Rin – Die Seele An Meiner Seite von K-zu bei Inkitt
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Rin – Die Seele an meiner Seite

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Zusammenfassung

Han Seo-yun hat ihr Leben eigentlich ganz gut im Griff. Zumindest so lange, bis ihre beste Freundin auszieht, sie unerwartet Teamleiterin wird und ihr erster großer Konflikt im Büro unmittelbar bevorsteht. Aus Nervosität probiert sie ein seltsames Ritual aus und bittet nur um eines: „Ich brauche morgen jemanden, der das besser kann als ich." Am nächsten Morgen sieht sie Seelen. Viele davon können tatsächlich etwas besser als Seo-yun. Eine ist mutiger, eine klüger, eine charmanter. Leider sind sie alle auf ihre ganz eigene Weise vollkommen ungeeignet, ihr Leben zu führen. Dann taucht Rin auf: eine große weiße Wolfsseele, stolz, direkt und wenig begeistert von Menschen. Durch eine unkontrollierbare Verbindung kann sie zeitweise Seo-yuns Körper übernehmen. Und das alles passiert ausgerechnet, während Seo-yun nach einer neuen Mitbewohnerin sucht. Doch wie so oft kommt es anders als erwartet: Am Ende steht ein Mann vor ihr, der erstaunlich genau dem entspricht, was sie sich von einer guten WG-Partnerin erhofft hatte. Zumindest auf den ersten Blick. Selbst in ihrer Nachbarschaft scheint plötzlich nicht mehr alles so gewöhnlich zu sein. Zwischen seltsamen Seelen, WG-Chaos, Büroproblemen und unerwarteter Nähe gerät Seo-yuns Alltag mächtig durcheinander. Eine warme koreanische Urban-Fantasy-Geschichte mit Humor, langsamer Romantik und der Frage, was es eigentlich bedeutet, gut genug zu sein.

Genre:
Fantasy
Autor:
K-zu
Status:
In Arbeit
Kapitel:
2
Rating
n/a
Altersfreigabe
13+

Kapitel 1 – Ein gutes Leben

Han Seo-yun mochte ihren Alltag.

Nicht weil jeden Tag etwas Besonderes geschah, sondern weil es genug kleine Dinge gab, auf die sie sich freuen konnte.

Der Duft des Kaffees aus dem Laden an der Ecke. Ji-euns halbherzige Versuche, morgens ein Gespräch zu beginnen. Die alte Frau aus dem zweiten Stock, die grundsätzlich zu viel Obst kaufte und es anschließend im Haus verteilte.

Es war ein gutes Leben.

An diesem Montag begann es sich zu verändern.

Seo-yun bemerkte es zunächst nicht.

Sie stand in der Küche und versuchte, den Deckel ihres Thermobechers festzuschrauben, während Ji-eun am Tisch saß und mit beiden Händen eine Tasse Kaffee umklammerte. Ihre Haare waren nur auf einer Seite gekämmt, und sie starrte auf das Brot vor sich, als hätte es sie persönlich enttäuscht.

„Du hast noch nicht hineingebissen”, stellte Seo-yun fest.

Ji-eun hob langsam den Blick.

„Ich überlege noch, ob ich bereit bin.”

„Für Toast?”

„Für Montag.”

Seo-yun schob ihr den kleinen Teller mit Erdbeermarmelade näher.

„Vielleicht hilft Zucker.”

Ji-eun nahm das Angebot an. Sie verteilte so viel Marmelade auf ihrem Brot, dass Seo-yun kurz darüber nachdachte, ob sie eingreifen sollte. Stattdessen wandte sie sich wieder ihrem Thermobecher zu.

Der Deckel saß schief.

Sie löste ihn noch einmal.

„Seo-yun.”

„Hm?”

„Ich ziehe aus.”

Der Deckel fiel ihr aus der Hand.

Er landete auf der Arbeitsplatte, sprang einmal auf und rollte in Richtung Spüle. Seo-yun fing ihn gerade noch auf.

„Was?”

Ji-eun biss endlich in ihr Brot.

