Apex Vitae von Elena Lönn bei Inkitt
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Apex Vitae

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Zusammenfassung

„Körper ist Körper. Daten sind Daten. Und das System vergisst nichts.“ Die Megacity wird kontrolliert von Apex Vitae – einem Megakonzern, der jeden Herzschlag in Credits abrechnet. Hier gibt es keine strahlenden Helden. Es gibt nur das Überleben im Smog. Als eine Zuchtfabrik explodiert, versucht der Konzern die Katastrophe zu vertuschen. Doch der Funke ist längst gesprungen – isoliert in den Schatten der Stadt: Ein wütender Konstrukteur, der die Sabotage auslöste. Eine erschöpfte Datensichterin, die das Sterben live auf der Netzhaut sieht. Ein Chirurg, der die Opfer zusammenflickt. Eine Biochemikerin, die die Gene des Konzerns entschlüsselt. Und eine geflohene Lastenheberin, die unter falschem Namen aus den brennenden Trümmern kriecht. Sie kennen sich nicht. Sie schmieden keine Pläne. Doch im dezentralen digitalen Untergrund des Myzels sind ihre Schicksale längst unlösbar miteinander verknüpft. Ein rauer, kompromissloser Cyberpunk-Roman über Isolation, Systemfehler und den leisen Widerstand in den Ruinen des Turbokapitalismus.

Genre:
Scifi
Autor:
Elena Lönn
Status:
In Arbeit
Kapitel:
4
Rating
n/a
Altersfreigabe
18+

1-NOVA

Ich träume nie. Jedes mal, wenn mich das Melatonin aus dem Implantat ins Schlummerland zwingt, falle ich in die tiefe, dunkle Leere. Das ist völlig in Ordnung, denn nur dort ist es still. Nur dort kann ich sein. Das aufdringliche, widerliche Geschrei des Weckers reißt mich wieder aus der Leere heraus, ich öffne lansam die Augen. Das kleine, stickige Zimmer erstrahlt in angeblich freundlichem Morgenlicht, perfekt gemischt und abgestimmt durch die H.E.S.T.I.A. - Homeostatic Environment & Systemic Therapeutic Intervention Agent, die die LEDs steuert.

-"Guten Morgen, Nova."

Ich ignoriere sie. Ich bin noch viel zu erschöpft, um die Realität überhaupt erst begreifen zu wollen.

-"Ihre Herzfrequenz ist weit über dem Durchschnitt erhöht. Soll ich Maßnahmen einleiten?"

Ich rolle genervt mit den Augen. "Nein. Das wird schon." krächze ich, während ich versuche, meinen bleiernen Körper aus dem Bett zu bewegen.

"Wie Sie wünschen." Diese übertrieben nette, sanfte Stimme, die gleichzeitig so kalt, so seelenlos ist und einfach allgegenwärtig zu sein scheint. Manchmal glaube ich, sie würde direkt in mein Hirn sprechen. Ich schleppe mich ins kleinste Badezimmer der Welt und werde beim Betreten vom grellen Licht ins Gesicht geschlagen. Das soll angeblich einen Wachzustand schneller herbeileiten, ansonsten kriegt man mal wieder Hormonpampe aus dem Implantat ins Blut gepumpt. Meine Blase ist unerträglich voll, doch beim Gedanken mich wie jeden Tag auf dieses Ding zu setzen, die mir das letzte Fetzen Privatsphäre raubt, wird mir unwohl. Ich hatte schon versucht in Flaschen zu pinkeln, wurde aber bestraft. Nichts darf dem Allwissendem Auge entgehen. Allerdings was muss, das muss. Ich spüre eine Erleichterung, als die Blase Schritt für Schritt leer wird, gleichzeitig steigt meine Anspannung, ich merke den Puls schon selbst in der Brust. Ich zucke als KI monoton meine Werte aufzählt.

"Kreatinin wert erhöht, +15% zum Vortag. Sie sind dehydriert. Kortisol, Adrenalin und Noradrenalin 15% über dem Wochendurchschnitt. Ihr Nährstöff-Soll für das Frühstück wurde angepasst. Ihnen wurden 0,25 Credits für Extra-Dosis Elektrolyte abgezogen." Ich atme tief durch und versuche diese Stimme zu ignorieren. Mein Puls steigt weiter. "Ihr Puls ist bedrohlich erhöht, leite Maßnahmen ein." Was wird es diesmal sein? Betablocker? Kalziumantagonisten? Ich weiß eigentlich schon zu viel davon, was das System ihren Schäfchen zur Kontrolle jedes Aspekts des Dasein spritzt. Ich bleibe auf dem Klo sitzen. Nach 3 Minuten spüre ich, wie ich wieder in mich zusammensacke. Eigentlich ist es angenehm, ich dachte mein Herz würde explodieren.

