KAPITEL 01
Der Wecker hörte nicht auf zu klingeln.
Es war nur ein ganz gewöhnlicher Morgen.
Maverick öffnete die Augen und starrte ein paar Sekunden lang auf den leuchtenden Bildschirm seines Handys, bevor er den Wecker endlich stummschaltete. Er setzte sich langsam auf und zog die Vorhänge beiseite.
Sonnenlicht flutete in den Raum.
Draußen stand die Villa, um die ihn jeder beneidete.
Drinnen war sie leer.
Das Haus war groß genug für eine Familie, für Lachen und schöne Erinnerungen, doch es herrschte nur Stille. Früher hatte er dort mit seiner Mutter gelebt. Aber selbst sie war ausgezogen, um bei seiner Schwester zu wohnen.
Mit achtundzwanzig war Maverick ein Mann, um den ihn viele beneideten.
Groß, gutaussehend und erfolgreich.
Aus dem einen Restaurant, das sein Vater hinterlassen hatte, war unter seiner Führung eine Kette mit fünfundzwanzig Lokalen geworden. Er war seiner Verantwortung voll und ganz gerecht geworden. Er hatte für die Hochzeit seiner Schwester gesorgt, das Familienunternehmen vergrößert und aus einem Traum ein Imperium aufgebaut.
Doch irgendwo auf diesem Weg hatte das Leben vergessen zu fragen, was er eigentlich wollte.
Die Verantwortung hatte ihn gefunden, lange bevor er seine Jugend genießen konnte.
Maverick war ein Mann mit Prinzipien – streng, diszipliniert und oft missverstanden. Die Leute bewunderten ihn, respektierten ihn und hatten manchmal sogar Angst vor ihm.
Nur sehr wenige kannten sein wahres Ich.
Er war gerade mit dem Frühstück fertig, als sein Handy klingelte.
Ein Lächeln erschien auf dem Bildschirm.
„Mama.“
Er ging sofort ran.
„Manchmal könntest du auch zuerst anrufen, weißt du“, beschwerte sich seine Mutter, kaum dass sie seine Stimme hörte.
Maverick nahm einen Schluck Kaffee.
„Du hast doch auch schon angerufen, oder?“
Seine Mutter seufzte theatralisch.
„Sohn, such dir endlich ein nettes Mädchen und lass dich nieder.“
Bevor er antworten konnte, mischte sich eine weitere bekannte Stimme im Hintergrund ein.
June.
Seine jüngere Schwester.
„Maverick!“, rief sie. „Wenn du niemanden findest, übernehme ich das für dich. Sag mir einfach, auf welchen Typ du stehst.“
Maverick schloss kurz die Augen.
Schon wieder dieses Gespräch.
Jede Woche aufs Neue.
„Na gut“, sagte er schließlich und gab auf. „Ich sage dir, auf welchen Typ ich stehe.“
Es herrschte einen Moment lang Stille.
Seine Mutter und June wurden sofort hellhörig.
June quietschte fast vor Freude.
„Endlich!“
Maverick schüttelte den Kopf und aß weiter.
„Erstens sollte sie familienbewusst sein. Eine Frau, die aus einem Haus ein Zuhause machen kann.“
June verdrehte die Augen.
„Also eine Hausfrau?“
„Vorzugsweise.“
June stöhnte theatralisch auf.
„Du bist unmöglich.“
Maverick ignorierte sie und sprach weiter.
„Sie sollte lange Haare haben.“
„Das ist deine zweite Bedingung?“, lachte June.
Maverick zuckte nur mit den Schultern.
„Und sie sollte nicht arrogant sein.“
Seine Stimme wurde leiser.
„Ich will niemanden, der laut ist oder ständig im Mittelpunkt stehen muss.“
June warf ihrer Mutter einen Blick zu.
„Und?“
Maverick starrte einen Moment lang in seine Kaffeetasse.
„Sie sollte introvertiert sein.“
„Introvertiert?“, wiederholte June.
„Warum?“
Ein schwaches Lächeln umspielte seine Lippen.
„Weil mein Leben ohnehin schon laut genug ist.“
Zum ersten Mal klang seine Stimme etwas weicher als sonst.