Seo-yun wartete. Als keine weitere Erklärung kam, legte sie den Deckel langsam neben den Becher.

„Du ziehst aus.”

Ji-eun nickte kauend.

„Aus dieser Wohnung?”

Ein zweites Nicken.

„Oder ist das wieder so eine Sache wie damals, als du angekündigt hast, du würdest aus der Gesellschaft aussteigen, und dann hast du nur dein Handy für ein Wochenende ausgeschaltet?”

Ji-eun schluckte.

„Diesmal mit Umzugskartons.”

„Oh.”

Das Wort klang kleiner, als Seo-yun erwartet hatte.

Ji-eun stellte ihre Tasse ab. Plötzlich wirkte sie deutlich wacher.

„Ich wollte es dir gestern sagen. Aber dann hast du gekocht, und wir haben diesen Film angefangen, und es fühlte sich falsch an, es zwischen zwei Szenen zu erwähnen.”

„Du hättest es vor dem Film sagen können.”

„Dann hätten wir ihn vermutlich nicht mehr angesehen.”

Das stimmte wahrscheinlich.

Seo-yun setzte sich ihr gegenüber.

„Wann?”

„In ein paar Tagen.”

„Das ist bald.”

„Ich weiß.”

„Warum?”

Ji-eun zog die Beine auf den Stuhl und legte die Arme um die Knie. Diese Haltung nahm sie nur ein, wenn sie etwas erklären wollte, über das sie selbst bereits viel nachgedacht hatte.

„Die Firma, bei der ich mich beworben habe, hat mir zugesagt.”

Seo-yun brauchte einen Augenblick.

Dann erinnerte sie sich an das Bewerbungsgespräch, für das Ji-eun vor einigen Wochen eine neue Bluse gekauft hatte. An den Abend, an dem sie drei verschiedene Lebensläufe auf dem Wohnzimmerboden verteilt und behauptet hatte, sie kontrolliere nur noch einmal die Abstände zwischen den Zeilen.

„Das Angebot mit den besseren Arbeitszeiten?”

Ji-eun nickte.

„Und dem höheren Gehalt?”

Noch ein Nicken.

„Und der Wohnung in der Nähe?”

„Elf Minuten mit dem Bus.”

Seo-yun lächelte, obwohl sich etwas in ihrer Brust zusammenzog.

„Ji-eun, das ist großartig.”

„Ja.”

Ji-eun lächelte ebenfalls. Es war kein höfliches oder vorsichtiges Lächeln. Es war das breite, glückliche Lächeln, das sie seit Tagen offenbar zurückgehalten hatte.

„Es ist wirklich großartig”, sagte sie. „Die Stelle ist interessanter, ich muss weniger Überstunden machen und kann näher bei Tae-seok sein, ohne meine ganze Woche um seine freien Stunden herumzuplanen.”

Seo-yun kannte Tae-seok als Ji-euns festen Freund. Sie hatten in der Wohnung auch schon den einen oder anderen Film zusammen gesehen. Das war allerdings immer recht knapp, da er danach sofort wieder losmusste.

Über seine Arbeit sprachen sie kaum. Seo-yun wusste nur, dass er im Veranstaltungsbereich tätig, viel unterwegs und offenbar sehr hilfsbereit war. Einmal hatte er mit einem breiten Grinsen auf ihrem Wohnzimmerboden gesessen, um das neue Internet einzurichten. Ein anderes Mal hatte er ihnen gut gelaunt den Fernseher angeschlossen und dabei lauthals und erstaunlich gut die Werbemelodien mitgesungen. Seo-yun fand, dass er besser klang als die eigentliche Werbung.

Außerdem vergaß er laut Ji-eun regelmäßig seine Schlüssel.

„Dann solltest du die Stelle annehmen”, sagte Seo-yun.

„Habe ich.”

„Natürlich hast du das.”

Ji-eun streckte eine Hand über den Tisch und griff nach Seo-yuns Fingern.

„Ich freue mich darauf”, sagte sie. „Aber ich freue mich nicht darauf, hier auszuziehen.”

Seo-yun drückte ihre Hand.