"Das war Vorfall 2 von 3. Die Konsequenzen sind Ihnen bewusst." Ja, ja, Konsequenzen, bla-bla... Ich steh auf, zieh meine Hosen an und drücke den Spülknopf. Ich starre das nächste Wunder der heutigen Zeit an. Meine persönliche Blutteststation. Ich will nicht. Kurzer Pieks. Ich habe schon Narbengewebe. Eigentlich misst das Implantat schon einiges direkt im Körper. Für weitere Dinge braucht es aber die Station, unter anderem für Tests auf verbotene Substanzen. Man darf schön clean das ganze Absurdium des Lebens ertragen, ansonsten droht schwerer Verstoß und man ist weg vom Fenster. Das Fenster ist mein Job. Was man für ein wenig Credits über sich ergehen lassen muss...

Während die KI weiterhin monoton meine Werte abliest, putze ich mir die Zähne. Ich bin müde, ständiges chemisches Aufputschen und wieder Runterbringen zerrt an meinem Körper. Heute ist Freitag. Unmotiviert schleppe ich mich wieder aus dem Bad in mein Gehege, den Raum, was eigentlich ein Wohnzimmer, Schlafzimmer und Küche in einem darstellt. Frühstück steht an. Der Nahrungspender ist fest mit der Wand verbaut, wie ein Organ. Klinisch, steril und matt steht er mir gegenüber. Mir wird übel.

"Ihre Glukosewerte waren heute Morgen im Keller, Nova. Ich habe Ihrem Hydro-Gel 12% mehr Kohlenhydrate und einen leichten Stimmungsaufheller beigemischt. Guten Appetit, Apex Vitae sorgt für Sie." zwitschert KI. Das ist der größte Witz. Apex Vitae, die Monstrosität, die dem Turbokapitalismus entsprungen ist und alles auf ihrem Weg restlos verschlingt. Sie besitzen alles, Geld, Macht, Gesetze, Politiker, Reste von Natur, meinen Körper, meine Seele und meinen Willen zum Leben. Es zischt in der Wand, ich höre ein stumpfes Klackern. Eine Aluschale voll mit leblosem Glibber und einem kleinem, harten Riegel plumpst aus der Ausgabe. Geschmack? Nur für die Oberschicht, das was ich hier kriege hat genug künstliche Aromen um gerade noch den Brechreiz zu unterdrücken. Nährstoffe sind perfekt abgestimmt, es soll ja nicht schmecken, es soll wirken. Ich brauche Wasser, um den widerlichen Nachgeschmack auszuspülen. Heute stehen mir insgesamt 5 Liter Trinkwasser zu. Ich zapfe es vorsichtig aus dem Küchenhahn und bin froh, dass es nach Nichts schmeckt. Ich warte, bis der versprochene Stimmungsaufheller meinen Gehirn glattbügelt und ziehe meine Arbeitsunform an. Tag für Tag. Es wird Zeit zu gehen.

Ich wohne in einem Gebäudekomplex, was schon für sich für eine kleine Siedlung kandidieren kann. Hundert Stockwerke hoch, bestehend aus vielen, vielen Wohnungen, Läden, Verkaufsautomaten und Werbung, steht dieser Koloss direkt neben der U-Bahnstation. Noch liege ich in der Zeit. Im Flur stinkt es nach feuchter Wäsche, verbrannter Elektronik, Staub und gestorbenen Träumen. An einem der Automaten hole ich mir einen Kaffee To-Go. Das einzige, was an diesem Gebräu Kaffee ist, ist der Name. Komplett synthetisch, allerdings weiß ich gar nicht wie richtiger Kaffee schmeckt und gebe mich damit zufrieden. Ich wohne im 53. Stock. Ich schaue aus dem kleinem Flurfenster raus auf die Stadt. Heute ist heiß, man könnte den Smog weiter unten wahrscheinlich in Stücke schneiden. Ich trinke meinen Hochstaplerkaffee aus und werfe den Becher in den Müll, laufe weiter zu den Aufzügen, wo sich schon eine Schlange aus unglücklichen Seelen gebildet hat, die auch wie ich auf dem Weg zur Arbeit sind. Der Konzern gönnt nicht mal genug Aufzüge, und selbst bei den Aufzügen merke ich, wie ich ein niemand für diese Welt bin. Es gibt drei, die in Zonen fahren. Zwei davon sind für die Bewohner, der dritte ist VIP und Service Aufzug. Ich muss den zweiten nehmen. Er ist gnadenlos überfüllt. Ich fühle mich von allen Seiten eigequetscht, jemand atmet in mein Ohr. Ich schwitze und mein Puls steigt wieder, ich bekomme kaum Luft, fange ungewollt an zu wippen, um mir etwas Freiraum zu verschaffen. Kassiere böse Blicke, jemand rollt die Augen. Aus den Lautsprechern dröhnt ein Jingle für das Geschmackpacket-Abo für unseren täglichen Glibber. Sie versprechen sonnengereifte Erdbeeren und saftige Mangos, wie in einem Paradies. Apex Vitae ist bemüht um die Vielfalt, Genuss und ein glückliches Leben. Wir sind endlich im Erdgeschoss, die Lawine an Menschen verlässt diese stickige Folterkabine und zerläuft in der großen Eingangshalle. Ich muss kurz anhalten um wieder Fassung zu finden. Ich atme. Mein Puls wird ruhiger.