„Ich wünsche mir jemanden, der Frieden in mein Leben bringt.“
Das neckische Lächeln verschwand langsam aus Junes Gesicht.
Maverick scherzte nicht mehr.
Er beschrieb keine Frau.
Er beschrieb ein Gefühl.
Ein Zuhause.
Einen Ort, an dem er endlich zur Ruhe kommen konnte.
Für einen kurzen Moment kehrte Stille zwischen ihnen ein.
Dann grinste June schelmisch.
„Okay, okay. Lange Haare. Introvertiert. Keine Arroganz. Hausfrauen-Material.“
Sie machte eine dramatische Pause.
„Suchst du eine Ehefrau oder ein seltenes Exemplar?“, fragte sie theatralisch.
Maverick stieß einen leisen Seufzer aus.
„Ihr beide solltet euch wirklich ein Hobby suchen.“
Seine Mutter lachte, während June protestierte.
„Entschuldigung? Wir versuchen hier nur, deine Zukunft zu retten.“
„Meiner Zukunft geht es bestens.“
„Nicht deinem Privatleben.“
Maverick schüttelte den Kopf.
„Alles klar, genug jetzt. Ich habe ein Meeting.“
Ohne auf eine weitere Standpauke zu warten, beendete er das Gespräch.
Im Haus wurde es wieder still.
Er schnappte sich seine Tasche vom Esstisch und ging nach draußen.
Fünf Luxusautos standen in der Einfahrt.
Doch sein Blick fiel sofort auf das, das er am meisten liebte.
Seinen schwarzen Volkswagen.
Es war nicht das teuerste Auto, das er besaß.
Und auch nicht das schnellste.
Aber es war etwas Besonderes.
Es war das erste Auto, das er sich von seinem eigenen Geld gekauft hatte.
Damals, als Erfolg noch ein Traum und keine Realität war.
Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht, als er es aufschloss.
Manche Dinge verlieren einfach nie an Wert.
Kurz darauf fuhr er aus der Einfahrt und reihte sich in den Berufsverkehr ein.
Sobald er sich auf dem Fahrersitz zurechtgefunden hatte, wählte er eine vertraute Nummer.
Der Anruf wurde beim zweiten Klingeln entgegengenommen.
„Wo bleibst du?“, fragte James sofort.
Maverick kicherte.
„Guten Morgen auch dir.“
„Verschwende nicht meine Zeit und beantworte die Frage.“
„Ich bin auf dem Weg.“
„Gut.“
James machte eine Pause.
„Triff mich direkt vor der Softwarefirma.“
„Schon da?“
„Natürlich. Im Gegensatz zu manch anderen respektiere ich tatsächlich die Zeit.“
Maverick verdrehte die Augen.
„Wir sehen uns in zwanzig Minuten.“
Ohne ein weiteres Wort beendete James das Gespräch.
Typisch.
Ein Lächeln zuckte um Mavericks Lippen.
James war nicht nur sein bester Freund.
Er war auch sein Geschäftspartner.
Die beiden hatten jahrelang gemeinsam die Restaurantkette aufgebaut.
Was einst ein einzelnes Familienrestaurant gewesen war, war inzwischen auf fünfundzwanzig Standorte in ganz England angewachsen.
Erfolg brachte jedoch seine eigenen Probleme mit sich.
Die Verwaltung von Reservierungen, Speisekarten, Kundenfeedback, Werbeaktionen und dem Tagesgeschäft für fünfundzwanzig Restaurants war immer komplizierter geworden.
Genau deshalb waren sie heute auf dem Weg zu einer der führenden Softwarefirmen des Landes.
Sie brauchten mehr als nur eine Website.
Sie brauchten ein komplettes digitales System.
Eine Plattform, auf der Kunden Speisekarten ansehen, reservieren, Bestellungen aufgeben und nahtlos mit jeder Filiale interagieren konnten.
Ein Projekt im Wert von tausenden Pfund.
Ein Projekt, das die Zukunft ihres Unternehmens verändern konnte.
Als Maverick auf den Parkplatz fuhr, sah er James in der Nähe des Eingangs stehen, der theatralisch auf seine Uhr schaute.
In dem Moment, als er aus dem Auto stieg, zeigte James darauf.
„Weißt du, eines Tages klaue ich diesen Volkswagen.“
Maverick schloss das Auto ab und grinste.
