Prolog
Es gibt im Leben einer Frau Fragen, die sie sich mit zunehmendem Alter von selbst erledigen, weil man irgendwann entweder die Antwort kennt oder beschlossen hat, dass sie einem vollkommen wurscht sein kann, wozu beispielsweise gehört, ob man mit 37 noch kurze Röcke tragen darf, ob Kohlenhydrate nach 18 Uhr tatsächlich direkt in die Hüften übersiedeln oder weshalb Männer glauben, ein einzelnes Sofakissen in der Farbe Mintgrün mache aus einer Wohnung ein durchdachtes Wohnkonzept.
Andere Fragen werden mit den Jahren allerdings nicht kleiner, sondern setzen sich irgendwo zwischen Brustbein und Magen fest. Sie machen es sich dort bequem und warten auf einen ungünstigen Moment, um sich zu melden, bevorzugt nachts, nach ein paar Gläsern Wein oder unmittelbar nach einem sexuellen Erlebnis, das weder schlecht genug war, um sich darüber aufzuregen, noch gut genug, um sich daran am nächsten Morgen daran erinnern zu wollen.
Meine Frage lautete: War das jetzt schon guter Sex?
Ich lag auf dem Rücken und starrte auf eine Zimmerdecke, die nicht mir gehörte, während neben mir ein Mann namens Florian mit geschlossenen Augen atmete, als hätte er soeben den Großglockner bezwungen, obwohl wir beide wussten, dass sich seine sportliche Leistung auf ungefähr sieben Minuten beschränkt hatte, von denen mindestens zwei auf die Suche nach einem Kondom entfallen waren.
Florian war kein schlechter Mensch. Vermutlich war er sogar ein recht angenehmer Zeitgenosse, solange man nicht von ihm verlangte, gleichzeitig zuzuhören und seine eigene Meinung für länger als dreißig Sekunden zurückzustellen. Er hatte große, gepflegte Hände, ein eigenes Unternehmen, eine Vorliebe für Naturweine und in seinem Dating-Profil behauptet, offen für Neues zu sein. Was sich später als grundsätzlich richtig herausstellte, sofern das Neue in seinem bevorzugten Restaurant stattfand, nicht zu scharf gewürzt war und spätestens um 22.30 Uhr endete. Weil er am nächsten Morgen trainieren wollte.
Ich drehte den Kopf zur Seite und betrachtete sein Profil, die entspannte Stirn, den leicht geöffneten Mund und den Ausdruck tiefer Zufriedenheit, der mich unwillkürlich an jemanden erinnerte, der nach einer komplizierten Überweisung endlich die Bestätigung seiner Bank erhalten hatte.
„Schön“, murmelte er, ohne die Augen zu öffnen. Es klang nicht wie eine Frage, eher wie eine Feststellung, und vermutlich wäre es unhöflich gewesen, darauf mit einem differenzierten Erfahrungsbericht zu antworten. Weshalb ich lediglich ein Geräusch machte, das vieles bedeuten konnte und sich seit Jahren als zuverlässige Lösung für Situationen bewährt hatte, in denen Ehrlichkeit weder zielführend noch gesellschaftlich erwünscht war.
Florian öffnete ein Auge. „Alles gut?“ Da war sie, die gefährlichste aller Fragen, weil sie nur auf den ersten Blick offen klang, tatsächlich aber genau eine zulässige Antwort besaß, nämlich jene, die dem Fragenden versicherte, dass er alles richtig gemacht hatte und man selbst im besten Fall körperlich überwältigt, mindestens jedoch emotional beeindruckt war.