In der Eingangshalle höre ich schon das Summen, Zischen, Dröhnen, Hupen, Schreien, Brummen, Quitschen und Gröhlen der Megacity. Das Virtel könnte einem Bienestock gleichen, die Luft ist voll mit Drohnen jeder Art und Größe. Manche liefern, manche überwachen, manche sammeln einfach nur Daten. Weiter oben, oberhalb von Smog kann man glänzende Taxis erkennen, die edelste Art des Personentransports, die erhaben über die Stadt gleiten. Manche Menschen besitzen sogar ein persönliches Taxi, aber das können sich eigentlich nur die Reichsten leisten. Der Rest benutzt die U-Bahn. Es ist eine fensterlose, vollgestopfte Stahlkapsel, die mit 1000 km/h in einer komplett luftleeren Röhre auf Magneten von einem Ende der Megacity zum anderen in minutenschnelle saust. Ich spüre einen kurzen Schauer über den Rücken, wahrscheinlich hat mein Implantat im Nacken wieder etwas freigesetzt. Draußen werde ich wie üblich von den Ausdünstungen erschlagen. Müll, bittere Chemie, Asphalt, Staub, Abgase, Kanalisation, Smog, alles vermischt sich in einen unvergesslichen Gestank der Kloake der Stadt. Ich nehme meine Maske aus der Tasche, die mir drei Minuten sauberer Luft garantiert, die ich bis zur U-Bahn Station brauche. Diese Einweg-Dinger gibts in jedem Automaten an der Ecke zum relativ erschwinglichem Preis. Eine Lieferdrohne flitzt zu nah an mir vorbei, ich spüre den Luftzug an meiner Wange. Ich wünschte ich könnte meine Ohren abschalten. Von der Seite werde ich von Werbehologrammen gejagt, die mir üblichen Kram andrehen wollen. Riesige Werbebildschirme zeigen einen traumhaft grünen Wald, blaue Berge, kritall klares Wasser in einem See, eine Blumenwiese, einen gemütlichen Strand. Diese Orte gibt es noch, allerdings sind das sündhaft teuere Urlaubsorte für die ich meinen Leben lang arbeiten müsste. Ich frage mich, wie die Luft im Wald riechen könnte, während ich in meine Maske schnaufe und die Hologramme aus dem Weg scheuche. Ich sehe den Eingang zur U-Bahn. Dort wird die Luft wenigstens gefiltert. Ich spute mich noch die letzten paar Meter und lege endlich meinen Handgelenk auf einen der vielen Sensoren, um mich für die Fahrt anzumelden.

