Kapitel 1
Mein Herz setzt einen Schlag aus. Trotz meiner müden, verschwommenen Sicht, und obwohl ich ihn nur aus der Ferne von der Seite ausmache, erkenne ich ihn sofort. Er sieht noch genau so aus, wie ich ihn in Erinnerung habe. Sein blondes Haar ist perfekt gestylt; er trägt noch immer denselben Curtain Cut wie früher. Leider kann ich aus diesem Blickwinkel sein Gesicht nicht sehen, nur sein Profil. Seine Wangen, sein spitz zulaufendes Kinn. Das Einzige, was sich beißt, sind seine Klamotten. Außer am Abschlussball habe ich ihn noch nie in einem Sakko gesehen, beige, dazu eine lange Jeans und weiße Sneaker. Er erinnert mich an einen jungen Start-up-Gründer oder an einen Crypto Bro, der von Haus zu Haus zieht, um die Leute für seine Vision zu begeistern. Leute zu begeistern, ist schon immer seine Stärke gewesen. Sogar Mr. Hughes, der im Irak ein Bein verloren hat und jeden mit seiner grimmigen Miene bestraft, entlockt er ein Lächeln, bringt ihn regelrecht zum Strahlen.
Das ist Matvey. Steht vor dem bärenhaften Mann, als wäre er noch immer siebzehn – nur reifer, noch selbstbewusster. Kein Rebell mehr, sondern ein angesehener Teil der Gemeinde. Er scheint seinen Platz hier gefunden zu haben, wobei ich eigentlich dachte, er wäre nach L.A. gegangen. Insgeheim freue ich mich ein wenig, ihn wiederzusehen … aber gleichzeitig wird mir flau vor Anspannung. Wie soll ich in Sundale zur Ruhe kommen, wenn ich ständig fürchten muss, ihm über den Weg zu laufen?
Matvey überreicht Mr. Hughes einen gelben Schnellhefter. Sie schütteln Hände, Mr. Hughes klopft ihm freundschaftlich auf die Schulter, dann dreht sich Matvey um, hält auf seinen Toyota Land Cruiser zu.
Mein Magen verkrampft. Soll ich ihn grüßen? Weitergehen, als wären wir völlig Fremde?
Meine Hand ist schneller als meine Gedanken, sie hebt sich, und ich komme mir bescheuert vor. Aus welchem Grund? – keine Ahnung. Ist doch normal, dass man Leute grüßt, die man kennt, auch wenn man sich ewig nicht gesehen hat.
(Acht Jahre)
Matvey runzelt die Stirn, erwidert ein flüchtiges Nicken, dann steigt er in den sandfarbenen Geländewagen.
Hat er mich nicht erkannt? Ist vielleicht besser so. Ich bin eh viel zu erschöpft und neben der Spur; ich würde nur vor mich hinstammeln und Unsinn labern. Ohne mir was anmerken zu lassen, gehe ich an seinem Wagen vorbei. Im Augenwinkel beobachte ich, wie er sich anschnallt, den Motor startet, sich mit der Hand den Mund wischt. Auf dem Beifahrersitz liegen Dutzend weitere gelbe Schnellhefter. Ist er sowas wie ein Staubsaugervertreter? Egal. Spielt keine Rolle. Ich sollte endlich etwas runterkommen, die frische Luft genießen, nachdem ich fünfundzwanzig Stunden den heißen Atemdunst von etwa fünfzig Mitreisenden im Greyhound inhaliert habe. Es ist ein seltsames Gefühl, diese Straße wieder entlangzulaufen, über die ich früher jeden Tag mit dem Fahrrad zur Schule gefahren bin. So wenig hat sich verändert. Die Farbe der Häuser ist etwas ausgeblichen (bis auf das von Mrs. Sundrick, es strahlt selbstverständlich in langweiligem Mintgrün, die Buchsbäumchen perfekt zurechtgestutzt). Bis auf Matveys losrollenden Land Cruiser gibt es keine Motorengeräusche, kein beständiges Hintergrundrauschen wie in Chicago, kein Gehupe, keine Sirenen. Die Stille enttarnt ein leises Tinnituspfeifen. Sogar meine Ohren sind in den letzten Jahren in Mitleidenschaft gezogen worden. Chicago hat meinem Körper wirklich zugesetzt, stärker als mir bewusst war. Es tut so gut, wieder hier zu sein.
Meine Brust ist immer noch eingeengt, aber ich kann trotzdem tiefe Atemzüge nehmen. Ich ziehe meinen Koffer hinter mir her. Das Klackern der Rollen begleitet mich.
