Unter seinem Schutz

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Zusammenfassung

Er findet den Omega im Wald – halb verhungert, verwildert und bereit, vor jedem zu fliehen, der ihm zu nahe kommt. Grant berührt ihn nicht. Beansprucht ihn nicht. Erzwingt keine Bindung, die eigentlich instinktiv sein sollte. Er sagt nur: „Du bist in Sicherheit.“ Lennox glaubt ihm nicht. Aber er bleibt trotzdem. Und in einer Welt, in der Omegas entführt, gehandelt und gebrochen werden, könnte Sicherheit das Gefährlichste von allem sein.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
71
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Altersfreigabe
18+

Running

Seine nackten Füße rissen an Wurzeln, Steinen und dem gefrorenen Boden auf. Die Lunge brannte, die Beine zitterten, er rannte – und es würde niemals reichen.

Der Wald verschlang das Mondlicht. Zweige rissen an seinen Armen, seinem Gesicht und an dem Shirt, das kaum noch an seinem Körper hielt. Er rannte blind. Er rannte, während ihm die Luft wegblieb. Stehen bleiben bedeutete –

Nein.

Er rannte. Das war der einzige Gedanke, den er zuließ.

Wandel. Wandel, Wandel, Wandel –

Sein Wolf blieb stumm.

Zusammengekauert, irgendwo tief in ihm drin, wo er mit seinen Händen immer wieder ins Leere griff. Er hatte es versucht, seit er die Kette abgestreift hatte. Seit seine zitternden Finger – glitschig von etwas, das er sich nicht ansehen wollte – den Riegel gelöst hatten. Er hatte seinen Wolf angefleht zu kommen. Er hatte ihn angeschrien, so wie man in einem Albtraum schreit, in dem der Kiefer blockiert und kein Ton herauskommt.

Nichts antwortete.

Mensch. Er war nur ein Mensch. Langsam und weich und so verdammt verletzlich. Und hinter ihm –

Hinter ihm, Pfoten.

Fünf Wölfe rissen durch das Unterholz, als würde der Wald seine Rippen für sie öffnen. Und das tat er, denn die Welt ebnete den Weg für Raubtiere, und er war nur das Ding, das am Ende stand. Das war alles, was er je gewesen war. Ein Wesen, das rannte, damit andere jagen konnten.

Er blieb mit dem Fuß an einer Wurzel hängen und strauchelte, fing sich ab und rannte weiter. Sein Blick verschwamm. Blut oder Tränen oder beides – ihm war es egal. Eine Stadt. Eine Straße. Irgendetwas. Ein Ort mit Lichtern, mit Menschen, mit dieser dünnen, dummen, zerbrechlichen Fassade der Zivilisation, die sie vielleicht – vielleicht – innehalten lassen würde. Sie würden zögern, einen Menschen vor Zeugen zu töten. Wahrscheinlich. Vielleicht.

Schneller.

Sein Körper hatte ihm bereits alles gegeben. Jeder Teil von ihm war etwas, das zerbrochen und falsch zusammengefügt worden war. Die Rippen schmerzten noch, wo sie ihn – stopp – die Handgelenke wund gescheuert, seine Schulter brannte noch von dem letzten Mal, als einer von ihnen ihm beibringen wollte, wozu seine Zähne da waren.

Die Pfoten kamen näher.

Er konnte ihr Atmen hören. Feucht und gierig und belustigt, denn das war das Grausamste daran – sie hatten noch genug Puste. Das hier war ein Spiel. Sie ließen ihn rennen, weil die Angst ihn süßer riechen ließ, weil das Kämpfen den Fang besser schmecken ließ.

Fünf Wölfe gegen einen Menschen waren ein Witz.

Er war die Pointe.

Der erste Wolf traf ihn von der Seite. Eine Wand aus Fell, Muskeln und lebendiger Hitze, die ihn so hart zu Boden drückte, dass ihm schwarz vor Augen wurde. Dreck drang in seinen Mund. Steine rissen seine Handflächen auf. Er versuchte zu kriechen, sich noch einen Zentimeter weiterzuziehen, als eine Pfote so groß wie ein Essteller auf seinem Rücken landete und ihn flach drückte.