Eine Schleuse öffnet sich, in die ca. 20 Menschen reinpassen. Wir werden wie Vieh hereingequetscht, denn natürlich wollen mehr als 20 Menschen gerade zur U-Bahn. Die Türe schließen sich, ein zischender Schwall reinigt die Schleuse und die eigentlichen Tore zur Hölle öffnen sich. Ich kann endlich meine Maske abnehmen, Schweißperlen kugeln mir über das Gesicht. Die Luft ist kalt, steril und tot. Ich habe für einen Moment das Gefühl, nichts einatmen zu können. Tiefe Brummen der Luftfilter und der Klimaanlagen legen sich wie Watte über meine Ohren. Es ist lähmend Still im Vergleich zu Draußen. Ich bewege mich zu den Zügen, der nächste sollte jede Sekunde einfahren. Die ewige Treppe nach unten ist vollbeladen mit ernsten, erschöpften Gesichtern, die in der grellen Neonbeleuchtung leuchten. Niemand redet, jeder ist in seiner Welt, denn die, in der wir uns gerade befinden ist ein sehr ungemütlicher, dunkler Ort. An der Station angekommen, stellen sich alle an der nächten Schleuse an, der Zug sollte gleich kommen. Ich vernehme Vibration an meinen Füßen, die mein Skelett langsam hoch kriecht bis in meine Zähne. Die Schleuse öffnet sich, ein öhrenbetäubendes Zischen - Druckabgleich, der mir mit einer Wucht aus heißer, metallverbrannten Luftwelle ins Gesicht peitscht. Es strömen Menschen aus dem Zug, wir sind die nächste Welle, die mich in den Bauch der Metallbestie schwemmt. Es gibt keine Fenster, keine Sitze, nur Wände, die vollgepflastert mit Bildschirmen sind, welche Werbeanzeigen unermüdlich in die Welt schreien. Die Stangen, an denen man sich festhalten muss, gleichen den Barten eines Wals. Wir sind das wehrlose Krill, was jeden morgen und abend in den Schlund eingesaugt wird. Die Schleuse schließt sich. Ich bereite mich innerlich auf den heftigen Ruck vor, der fast unmittelbar danach kommt. Wie ein Geschoss, fliegt der Zug durch die Röhre, direkt zum einen der sehr vielen Arbeitskomplexe von Apex Vitae. Ich muss ins Datenzentrum. Die Fliehkräfte prügeln meinen Magen an die Wirbelsäule und ich bin diesmal froh, dass der Zug fast aus allen Nähten platzt. Wäre er nicht so voll, hätte ich mich an der Stange um mein Leben halten müssen. Aber die Züge sind immer voll. Immer. Es wird unerträglich warm; die Masse aus Körpern, eingepfercht in eine Blechbüchse, heizt sich innerhalb von einer Minute auf. Zum Glück muss ich nur noch weitere sechs Minuten aushalten. Wir fahren ohne Halt, ich wohne an einem der vielen Knotenpunkte der Arbeiterzüge, die direkt zur Endstation durchfahren. Ich bin froh, nicht umsteigen zu müssen. Erneuter massiver Stoß kündigt das Ende unserer Reise an, ich atme durch und werde von der Menschenflut hinausgetragen.

Das Datenzentrum ist ein riesiger Monolith aus Stahl, Beton und Macht. Steril und erbarmungslos saugt es die Datenströme des Alltags auf, sortiert und filtert sie. Meine Aufgabe ist es, die Ausreißer zu erkennen und zu bewerten. Als ich mich dem Gebäude nähere, aktiviert sich mein Augenimplantat. Ich spüre ein leichtes kribbeln hinter dem Ohr, wo die Titanelektrode sitzt und ein metallischer Geschmack breitet sich auf meiner Zunge aus. Eine Biofilmlinse, eingesetzt über meine eigene, blendet die Datenlandschaften in meine Netzhaut ein. Sie kommuniziert mit meinem Nackenimplantat über mein eigenes Fleisch. Ich sehe eine Begrüßung, wie jeden Morgen. “Willkommen, Nova. Sind Sie bereit für einen weiteren produktiven Tag bei Apex Vitae?”

Ich drücke die Augen zu, die Neonschrift bleibt aber da. Der erste Sicherheitscheck. Die Schranke leuchtet grün auf und piept zufrieden. Aufzug. Zweiter Sicherheitscheck, meine Implantate werden kurz auf Schadsoftware geprüft. Arbeitsplatz. Ich starre auf eine riesige Glasscheibe, vor der ich jetzt 12 Stunden verbringen werde. Ich gehöre zur ersten Schicht. Der Sensor hat meine Anwesenheit registriert und sie leuchtet auf. Es ist ein wirres, epileptisches Pixelbrei zu sehen, der mit nacktem Auge keinen Sinn ergibt. Ich melde mich zur Arbeit bereit, der Timer legt los und es erscheint eine strukturierte, topographische und leuchtende Datenlandschaft vor meinem Auge. Das Implantat muss sich jeder bei der Einstellung als Datensichter einsetzen lassen, denn er übersetzt das Pixelrauschen in wahrnehmbare Formen. Mein Gehirn ist darauf getrimmt, Unstimmigkeiten in Mustern zu sehen. Jeden Tag sehe ich, wie jemand kurz davor ist, zusammen zu brechen. Wie jemand stirbt. Wie jemand rebootet wird. Wie das Nervensystem weiter weg geätzt und gebügelt wird. Heftige Schmerzen, Drogenrausch, Hunger, Durst, Krankheiten, Unfälle, Albträume, Umarmungen, Sex. Wie Verschleiß und Druck am Körper und der Seele sich bemerkbar machen. Das alles muss ich erfassen und markieren. Ich schwimme im binären Geistermeer aus Schreien und Qualen und ich bin die Geisterjägerin. Ich weiß nichts über die Person, die ich gerade vielleicht zum Neuroreset verurteile. Meine Welt besteht aus Linien, Formen, Ziffern, talen, Bergen und einer zehnminütigen Mittagspause. Ich mache das schon so lange, dass ich aus der Masse bestimmte Individuen wieder erkenne. Ich fiebere heimlich für sie mit.