Schließlich erspähe ich zwischen den riesigen Hickory-Bäumen das Haus meiner Kindheit. Die hellblaue Fassade lugt zwischen den Zweigen hervor. Die Abendsonne spiegelt sich orange in den Fenstern. Der weiße Lattenzaun ist teilweise morsch und eingebrochen; der Rasen dahinter ist lang geworden. Fast eine Wildwiese. Früher bin ich fürs Mähen zuständig gewesen. Als Teenager war ich ein wenig genervt davon, aber inzwischen habe ich festgestellt, dass das Rasenmähen einfach zum Sommer dazugehört so wie kühle Getränke oder laue Abendspaziergänge am See. In Chicago gibt es nur Beton und Asphalt. Der einzige Unterschied zum Winter, dass kein Schnee liegt und man in seinen langärmligen Arbeitsklamotten gegart wird. Hier toben Vögel zwischen den Bäumen umher. Zikaden zirpen im Rotdorn neben dem Esszimmerfenster.
Eine Weile lausche ich, sauge alle Sinneseindrücke auf, betrachte das Haus. Eine Silhouette huscht gerade durch die Küche – vermutlich Mom, wegen der Spiegelung konnte ich es nicht genauer erkennen. Sie macht bestimmt gerade Abendessen.
Ja. Als ich die Straße überquere, schlägt mir süßer Tomatenduft entgegen. Und dann stehe ich vor der Nussholztür mit dem Weidenkranz. Ich betätige die Klingel, warte auf die Glockenmelodie, aber sie schweigt. Bevor ich anklopfen kann, öffnet sich die Tür.
Mom empfängt mich. Wir mustern einander für eine geschlagene Minute. Keiner sagt was. Mom ist alt geworden, fährt es mir durch den Kopf. Richtig erschreckend. Ihr Haar ist grau geworden – ausgebleicht wie das Grundstück. Und ihr Gesicht sieht verwittert aus. Dunkle Schatten unter ihren Augen. Sie wird im Dezember neunundvierzig, doch sie macht den Eindruck, als stünde sie kurz vor der Pension.
»Hi, Mom«, sage ich. »Ich bin wieder zuhause.«
Das ist der Moment, da sich ihre Verhärmtheit löst und ein Lächeln hervorblitzt. Sie sagt noch immer nichts, schließt mich in eine feste Umarmung, erdrückt mich fast. Ich streichle ihre Schulter.
»Es ist schön, dass du wieder hier bist.« Ihre Stimme klingt aufgeraut und dünn. »Du darfst nie wieder so lange weggehen, hörst du?«
»Na ja, jetzt hast du mich erst mal für drei Wochen am Hals.«
Sie seufzt schwermütig und löst sich von mir, blickt zu mir auf. »Hattest du wieder einen Wachstumsschub? Es kommt mir so vor.«
»Ich bin keine fünfzehn mehr, Mom.«
»Vielleicht bin auch ich nur kleiner geworden«, sagt sie schmunzelnd. »In meinem Herzen wirst du nie erwachsen sein. Diese Tür ist immer für dich offen, das weißt du.«
»Danke, Mom.«
»Jetzt komm erst mal rein, du bist sicher müde und hungrig. Ich hab schon gekocht. Weißt du was?«
»Spaghetti?«
Sie strahlt. »Ja, Napoli, so wie du sie am liebsten magst.«
Kurz darauf sitzen wir am Esstisch, jeder hat eine dampfende Schüssel vor sich. Die Atmosphäre wirkt vertraut, hinter mir tickt Großvaters selbstgeschreinerte Standuhr, der Lampenschirm erfüllt den Raum mit bernsteinwarmem Glühbirnenlicht (Vaters Vorrat an 60-Watt E26, Marke General Electric, wird dieses Haus bis durch den Dritten Weltkrieg bringen). Nur an den leeren Stuhl mir gegenüber werde ich mich nie gewöhnen. Diese stille Anomalie, die lauter kreischt als alles andere: Du bist kein Kind mehr, all deine Erinnerungen an diesen Ort liegen in unerreichbarer Ferne! – du stehst am Heck eines Dampfers und blickst auf deine Heimat zurück, und jeder Augenblick, der verstreicht, entfernt dich weiter und weiter, Gesichter verschwimmen, Menschen und Häuser verblassen im Dunst des Horizonts, und auf einmal musst du die Augen zusammenkneifen, und du merkst, dass Erinnerungen alles sind, was dir bleibt, zunächst noch lebendig, aber auch sie verblassen langsam im Nebeldunst. Und wenn du nach langer Zeit zurückkehrst und hoffst, alles so vorzufinden, wie es einmal gewesen ist, wirst du erschaudern, denn all die Gesichter sind dir bekannt aber fremd zugleich, die Häuser sind überwucherte Ruinen, und kaum jemand bemerkt dich, denn du bist nichts weiter als ein Gespenst für sie. Vergangen, vergessen, verblasst …
Das ist alles schmerzhaft, doch das kann man ertragen. Was dich wirklich zerschmettert, sind die leeren Stellen. Die unbesetzten Stühle – das Schweigen.