„Du kannst dich nicht über alles gleichzeitig freuen.”

„Das ist ein schlechtes System.”

„Beschwer dich beim Universum.”

„Mache ich später.”

Sie saßen noch einen Moment so da.

Dann sah Seo-yun auf die Uhr.

„Wir müssen los.”

Ji-eun folgte ihrem Blick und sprang auf.

„Warum hast du nichts gesagt?”

„Weil du gerade dein Leben neu organisiert hast.”

„Meine Abteilungsleiterin wird das nicht als Entschuldigung akzeptieren.”

„Meine auch nicht.”

Sie verließen die Wohnung acht Minuten später als gewöhnlich. Ji-eun hatte ihr Brot halb gegessen und Seo-yun ihren Kaffee auf dem Küchentisch stehen lassen.

Sie bemerkte es erst im Aufzug.

* * *

Im Büro roch es nach Druckerpapier, Klimaanlage und dem Kaffee, den Seo-yun nicht getrunken hatte.

Sie mochte ihre Arbeit grundsätzlich. Nicht jeden Teil davon und nicht an jedem Tag, aber oft genug.

Sie mochte es, wenn aus einer unübersichtlichen Liste langsam ein sinnvoller Plan wurde. Sie mochte den Moment, in dem ein schwieriges Projekt endlich funktionierte. Sie mochte sogar die morgendlichen Besprechungen, solange niemand versuchte, aus fünf Minuten eine halbe Stunde zu machen.

Vor allem mochte sie ihr Team.

Die meisten jedenfalls.

An diesem Morgen schaffte sie es kaum bis zu ihrem Schreibtisch, bevor ihre Abteilungsleiterin aus dem Besprechungsraum trat.

„Frau Han? Haben Sie kurz Zeit?”

Seo-yun hielt inne.

In ihrem Kopf ging sie automatisch durch, was sie am Freitag möglicherweise vergessen hatte.

Die aktualisierte Tabelle hatte sie verschickt. Der Kundenbericht war kontrolliert worden. Die Präsentation für Mittwoch lag im gemeinsamen Ordner. Sie hatte sogar die Kaffeemaschine ausgeschaltet, obwohl das nicht ihre Aufgabe gewesen war.

„Natürlich”, sagte sie.

Ji-eun, die bereits auf dem Weg zu ihrem eigenen Platz war, warf ihr einen Blick zu.

Seo-yun hob unauffällig die Schultern und folgte ihrer Abteilungsleiterin in den Besprechungsraum.

Auf dem Tisch standen zwei Tassen. Auf den Deckeln waren mit schwarzem Stift die Kürzel BBE und MMM notiert.

Das machte die Sache entweder besser oder schlimmer.

„Setzen Sie sich bitte.”

Seo-yun setzte sich und griff nach der Tasse mit den drei großen Buchstaben: BBE.

„Die ist meine”, sagte ihre Abteilungsleiterin und schob ihr die andere hin. „Sie trinken Ihren Kaffee ohne Zucker, richtig?”

„Ja. Danke.” Seo-yun zog die Hand zurück und warf einen Blick auf die eigene Tasse: MMM.

„Was bedeutet BBE?”

„Best Boss Ever. Von meinem Sohn.”

„Und MMM?”

„Mächtig motivierte Mitarbeiter. Ein Geschenk von der letzten Weihnachtsfeier.”

Seo-yun nahm einen vorsichtigen Schluck. Er war noch sehr heiß.

„Frau Kang hat mir mitgeteilt, dass sie das Unternehmen verlassen wird.”

Seo-yun nickte.

„Sie hat es mir heute Morgen gesagt.”

„Dann wissen Sie vermutlich auch, dass wir ursprünglich vorhatten, ihr die Leitung des Projektteams anzubieten.”

Seo-yun wusste es nicht.

Sie hatte es allerdings vermutet. Ji-eun war organisiert, verlässlich und konnte einen Raum voller aufgebrachter Menschen dazu bringen, sich wieder hinzusetzen, ohne dabei ihre Stimme zu heben.

