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Dort, wo die Hoffnung wächst

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Zusammenfassung

Dort, wo die Hoffnung wächst 1843. Nach einem missglückten Banküberfall bleibt John und Chris nur eine einzige Chance: die Flucht nach Westen. Gejagt von Gesetzeshütern und Kopfgeldjägern führt ihr Weg durch die unbarmherzige Wildnis – über verschneite Berge, durch endlose Wälder und in eine Welt, in der jeder Tag über Leben und Tod entscheiden kann. Als eine schwere Verletzung ihre Reise beinahe unmöglich macht, wird aus der Flucht ein erbitterter Kampf ums Überleben. Fernab jeder Zivilisation sind sie aufeinander angewiesen wie nie zuvor. Mit jedem Schritt geraten ihre bisherigen Überzeugungen ins Wanken, und der Horizont, den sie so verzweifelt erreichen wollen, beginnt eine andere Bedeutung zu gewinnen. Manchmal findet man den Ort, nach dem man sucht, dort, wo man ihn am wenigsten erwartet. Ein atmosphärischer Western über Schuld, Loyalität, Hoffnung und den Mut, ein neues Leben zu wagen.

Genre:
Lgbtq
Autor:
AlexWhitmore
Status:
In Arbeit
Kapitel:
2
Rating
n/a
Altersfreigabe
16+

Kapitel 1 - John

Manchmal fragte sich John noch, ob sein Leben anders verlaufen wäre, wenn er an jenem Abend einfach weitergegangen wäre. Wenn er den Streit ignoriert, seine Schwester ihrem Schicksal überlassen und nicht eingegriffen hätte. Vier Jahre hatte ihn diese eine Entscheidung gekostet. Vier Jahre hinter Steinmauern, in denen er mehr als genug Zeit gehabt hatte, jeden einzelnen Augenblick immer wieder vor seinem inneren Auge abzuspielen. Doch jedes Mal kam er zum selben Ergebnis. Er hätte wieder zugeschlagen. Der Mann hatte seine Schwester angefasst. Allein das war Grund genug gewesen.

John war damals sechzehn gewesen. Alt genug, um sich schützend vor sie zu stellen, zu jung, um die Folgen eines einzigen Augenblicks zu begreifen. Der Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns war betrunken gewesen, einer jener jungen Männer, die glaubten, Geld mache sie unantastbar. Als John ihn von seiner Schwester wegziehen wollte, hatte der andere nur gelacht. Dann war der erste Schlag gefallen. Alles danach verschwamm zu einem Wirrwarr aus Fäusten, Blut und blinder Wut. Als John wieder klar denken konnte, lag sein Gegner reglos im Schlamm. Der Mann überlebte. Johns Zukunft nicht.

Vor Gericht hatte niemand wirklich wissen wollen, was geschehen war. Die angesehenen Bürger der Stadt stellten sich hinter den Sohn des Kaufmanns, während Johns eigener Vater die Gelegenheit nutzte, aus seinem aufsässigen Sohn ein warnendes Beispiel zu machen. Das Urteil schien längst festzustehen, bevor der Prozess überhaupt begonnen hatte. Vier Jahre Gefängnis. Mit sechzehn glaubte John, sein Leben sei vorbei. Heute wusste er, dass dort erst der Weg begonnen hatte, der ihn schließlich zu Caleb Mercer führen würde.

Mercer besaß eine Ruhe, die jeden Raum veränderte. Er musste weder laut werden noch drohen, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Selbst die Wärter begegneten ihm mit einer Mischung aus Respekt und Vorsicht. Niemand schien genau zu wissen, weshalb er einsaß. Jeder erzählte eine andere Geschichte. Mal sollte er einen Bankier erschossen haben, mal einen Marshal, andere behaupteten, er habe einen ganzen Goldtransport verschwinden lassen. Mercer widersprach keiner dieser Geschichten. Er lächelte nur und überließ es den anderen, aus Gerüchten Legenden zu machen.

Anfangs konnte John ihn nicht ausstehen. Mercer erinnerte ihn an all jene Männer, die mit guten Manieren und klugen Worten glaubten, über anderen zu stehen. Er sprach wie ein Anwalt, bewegte sich wie ein Gentleman und wirkte doch völlig fehl am Platz zwischen den schmutzigen Mauern des Gefängnisses. Doch anders als Richter oder Kaufleute sprach Mercer nie von Schuld, nie von Sühne und auch nie vom Gesetz. Er sprach von Freiheit. Von endlosen Ebenen unter weitem Himmel, von Lagerfeuern unter den Sternen, von Pferden, die schneller liefen als jede Posse, und von Männern, die keinem Richter und keinem Politiker Rechenschaft schuldeten. In seinen Geschichten waren Outlaws keine Verbrecher. Sie waren die letzten freien Männer Amerikas.

Heute wusste John, dass jede dieser Geschichten sorgfältig gewählt gewesen war. Mercer war kein Träumer. Er verstand Menschen. Er erkannte Wut, Stolz und Enttäuschung schneller als andere Gesichter. Nie versuchte er, John offen zu überreden. Er stellte nur Fragen. Wenn Gesetze den Reichen dienten, warum sollte man sie achten? Wenn Richter käuflich waren, weshalb sollte man ihre Urteile akzeptieren? Und wenn die Gesellschaft einen ohnehin bereits zum Verbrecher erklärt hatte – warum sollte man noch versuchen, ein ehrlicher Mann zu sein? Vier Jahre lang hörte John diese Fragen. Irgendwann hörte er auf, nach Antworten zu suchen.

