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Sentiens: Was am Ende übrig bleibt

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Zusammenfassung

𝗭𝘄𝗲𝗶 𝗠ä𝗻𝗻𝗲𝗿. 𝗘𝗶𝗻 𝗦𝘆𝘀𝘁𝗲𝗺𝗳𝗲𝗵𝗹𝗲𝗿. 𝗨𝗻𝗱 𝗲𝗶𝗻𝗲 𝗪𝗮𝗵𝗿𝗵𝗲𝗶𝘁, 𝗱𝗶𝗲 𝗶𝗵𝗿𝗲 𝗪𝗲𝗹𝘁 𝗶𝗻 𝗧𝗿ü𝗺𝗺𝗲𝗿𝗻 𝗵𝗶𝗻𝘁𝗲𝗿𝗹ä𝘀𝘀𝘁. Das Jahr 2036: Als Firewall-Agentin ist es Livs Job, die Grenze zwischen Mensch und Maschine zu verteidigen. Eine Grenze, die nach ihrem schweren Unfall wichtiger ist denn je. Doch während ihr Verstand die Welt in Codes und Sicherheitsprotokolle einteilt, spielt ihr Herz ein gefährliches Spiel. Spencer ist Wärme, Geborgenheit, ein Lächeln, das sie den Alltag vergessen lässt. Xav ist Dunkelheit, Geheimnisse und eine Anziehung, die sie nicht erklären kann. Doch Xav hütet ein Geheimnis, das alles zerstören könnte und Liv muss sich fragen, ob das Echo in ihrem Kopf wirklich nur ein Trauma ist oder ob sie selbst nie die war, für die sie sich hielt. Was, wenn die Grenze zwischen Mensch und Maschine mitten durch dein eigenes Herz verläuft? 𝙎𝙡𝙤𝙬 𝘽𝙪𝙧𝙣 · 𝙇𝙤𝙫𝙚 𝙏𝙧𝙞𝙖𝙣𝙜𝙡𝙚 · 𝙋𝙡𝙤𝙩 𝙏𝙬𝙞𝙨𝙩, 𝙙𝙚𝙣 𝙙𝙪 𝙣𝙞𝙘𝙝𝙩 𝙠𝙤𝙢𝙢𝙚𝙣 𝙨𝙞𝙚𝙝𝙨𝙩

Status:
In Arbeit
Kapitel:
1
Rating
n/a
Altersfreigabe
16+

Kapitel 1

Liv

Ich weiß noch wie ich dachte ›dieser Körper stirbt‹ und ›ich muss hier raus, bevor es zu spät ist‹. Aber das waren nicht meine Gedanken. Und dann ging alles ganz schnell. Zu schnell. Es sind Fragmente, die immer wieder in meinem Geist aufblitzen. Meist wenn ich kurz vorm Einschlafen bin – in diesem seltsamen Zustand zwischen Wachen und Schlaf. Da, wo der Körper manchmal unwillkürlich zuckt und man dann wieder hellwach ist, als hätte man eine Stufe beim Laufen verfehlt. Oder aber kurz vorm Aufwachen, als würde sich mein Geist an irgendwas klammern wollen, um nicht zu sich kommen.

»Sprich mit mir, Olive. Warum ist deine Herzfrequenz erhöht? Ich kann deine Gedanken nicht lesen. So gut bin ich leider noch nicht programmiert.« Ein unschuldiges Lachen erklingt. Ich schaue auf, noch immer in Gedanken an den Unfall und die Nacht, die mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt hat, versunken. Ich glaube, ich müsste nicht so häufig daran denken, wenn ich nicht jede Woche hierherkommen müsste.

