Nebelwolf - Fäden der Götter - Band 1

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Summary

Naera flieht vor dem emotionalen Missbrauch und der Misshandlung ihrer Eltern, woraufhin sie von Menschen aufgenommen wird, die sehr zurückgezogen leben und sie eigentlich schnell wieder loswerden wollen. Das seltsame Verhalten der Menschen an diesem Ort und vor allem der Mann namens Hares sind anziehend und furchterregend zugleich. Sie muss nun entweder versuchen mit diesen Menschen ein Abkommen zu treffen, um sich dort verstecken zu können oder erneut die Flucht antreten...

Status
Complete
Chapters
43
Rating
5.0 48 reviews
Age Rating
18+

(1) Flucht


“Irgendwann ist irgendwann zu spät.” (unbekannt)


...rannte ich durch den Wald, leichter Regen peitschte mir um die Ohren und ich wusste nicht, wie lange ich noch laufen könnte.

Mein einziges abgewetztes, braunes Kleid klebte an mir wie altes Harz an einem Baum. Darunter hatte ich nur ein leichtes Unterkleid an. Beides wurde zunehmend schwerer und belastete das Vorankommen.

Mein Gepäck bestand aus einem silbernen Anhänger, den ich an einer ledernen Schnur um mein Handgelenk gewunden und mit Stoffresten umschlungen hatte. Ihn zu verlieren, würde mir die einzige Erinnerung an Hoffnung und Menschlichkeit nehmen, die ich in mir trug. Mein ganzer Besitz.

Es schüttete zwar nicht. Zu meinem Glück! Aber das Rennen mit feuchter Kleidung war anstrengend und mit jeder Minute, die verging und sich die Kleidung weiter vollsog, versteiften sich meine Bewegungen.

Meine Lunge fing an zu brennen. Es fühlte sich an, als ob sie sich mit glimmenden Funken füllt. Diese wunderschönen Lichtpunkte, die am Lagerfeuer so magisch wirken, schienen sich in meinem Inneren zu sammeln und einzunisten. Sie bündelten sich dort und ließen mich ohne Atem zurück, sie stahlen mir mit jedem Augenblick mehr und mehr Luft. Verbrannten sie. Erstickten mich bald.

Ich konnte meine Verfolger nicht hören, aber ich spürte sie hinter mir her hetzen...

"Sie sind viel zu nah!", drängte mich meine innere Stimme.

Ich war mir nicht sicher, woher ich das wusste, doch es war gewiss. Ich musste weiter!

Meine Füße waren bereits wund, denn meine Schuhe sind nur leichte Lederschlappen und weder meine Schuhe noch ich waren für ausdauerndes Laufen bestimmt.

Ich spürte, dass ich an den Füßen blutete, weil ich rücksichtslos auf Steine und Äste trat, da mir keine Zeit blieb. Mein rechter Knöchel schmerzte, weil ich mehrfach umgeknickt war und über größere Äste und kleinere Baumstümpfe stolperte.

Mein langes, dunkelbraunes Haar war schlimm zerzaust und wahrscheinlich voll von Blättern, Holz und Schmutz. Verklebt von der Nässe peitschten mir hin und wieder Strähnen ins Gesicht und verschlechterten meine ohnehin schon eingeschränkte Sicht.

Winzige Äste schlugen mir bei meiner Flucht wieder und wieder ins Gesicht. Längst war meine Haut mit Fäden aus verkrustetem und frischem Blut bedeckt.

Feine Rinnsale liefen mir von der Stirn über die braunen, fast schwarzen Augen, Tränen wie Karneol tropften über meine Wangen. Jedes Mal wenn ich einen Blick über meine Schulter riskierte, blitzten sie im Licht. Sie schimmerten rötlich, verheißungsvoll und wie Vorboten einer Verdammnis, die sich heranpirschte wie ein Raubtier auf der Jagd.


Im Schutz der Nacht hatte ich gehofft, mir einen Vorsprung zu verschaffen.

Ich war im späten Dämmerlicht dieses fast vergangenen Tages aufgebrochen.

Wieder schaute ich ängstlich über meine Schulter zurück und sah bedrohliche, verschwommene Schatten. Schemen die mich zu verfolgen schienen.

Passierte das wirklich? Sah ich nur Trugbilder? Waren das die Geister meiner Ängste? Oder waren das meine erbarmungslosen Jäger? Wie nah sind sie mir schon gekommen?

Auch wenn es sich wie eine Ewigkeit anfühlte, lief ich tatsächlich nur etwa zwei Stunden. Zunächst versuchte ich mich drängend aber bedacht fortzubewegen, weil ich nicht vermutete, dass mein Verschwinden bemerkt würde. Ich hoffte, dass ich die gesamte Nacht für die Flucht nutzen könnte, ohne dass jemand mein Fehlen bemerkt.

Habe ich tatsächlich noch an eine glückliche Wendung meines Schicksals geglaubt?

Geglaubt, ich könnte allem entkommen?