„Ja“, sagte ich. Er lächelte zufrieden und schloss das Auge wieder. Damit war die Befragung beendet. Ich dachte an meine Kaffeemaschine, die achthundert Euro gekostet hatte und mich jeden Morgen zuverlässig fragte, welche Stärke, Temperatur und Menge ich bevorzugte, bevor sie überhaupt damit begann, irgendetwas aus sich herauszulassen. Neben mir begann Florian leise zu schnarchen. Ich zog die Decke höher, obwohl mir nicht kalt war, und versuchte herauszufinden, an welchem Punkt meines Lebens ich begonnen hatte, Sex auf dieselbe Weise zu beurteilen wie einen Besuch beim Zahnarzt: nicht angenehm, aber immerhin vorbei, ohne dass bleibende Schäden entstanden waren. Es war schließlich nicht so, dass ich keine Erfahrungen gesammelt hätte. Ich hatte Männer geliebt, Männer verlassen, war von Männern verlassen worden, hatte mich begehrt, benutzt, schön, unsicher, mutig, langweilig und gelegentlich so ungelenk gefühlt, dass ich anschließend überzeugt gewesen war, mein Becken müsse sich in einer medizinisch bedenklichen Position befinden. Und das alles, wenn man der Wahrheit ins Auge sieht, mit nur insgesamt drei Männern. Das Problem an der ganze Sache war – ich hätte nicht sagen können, was guten Sex eigentlich ausmachte.
Ich wusste, was Männer darüber behaupteten, was Frauenzeitschriften versprachen, was Podcasts in siebzehn Folgen erklärten und was Menschen meinten, die in sozialen Netzwerken Bilder von Räucherstäbchen posteten und darunter schrieben, Sexualität beginne im Herzen. Ich wusste ebenso, dass man loslassen sollte, kommunizieren, Grenzen setzen, Grenzen erweitern, sich fallen lassen, präsent sein, achtsam atmen, spielerisch bleiben, neugierig sein, nichts erwarten und gleichzeitig genau wissen, was man wollte. Was ich nicht wusste, war, wie eine normale Frau das alles schaffen sollte, ohne währenddessen eine mentale Checkliste abzuarbeiten.
Florian drehte sich auf die Seite und zog dabei fast die gesamte Decke mit sich. Ich hielt sie fest. Es war ein kleiner, stiller Kampf, der mir plötzlich repräsentativ für mein bisheriges Liebesleben erschien: Ein Mann nahm sich unbewusst mehr Raum, als ihm zustand, und ich versuchte höflich, wenigstens einen Teil davon zurückzubekommen, ohne eine unangenehme Stimmung zu erzeugen. Mein Handy vibrierte auf dem Fußboden. Es musste mir aus der Tasche gefallen sein, als Florian und ich vorhin übereinander hergefallen sind wie zwei Teenager. Ich streckte dem Arm danach aus und sah eine Nachricht in unserer WhatsApp-Gruppe, die seit der Scheidung meiner Freundin Renate den Namen Die Schadenskommission trug.
Renate: Lebst noch?
Darunter erschien sofort Sophies Antwort.
Sophie: Sie war vor zwei Stunden zuletzt online. Entweder guter Sex oder schlechter Empfang.
Michi gab auch noch ihren Senf dazu: Guter Sex dauert keine zwei Stunden. Das ist eine Medienlüge.
Ich biss mir auf die Unterlippe, um nicht laut zu lachen, und schrieb mit gedimmten Display: „Bin am Leben.“ Die drei Punkte erschienen augenblicklich.
Renate: Und?
Ich sah zu Florian, der jetzt so tief schlief, als hätte er nicht nur mich, sondern sämtliche Damen der Stadt versucht zu beglücken. Ich tippte: „Ich glaube, ich hab mir ein Trauma eingefangen.“ Sophies Antwort kam zuerst. „Schon wieder?“ Dazu ein Smiley, das vor lauter lachen bereits schon weinte. Ich schloss kurz die Augen.
Damals wusste ich noch nicht, dass meine Suche nach besserem Sex nur am Rande mit Sex zu tun hatte. Ich glaubte noch, das Problem seien die Männer. Es war ein beruhigender Gedanke. Und, wie sich herausstellen sollte, nur der Anfang.