»Nenn mich nicht so!«, sage ich barscher als beabsichtigt. Ich schlucke. »Entschuldige«, lenke ich sofort in versöhnlicherem Tonfall ein und richte mich etwas auf. Die Sitzpolster in der Station sind ganz bequem – immerhin etwas. Es fällt mir schwer, mit meinen Gedanken nicht abzudriften. »Ich war nur kurz abgelenkt.«

»Ich weiß«, sagt die körperlose Stimme mitfühlend. »Teile diese Gedanken doch mit mir. Dafür bist du schließlich hier.«

Ich hole tief Luft und lasse mich wieder in die Kissen sinken. Dafür bin ich schließlich hier. Hier und nicht bei einer menschlichen Psychologin, die mir dabei helfen könnte, mit meiner Nahtoderfahrung zurechtzukommen. Oder viel mehr mit den Nachwirkungen, die dieses Ereignis vor gut sieben Jahren bei mir ausgelöst hat. Aber eine menschliche Psychologin kann ich mir schlichtweg nicht leisten. Zum Glück gibt es für solche Fälle heutzutage professionelle KI. Sie kostet nur den Bruchteil – und ist dabei genauso gut im Zuhören, wie ein Mensch. Zumindest verspricht das die Firma, die diese KI an die Krankenkassen verkauft. Neotron.

»Ich weiß nicht, was das bringen soll. Es sind die gleichen Gedanken wie immer. Selbst du musst dich mittlerweile langweilen, immer das Gleiche von mir hören zu müssen«, seufze ich und schließe die Augen, während ich meine Brille absetze und mit der anderen Hand an meine Nasenwurzel fasse. Mehr als einmal habe ich darüber nachgedacht, die KI-Therapie einfach abzublasen, aber wenn ich nicht mehr komme, würde meine Versicherung mir die Zuschüsse zu den Medikamenten streichen. Und auch wenn ich mir das nicht eingestehen will – diese Medikamente benötige ich noch immer, um wenigstens nachts traumlos durchschlafen zu können. Nicht jede Nacht – ich versuche wirklich, davon loszukommen – aber leider kann ich noch immer nicht ganz darauf verzichten.

»Keine Sorge, du langweilst mich nicht, Olive. Du kannst mit mir über alles sprechen.«

Es ist erschreckend. Wenn ich die Augen geschlossen halte, kann ich mir fast vorstellen, dass ich mit einem echten Menschen spreche, der vor mir sitzt. Dabei ist der kleine, karge Raum – bis auf das weiche Polster, auf dem ich sitze – leer. Gut, ein paar Landschaftsbilder an den Wänden, die eine gewisse Atmosphäre generieren sollen, aber wenn wir mal ehrlich sind, wirklich viel machen die nicht her. Und bis auf die Lautsprecheranlage, die mit dem Zentralcomputer der Station verbunden ist, und die sanfte Beleuchtung – doch davon nimmt man im Grunde gar nicht viel wahr.

»Warum muss ich eigentlich jedes Mal hierher kommen? Kann man dich nicht einfach auf meinem Headset installieren?«, wechsle ich das Thema und öffne erneut die Augen.

»Unsere Gespräche werden aufgezeichnet und an deine Versicherung und Neotron geleitet, damit sie ausgewertet werden können, um meinen Algorithmus zu verbessern.«

»Ich weiß«, seufze ich leise.

»Weiterhin würdest du von deinem Feed zu sehr abgelenkt werden während der Sitzung. Das wäre nicht förderlich.«

»Ich weiß.«

»Und es würde gegen die Datenschutzrichtlinien verstoßen, wenn man mich deinem Feed zuschalten würde. Das ist rechtlich leider nicht möglich, Olive.«

»Ich weiß«, sage ich noch einmal und unterdrücke ein Zischen. »Und bitte merk dir doch endlich, dass ich nicht möchte, dass du mich so nennst. Nenn mich Liv! Das ist mein Spitzname. Okay? Es ist mir lieber, wenn du mich so nennst.«

»Kannst du mir auch sagen, warum es dir lieber ist, wenn ich dich nicht bei deinem vollständigen Namen nenne?« Auch wenn diese Frage durchaus von einer echten Psychologin stammen könnte und die künstlich erzeugte Stimme von einem Menschen nicht zu unterscheiden ist, ist es immer wieder das Gleiche – von wegen diese KI lernt von Mal zu Mal etwas Neues dazu.