Ich nehme Augentropfen, denn nach 8 Stunden des ewigen Starren fühle ich Klumpen aus Sand in meinen Augenhöhlen. Mein Blick schweift umher und ich drifte ungewollt ab. Heftiges Stechen im Kopf rüttelt mich wieder wach. Der Konzern meldet sich mit der elektrischen Leine. Wenn ich meinen Blick für mehr als 30 Sekunden unbegründet abwende, schickt das Implantat in meinem Nacken einen Elektroschock, der in meinen Augen endet und manchmal heftige Migräne auslöst. Ich ziehe eine Miene und verfluche die Tatsache, dass Menschen Strom leiten. Allerdings, wenn's nicht so wäre, hätte der Konzern einen anderen Weg gefunden, um uns zu zügeln.

Ich hasse es. Ich hasse es, dass ich für das System auf die Menschen mit dem Finger zeige. Ich markiere jemanden mit Kreislaufkollaps, den die KI übersehen hat und überlege, wie es wohl für die Person weitergeht. Manchmal gelingt es mir, kleinste Anpassungen vorzunehmen, wenn Synchronisation mit den Hauptservern läuft und das wachsame Auge nicht so wachsam ist. Ich lasse die Person sich betäuben oder lasse den Puls nicht so hoch erscheinen. Kleine Akte des Erbarmens, die mich allerdings in die Zuchtfabriken bringen könnten.

Irgendwas stimmt nicht. Ich sehe ein Feld voller Ausreißer: Schmerz, Adrenalin und pure Agonie. Viele Aufschreie verstummen mit der Flatline. Sowas habe ich noch nie gesehen. Die KI scheint überfordert zu sein und meldet Standortkoordinaten, die ich mir flüchtig merke. Mich trifft eine Flut aus menschlichem Elend und ich muss handeln. Meine Kollegen scheinen auch das gleiche Problem zu haben. Der Manager meldet das nach oben. Wir sollten unsere Schicht wie gewohnt fortfahren.

Feierabend. Eingepfercht in die U-Bahn, lässt mich der Gedanke nicht los. War das ein großes Unglück? Warum sind so viele gestorben? Warum hat man uns nichts gesagt? Der gewohnte Ruck. Zischen. Eine Falte legt sich über meine Stirn. Ich setze meine Drei-Minuten Maske auf rund eile nach hause.

Ich verschlinge hastig meine Portion Glibber, während ich am Wohnungssterminal Nachrichten durchforste. Nichts, außer Regenbögen, Sonnenschein und weiteren Brechreiz erregenden Lügen, wie gut es uns doch allen geht. Dachte ich mir. Ich suche das Kabel für den Myzel-Zugang, gebe Standardantworten auf Fragen von Hestia und wimmel sie endlich ab.

Mein Gebäude ist alt und hat einen langen technologischen Fortschritt miterlebt. Der Konzern hat bei der Nachrüstung einige Buchsen vergessen. Durch eine solche Buchse kann ich in das Myzel. Den Untergrund, den Schund, wo die Wahrheit lebt. Ich sitze auf dem Boden und halte von mir akribisch zusammen gelötetes, geklebtes und geschraubtes Monstrum vom Computer. Ich nenne es liebevoll die Rassel. Es rattert und pustet beim Hochfahren. Ich habe Ewigkeiten gebraucht, um die Einzelteile auf Schwarzmärkten zu finden und zu kaufen. Es ist heiße Ware. Es gibt panische Meldungen von vielen Verletzten und Toten, ein Vorfall in einer Zuchtfabrik. Ich erinnere mich an Koordinaten. Drohnenaufnahmen zeigen eine absolute tote Zone. Rauchender Kadaver eines Gebäudekomplexes, blutend mit flüssigem Beton und Stahl. Eine Katastrophe solchen Ausmaßes gab es schon lange nicht mehr, der Konzern optimiert und sichert alles bis zum letzten Staubkorn. Natürlich vertuschen sie das. Die Rassel flimmert in der Dunkelheit und ich überlege, ob das Feuer für viele eine Erlösung war. Die Zuchtfabrik ist der letzte Ort, an dem man als fühlendes und lebendes Individuum sein möchte. Es ist die Hölle.

***

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