Kapitel 1 - Der erste Takt
06:00 Uhr.
Das schrille Klingeln meines Weckers riss mich wie jeden Morgen aus dem Schlaf.
Mit einem genervten Seufzen schlug ich die Decke zurück und streckte meinen verspannten Rücken. Jeder Muskel schmerzte vom Training am Vortag, doch daran hatte ich mich längst gewöhnt.
Disziplin. Perfektion. Erfolg.
So sah mein Leben aus.
Ich verschwand im Badezimmer und stellte mich unter die heiße Dusche. Das warme Wasser spülte für einen kurzen Moment die Müdigkeit von mir ab, doch als ich zehn Minuten später vor dem Spiegel stand, blickten mir trotzdem dunkle Augenringe entgegen.
Kein Wunder.
Seit Jahren trainierte ich täglich bis spät in die Nacht. Als einzige Erbin des renommierten Moreau-Ballettimperiums durfte ich mir keine Fehler erlauben. Jeder erwartete Perfektion – also bekam er sie auch.
Ich band mein lockiges braunes Haar zu einem makellosen Dutt, trug ein dezentes Make-up auf und betrachtete mein Spiegelbild.
Perfekt.
Zumindest nach außen.
Zufrieden griff ich nach meinem Blazer, schlüpfte in meinen dunkelblauen Rock und zog die passende Bluse glatt. Nachdem ich einen letzten Blick in den Spiegel geworfen hatte, schnappte ich mir meine Tasche und verließ mein Zimmer.
Kaum betrat ich das Erdgeschoss, wartete meine Mutter bereits auf mich.
„Aurelia, es ist halb sieben! Du solltest längst im Tanzsaal stehen."
Ich unterdrückte ein Augenrollen.
„Es tut mir leid, Mamá. Ich habe wohl etwas zu lange geduscht."
Sie seufzte nur und strich eine unsichtbare Falte aus ihrem Blazer.
„Du weißt, was heute auf dem Plan steht."
„Ja."
Die Küchenhilfe reichte mir meinen Coffee-to-go, den ich dankbar entgegennahm. Ich gab meiner Mutter einen flüchtigen Kuss auf die Wange und verließ die Villa.
Wenig später fuhr ich durch das große Eisentor der Bellarive Dance Academy.
Doch irgendetwas war anders.
Schon von Weitem hörte ich Musik.
Vor dem Eingang hatte sich eine Menschenmenge versammelt. Schüler applaudierten, pfiffen und feuerten jemanden begeistert an.
Neugierig drängte ich mich nach vorne.
Mitten auf dem Schulhof tanzte ein junger Mann.
Seine Bewegungen waren roh, kraftvoll und vollkommen frei. Jeder Beat schien ihm zu gehören. Er wirbelte über den Asphalt, als gäbe es keine Regeln – und genau das schien alle zu faszinieren.
Als er den Kopf hob, trafen sich unsere Blicke.
Dunkelbraune Augen.
Selbstbewusst.
Provokant.
„Aurelia!"
Ich drehte mich zu meiner besten Freundin Sara um.
„Wer ist das?", fragte ich irritiert.
Sie grinste.
„Das ist Jace Rivera."
Ich verzog das Gesicht.
„Und warum veranstaltet er ausgerechnet vor unserer Schule ein Straßenspektakel? Das hier ist eine Eliteakademie und kein Bahnhofsvorplatz."
„Das habe ich gehört."
Eine tiefe Stimme erklang direkt hinter mir.
Langsam drehte ich mich um.
Natürlich.
Der Street-Tänzer stand plötzlich keine zwei Meter von mir entfernt.
„Nennst du mich gerade ein Straßenspektakel?"
Ich verschränkte die Arme vor der Brust.
„Wenn der Schuh passt."
Ein schiefes Grinsen erschien auf seinen Lippen.
„Ganz schön mutig für eine Prinzessin."
Ich hob eine Augenbraue.
„Ich rede grundsätzlich nicht mit unzivilisierten Typen."
Ohne ihm die Chance auf eine Antwort zu geben, drehte ich mich um und ging Richtung Tanzsaal.
Sein Lachen hallte noch über den Schulhof.
„Keine Sorge, Prinzessin. Wir sehen uns wieder!"
Ich verdrehte die Augen.
Ganz bestimmt nicht.
Zumindest glaubte ich das.
⸻
Der Unterricht begann wie gewohnt.
Oder besser gesagt...
...bis Señora Garcia den Raum betrat.
„Guten Morgen zusammen."
Sofort wurde es still.
„Für dieses Semester wird es ein besonderes Projekt geben. Ihr werdet in Zweierteams arbeiten und klassische Choreografien mit modernen Tanzelementen verbinden."
Ein aufgeregtes Murmeln ging durch den Saal.
„Die Partnerlisten hängen bereits draußen."
Gemeinsam liefen wir zur Pinnwand.
Mein Blick wanderte über die Namen.
Einmal.
Zweimal.
Dann blieb ich wie angewurzelt stehen.
Aurelia Moreau × Jace Rivera
„Das ist ein Scherz."
„Nein", erwiderte Señora Garcia ruhig.
„Sie können mich doch nicht ernsthaft mit einem Street-Tänzer einteilen!"
„Doch."
Sie verschränkte die Hände hinter dem Rücken.
„Genau deshalb habe ich es getan. Du brauchst jemanden, der dich aus deiner Komfortzone holt."
Ich schüttelte ungläubig den Kopf.
„Das wird niemals funktionieren."
„Das werden wir sehen."
„Sie scheint ja begeistert zu sein."
Diese Stimme...
Langsam drehte ich mich um.
Jace lehnte lässig an der Wand und grinste mich an.
„Mach dir keine Sorgen, Prinzessin", sagte er spöttisch.
„Ich stehe sowieso nicht auf arrogante Püppchen."
Ich trat einen Schritt auf ihn zu.
„Dann tu uns beiden einen Gefallen."
Er sah mir direkt in die Augen.
„Und welcher wäre das?"
„Komm mir nicht in die Quere."
Sein Grinsen wurde nur noch breiter.
„Zu spät."








