Die Spur im Nebel
Der Regen trommelte gegen die Windschutzscheibe, während Lena Hartmann ihren Wagen über die schmale Landstraße lenkte.
Der Wald zu ihrer Linken wirkte wie eine schwarze Mauer. Alte Tannen ragten in den grauen Himmel und verschwanden im dichten Nebel, der sich über die Hügel gelegt hatte.
Perfektes Wetter für Geistergeschichten. Oder für Werwölfe.
Lena schnaubte leise über ihren eigenen Gedanken und schaltete das Autoradio aus.
Seit drei Monaten recherchierte sie für eine Artikelserie über die rätselhaften Vorfälle in den Silberwaldbergen. Verschwundene Wanderer. Gerissene Nutztiere. Augenzeugenberichte über riesige Wölfe, die größer gewesen sein sollten als ausgewachsene Pferde.
Natürlich hielt niemand diese Geschichten für glaubwürdig.
Niemand außer Lena.
Denn im Gegensatz zu ihren Kollegen glaubte sie nicht an Zufälle. Fünf verschwundene Menschen innerhalb von zwei Jahren. Dutzende ungeklärte Tierangriffe.
Und immer wieder dieselbe Beschreibung: Gelbe Augen. Unnatürlich groß. Verschwunden vor Sonnenaufgang. Die Polizei hatte alle Fälle geschlossen. Lena nicht.
Sie war Journalistin geworden, weil sie die Wahrheit finden wollte. Und ihr Instinkt sagte ihr, dass im Silberwald etwas lebte. Etwas, das nicht entdeckt werden wollte.
Ein plötzliches Krachen ließ sie zusammenfahren. Etwas Großes war über die Straße geschossen. Lena trat auf die Bremse. Der Wagen kam schlitternd zum Stehen. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Für einen Moment sah sie nur Regen.
Dann bewegte sich etwas zwischen den Bäumen. Eine Gestalt. Groß. Viel zu groß. Zwei goldene Augen blickten direkt zu ihr herüber.
Dann war die Erscheinung verschwunden. „Verdammt...”
Wie automatisch griff sie nach ihrer Kamera. Sie sprang aus dem Wagen und rannte ein paar Meter in den Wald. „Hallo?“
Keine Antwort. Nur das Heulen des Windes. Und dann... ein Schrei. Menschlich. Verzweifelt. Lena erstarrte.
Der Schrei kam tiefer aus dem Wald. Sie wusste, dass jede vernünftige Person jetzt umkehren würde. Stattdessen begann sie zu laufen.
Zwanzig Minuten später bereute sie ihre Entscheidung. Der Wald war dichter geworden. Die Dunkelheit hatte sie verschluckt. Ihr Handy hatte keinen Empfang mehr. Und sie hatte die Orientierung verloren.
„Genial, Lena“, murmelte sie. „Ganz große Klasse.”
Ein Knacken. Sie wirbelte herum. Nichts. Noch ein Geräusch. Diesmal näher. Etwas umkreiste sie. Lena spürte es. Sie konnte es nicht sehen, doch jeder Instinkt warnte sie.
Sie war nicht allein. Plötzlich schossen drei Gestalten aus den Schatten. Wölfe. Riesig. Unnatürlich groß. Ihre grauen Felle glänzten nass im Mondlicht. Ihre Augen leuchteten bernsteinfarben. Einer der Wölfe knurrte tief.
Lena stolperte rückwärts. Die Kamera glitt ihr aus den Fingern.
Die Tiere kamen näher. Keines wirkte panisch. Keines wirkte wie ein normales Raubtier. Sie wirkten... intelligent.
Dann geschah etwas Seltsames. Alle drei Wölfe hielten gleichzeitig inne. Ihre Köpfe fuhren zur Seite. Als hätten sie etwas gehört. Oder gerochen.
Ein Schatten sprang von einem Felsen. Noch größer. Noch beeindruckender. Tiefschwarzes Fell. Goldene Augen. Eine einzelne silberne Narbe zog sich über die Schnauze.
Der neue Wolf stellte sich zwischen Lena und die anderen. Ein einziges Knurren genügte. Die drei wichen zurück.
Lena konnte den Blick nicht von ihm lösen. Etwas an diesem Tier war anders. Älter. Stärker. Gefährlicher.
Die goldenen Augen ruhten auf ihr. Lange. Zu lange. Dann geschah etwas, das keiner von beiden verstand. Der Wolf erstarrte.
Lenas Herz setzte einen Schlag aus. Für einen Moment schien die Welt stillzustehen. Als hätte unsichtbar etwas zwischen ihnen existiert. Ein Band. Ein Funken. Ein Erkennen.
Der Wolf blinzelte. Verwirrt. Fast erschrocken. Dann drehte er sich abrupt um. Mit einem kurzen Laut befahl er den anderen zu folgen. Sekunden später waren alle verschwunden.
Lena blieb allein zurück. Durchnässt. Zitternd. Und mit einer einzigen Frage:
Warum hatte der riesige Wolf ihr das Leben gerettet?
Hoch oben auf einem Felsvorsprung beobachtete der schwarze Wolf die Frau, bis sie außer Sicht war.
Neben ihm erschien ein weiterer Wolf. Etwas kleiner. Jünger. „Sie hat euch gesehen“, knurrte er.
Der schwarze Wolf antwortete nicht.
„Soll ich den Alpha informieren?”
Jetzt hob er den Kopf. Seine goldenen Augen suchten den dunklen Horizont ab. Dort, weit entfernt, glomm zwischen den Bäumen ein roter Lichtschein.
Nicht natürlich. Nicht menschlich. Er kannte dieses Zeichen. Vampire. Sie waren in ihr Gebiet eingedrungen. Wieder.
Der schwarze Wolf spannte die Muskeln an.
Doch zum ersten Mal seit über zweihundert Jahren beschäftigte ihn etwas anderes. Eine Menschenfrau. Eine Reporterin.
Und das seltsame Gefühl, das ihn getroffen hatte, als sich ihre Blicke begegnet waren. Etwas, das eigentlich unmöglich war.
Etwas, worauf er sein ganzes Leben gewartet hatte.
Seine Gefährtin.








