The Little Red Notebook
Obwohl der Abend noch jung war, langweilte ich mich bereits.
Ich hatte einen sitzen und die Musik war… na ja, okay. Ich war mit zwei sehr guten Freunden unterwegs, die glaubten, es wäre witzig und abenteuerlich, meine Wingmen zu spielen. Aber seien wir ehrlich: Ich habe noch nie einen Wingman gebraucht. Ich war lange genug in der Dating-Szene unterwegs, um Ärger schon von weitem zu riechen.
Entschuldigung – kein Dating.
Ich habe eigentlich nie jemanden gedatet.
Ich war mit reinen Affären völlig zufrieden. Am liebsten mit welchen, die ich danach nie wiedersehen musste.
Genau deshalb waren wir in dieser Bar und taten so, als hätten wir Spaß – oder vielleicht galt das nur für mich, denn bei Stanley und Maria sah es nach echtem Spaß aus –, ziemlich weit weg von unserem College.
Ich wusch mir nach dem Toilettengang die Hände und betrachtete mein Spiegelbild.
Ich musste bald meine Haare nachfärben. Die langweiligen braunen Ansätze kamen schon durch. Ich mochte meine Haare schwarz. In Kombination mit meinen blauen Augen wirkte das einschüchternd.
Ja, ich mochte, was ich jedes Mal sah, wenn ich in den Spiegel blickte.
Ich ging zurück an die Bar, wo meine Freunde standen und mit übertriebener Gestik auf zwei Typen einredeten.
Na ja, das war eigentlich Maria. Sie liebte gut aussehende Typen. Und sie liebte gut aussehende Mädchen.
Stanley … Nun, er sah für seine zwanzig Jahre eigentlich zu gut aus, aber leider war er hetero.
Ich hatte keine Ahnung, warum er überhaupt mit uns abhing.
Vielleicht stand er auf Maria?
Es war mir egal. Solange es unsere Freundschaft nicht fickte, war mir völlig wurscht, wer mit wem was auch immer machte.
Spielten sie gerade …Blister in the Sun?
Wir sahen uns an und fingen an zu hüpfen. Die anderen Typen kicherten, warfen sich vielsagende Blicke zu und küssten sich … dabei ignorierten sie uns völlig, als wären wir das langweiligste Trio der Welt. Maria schnaubte und warf ihr volles, lateinamerikanisches Haar in ihre Richtung.
Sie küssten sich, wir hüpften weiter, und endlich begann ich, Spaß zu haben.
Wir tanzten zu ein paar weiteren Liedern, bis ich auf einem Barhocker zusammenbrach und den Barkeeper um einen Drink bat.
Ich nippte an meinem Glas und sah mich um.
Maria und Stanley tanzten immer noch. Die Musik hatte sich drastisch geändert. Der DJ spielte Neunziger-Pop, und ich musste sagen, das war um Welten besser als der Mist, der vorher lief.
Nun …hallo …
Ein Blonder mit breiten Schultern und einem Grübchenlächeln kam mit selbstbewussten Schritten auf mich zu.
Er war gut aussehend, das musste ich zugeben. Und dass er seinen Blick nicht von mir abwandte, war ein Bonus. Er sammelte bei jedem Schritt Pluspunkte.
Er blieb neben mir stehen.
Ein bisschen zu nah, aber das war okay. Zumindest war seine Absicht von der ersten Minute an klar.
Er musterte mich von Kopf bis Fuß, und ich tat dasselbe.
„Kann ich dir einen Drink ausgeben?“, fragte ich, und er nickte.
Er hielt immer noch Blickkontakt.
Er wusste, wie man das Spiel spielt. Das gefiel mir.
Als ich ihn fragte, was er trinken wolle, und er meinte, sein „Gift“ sei Bier, war ich ein bisschen enttäuscht. Das Bier war in Ordnung. Es aber als sein Gift zu bezeichnen, war ein bisschen altmodisch, vielleicht sogar kitschig. Aber er war hübsch, also ließ ich es wieder durchgehen.
Keiner von uns war hier, um dem anderen seine Geheimnisse zu beichten. Wir waren nur wegen einer Sache hier. Und der Typ mochte Bier. Also bekam er Bier.
Der Barkeeper reichte mir die Bierflasche, und als ich sie ihm hinhielt, legten sich seine Finger über meine.
20.02.2076
Ich legte den Kopf schief, während ich noch immer die Flasche hielt und seine Hand über meiner lag.
20.02.2076
Damit konnte ich leben. Noch genug Zeit.
Das Nächste, woran ich mich erinnerte, war, dass wir in meinem Auto knutschten.
Seine Hände waren überall an mir und versuchten, in meine Hose zu gelangen – ich musste ihn ein paar Mal stoppen.
Er war begierig, viel zu begierig, und das gefiel mir, aber Sex im Auto war nicht mein Ding. Ich mochte es bequem.
Also verklag mich doch.