„Das ergibt Sinn”, sagte sie.

Ihre Abteilungsleiterin betrachtete sie kurz.

„Frau Kang hat Sie als ihre Nachfolgerin empfohlen.”

Seo-yun stellte die Tasse ab.

Zu schnell. Ein wenig Kaffee schwappte über den Rand und landete auf der Untertasse.

„Mich?”

„Ja. Nach Rücksprache mit der Geschäftsführung möchte ich Ihnen die Position anbieten.”

Ein Teil von Seo-yun freute sich. Sofort und ehrlich.

Sie hatte in den vergangenen Jahren viel gearbeitet und kannte das Team gut. Trotzdem erschien sofort Ji-euns Gesicht vor ihrem inneren Auge.

Ji-eun, die keine Frist vergaß. Ji-eun, die schon vor einer Besprechung wusste, welche Frage gestellt werden würde. Ji-eun, die ihre neue Stelle angenommen, einen Umzug geplant und Seo-yun die Nachricht noch vor acht Uhr morgens mitgeteilt hatte.

Für einen Moment geriet ihre Fassung ins Wanken.

„W-Wieso?”

Seo-yun räusperte sich.

„Ich meine: Darf ich fragen, wie Sie zu dieser Entscheidung gekommen sind?”

Ihre Abteilungsleiterin faltete die Hände auf dem Tisch.

„Sie kennen die Arbeitsweise des Teams. Die anderen kommen zu Ihnen, wenn sie ein Problem haben. Sie bemerken Konflikte früh und lösen viele davon, bevor sie überhaupt bei mir ankommen.”

„Ich helfe, wenn jemand fragt.”

„Oft fragen Menschen Sie, weil sie wissen, dass Sie helfen.”

Seo-yun schwieg kurz.

„Sie müssen nicht sofort zusagen”, sagte ihre Abteilungsleiterin. „Aber ich brauche Ihre Entscheidung bis morgen. Die Übergabe müsste schnell beginnen.”

Natürlich musste sie das.

In ihrem Leben schien an diesem Montag plötzlich alles eine Frist zu haben.

„Danke für das Vertrauen”, sagte Seo-yun. „Ich denke bis morgen darüber nach.”

„Gut.”

Als Seo-yun den Raum verließ, wartete Ji-eun am Ende des Flurs.

Sie hielt zwei Pappbecher in den Händen.

„Du hast deinen Kaffee vergessen”, sagte sie und reichte Seo-yun einen davon.

„Du wusstest es.”

Ji-eun musste nicht fragen, was sie meinte.

„Ja.”

„Du hast mich empfohlen.”

„Ja.”

„Warum?”

Ji-eun blinzelte.

„Weil du gut darin wärst.”

„Du wärst besser.”

„Ich werde aber nicht hier sein.”

„Das war nicht meine Frage.”

Ji-eun trank einen Schluck.

„Du glaubst, ich wäre besser, weil ich schneller spreche und so tue, als hätte ich einen Plan.”

„Du hast meistens einen Plan.”

„Meistens habe ich eine Liste. Das ist nicht dasselbe.”

Seo-yun sah sie an.

Ji-eun stieß mit ihrem Becher leicht gegen Seo-yuns.

„Nimm die Stelle an.”

„Du klingst sehr sicher.”

„Ich bin nicht sicher.”

„Nein?”

„Nein. Aber ich kenne dich.”

Ji-eun trat an ihre Seite und legte ihr eine Hand auf die Schulter.

„Hey, schau mich an. Du organisierst seit zwei Jahren eine WG mit mir und hast mich trotzdem noch nicht zum Mond geschossen. Ein Büro voller Erwachsener ist dagegen ein Kinderspiel. Du schaffst das, Seo-yun. Ich habe dir ein paar relevante Unterlagen auf deinem Schreibtisch bereitgelegt.”

Damit ging sie zu ihrem Schreibtisch zurück.

Seo-yun blieb mit ihrem Kaffee im Flur stehen und wusste nicht, ob Ji-eun ihr gerade geholfen oder alles noch komplizierter gemacht hatte.