Der Gewalt?

Dem Schmerz?

Der Aussichtslosigkeit?


Dann mit einem Mal schlichen sich leise Stimmen und Geräusche an meine Ohren, wie das leise Knacken von Ästen hinter mir. Ein Rascheln hier oder dort, ein Schritt oder Tritt? Ein Knurren oder Brummen? Laute, die zu eigenartig sind, um von Tieren zu stammen. Tief, eindringlich und seltsam abgehackt.

Schnell hatte ich erkannt, dass es nicht zufällige Bewegungen von Wildtieren waren, sondern etwas oder jemand immer gezielt in meine Richtung lief, als hätten sie einen Kompass oder dererlei. Änderte ich die Richtung, so taten es die Jäger gleich. Nahm ich einen Bogen, so passten sie sich nach kurzer Zeit an.

Anfangs lief ich straffer und versuchte nur so leise wie möglich zu atmen. Jeder Tritt meiner Füße war aufmerksam gesetzt. Ich dachte daran, durch Vorsicht und möglichst wenig Geräusche meinen (zufälligen?) Verfolgern zu entkommen. Langsam, aber unentdeckt hoffte ich den Abstand zwischen ihnen und mir vergrößern zu können.

Ich merkte bald, dass es keineswegs zufällig war. Sie holten auf! Schnell! Also lief ich schneller. Mein Herz fing an wie ein Vogel in meiner Brust zu flattern, weil ich mehr und mehr fürchtete, entdeckt worden zu sein. Mein Atem ging stoßweise und versuchte mein Herz zu überholen. Meine Flucht wurde bemerkt? Ich konnte es nicht glauben.

Meine Jäger achteten auch nicht mehr auf ihre Lautstärke. Äste brachen laut unter schweren Tritten und schnaufend waren hier und da tiefe Atemzügen zu hören.

Einer von ihnen musste wohl gestürzt sein, denn der Aufprall eines schweren Körpers an einem Baum war so rabiat wie plötzlich. Es war ein Stöhnen und leises Wimmern für eine Sekunde wahrnehmbar, bevor es erstarb.

Es war so schnell verklungen, dass ich dachte, ich hätte es mir eingebildet, doch kurz darauf raschelte und knisterte das Laub und etwas erhob sich, lief aber nicht weiter.

Ein markerschütternder Schrei ertönte, bevor die Geräusche sich wieder veränderten. Die mich verfolgenden Schritte wurden vielzähliger aber leichtfüßig. Es klang nach weitaus mehr als drei Personen und befremdlich weich, dumpfer, fast wie ...Pfoten?

Konnte das sein? Unmöglich, so viele Wildtiere vereint? Es waren nicht so bleierne Schritte wie vorhin, doch gewichtig. Bären? Wölfe waren nicht so schwer, oder? Das hoffte ich zumindest. Umso mehr kroch mir die Angst in den Nacken.

Meine Schritte wurden schneller und schneller, bis ich schließlich um mein Leben rannte und keine Rücksicht mehr auf Geräusche nahm, die ich verursachte.

Wusch! Wusch!

Die Bäume flogen an meiner Sicht vorbei.

Ich hatte bisher nur einmal auf einem Pferd gesessen und als es mich im Galopp über Felder trug, sah ich die Wälder und Wiesen ebenso an mir vorbeirauschen. Nicht dass ich nicht gern wieder auf einem Pferd gewesen wäre, doch meine Person war es nicht würdig. Nur durch einen Notfall kam es zu diesem Ritt.

Eine hochangesehene Frau der nahegelegen Stadt benötigte ärztliche Hilfe und in dem Sturm, der zu Beginn meines Ritts noch wütete, war ich von den beiden zusätzlich anwesenden Personen, die entbehrlichere gewesen, um den Arzt zu holen. Doch mein hämmerndes Herz brachte mich rasant ins Hier und Jetzt zurück.

Moment, warum und wie konnte ich so schnell sein? Offensichtlich trieb mich meine Angst zu einer Geschwindigkeit, die ich mir nicht mal im Traum erdacht hätte. Ich flog förmlich zwischen den Stämmen der riesigen Bäume hindurch und machte große Sprünge über Steine und umgestürzte, vermodernde Baumreste.

Was auch immer mich in diesem Augenblick beflügelte und mir Kraft verlieh, flehte ich in stummer Verzweiflung an, mir weiterhin beizustehen.

Das Licht schwand zusehends. Der letzte Rest an schwachem Tagesschimmer verblasste. Ein leichtes Grau war noch als letzte sichtbare Grenze zur Farblosigkeit der Nacht vorhanden. Schon sehr bald hätte die Düsternis den Tag komplett verschlungen und bat den Mond als Mahnmal für die Leere und die Endlichkeit aller Wesen und Dinge am Himmel zu stehen.