„Was ist denn los? Wir haben noch fünf Minuten bis neun. Wir sind nicht zu spät.“
James verdrehte die Augen.
„Natürlich sind wir das nicht. Du bist ja auch Prince Charles höchstpersönlich.“
„Freut mich, dass dir das endlich auffällt.“
„Komm schon.“
Die beiden gingen auf das Gebäude zu und stiegen in den Aufzug.
Gerade als sich die Türen schließen wollten, hallte eine Stimme aus dem Flur.
„Warten Sie! Warten Sie!“
Ein Mädchen eilte auf sie zu.
Schulterlanges Haar.
Eine dicke Brille.
Eine Kaffeetasse in der einen Hand.
Einen Laptop unter den Arm geklemmt.
Eine Tasche hing ihr über der Schulter, randvoll mit Unterlagen.
Gekleidet in eine weite Jeans und ein weißes Hemd sah sie eher erschöpft als präsentabel aus.
Ohne auf eine Erlaubnis zu warten, quetschte sie sich in den Aufzug.
Ein Telefon war an ihr Ohr gepresst.
„Nein, der letzte Test ist immer noch nicht abgeschlossen.“
Sie balancierte den Kaffee gefährlich, während sie ihren Laptop zurechtrückte.
„Ich wollte das Projekt diese Woche beenden.“
Eine Pause.
Dann ein genervter Seufzer.
„Schon wieder? Noch ein Fehler?“
Sie schloss für eine Sekunde die Augen, als würde sie mental um ihr Überleben kämpfen.
„Ja, ja, ich weiß, dass ich zu spät bin.“
Noch eine Pause.
„Was soll ich denn machen? Meine Augen wollten heute Morgen einfach nicht aufgehen.“
James verkniff sich ein Lachen.
Das Mädchen beendete das Telefonat und lehnte sich gegen die Aufzugwand, völlig ahnungslos von den zwei Männern, die neben ihr standen.
Ein paar Haarsträhnen hatten sich gelöst und fielen ihr ins Gesicht.
Ihr Kaffee sah so aus, als würde er jeden Moment überschwappen.
Und irgendwie schien sie immer noch mehr auf das Projekt konzentriert zu sein als auf sich selbst.
James beugte sich leicht zu Maverick hinüber.
„Was für ein Desaster.“
Maverick antwortete nicht.
„Leute wie sie sind immer erschöpft, obwohl sie alle anderen die Arbeit machen lassen“, fuhr James fort.
Immer noch keine Antwort.
James runzelte die Stirn und drehte sich zu ihm um.
Nur um festzustellen, dass Maverick sie anstarrte.
Nicht unhöflich.
Nicht offensichtlich.
Einfach nur...
Beobachtend.
James folgte seinem Blick und grinste.
Interessant.
Unterdessen hörte Maverick gar nicht mehr zu.
Weder James zu.
Noch dem Meeting.
Nicht einmal der Website, die die Zukunft ihres Unternehmens verändern konnte.
Er war sich nicht sicher, was genau seine Aufmerksamkeit erregt hatte.
Vielleicht war es das totale Chaos, das sie umgab.
Das zerzauste Haar.
Die überquellenden Akten.
Der Kaffee, den sie fest entschlossen schien, jeden Moment zu verschütten.
Oder vielleicht war es die Tatsache, dass sie völlig uninteressiert an der Welt um sie herum wirkte.
Zu beschäftigt.
Zu abgelenkt.
Zu erschöpft.
Als würde sie eine Verantwortung tragen, die viel schwerer war als der Laptop unter ihrem Arm.
Aus irgendeinem Grund ertappte er sich dabei, wie er sie beobachtete.
Nicht, weil sie die schönste Frau war, die er je gesehen hatte.
Sondern weil sie echt war.
Ungefiltert.
Ahnungslos.
Und zum ersten Mal seit Jahren war Maverick Astor sprachlos.
Die Aufzugtüren öffneten sich.
Sie stieg aus, ohne sich noch einmal umzusehen.
Und irgendwie störte ihn das mehr, als es hätte sollten.









I think Maverick just met his match! 💕
I like this. I like it a lot! 🪝🎣