, mehr als nötig. Auf dem Nachttisch eine Lampe mit warmem Licht, eine Karaffe mit Wasser, ein Glas.

Und daneben.

Nicht auf dem Bett. Nicht inszeniert. Auf dem Nachttisch, neben der Karaffe, wie beilĂ€ufig hingelegt, aber sie weiß, dass nichts in diesem Haus beilĂ€ufig ist:

Drei GegenstÀnde. In einer Reihe, auf einem weichen Tuch, dunkelgrau.

Ein Vibrator. Schlank, gebogen, Silikon, die Art, die man nicht in einem Sexshop kauft, sondern online, nach Recherche, nach Bewertungen. Kein Pink, kein Glitzer. Schwarz, matt, funktional.

Ein Massagestab. GrĂ¶ĂŸer, kabellos, rund am Kopf. Etwas, das man sich selbst an den Körper hĂ€lt und dabei die Augen schließt.

Ein Druckwellenstimulator. Klein, handlich, fast diskret. Der Gegenstand, ĂŒber den Frauen in Foren schreiben, als hĂ€tte er ihr Leben verĂ€ndert, und ĂŒber den sie selbst nie nachgedacht hat, weil sie nie nachdenken musste – er war immer da. Seine HĂ€nde. Seine Zunge. Sein Mund. Sein Timing.

Keine Fesseln. Kein Seil. Kein Paddle. Nichts, das nach ihnen riecht. Nichts, das nach Samstagabend riecht, nach Schweiß und Leder und dem GerĂ€usch, das sie macht, wenn der Knebel zwischen ihren ZĂ€hnen sitzt.

Das hier ist nicht fĂŒr sie und ihn. Das hier ist nur fĂŒr sie. FĂŒr ihren Körper. FĂŒr ihre HĂ€nde. FĂŒr das, was sie mit sich selbst tut, wenn niemand zusieht.

Und plötzlich versteht sie, warum der Raum keine Pfosten am Bett hat.

In diesem Bett entscheidet niemand anders. In diesem Bett gibt es kein GrĂŒn und kein Rot, weil es kein Farbe? gibt. Kein Fragen. Kein Warten auf Erlaubnis. Kein Schenken von Kontrolle, weil es keine Kontrolle gibt, die sie schenken mĂŒsste.

Nur sie. Allein. Mit sich.

Sie steht in der TĂŒr und sieht die drei GegenstĂ€nde auf dem Tuch und denkt: Wann habe ich das letzte Mal –

Und bricht den Gedanken ab. Nicht weil er schmerzt. Sondern weil die Antwort so weit zurĂŒckliegt, dass sie sich nicht erinnert.


Sie setzt sich auf das Bett. Die Matratze gibt nach, nicht zu weich, nicht zu fest, und sie sitzt da und sieht aus dem Fenster, das nach Westen zeigt, Richtung Deich, und der Regen fÀllt, und das Licht ist grau und weich, und sie hat keinen Verhandlungstag morgen, und die E-Mail liegt auf ihrem Handy, und die Stimme hat gesagt: Melde dich krank, und sie denkt:

Ich könnte bleiben.

Heute Nacht. Hier. In diesem Bett, in dem keine Pfosten sind und keine Fesseln und keine Erwartung. In diesem Haus, dessen Mauern so dick sind, dass nichts hindurchkommt, kein Signal und kein Blick und kein Urteil.

Ich könnte bleiben und morgen nicht erscheinen und ihm sagen, Trier, Richterkongress, Hotel, alles organisiert, und er wĂŒrde nicken und Pass auf dich auf sagen, wie er es jeden Morgen sagt.

Die Frage, ob das reicht, steht im Raum wie ein MöbelstĂŒck, das zu groß ist fĂŒr den Flur. Sie lĂ€sst sie stehen.

Sie nimmt ihr Handy. Öffnet die Kontakte. Seine Nummer.

Tippt: Kurzfristig doch zum Symposium in Trier. Über Nacht. Melde mich morgen. DrĂŒck mir die Daumen fĂŒr die Bahn.

Legt das Handy auf den Nachttisch. Neben die Karaffe. Neben die drei GegenstÀnde, die sie noch nicht angefasst hat.

Atmet.

Und bleibt.