Kapitel 1 – Ein Jahr später
Ein Jahr war mittlerweile in das Land gezogen, seit Daisuki von Korger entführt wurde. Ein Jahr, in dem sich Shubi zu Yuki und Kurei zog. Ein Jahr, in dem Cido jeden Tag geweint hatte und Xenio Stück für Stück zerbrach.
Der Formwandler genoss das Leben auf Dragonia, auch wenn es immer wieder Momente gab, in denen er sich nach der Nähe seiner alten Freunde sehnte. Yukis und Kureis Anwesenheit tröstete ihn über diese Einsamkeit hinweg und wenn er mit ihnen über die Steppe rannte, den Wind in seinem Fell spürte und ihr Lachen hörte, war diese Last vergessen.
Vergessen konnte Cido nicht. Er war zu einem Schatten seiner selbst und Xenios geworden. Wenn es ging, blieb er an der Seite des Dämons. Er schmiegte sich in seine Arme und hing, wie ein Umhang an ihn. Stumme Tränen rannen über seine Wangen und seine Lippen bebten immer wieder.
Jeder Herzschlag war schmerzhaft und sinnlos in seinen Augen. Er war zerbrochen und sehnte sich nach dem Jungen, den er in jedem noch so jungen Kind sah. Wie oft hatte er seinen Liebsten angeschrien, dass er Daisuki in den Straßen entdeckt hatte. Niemals war es Daisuki, sondern nur ein neues Kind, von einer zurückkehrenden Familie.
Die Stadt erwachte aus ihrem Schlaf und die einstigen Ruinen waren wieder voller Leben. Die Felder drumherum blühten und trugen Früchte, genauso wie Vieh auf den Weiden stand. Sie hatten wieder den Handel mit den umliegenden Dörfern begonnen und die einstige Stille war einem beständigen Gesprächsrauschen gewichen.
Xenio sollte stolz darauf sein. Er konnte es nicht, weil er nur seinen zerbrechenden Geliebten sah, der jede freie Minute in seinen Armen lag. Egal, ob Xenio gerade die Dorfbewohner empfing, auf der Veranda saß und seine Zauber übte oder sich die Beine vertrat. Sein Engel war bei ihm und sollten sie sich doch einmal verlieren, verirrte sich Cido heillos, sodass er nicht einmal nach Hause zurückkehrte. Xenio fand ihn in diesen Momenten immer weinend in einer Ecke sitzen.
Der Krieger trainierte seine Zauber und auch seine Kampfkunst. Er wollte daran glauben, dass er die Chance bekam, Daisuki aus Korgers Fängen zu befreien. Mit jedem Tag, der verstrich und sich eisig auf seine Schultern legte, wurde ihm klar, dass er niemals kam.
Er wusste nicht, warum er dennoch trainierte. Vielleicht, weil er hoffte, dass all die Übungen irgendeinen Nutzen haben könnte. Es doch diesen Moment geben würde, in dem er die Chance bekam, sein Versagen wieder gut zu machen.
Scarlet hatte er seit jenem Tag, an dem Korger Daisuki stahl, nicht mehr gespürt. Sie schwieg und hatte sich so tief in seinem Unterbewusstsein verkrochen, dass nicht einmal mehr das Kribbeln auf seiner Haut existierte, das ihn in jedem Kampf begleitet hatte und scheinbar ihre Erregung war. Auch Cido hatte Crimson seit diesem schicksalhaften Tag nicht mehr gespürt.
Xenio wusste nicht, ob das gut oder schlecht war. Insgeheim war es ihm irgendwie egal. Er brauchte die Kraft des Dämons nicht. Schon früher hatte er ohne Zauber und alles gekämpft. Ohne ihre Führung. Auf der letzten Reise hatte er gesehen, was geschah, wenn er sich auf die Kraft von anderen verließ: Er verlor.
Das wollte er nicht mehr geschehen lassen und auch wenn die Leidenschaft fehlte, so wurde er besser. Jeden Tag, an den er auf der Veranda saß und seine Zauber übte, wurde er ein Stück besser, ohne dass es ihm selbst bewusst war, und mit seiner steigenden Kraft blühte auch das Dorf mehr und mehr auf.
Xenio war sich nicht sicher, ob er die Tage oder die Nächte mehr fürchtete. Sein Leben entglitt ihm. Er konnte nur da sein und darauf hoffen, dass sich etwas änderte. Wie gerne wäre es ausgezogen und hätte Daisuki gesucht, aber seine Vernunft siegte und hielt auch Cido zurück. Sie hatten keine Chance, den Dämonenprinzen zu finden.
Cidos Hoffnung zerbrach jeden Tag ein Stück mehr. Sie wurde zu spitzen Scherben, die sich in seine Seele bohrten und tiefe Wunden hinterließen, die still vor sich hin bluteten. Er wollte daran glauben, dass Daisuki für sie bestimmt war. Daran festhalten, dass er zu ihnen gehörte und somit seinen Weg zurück an ihre Seite fand. Es geschah nicht.
Jedes falsche Kind stieß Cido näher an den Abgrund, bis er fiel und sich nur noch an Xenio festklammern konnte. Er wollte daran glauben, dass das Schicksal nicht so grausam war. Aber seine Vergangenheit hatte ihn schon eines Besseren belehrt. Seine Wünsche erfüllten sich nicht. Er bekam nur, was er sich nicht erhoffte.
Crimsons Schweigen war Balsam für ihn. Er konnte sich mit dieser verräterischen Seite nicht mehr auseinandersetzen. Nicht mehr daran denken, dass er ihr vertraut hatte und enttäuscht wurde. Dieser Hass, der alles zerstörte, wie er es immer tat. Hass konnte nur vernichten und er hoffte, dass Crimson es auch endlich verstand. Dass sie es beide verstanden.
Und damit hatte Cido nicht Unrecht. Scarlet und Crimson hatten sich in den tiefsten Teil des Unterbewusstseins zurückgezogen und wirklich über ihren Hass nachgedacht. Schon im großen Krieg hatte er ihr Leben gefordert und nach jeder Wiedergeburt war es nicht anders. Sie bekriegten sich und töteten einander, obwohl es nur um verletzten Stolz ging.
Sie mussten beide loslassen, aber Crimson konnte nicht. Nicht, nachdem was ihr Scarlet unter dem Deckmantel Liebe angetan hatte. Einem Dämon konnte man nicht vertrauen und sie hasste Cido dafür, dass er sich immer wieder in die Arme von Scarlets Wirt flüchtete. Diese Arme, die sie verletzt hatten und ihn auch nur brechen würden. Dämonen waren unfähig zu lieben und dennoch blieb dieser Kämpfer an Cidos Seite und erfüllte ihn mit einer Wärme, die sich Crimson gewünscht hatte, aber Scarlet ihr damals nicht geben konnte.
Die Tränen ihrer Wirte fielen zu ihnen durch und benetzten ihre Präsenz. Sie trugen die Frage nach dem Grund mit sich und keiner von ihnen konnte sie beantworten, sondern nur hoffen, dass der Tag kam, an dem sie es wieder gutmachen konnten.
Der Tag, an dem ihr Versagen keine Rolle mehr spielte, weil das Glück zu ihnen zurückkam und endlich bleiben würde ...
~*~
Wärst du trotz aller Aussichtslosigkeit auf die Suche nach Daisuki gegangen? Hättest du Xenio geraten, weiter zu trainieren oder endlich loszulassen? Wie lange würdest du an einer Hoffnung festhalten, die jeden Tag unwahrscheinlicher wird?
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