The Road Back to Dawnmoor
Die Ketten waren aus Silber.
Nicht genug, um sie zu töten.
Gerade genug, um sie daran zu erinnern, dass sie es könnten.
Seren Vale saß schweigend im hinteren Teil der Kutsche, während der Schnee entlang der engen Bergstraße dichter wurde. Die Eisenräder ächzten auf dem gefrorenen Boden und jede Umdrehung brachte sie tiefer in ein Gebiet, von dem sie einst geschworen hatte, es nie wiederzusehen.
Draußen verschlang der Winter die Welt in Weiß.
Drinnen roch die Luft nach nassem Fell, Leder und altem Blut.
Niemand sprach mit ihr.
Nicht seit der zweiten Nacht.
Die Wölfe, die sie eskortierten, gehörten zu Black Hollow – dem rivalisierenden Rudel, das jahrelang so getan hatte, als würde es sie nicht jagen, während sie im Stillen dafür sorgten, dass sie nirgendwo lange genug blieb, um es ein Leben nennen zu können.
Jetzt hatten sie aufgehört, das nur vorzutäuschen.
Seren lehnte ihren Kopf leicht gegen die Holzwand hinter sich und schloss für eine gefährliche Sekunde die Augen.
Durch die Bewegung biss sich das Silber in ihre Handgelenke.
Schmerz zuckte durch ihre Arme.
Vertraut. Erträglich.
Besser als die Erinnerung.
„Glaubst du immer noch, dass es das wert ist?“
Die Stimme kam von der anderen Seite der Kutsche.
Rhett.
Der Beta von Black Hollow.
Breite Schultern. Ein vernarbter Kiefer. Augen wie kalter Stahl, der in Fleisch geschmiedet wurde. Er beobachtete sie seit einer Stunde mit dem Ausdruck eines Mannes, der zu nah an etwas Explosivem steht.
Seren öffnete langsam die Augen.
„Du hast mich über den halben Kontinent geschleift“, sagte sie leise. „Es wäre enttäuschend, wenn es das nicht wäre.“
Ein Mundwinkel zuckte.
Keine Belustigung. Niemals Belustigung.
„Du wirst deinen Ton ändern, sobald wir die Grenze überqueren.“
Daraufhin kehrte die Stille zurück.
Doch etwas Kälteres legte sich unter ihre Rippen.
Denn das Gebiet von Dawnmoor war jetzt nah.
Zu nah.
Sie konnte es spüren.
Wölfe nahmen Gebiete anders wahr als Menschen. Nicht durch Sehen. Durch Instinkt. Durch uralte Dinge, die unter Haut und Knochen begraben lagen.
Und Seren kannte diese Berge.
Sie kannte die Wälder, die hinter den Kutschenwänden in Frost gehüllt waren. Sie kannte die Flüsse, die unter dem Eis verborgen lagen. Sie wusste, wo der Wind zwischen den Klippen scharf wurde, bevor sich der nördliche Grat zum Tal hin öffnete.
Sie wusste, wo er war.
Ihr Hals schnürte sich zu, bevor sie es verhindern konnte.
Drei Jahre.
Drei Jahre, seit sie Dawnmoor unter einem so hellen Mond verlassen hatte, dass er sich grausam angefühlt hatte.
Drei Jahre, seit sie Cael in die Augen gesehen und mit einem einzigen Satz beide Leben zerstört hatte.
Ich lehne dieses Band ab.
Die Worte lebten noch immer wie Fäulnis in ihr.
Sie erinnerte sich an die Stille danach.
Kein Zorn. Kein Schreien.
Das wäre einfacher gewesen.
Nein – Cael war völlig regungslos geworden.
Als hätte seine Seele seinen Körper verlassen, bevor der Schmerz sie erreichen konnte.
Seren sah auf ihre gefesselten Hände hinab.
Die Narbe auf ihrer linken Handfläche fing das fahle Winterlicht ein.
Ihre Finger krümmten sich instinktiv darüber.
Eine Gewohnheit.
Eine Schwäche.
Die alte Heilerin in den südlichen Gebieten hatte ihr einmal gesagt, dass Trauer im Körper weiterlebt, lange nachdem der Verstand gelernt hat, sie zu überleben.
Seren hatte damals gelacht.
Jetzt verstand sie es.
Trauer war nicht scharf.
Scharfe Dinge enden.
Trauer war still. Geduldig.
Sie wartete in den gewöhnlichen Momenten.
In leeren Räumen. In der Winterluft. In dem Instinkt, nach etwas zu greifen, das nicht mehr da war.
Plötzlich ruckte die Kutsche heftig.
Einer der Wölfe draußen fluchte.
Rhett richtete sich sofort auf.
Seren spürte es dann.
Keine Gefahr.
Etwas Schlimmeres.
Das Band.