Vermutlich beides.

Als Seo-yun später an ihren Schreibtisch zurückkehrte, sah sie dort keinen ordentlichen Stapel, sondern ein Häufchen kreuz und quer liegender Blätter.

„Hey, sorry. Ich hatte vorhin das Fenster geöffnet, da hat sich alles hier im Raum verteilt. Ich habe sie dir wieder eingesammelt”, sagte Park Dae-hyun vom Nebenschreibtisch aus und zwinkerte ihr zu.

Sie nahm die Stelle an.

Nicht sofort.

Sie dachte während der Mittagspause darüber nach, auf dem Heimweg und später noch einmal, während Ji-eun im Wohnzimmer saß und ihre Umzugskosten berechnete.

Am nächsten Morgen sagte Seo-yun zu.

* * *

Am selben Nachmittag erhielt sie eine Liste mit neuen Aufgaben, zwei zusätzlichen Zugängen und die Information, dass sie bereits in der folgenden Woche ein schwieriges Gespräch führen musste.

Zwei Mitglieder ihres zukünftigen Teams stritten seit Tagen über ein gemeinsames Projekt. Die Frist war gefährdet, ein Kunde unzufrieden und beide waren überzeugt, der jeweils andere sei das Problem.

Seo-yun las die kurze Zusammenfassung dreimal.

Dann schloss sie die Datei.

Dann öffnete sie sie wieder.

„Du siehst aus, als hätte dir jemand eine schlechte Diagnose gestellt.”

Ji-eun stand neben ihrem Schreibtisch und legte einen Ordner ab.

„Nächste Woche soll ich das Gespräch mit Herrn Lim und Frau Bae führen.”

„Ah.”

„Was bedeutet dieses ‚Ah’?”

„Dass ich jetzt verstehe, warum du so aussiehst.”

Seo-yun lehnte sich zurück.

„Wie würdest du das Gespräch führen?”

Ji-eun zog den freien Stuhl heran und setzte sich.

„Anders als du.”

„Das hilft mir nicht.”

„Doch.” Ji-eun tippte auf die geschlossene Datei. „Du hörst besser zu als ich. Ich werde ungeduldig, wenn Menschen dasselbe Problem dreimal in anderen Worten erklären.”

„Du lässt dich dafür nicht so leicht verunsichern.”

„Das musst du auch nicht.” Ji-eun deutete auf den Bildschirm. „Du musst nicht entscheiden, wer von beiden recht hat. Du musst nur herausfinden, warum sie nicht mehr miteinander arbeiten können.”

Seo-yun blickte wieder auf die Datei.

„Das klingt immer noch nicht einfach.”

„Ist es vermutlich auch nicht.”

Ji-eun stand auf.

„Aber du musst es nicht genauso machen wie ich.”

Die folgenden Tage vergingen schneller, als Seo-yun lieb war.

Ji-euns Umzug nahm langsam die Wohnung ein.

Zuerst erschienen leere Kartons im Flur. Dann verschwanden Bücher aus dem Regal. Danach stand plötzlich eine Rolle Klebeband auf jeder freien Oberfläche, obwohl niemand wusste, woher all diese Rollen gekommen waren.

Ji-eun besaß mehr Bücher, als Seo-yun für möglich gehalten hatte.

„Du hast behauptet, du hättest aussortiert”, sagte Seo-yun, während sie eine Kiste mit der Aufschrift Unbedingt behalten anhob.

„Habe ich.”

„Was hast du aussortiert?”

Ji-eun zeigte auf einen kleinen Stapel neben der Tür.

Dort lagen drei dünne Taschenbücher und ein Kochbuch.

„Das Kochbuch gehört mir”, sagte Seo-yun.

Ji-eun betrachtete es.

„Dann habe ich drei Bücher aussortiert.”

Viele ihrer Bücher kamen aus Überraschungspaketen kleiner Buchläden. Ji-eun mochte es, nicht zu wissen, was sie bekam. Angeblich erweiterte das ihren Horizont.

