Chapter 1
# Kapitel 1 – Die erste Begegnung
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**3. Oktober**
*23:14 Uhr*
Ich weiß nicht, warum ich das aufschreibe. Ich schreibe eigentlich nie Tagebuch. Das hier ist ein Notizbuch, das ich eigentlich für die Uni gekauft habe – für Seminarnotizen, Literaturzitate, diesen ganzen Kram. Aber heute Abend liegt es vor mir, und ich muss irgendetwas tun mit dem, was in meinem Kopf passiert.
Also. Von vorne.
Es war in der Buchhandlung in der Nähe der Uni. Die kleine, die nach altem Papier riecht und wo man sich zwischen den Regalen fast verlaufen kann. Ich war auf der Suche nach einem Sekundärtext für das Seminar über Kafka, und ich hatte keine Ahnung, wo ich anfangen sollte. Ich stand vor dem Regal mit der Literaturtheorie und starrte auf die Rücken der Bücher, als wären sie in einer Sprache geschrieben, die ich noch nicht gelernt habe.
Dann war er plötzlich da.
Er hat nicht gefragt, ob er helfen kann. Er hat einfach gesagt: „Wenn es um Kafka geht, fangen Sie mit Brod an. Aber wenn Sie wirklich verstehen wollen, nehmen Sie das hier."
Er hat ein Buch aus dem Regal gezogen – *Der Proceß*, die kommentierte Ausgabe – und es mir in die Hand gegeben. Nicht gefragt. Einfach gegeben. Als wäre es selbstverständlich.
Ich hätte eigentlich genervt sein sollen. Ich bin es nicht gewesen.
Er war groß. Breite Schultern. Dunkles Haar, das schon ein bisschen grau wird an den Schläfen. Graue Augen, die mich angeschaut haben, als würden sie etwas sehen, das ich selbst noch nicht gesehen habe. Ich schätze ihn auf Mitte dreißig, vielleicht etwas älter. Er trug einen dunklen Mantel und hatte die Hände in den Taschen, als er auf meine Reaktion wartete.
Ich habe das Buch angeschaut. Dann ihn. Dann wieder das Buch.
„Ich wollte eigentlich den Sekundärtext", habe ich gesagt.
„Den brauchen Sie erst, wenn Sie das Original kennen", hat er geantwortet. Ruhig. Bestimmt. Kein Lächeln, aber auch keine Kälte.
Ich weiß nicht, was mit mir passiert ist. Ich bin achtzehn. Ich bin nicht naiv. Ich habe Männer, die so reden, schon oft als arrogant abgetan. Aber bei ihm war es anders. Es klang nicht wie Arroganz. Es klang wie... Gewissheit. Als würde er etwas wissen, das er mir gerne zeigen würde, wenn ich nur bereit wäre, es anzunehmen.
Ich habe das Buch gekauft.
Er war schon weg, als ich an der Kasse stand.
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Jetzt sitze ich hier, und das Buch liegt neben mir, und ich denke an seine Stimme. Tief. Ruhig. Die Art von Stimme, bei der man automatisch leiser wird, wenn man antwortet.
Ich weiß nicht mal seinen Namen.
Ich weiß nicht, warum mich das so beschäftigt.
*Ich weiß es vielleicht doch.*
Aber das schreibe ich heute Nacht nicht auf.
— Leonie