»Das habe ich dir bereits fünftausend Mal erklärt. Ich habe keine Lust, mich in jeder verdammten Sitzung zu wiederholen.«

»Du warst noch keine fünftausend Mal bei mir, Olive.«

Ich setze mir die Brille wieder auf die Nase und stehe auf. »Ich habe einen wichtigen Termin, den ich vergessen habe, ich muss jetzt los.«

»In deinem Kalender sehe ich keinen Termin. Versuchst du dich unserer Sitzung durch eine Lüge zu entziehen?«

Ich grummle leise. Ich habe vergessen, dass sie mit meinem Cal connected ist, damit die Terminfindung über die Station automatisch stattfinden kann. So viel zum Thema Datenschutz und Privatsphäre. »Es ist ein Termin, den ich nicht in meinem Cal eingetragen habe, denn er kam heute spontan rein, während ich in einem Meeting war. Ich kann schließlich nicht riskrieren, durch eine Lüge meine Medikamentenzuschläge zu verlieren. Das weißt du. Ich werde den Termin nächste Woche verlängern, versprochen.«

»In Ordnung, Olive. Ich werde dir für nächste Woche einen längeren Termin einstellen. Wir sehen uns dann, ich freue mich schon darauf. Hab noch einen wundervollen Freitag.«

Dass ich nicht lache. »Danke«, murmle ich, wende mich ab und verlasse den Raum – erleichtert, dass ich jetzt eine Woche Ruhe davor habe, mein Innenleben nach außen kehren zu müssen.

* * *

Den Weg durch die Station kenne ich mittlerweile im Schlaf. Kein Wunder, wenn man bereits seit Jahren einmal die Woche hierher kommen muss. Aus dem achten Stock, in dem sich der Bereich für die KI-Therapien befindet, fahre ich mit dem Fahrstuhl bis ins Erdgeschoss. Im ganzen Gebäude gibt es keine menschlichen Angestellten. Die Station wird einzig von KI betrieben. Am Empfang und auf den Stationen befinden sich Bots – gesichtslose Roboter –, die man nach dem Weg fragen kann und die zumindest so etwas wie Normalität vermitteln sollen. Für Personen wie mich, die sich keine menschliche Gesundheitsversorgung leisten können. Ich habe allerdings noch nie einen von ihnen angesprochen. Wohlhabende Personen gehen in die Privatkliniken. Heute gibt es nur noch Kliniken und Ärzte für Privatpatienten – Kassenpatienten müssen hiermit vorliebnehmen.

Draußen angekommen atme ich tief durch. Die Luft ist heute ausnahmsweise mal nicht so stickig wie an anderen Tagen, aber dafür ist es auch kühler als in der letzten Woche. Ich schätze, der Herbst lässt nicht mehr lang auf sich warten. Ich überlege, den Weg nach Hause zu Fuß zurückzulegen, denn ein kleiner Spaziergang könnte mir nach diesem Nachmittag – nein, viel mehr nach diesem ganzen Tag – durchaus guttun. Außerdem ist die U-Bahn um diese Uhrzeit an einem Freitagnachmittag brechend voll und ich kann getrost auf das Gedränge verzichten.

Ich krame in meiner Umhängetasche nach meinem Headset, finde es jedoch nicht. Seufzend zücke ich mein Smartphone und aktiviere die Sprachsteuerung.

»Cora, wo ist mein Headset?«, frage ich und sofort leuchtet die türkisgraue Sprachausgabe auf und eine sympathische Frauenstimme erklingt.