Es traf sie ohne Vorwarnung – heftig und tief –, wie eine Klinge, die sich zwischen ihre Rippen schob.
Ihr Atem stockte.
Jeder Muskel in ihrem Körper verkrampfte.
Nein.
Nein, nein, nein—
Das Gefühl verschwand fast augenblicklich, doch nicht, bevor Hitze in einem unerträglichen Puls unter ihrer Haut aufstieg.
Erkennung.
Ihr Wolf regte sich zum ersten Mal seit Monaten.
Nicht ganz wach. Er lauschte nur.
Rhetts Augen verengten sich.
„Du hast das gespürt.“
Es war keine Frage.
Seren zwang sich zu einem ruhigen Atem.
„Du bildest dir da etwas ein.“
„Tue ich das?“
Sie sagte nichts.
Denn die Wahrheit war unmöglich.
Das Band war tot.
Sie hatte es selbst getötet.
Oder etwa nicht?
Draußen heulte der Wind wie ein trauerndes Wesen durch die Berge.
Dann überquerte die Kutsche die Grenze zum Territorium von Dawnmoor.
Und irgendwo weit vorne in der gefrorenen Dunkelheit …
begann ein Wolf zu brüllen.
Cael
Das Glas zersplitterte in seiner Hand.
Das Geräusch peitschte wie ein Schuss durch den Kriegsrat.
Alle erstarrten.
Wein tropfte von Cael Dawnmoors blutender Handfläche auf die Karte, die auf dem langen Eichentisch ausgebreitet lag, und färbte das Pergament dunkelrot.
Niemand bewegte sich.
Niemand wagte zu atmen.
Am Kopfende des Tisches stand Cael regungslos.
Sein Puls hämmerte einmal.
Zweimal.
Dann traf ihn das Band.
Keine Erinnerung.
Kein Instinkt.
Sie.
Das Gefühl riss so gewaltsam durch ihn hindurch, dass sein Wolf augenblicklich an die Oberfläche drängte; seine Krallen drückten sich unter der menschlichen Haut gegen das Fleisch.
Am Leben.
Sein Wolf brüllte jetzt in ihm. Er war auf eine Weise erwacht, wie es seit Jahren nicht mehr der Fall gewesen war.
Gefährtin.
Das Wort traf ihn wie ein Blitzschlag.
Unmöglich.
Caels Kiefer spannte sich so fest an, dass ein stechender Schmerz durch seinen Schädel fuhr.
Gegenüber legte sein Beta vorsichtig den Bericht aus der Hand.
„Alpha …“
Cael hörte ihn kaum.
Denn er kannte dieses Gefühl.
Er erinnerte sich nur zu gut daran.
Das Ziehen unter seinen Rippen. Die Hitze unter der Haut. Die wilde Erkenntnis, die zu etwas gehörte, das älter war als jeder Gedanke.
Drei Jahre.
Drei verdammte Jahre der Stille.
Drei Jahre, in denen er sich aus den Trümmern wiederaufgebaut hatte, die sie hinterlassen hatte.
Und jetzt –
Seine Hand ballte sich fester.
Das Glas schnitt tiefer ins Fleisch.
Blut floss ungehindert auf den Boden.
„Raus“, sagte er leise.
Niemand bewegte sich.
Die Temperatur im Raum schien zu fallen.
Sein Wolf drängte stärker unter seiner Haut hervor.
Mein.
Das Wort verursachte ihm beinahe Übelkeit.
„Raus.“
Dieses Mal donnerte der Befehl durch den Raum.
Stühle scharrten augenblicklich über den Boden.
Jeder Wolf im Raum senkte den Kopf, bevor er ohne Widerrede ging.
Niemand widersprach Cael, wenn seine Stimme so klang.
Die schweren Türen fielen hinter ihnen ins Schloss.
Stille erfüllte den Raum.
Cael stand allein.
Er atmete schwer.
Er starrte auf das Blut, das die Karte befleckte, doch er sah es nicht.
Er sah nur sie.
Silberne Augen. Leises Lächeln. Kalte Hände, die er während der Winterstürme in seinen Mantel steckte.
Und der letzte Blick in ihrem Gesicht, bevor sie ihn zerstörte.
Ich lehne dieses Band ab.
Für einen langen Moment rührte sich Cael nicht.
Dann langsam …
ganz langsam …
hob er seine blutende Hand zur Tischkante und stützte sich daran ab.
Als ob etwas in seinem Inneren plötzlich das Gleichgewicht verloren hätte.
Sein Wolf tigerte wild unter seiner Haut auf und ab.
Sie ist hier.
„Nein“, sagte Cael heiser.
Das Wort klang wie eine Wunde.
Denn wenn Seren Vale wirklich nach Dawnmoor zurückgekehrt war …
dann war das Grab, in das er sich drei Jahre lang selbst eingegraben hatte, gerade weit aufgerissen worden.