Als sich die Gefängnistore schließlich hinter ihm schlossen, wartete niemand auf ihn. Seine Mutter war während seiner Haft gestorben. Sein Vater hatte ihn längst aus seinem Leben gestrichen, und seine Schwester lebte bei Verwandten, Hunderte Meilen entfernt. John besaß nichts außer den Kleidern am Leib und einem kleinen Zettel, den Mercer ihm am Abend vor seiner Entlassung zugeschoben hatte. Darauf stand nur eine Adresse. Eine verlassene Farm westlich des Missouri und ein einziger Satz: „Wenn du irgendwann genug davon hast, für andere Männer zu leben, dann komm dorthin.“

John brauchte keine Nacht, um darüber nachzudenken. Er stahl ein Pferd und ritt noch am selben Abend los. Als er die Farm erreichte, saßen sieben bewaffnete Männer um ein Lagerfeuer. In ihrer Mitte Caleb Mercer. Er blickte auf, als hätte er nie daran gezweifelt, dass John kommen würde.

„Da bist du ja.“

Mehr sagte er nicht. Niemand fragte nach seinem Namen oder wollte wissen, weshalb er gekommen war. Einer der Männer rückte wortlos ein Stück zur Seite und machte ihm Platz am Feuer, ein anderer schob ihm einen Teller mit Bohnen und gebratenem Fleisch hinüber. Es gab keine Schwüre, keine Aufnahmezeremonie und keine Bewährungsprobe. Nur einen freien Platz am Feuer. John verstand erst viele Jahre später, wie geschickt Mercer selbst diesen ersten Abend geplant hatte. Zum ersten Mal seit seiner Verurteilung fühlte er sich wieder irgendwo willkommen. Genau in diesem Augenblick begann Mercer, ihn für sich zu gewinnen.

Die ersten Wochen auf der Farm verliefen anders, als John erwartet hatte. Mercer schickte ihn auf keinen Raubzug, prüfte weder seine Loyalität noch stellte er Forderungen. Stattdessen arbeitete John wie jeder andere auch. Er versorgte die Pferde, reparierte Zäune, hackte Feuerholz oder half dabei, die Gebäude instand zu halten. Wer zufällig vorbeigekommen wäre, hätte kaum vermutet, dass auf dieser abgelegenen Farm eine Bande von Gesetzlosen lebte.

Erst nach Einbruch der Dunkelheit zeigte sich die Wahrheit.

Dann verschwanden einige der Männer für mehrere Tage. Nie alle zugleich. Sie ritten wortlos davon und kehrten irgendwann zurück, als wäre nichts geschehen. Manchmal führten sie zusätzliche Pferde mit sich, manchmal brachten sie Satteltaschen voller Geld oder neue Waffen. Gelegentlich klebte noch getrocknetes Blut an ihren Mänteln. Niemand sprach darüber. Niemand stellte Fragen.

Auch John nicht.

Nicht, weil ihn die Wahrheit nicht interessierte, sondern weil er sie längst kannte.

Eines Abends saß er allein mit Mercer am Lagerfeuer. Die übrigen Männer hatten sich bereits schlafen gelegt. Über ihnen spannte sich ein klarer Sternenhimmel, und der Wind strich leise durch das hohe Gras der Prärie.

Lange saßen sie schweigend nebeneinander, bis John schließlich das Wort ergriff.

„Warum ich?“

Mercer ließ den Blick in den Flammen ruhen.

„Was meinst du?“

„Warum haben Sie damals ausgerechnet mich angesprochen? Im Gefängnis waren Hunderte Männer.“

Mercer antwortete nicht sofort. Er schob mit einem Stock ein Stück Holz tiefer in die Glut, beobachtete die aufsteigenden Funken und sagte erst dann leise:

„Weil ich dich verstanden habe.“

John schnaubte leise.

„Sie kennen mich überhaupt nicht.“

Jetzt hob Mercer den Blick.

„Doch.“

Seine Stimme blieb ruhig.

„Du glaubst, die Welt hat dich verraten.“

John erwiderte nichts.

„Und das Schlimmste daran ist, dass du allen Grund hast, so zu denken.“

Die Worte trafen ihn unvorbereitet.

Mercer sprach weiter, ohne seine Stimme zu verändern.

„Du hast deine Schwester verteidigt.“

John nickte kaum merklich.

„Dafür haben sie dich ins Gefängnis gesteckt.“

„Ich habe ihn fast totgeschlagen.“

Mercer zuckte leicht mit den Schultern.

„Und wenn sein Name Miller gewesen wäre statt Harrington? Glaubst du, das Urteil wäre genauso ausgefallen?“

John sah wieder ins Feuer.

Zum ersten Mal seit seiner Verurteilung sprach jemand aus, was er selbst nie in Worte hatte fassen können. Nicht die Schlägerei hatte sein Leben zerstört. Es war das Gefühl gewesen, dass für manche Menschen andere Gesetze galten als für ihn.

Mercer ließ ihm Zeit.

Er drängte nicht.

Er erklärte nichts.

Er wartete einfach.

„Du bist kein schlechter Mensch, John“, sagte er schließlich. „Du bist nur in einer Welt aufgewachsen, in der Recht und Gerechtigkeit zwei verschiedene Dinge sind.“

John schwieg.

Er wollte widersprechen.

Ein Teil von ihm wusste, dass die Dinge nicht so einfach waren.

Doch ein anderer Teil wollte diese Worte hören.

Denn wenn Mercer recht hatte, dann war John nicht der Verbrecher, zu dem ihn das Gericht gemacht hatte. Dann war er ein junger Mann, dem Unrecht widerfahren war.

Und wer sich selbst als Opfer sah, musste sich seiner Vergangenheit nicht länger stellen.

Erst viele Jahre später begriff John, dass Mercer ihm an diesem Abend keine Antworten gegeben hatte. Er hatte ihm lediglich genau die Geschichte erzählt, die ein verlorener Sechzehnjähriger hören wollte.

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