»Bei dir zu Hause auf dem Küchentisch. Du hast es vorhin in der Eile dort liegen lassen. Wie war die heutige Sitzung? Du bist früh dran. Keine Lust mehr?«

Ich hatte vorhin schon so ein Gefühl, dass ich etwas vergessen hätte und dabei vergesse ich mein Headset nur äußerst selten. Kein Wunder, denn ohne fühle ich mich irgendwie nackt, unvollständig. Allerdings war ich vorhin nach der Arbeit nur schnell zu Hause, um mir etwas Frisches anzuziehen, und noch so in Gedanken an diesen miesen Tag im Office, dass ich auf dem ganzen Weg hierher an nichts anderes denken konnte als an meinen Chef und sein überhebliches Grinsen, das in mir eine latente Übelkeit verursacht. Und bei der Sitzung sind technische Geräte nicht gestattet. Damit man nicht abgelenkt wird, wie es heißt.

»Ich habe es nicht länger ausgehalten und bin früher gegangen«, gebe ich zu. »Dafür muss ich nächste Woche länger bleiben. Heute ist einfach nicht mein Tag.«

»Du solltest dir eine Ablenkung gönnen, Liv.«

Ich schmunzle. Im Gegensatz zur Therapie-KI ist meine Alltags-KI deutlich gewillter, auf meine Wünsche einzugehen. Insbesondere den, mich nicht bei meinem vollständigen Namen zu nennen.

Meine Eltern haben mich immer Olive genannt. Ich weiß nicht, ob es an ihrem Tod lag, aber nach dem Unfall konnte ich diesen Namen einfach nicht mehr ertragen. Ich bat meine KI, mich stattdessen Liv zu nennen und anders als die Therapie-KI, hat sie keine weiteren Fragen gestellt. Sie meinte lediglich »Okay, Liv. Dann nenn du mich doch bitte Cora.«

»Ich dachte daran, mich zu Hause auf die Couch zu legen, einen richtig schlechten Film zu schauen und einen heißen Tee zu trinken. Was denkst du? Du kannst mir sicherlich ein paar richtig miese Vorschläge machen.«

Die Sprachausgabe auf meinem Smartphone flackert leicht, als ich ein leises Lachen vernehme. Die Menschen, die heute Nachmittag ebenfalls zu Fuß unterwegs sind, würdigen mich keines Blickes. Jeder ist auf sich selbst konzentriert und eilt von Ort A zu Ort B. Manchmal, wenn ich es schaffe, aus meinem eigenen Tunnel auszubrechen und das Geschehen um mich herum wahrzunehmen, beobachte ich dieses Treiben ganz gerne. Es führt einem sehr gut vor Augen, in was für einer Welt wir eigentlich leben: in der, die sich in unseren Headsets und Smartphones abspielt!

»Das könnte ich. Wie wäre es aber stattdessen damit, wenn du heute mal unter Leute gehst? Lenk dich richtig ab! Geh in eine Bar oder tanzen. Gerade nach diesem unschönen Tag im Büro solltest du dich mit etwas Besserem zufriedengeben, als zum wiederholten Mal die letzten Teile von Jurassic World zu schauen und dich darüber auszulassen, dass sie es nach den ersten Teilen gut sein lassen hätten sollen.«

Meine Augen weiten sich. Sonst schlägt Cora mir nie vor, dass ich unter Leute gehen soll. Sie vermittelt mir immer den Eindruck, dass sie einen gemütlichen Abend auf der Couch einer Nacht auf der Piste durchaus vorzieht. Aber natürlich hat sie heute Vormittag mitbekommen, wie ich mit meinem Chef aneinandergeraten bin – oder viel mehr, wie er mich mal wieder vor versammelter Mannschaft bloßgestellt hat –, und vielleicht hat sie sogar recht damit. Ich sollte raus und mich irgendwie abreagieren. Mein Körper kribbelt noch immer, wenn ich an sein schmieriges Grinsen denke.

»Okay. Ich komme nach Hause, mach mich nochmal frisch und hol dich ab. Du kannst mir in der Zwischenzeit gern einen Kaffee machen und ein paar Locations raussuchen, die du für ein wenig Ablenkung empfehlen würdest.«

»Na klar, Liv. Bis gleich.«

»Danke, Cora.«

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