In der Praxis bedeutete es, dass sie neben preisgekrönten Romanen auch Ratgeber über Zimmerpflanzen, historische Liebesgeschichten und einmal ein sehr ausführliches Handbuch über traditionelle Dachziegel besaß.

Seo-yun würde einige dieser Bücher vermissen.

Andere weniger.

* * *

Am Tag des Umzugs standen sie zwischen Kartons und versuchten herauszufinden, ob Ji-eun wirklich drei verschiedene Schreibtischlampen brauchte.

„Nimm einfach alle mit”, sagte Seo-yun.

Ji-eun betrachtete die Lampen. „Tae-seok kann später entscheiden.”

„Nach welchen Kriterien?”

„Cool, modern oder effizient.”

Seo-yun sah von einer Lampe zur nächsten. „Und welche davon ist einfach nur eine Lampe?”

„Die darf vermutlich nicht mit.”

Die Umzugshelfer trugen den letzten großen Karton aus dem Zimmer. Ji-eun ging noch einmal durch die Wohnung, öffnete Schränke und kontrollierte Steckdosen.

Schließlich blieb sie in der Tür ihres ehemaligen Zimmers stehen.

Es wirkte größer ohne das Bett und den Schreibtisch. Nur ein niedriges Regal stand noch an der Wand. Auf der Fensterbank wartete eine Aloe Vera in einem hellen Keramiktopf.

Ji-eun hob sie hoch und drückte sie Seo-yun in die Hände.

„Ich vermisse dich jetzt schon”, sagte sie. „Aber Kaktus bleibt hier.”

Seo-yun sah auf die Pflanze.

„Das ist eine Aloe Vera.”

„Für mich ist er Kaktus.”

„Du kannst nicht einfach beschließen, dass eine Pflanze zu einer anderen Art gehört.”

„Er hat sich nie beschwert.”

Seo-yun blickte zur Aloe.

„Das ist kein überzeugendes Argument.”

Ji-eun umarmte sie, bevor Seo-yun die Pflanze abstellen konnte.

Die Blätter drückten sich zwischen sie.

„Autsch”, murmelte Ji-eun.

„Du wolltest Kaktus hierlassen.”

„Jetzt weiß ich wieder, warum.”

Als der Umzugswagen schließlich davonfuhr, blieb Seo-yun noch eine Weile vor dem Haus stehen.

Ji-eun lehnte aus dem geöffneten Fenster der Beifahrerseite und winkte so lange, bis der Wagen um die Ecke bog.

Seo-yun winkte weiter, obwohl Ji-eun sie längst nicht mehr sehen konnte.

* * *

Die Wohnung war am Abend nicht stiller als sonst.

Der Kühlschrank summte. Im Bad tropfte ein Wasserhahn. Irgendwo über ihr schob jemand einen Stuhl über den Boden.

Trotzdem fühlte sich alles leiser an.

Seo-yun aß allein in der Küche. Sie stellte automatisch zwei Schalen auf den Tisch und bemerkte es erst, als sie den Reis verteilen wollte.

Die zweite Schale räumte sie wieder weg.

Ji-eun hatte bereits zweimal geschrieben.

Das erste Mal, um mitzuteilen, dass alle Kartons angekommen waren.

Das zweite Mal, um zu fragen, ob Seo-yun daran gedacht hatte, die Aloe Vera nicht zu oft zu gießen.

Seo-yun antwortete, dass Kaktus vermutlich widerstandsfähiger sei, als Ji-eun glaubte.

Danach sah sie eine Weile auf den leeren Chat.

Sie hätte Ji-eun anrufen können. Sie wusste, dass Ji-eun abnehmen würde.

Stattdessen stand sie auf und ging den Flur entlang.

Die Tür zu Ji-euns ehemaligem Zimmer war nur angelehnt.

Seo-yun blieb im Türrahmen stehen.

Es war nicht wirklich leer. Das niedrige Regal stand noch an der Wand. Darüber zeichneten sich die helleren Rechtecke ab, an denen Fotos und Postkarten gehangen hatten. In einer Ecke lag ein einzelnes Haargummi, und auf der Fensterbank stand die Aloe Vera, die Ji-eun zurückgelassen hatte.