Zwei von ihnen wandelten sich. Er hörte es – das feuchte Knacken von Knochen, die sich neu formten, das Zischen von Atem durch neue Zähne. Dann Lachen. Menschliches Lachen, das schlimmer war als jedes Knurren, denn ein Knurren sagte wenigstens die Wahrheit.

„Oh, Schätzchen.“

Eine Hand krallte sich in sein Haar und riss seinen Kopf zurück. Er kannte die Stimme, noch bevor das Gesicht im Verschwommenen klar wurde. Er kannte sie, wie ein Kaninchen den Schatten eines Falken kennt.

„Hast du wirklich geglaubt, das würde funktionieren?“

Der Zweite kauerte neben ihm. Er spürte die Hitze, die von der Haut des Mannes ausging, der Gestank von Dominanz war dick wie Verwesung. „Hat uns einen schönen kleinen Lauf beschert. Hat das Blut in Schwung gebracht.“

„Immer so dramatisch.“

Zwei Wölfe flankierten ihn noch in ihrer gewandelten Form – Wächter, Posten, die Zungen hingen heraus, ihre Körper strahlten diese entspannte, räuberische Geduld aus, die sagte, dass sie das bis zum Morgen durchziehen könnten. Die Hand in seinem Haar drückte zu, und ein weißer, greller Schmerz zuckte über seine Kopfhaut.

Ein Kiefer schloss sich um seine Schulter.

Er schrie auf.

Zähne bohrten sich durch Haut und Muskeln, rieben am Knochen – und der Wolf, der ihn hielt, ließ kurz vor dem Bruch nach. Er hielt ihn fest. Er beanspruchte ihn. Ein Druck, der lauter „Mein“ sagte, als jedes Wort es je könnte.

„Du gehörst uns“, sagte die Stimme über ihm, und die Zärtlichkeit darin war das Schlimmste, was er je gehört hatte. „Du hast schon immer uns gehört. Ich weiß nicht, warum du das ständig vergisst.“

Töte mich.

Der Gedanke hatte einen Klang. Wie eine Glocke, die in einer leeren Kathedrale schlägt. Töte mich. Bitte. Ich kann nicht zurück. Ich flehe, ich verhandle, ich gebe jeden Fetzen Würde ab, den ich noch besitze – lass es nur aufhören. Lass es einfach vorbei sein.

Er konnte nicht zurück.

Er konnte nicht –

„Bringt ihn hoch. Vorsichtig mit der Schulter, Ren will ihn –“

Der Wolf, der am weitesten von ihm entfernt war – der große Graue, der immer mit dieser kühlen, berechnenden Intelligenz beobachtete, die seine Haut zum Beben brachte – hatte die Lippen von den Zähnen zurückgezogen.

Ein Grinsen.

Er grinste ihn an.

Und dann starb er.

Die Gestalt schoss aus den Bäumen, als hätte der Wald Kiefer bekommen und beschlossen, sie zu benutzen. Massiv. Absurd, unmöglich massiv – ein Wolf, größer als jeder, den er je gesehen hatte, dunkles Fell, das das Mondlicht so trank, wie tiefes Wasser Steine verschluckt. Er bewegte sich wie ein Wesen, das zum Töten geschmiedet worden war und einfach nicht aufgehört hatte. Er traf den grauen Wolf mit so viel Wucht, dass der Klang – das Knacken – wie ein Gewehrschuss durch die Bäume hallte.

Der graue Wolf gab keinen Ton von sich. In einem Moment grinste er noch, im nächsten war er eine gebrochene Gestalt, die ins Unterholz sank, die Kehle zum Himmel hin offen.

Stille.

Ein Herzschlag. Zwei.

Dann Chaos.

Die beiden Menschen verwandelten sich zurück – in Panik, Knochen knackten in neue Formen, während sie sich in ihre Wolfsgestalten retteten. Der verbliebene Wolf stürzte vor. Drei gegen einen, und eigentlich hätte das etwas bedeuten müssen, doch der dunkle Wolf bewegte sich durch sie hindurch wie eine Klinge durch stehendes Wasser.

Alles, was er tun konnte, war im Dreck zu liegen, das Blut floss aus seiner Schulter, und dabei zuzusehen, wie das Ding, das aus der Dunkelheit gekommen war, sie auseinandernahm, als bestünden sie aus Papier.

Ein Kiefer schloss sich um ein Rückgrat. Knack.

Krallen rissen einen Bauch auf, und etwas Feuchtes und Schweres entleerte sich in das Laub.

