Die Monde über Kirital
Die Bibliothek atmete im Rhythmus des Windes.
Durch die gewölbten Fenster fiel das weiche Licht der drei Monde, das sich in den Glasregalen spiegelte wie in stillen Wasserflächen. Der Duft von altem Papier, Metall und feuchtem Moos hing schwer in der Luft. Irgendwo tickte eine Uhr – ein leises, stetes Klicken, das sich mit dem entfernten Heulen der Nachtvögel mischte.
Kelis lag auf dem kalten Steinboden, zwischen zwei Regalen, ihr Rücken gegen einen Stapel vergilbter Sternenkarten gelehnt. Über ihr an der Decke kreisten holografische Projektionen von Himmelskörpern – Sonnen, Monde, fremde Planeten, die sich ewig drehten, als wären sie lebendig.
Sie streckte die Hand aus, ließ die Fingerspitzen durch das Licht eines leuchtenden Rings fahren.
Novalek.
Er war nicht zu übersehen – selbst als Projektion war er schöner als alles andere: ein gewaltiger, glatter Himmelskörper mit violettem Schimmer, umkreist von feinem Staub und bläulichem Licht. In den Daten der Sternwarte stand er als „unbewohnbar“, als „Lichtspender ersten Grades“ – doch ihr Großvater hatte nie an solche Etiketten geglaubt.
Kelis schloss die Augen.
Die Kette um ihren Hals lag schwer auf ihrer Haut. Der Kristall daran – faustgroß, asymmetrisch, von einem intensiven, kalten Violett – war kühl wie immer. Und doch glaubte sie manchmal, dass er sich bewegte, pulsierte, atmete, wenn niemand hinsah.
Sie war neun gewesen, als Großvater Elarin ihr das Amulett gab. Seine Hände hatten gezittert, seine Stimme war flach vor Aufregung.
„Er ist gefallen“, hatte er gesagt. „Nicht gefunden. Verstehst du den Unterschied, Kelis?“
Damals hatte sie es nicht verstanden. Heute glaubte sie es zu ahnen.
Draußen pfiff der Wind über das Dach der Sternwarte. Etwas in dem Ton ließ sie frösteln – ein Laut, der nicht nach Wetter klang, sondern nach Stimme. Kelis richtete sich langsam auf. Ihre Beine waren eingeschlafen. Sie trat zum Fenster.
Kirital lag still unter ihr. Die Hügel leuchteten sanft im Mondschein, bedeckt mit dichtem, dunkelgrünem Moos. Biolumineszente Pflanzen pulsierten rhythmisch in den Tälern, als würden sie träumen. Weit entfernt zogen die Schatten der Wälder über die Lichtungen.
Alles war wie immer – und doch nicht.
Kelis trat zurück ins Zimmer, ihr Blick wanderte automatisch zum Tisch ihres Großvaters. Der Tisch war seit Jahren unberührt. Niemand wagte es, ihn aufzuräumen. Es war fast ein heiliger Ort geworden – ein Mahnmal des Verschwindens. Seine Notizen lagen noch dort, zusammengefaltet, in alter Schrift. Skizzen des Kristalls. Orbitdaten. Rechenfehler.
Und mitten zwischen den Papieren – ein Licht.
Kelis’ Herz schlug schneller. Sie trat näher. Der Kristall auf ihrer Brust vibrierte leicht – so fein, dass es wie Einbildung wirken konnte. Doch das Licht war real: schwach, flackernd, kaum mehr als ein Schein.
Eine der Seiten auf dem Tisch glühte am Rand. Kein Feuer. Kein Strom. Nur … Licht.
Sie griff zögerlich danach. Es war ein Blatt mit alter Tinte. Am unteren Rand – in einer Handschrift, die sie fast vergessen hatte – stand ein einziger Satz.
„Er hört dich, Kelis.“