Moms löffel klickt gegen das Porzellan. »Die Berge müssen atemberaubend gewesen sein. Dein Vater hat oft davon geträumt, im Ruhestand das Land zu bereisen. Es hätte ihm gefallen – am besten natürlich mit dir gemeinsam.«
»Mit uns«, sage ich.
Sie nickt nachdenklich und dreht in Zeitlupe die Spaghetti um ihre Gabel.
Ich erzähle ihr von meiner Reise, allerdings spare ich einige Dinge aus. Angefangen damit, dass ich vor zwei Wochen einen totalen Zusammenbruch hatte, mich trotzdem zur Arbeit geschleppt habe und in Folge dessen mit meinem Spundwand-Debakel fast die Firma ins Chaos gestürzt hätte, dass ich mir zur Eigentherapie ein sündhaftteures Zugticket gekauft und es wegen Dutoits Regenschirm weggeworfen habe, um stattdessen im Greyhound-Bus meinen Rücken zu ruinieren und eine Thrombose in meinen Unterschenkeln zu riskieren. Im Prinzip lasse ich so ziemlich alles weg.
»Die Aussicht war mega«, sage ich. Nicht gelogen. Die Busroute ging durch die Appalachen, auch wenn ich diesen Abschnitt größtenteils verschlafen habe.
»Zeig mir später unbedingt ein paar Fotos.«
Damit zwingt sie mich eigentlich fast zu lügen. Ich hab zwei, drei Fotos gemacht, aber auf denen ist deutlich zu erkennen, dass ich nicht in einem Zug sitze. Sie würde sofort riechen, dass mit mir etwas nicht in Ordnung ist. Sie kennt mich dafür zu gut. Sie weiß, dass ich nicht grundlos lüge.
»Hey, Mom?«
Sie blickt mich mit ihren müden Augen an.
»Ich bin komplett fertig. Ich will dir alles erzählen, und du musst mich auf den neuesten Stand von dir und Sundale bringen, aber ich kann mich kaum noch auf dem Stuhl halten. Bist du mir böse, wenn ich mich schon hinlege?«
Kurz presst sie ihre Lippen zu einer dünnen Linie aufeinander; sie ist sicher enttäuscht, dass wir uns nach so langer Zeit wieder nur so flüchtig unterhalten haben. Im nächsten Augenblick schmunzelt sie mich verständnisvoll an. »Du musst dich für gar nichts rechtfertigen. Ich weiß, wie hart du arbeitest, und nach der langen Zugreise … Dein Bett ist schon gemacht, und ich habe vorhin gelüftet.«
»Das ist lieb von dir.«
Sie rafft sich hoch, stellt sich neben mich und tätschelt mir die Schulter. »Ich bin so stolz auf dich. Du hast dir diese Auszeit verdient, und weißt du, was mich zur glücklichsten Mutter auf der Welt macht? – dass du nicht, wie man es von einem Architekten erwarten würde, nach Hawaii fliegst oder nach Europa, um Urlaub zu machen, sondern dass du nachhause kommst, um Energie zu tanken. Das bedeutet mir viel.«
Ihre Worte sind lieb gemeint, trotzdem ertappe ich mich dabei, wie ich an der Haut über meinen Fingernägeln kratze und wie sich meine Brust enger schnürt. Mom ist stolz auf mich. Warum kann ich mich über ihr Lob nicht einfach freuen wie jeder normale Sohn?
Sie begleitet mich die Treppe nach oben (die sechste und siebte Stufe knarzen, so wie früher), den Koffer habe ich unten stehen gelassen, würde ihn erst Morgen hochschleppen, weil es meinem Kreislaufsystem gerade nicht guttun würde. In meinem Rucksack habe ich das Wichtigste dabei.
Mein Kinderzimmer ist unverändert geblieben. Das meiste Zeug habe ich bei meinem Umzug hiergelassen. Vielleicht gerade weil ich darauf vertraute, dass Mom darauf besser aufpassen würde als ich. Oder weil ich sicherstellen wollte, dass das hier mein Zuhause bleibt. In meiner Wohnung in Chicago habe ich nicht einmal ein Bettgestell. Die Matratze liegt am Boden, so als hätte ich nie geplant, lange zu bleiben.
Mom betrachtet mich dabei, wie ich mich auf mein Bett fallen lasse. »Schau mal auf dein Nachtkästchen«, sagt sie. »Das habe ich neulich beim Saubermachen gefunden. Kennst du die beiden noch?«
Da liegt ein Polaroid mit leicht gelbstichigen Rändern. Im Hintergrund zeigt es den Lake Saron und im Vordergrund zwei dunkelblonde Siebzehnjährige. Ich erinnere mich an die beiden.
Der linke heißt Wyatt und der rechte heißt Matvey.