Ein Wolf jaulte auf – hoch und verzweifelt und jung – und wurde dann still.

Sekunden. Alles dauerte nur Sekunden.

Der Wald hielt inne. Die klingende Stille nach der Gewalt war schwer und dick, die Art von Stille, die jeden Raum ausfüllt und keinen Platz zum Atmen lässt.

Der dunkle Wolf stand inmitten von fünf Körpern, die Flanken bebten, das Maul vom Ohr bis zum Kiefer rot verschmiert. Und dann verwandelte er sich.

Die Verwandlung war falsch. Zu flüssig. Zu leicht. Kein Knacken, kein Keuchen, kein hässliches Zwischenstadium, in dem der Körper mit sich selbst rang. Nur Schatten, der nach oben floss und sich in etwas Vertikales umformte, etwas Großes, etwas –

Beängstigendes.

Er war deutlich über eins achtzig – breite Schultern, schmale Taille, gebaut, um einen Raum allein durch sein Stehen im Türrahmen auszufüllen. Sein Haar fiel dunkel und feucht über eine blasse Stirn, im selben tiefen Waldgrün wie sein Fell. Seine Haut gehörte auf alten Marmor. Auf Dinge, die von Händen gemeißelt wurden, die verstanden, dass Schönheit schneiden sollte.

Er trug Kleidung. Ein dunkles, eng anliegendes Shirt, die Ärmel bis zu den Unterarmen hochgekrempelt. Eine Hose, die tief auf seinen Hüften saß. Als hätte er sich direkt in sie hineinverwandelt – als wäre der Wolf nur die Tarnung gewesen und dieser makellose Mann, der inmitten von fünf Leichen stand, ohne einen roten Fleck an seinem Kragen, das wahre Wesen darunter.

Seine Augen waren grün. Dasselbe Grün. Unmöglich.

Er machte einen Schritt auf ihn zu.

Der Mann am Boden wich zurück – seine Handflächen rutschten durch Schlamm und Blut, seine Schulter schrie vor Schmerz, ein Laut riss aus ihm hervor, der halb Schluchzen und halb Knurren war. Sein Rücken prallte gegen einen Baumstamm und er blieb stehen. Kein Weg mehr wohin. Die Geschichte seines verfluchten Lebens.

Er senkte den Blick. Hob das Kinn. Entblößte seine Kehle.

Jede Linie seines Körpers eine weiße Flagge – Ich bin nichts, ich bin niemand, ich bin eure Mühe nicht wert, aber bitte

Bitte lass es schnell gehen.

Bitte nimm ihn nicht. Er würde lieber hier zwischen den Kiefernnadeln, den toten Blättern und den abkühlenden Körpern der Wölfe, denen er gehört hatte, verbluten. Er würde lieber im Dreck auflösen, als jemals wieder jemandem zu gehören.

Der Mann blieb stehen.

Nah genug, dass die Luft zwischen ihnen dicht und elektrisch auf seiner Haut lastete, eine Nähe, bei der sich die kleinen Härchen auf seinen Armen aufstellten. Dominanz. Die Art von Dominanz, die so total war, dass sie ihr eigenes Wetter hatte – eine Druckwelle, die heranrollte und alles andere sehr, sehr klein werden ließ.

Er ging in die Hocke.

Langsam. So wie man sich einem wilden Hund nähert, der jeden gebissen hat, der ihm je zu nahe gekommen ist – was man ihm nicht verdenken konnte.

Und als er sprach, klang seine Stimme tief und ruhig und bestimmt. Wie ein Fluss, der seit tausend Jahren denselben Weg grub und nicht die Absicht hatte, den Kurs zu ändern.

„Ganz ruhig“, sagte er. „Ich werde dir nicht wehtun.“

Der Mann am Boden starrte durch Blut, Dreck und Tränen zu ihm auf, trotz sieben Jahren Erfahrung, die das Gegenteil bewiesen – sieben Jahre voller Hände wie dieser, die solche Versprechen machten, und jedes einzelne davon war eine Lüge gewesen.

Doch sein Wolf, der während der gesamten verzweifelten, zum Scheitern verurteilten Flucht durch die Dunkelheit stumm, zusammengekauert, gebrochen und unerreichbar gewesen war –

Sein Wolf hob den Kopf.