Wir fuhren zu mir nach Hause, während er mich oral befriedigte. Ich musste mich echt auf den Verkehr konzentrieren, aber wenn ich ehrlich bin, habe ich keine Ahnung, wie wir es bis zu meinem Haus geschafft haben.
In dem Moment, als wir zur Tür reinkamen, gab es kein Halten mehr.
Wir verhielten uns wie zwei Liebende, die sich nach langer Zeit wiedertrafen. Wir taten so, als würden wir die Körper des jeweils anderen kennen.
Aber in Wirklichkeit gab es ein paar Lacher, als ich seinen Reißverschluss nicht aufbekam, und noch ein paar mehr, als er mich versehentlich anstieß, weil ich ihn oral verwöhnen wollte, während er genau das Gleiche bei mir vorhatte.
Wir hatten Spaß. Jede Menge Spaß.
Ich wachte mit einem schweren Kater auf. Ich hatte Durst, mein Körper klebte vor Schweiß, und der Grund dafür schlief direkt neben mir.
Ich drehte langsam den Kopf und sah ihn an.
Er war irgendwie blonder geworden. Sein Haar glänzte auch.
Aber er sah nicht mehr so gut aus wie gestern Nacht.
Ich atmete tief ein und schlich aus dem Bett. Ich prüfte die Zeit und meine Nachrichten auf dem Handy, und natürlich gab es ein paar von Maria, die mich dafür ausschimpfte, dass ich sie für einen One-Night-Stand hatte sitzen lassen.
Sie würde drüber hinwegkommen. War ja sowieso nicht das erste Mal.
Ich ging ins Bad und machte absichtlich Lärm, um den Typen zu wecken, aber er schien ein Tiefschläfer zu sein.
Ich wurde langsam gereizt.
Wenigstens schnarchte er nicht.
Ich duschte ewig in der Hoffnung, dass er bis dahin verschwunden wäre, aber als ich mein Zimmer wieder betrat, schüttelte ich enttäuscht den Kopf.
Ich wurde allmählich frustriert.
Ich zog mich an und suchte nach meinen wertvollsten Sachen.
Handy, MacBook und mein kleines rotes Notizbuch.
Ich schlug das Notizbuch auf und starrte ein paar Sekunden lang auf die letzte Seite.
Wie war nochmal sein Name? Er hatte ihn mir gesagt, da war ich sicher, aber ich konnte mich einfach nicht erinnern.
Ach was soll’s … Dann war er eben Austin.
Austin, 20.02.2076, schrieb ich und klappte das Notizbuch zu.
Ich sah Austin ein letztes Mal an und verließ das Haus.
Ich öffnete das Verdeck und ließ den Wind durch mein noch feuchtes Haar wehen. Ich schwöre, das war der einzige Grund, warum ich ein Cabrio hatte. Ich war zu ein Schisser für ein Motorrad, und das hier war meiner Meinung nach das zweitbeste Ding.
Außerdem müsste man auf einem Motorrad den Helm abnehmen, um den Wind in den Haaren zu spüren, und das könnte tödlich enden.
Also ja, ich war mit meinem Cabrio ganz zufrieden.
Ich ging in ein Frühstückscafé und verschlang alles, was ich bestellt hatte. Ich beobachtete die Leute im Restaurant. Glückliche Menschen. Verliebte hetero Paare. Kleinkinder mit Wutanfällen. Gestresste Eltern. Ruhige Babys, die den Kleinkindern bei ihren Ausrastern zusahen.
Das Leben ging einfach weiter.
Ich verließ den Laden und fuhr zum Rodeo Drive. Leider war es brechend voll – lauter Touristen. Ich hielt bei einem meiner Lieblingsgeschäfte an und kaufte zwei T-Shirts und eine Sonnenbrille, die ich nicht brauchte. Die Verkäuferin, die mit mir flirtete – sorry, Schätzchen, aber da bist du bei mir an der falschen Adresse –, versuchte mir eine Jacke aufzuschwatzen. Sie war ganz okay, schätze ich. Aber dann sah ich das Logo auf dem Ärmel.
Nein, danke.
Ich schrieb Maria zurück, aber ich nehme an, die schlief auch noch. Mit Stanley hab ich mich gar nicht erst abgegeben.
Ich ließ mir Zeit. Ich habe mir wirklich viel Zeit gelassen, bis ich wieder zu Hause war.
Und Gott sei Dank, Austin war weg, als ich ankam.
Aber er hatte eine Nachricht auf einer meiner Karteikarten hinterlassen. Das nervte mich schon wieder, weil ich diese Karten eigentlich mochte.
Lass es uns wiederholen. Telefonnummer. Corey.
Ich schätze, er hieß also Corey.
Ich holte mein rotes Notizbuch aus dem Rucksack, strich Austin durch und schrieb stattdessen Corey hin.
Dann nahm ich Coreys Zettel und warf ihn in den Müll.