Ich war weit genug, dass ich niemanden sah, doch hörte oder vielmehr spürte ich, dass mir etwas nach wie vor auf den Fersen war. Nein, hören konnte ich schon eine Weile nichts mehr, obwohl ich das Rauschen der Baumwipfel und das leise Klatschen der sachten Regentropfen auf den Blättern wohl vernahm.

Das Gefühl der nahenden Bedrohung blieb. Alles in mir schrie: Renn weiter! Bleib ja nicht stehen! Obgleich der Regen nachließ und ein Meer aus Nebel im Wald entstand, das alles zu verschlucken schien, was sich in ihn wagte.

Die dichten Schwaden, wie Wolken, bildeten sich so schnell, dass ich noch weniger sah als vorher.

Verflixt! Im Dunkel der Nacht und bei Nebel musste ich etwas vorsichtiger laufen. Ich kannte den Wald zwar gut, doch kam ich in Regionen, die mir fremder wurden und da meine Aufmerksamkeit nicht nur auf dem Waldboden ruhte, hatte ich Bedenken, nicht doch über eine Wurzel oder ähnliches zu stürzen und mich zu verletzten.

Das hätte bedeutet, dass meine kurze Flucht ihr jähes Ende findet und ich von meinen Verfolgern gestellt werden würde. Höchstwahrscheinlich würde ich meinen Eltern übergeben, im besten Fall, doch dann wäre nichts gewonnen. Alle Hoffnung auf einen Neuanfang ohne sie, auf ein Entkommen vor der Brutalität meines Vaters und der Grausamkeit meiner Mutter wäre dahin. Ich hätte bestimmt keine Freiheiten mehr und meine Möglichkeit davonzulaufen, wäre vertan.

Ich sprang über einen kleinen Bachlauf und schlug einen Haken, um doch ein kleines Stück hindurch zu laufen. Meine Kleidung ist ja eh schon durchnässt. Ich hatte keine Ahnung, ob sie über Hunde verfügten, die meinen Geruch witterten, doch der Bachlauf war seicht und ich zog auch diese Möglichkeit in Betracht.

An einem Stein im Fluss riss ich mir die rechte Fußsohle leicht auf. Ich ahnte, dass es tief genug sein könnte und ich mich möglicherweise ernster verletzt hätte. Vielleicht hilft mir die Kälte und lässt es nicht zu stark bluten. Schon schoß mir der Schmerz wie ein Blitz in mein Bein und ich humpelte weiter.

Das Flüsschen wuchs nach einiger Zeit auf die doppelte Breite an und ich musste meinen Plan ändern. Erschöpft stieg ich aus dem immer tiefer werden Wasser ans Ufer und sah einige Felsformationen, die sehr dicht und schroff wirkten, aber auch Deckung versprachen.

Zwischen zwei größeren Felsen befand sich ein Spalt, doch als ich begann mich hindurch zu zwängen, bemerkte ich schnell, dass es nicht passte, mein zierlicher, fast ausgemergelter Körper passt trotz allem nicht hindurch.

Ich wollte nicht den Vorteil, den mir der Fluss geboten hatte, an einer Felswand verlieren, also glitt ich wieder hinaus und umrundete die großen Gesteinsbrocken. Ich konnte wieder etwas an Geschwindigkeit gewinnen und rannte wieder, ohne mich um die Erschöpfungszeichen meines Körpers zu scheren.

Wenn ich meine Sinne auf die Jäger lenkte und in diese Richtung spürte, lief es mir kalt über den Rücken. Meine Seele gefror und das trieb mich nur weiter voran. Etwas griff durch den Regennebel nach mir, wie Eis. So kalt und klar und tödlich!

Ich trieb mich vorwärts, ignorierte meine Schmerzen und geschundenen Glieder. Und rannte! Als wäre der Verschlinger der Welten persönlich hinter mir her. Ich spürte, wie meine Muskeln sich anspannten und mein Herz alle Kraft in seine Schläge legte.

Ich musste eine kleine Erhöhung hinauf und stand vor einem Abgrund aus gähnender Leere. Gerade noch rechtzeitig kam ich fast zum Stehen und schwenkte herum. Wäre es Tag, hätte ich vielleicht gesehen, dass der Abgrund sich nicht zu beiden Seiten gleich erstreckte.

Ich entschied mich im Bruchteil eines Augenblicks nach links zu laufen und achtete nicht auf die Wunde an meinem Fuß. Während ich lief, betete ich, dass Mutter Mond mich beschützen möge und mir doch noch einen Ausweg aus dieser Verfolgungsjagd zeigt.

Zu spät bemerkte ich, dass sich der Boden unter meine Füßen verändert hatte! Ein Hauch von Moder wehte von der Seite zu mir und verwundert verloren meine Beine und mein ganzer Körper an Halt. Ich warf noch meine Hände zu den Seiten, um irgendetwas zu fassen. Ein leises, kaum vernehmbares und erschrockenes Krächzen entfuhr meiner völlig ausgedörrten Kehle.

Und plötzlich fiel ich...

Unaufhaltsam in eine Tiefe...

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