Trotzdem klang der Raum anders.

Seo-yun trat hinein und setzte sich auf den Boden, wo früher Ji-euns Bett gestanden hatte. Eine Weile betrachtete sie die Pflanze auf der Fensterbank.

„Hey, Kaktus”, sagte sie leise. „Ich vermisse Ji-eun.”

Sie wartete einen Moment.

„Das ist albern”, murmelte sie.

Kaktus widersprach ihr nicht.

Seo-yun zog die Knie näher an sich.

„Sie halten mich für geeignet”, sagte sie. „Ji-eun offenbar auch.”

Sie strich mit dem Daumen über eine lose Naht an ihrer Hose.

„Dann wäre es langsam hilfreich, wenn ich das ebenfalls glauben könnte.”

Kaktus blieb auch dazu bemerkenswert schweigsam.

Vielleicht würde sie das Zimmer als Arbeitszimmer nutzen, bis sie eine neue Mitbewohnerin gefunden hatte. Oder als Gästezimmer. Ji-eun würde bestimmt gelegentlich übernachten.

Vielleicht sollte sie schon morgen eine Anzeige aufgeben.

Sie sah sich um und entdeckte das Haargummi in der Ecke.

„Natürlich hast du etwas vergessen.”

Seo-yun beugte sich danach. Als sie es aufhob, fiel ihr ein dunkler Gegenstand unter dem niedrigen Regal auf.

Sie griff darunter.

Ihre Fingerspitzen berührten einen Buchrücken.

Das Buch hatte sich zwischen Wand und Regal verkeilt. Seo-yun musste zweimal daran ziehen, bevor es sich löste und eine dünne Staubschicht auf dem Boden zurückließ.

Es war schmal, dunkelblau und an den Ecken leicht abgestoßen. Auf dem Einband glänzten silberne Buchstaben.

Seelenzauber – für dich und mich

Seo-yun starrte den Titel an.

„Das erklärt, warum du es unter dem Regal versteckt hast.”

Sie blätterte das Buch auf.

Die ersten Seiten zeigten Monde, Sterne und kunstvoll gezeichnete Kreise. Dazwischen standen Anleitungen für Wünsche nach Glück, Mut, Liebe und Erfolg. Einige verlangten Kerzen. Andere bestimmte Steine, getrocknete Pflanzen oder eine genaue Uhrzeit.

Zwischen zwei Seiten klebte ein gelber Zettel.

Seo-yun erkannte Ji-euns Handschrift sofort.

Ausprobiert. Hat nicht funktioniert.2/10 Punkte – hübsche Illustrationen.

Seo-yun lachte.

Es war nur ein kurzes Geräusch, aber danach wirkte das Zimmer ein wenig weniger leer.

Sie nahm das Buch und den Zettel mit in ihr eigenes Zimmer.

Dort legte sie beides zunächst auf den Nachttisch.

Später, nachdem sie geduscht und Ji-eun eine gute Nacht gewünscht hatte, schlug sie es noch einmal auf.

Sie blätterte an Wünschen für bessere Träume, überzeugendes Auftreten und günstige Zufälle vorbei.

Dann blieb sie an einer Seite hängen.

Die Illustration zeigte zwei einander zugewandte Silhouetten. Zwischen ihnen verlief eine dünne silberne Linie.

Unter dem Bild stand:

Ein Wunsch für den Weg, der dir verschlossen scheint.

Seo-yun dachte an die neue Stelle.

An Herrn Lim und Frau Bae.

An das Gespräch, das sie führen musste.

Sie las die erste Zeile der Anleitung.

Dann klappte sie das Buch zu.

„Als ob das funktionieren würde”, murmelte sie.

Eine feine Staubwolke löste sich vom Einband und stieg ihr direkt in die Nase. Seo-yun verzog das Gesicht und nieste zweimal hintereinander.

Für einen Sekundenbruchteil glitt ein matter Schimmer über die silbernen Buchstaben auf dem Einband.

Kaktus widersprach ihr auch aus dem anderen Zimmer nicht.

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