Das Preisschild der Seele
Die Mondgöttin gab jedem Wolf ein Schicksal, eine Bestimmung und die Verheißung einer Seelenverwandtschaft, die stärker war als der Tod selbst. Astra hatte ihr ganzes Leben lang an diese Verheißung geglaubt. Als kleines Mädchen hatte sie nachts am Fenster gesessen, den Silberglanz des Mondes betrachtet und sich ausgemalt, wie es sein würde, wenn sie eines Tages ihrem wahren Gefährten gegenüberstand. Dem Mann, dessen Blick ihr Herz höherschlagen lassen und dessen Geruch wie ein Versprechen von Heimat schmecken würde.
Doch dieses Märchen war an dem Tag gestorben, an dem ihr eigener Vater sie für Macht und Territorium eingetauscht hatte.
Astra war gerade erst achtzehn Jahre alt geworden, als der Alpha des Schattenblut-Rudels, Malakor, in ihr verarmtes Heimatdorf kam. Ihr Vater, von endloser Gier und erdrückenden Schulden zerfressen, hatte Astra nie als Tochter gesehen, sondern als reine Verhandlungsmasse. Malakor wiederum suchte keine Gefährtin des Herzens. Er suchte eine Repräsentantin – ein hübsches, vorzeigbares Gesicht an seiner Seite, das die Traditionen wahrte, nach außen hin Perfektion ausstrahlte und seinen Status unter den umliegenden Territorien festigte.
„Du wirst seine Luna sein, Astra. Sei dankbar. Du wirst im Luxus leben“, hatte ihr Vater eiskalt gesagt, als er den Vertrag mit seinem eigenen Blut unterzeichnete. Kein Blick des Bedauerns, keine Umarmung zum Abschied. Nur das metallische Geräusch von Münzen, Landtiteln an den südlichen Grenzen und politischen Zugeständnissen, die den Besitzer wechselten.
Sie war verkauft worden. Wie ein Stück Vieh auf dem Markt.
An jenem Tag hatte sich Astras innere Wölfin wimmernd in die dunkelste Ecke ihrer Seele zurückgezogen. Und der Luxus, von dem ihr Vater gesprochen hatte, erwies sich als ein vergoldeter Käfig, dessen Stäbe aus Demütigung, Schmerz und bitterer Kälte geschmiedet waren.
Jahre waren seitdem vergangen. Jahre, in denen Astra gelernt hatte, jeden Schmerz hinter einer reglosen Maske zu verbergen.
Der prunkvolle Saal des Schattenblut-Rudelhauses war an diesem Abend dicht gefüllt. Der erstickende Geruch von schwerem Rotwein, gebratenem Fleisch und billigem Parfum lag wie ein Schleier in der Luft. An den langen Holztischen saßen die Krieger und Würdenträger, während das raue, lautstarke Gelächter von den massiven Natursteinwänden hallte.
Am Kopfende der Tafel saß Malakor. Er war ein imposanter Mann mit scharfen, makellosen Zügen und Augen so kalt wie gefrorenes Eisen. An seiner rechten Seite thronte Astra. Sie trug ein elegantes, sündhaft teures Kleid aus tiefroter Seide – Malakors Lieblingsfarbe, weil sie Stärke und Macht symbolisierte. Doch unter dem geschmeidigen Stoff brannte ihre Haut vor Anspannung.
Sie war die Luna dieses Rudels. Wenn Gäste anwesend waren, erwartete Malakor, dass sie aufrecht saß, sanft lächelte und sich wie die Königin verhielt, die er gekauft hatte. Doch die Realität sah anders aus, sobald die Türen sich schlossen – und oft genug sogar davor.
„Du bist heute wieder einmal erstaunlich still, meine Luna“, raunte Malakor plötzlich. Seine Stimme klang wie schwerer Samt auf scharfen Klingen. Seine Hand legte sich auf ihren Oberschenkel, doch der Druck seiner Finger war kein Liebesspiel. Es war ein fester, schmerzhafter Griff, der ihr Fleisch quetschte und ein deutliches Signal war: Gehorche.
„Verzeihung, Alpha“, antwortete Astra leise und zwang sich mit aller Kraft, ihren Blick nicht abzuwenden. „Ich war in Gedanken.“
„Gedanken stehen dir nicht zu“, flüsterte er scharf an ihrem Ohr, während er ihr mit einer täuschend sanften Bewegung eine Strähne ihres dunklen Haares hinter das Ohr strich. Die Geste sah für die Umstehenden aus wie eine zärtliche Liebkosung, doch der Unterton ließ Astra innerlich erstarren. „Du bist hier, um schön auszusehen und mein Rudel zu repräsentieren. Verpatze mir diesen Abend nicht.“
Bevor Astra etwas erwidern konnte, öffnete sich die große Flügeltür des Saals. Morrigan trat ein.
Morrigan war keine gewöhnliche Wölfin im Rudel. Sie war die bevorzugte Geliebte von Malakor – stolz, anmaßend und mit einem Blick gesegnet, der nur aus Gift und Hohn bestand. Sie trug ein enges Kleid, das kaum Raum für Fantasie ließ, und schlendert mit wiegenden Hüften direkt auf das Podium zu.
Keiner der anwesenden Männer – weder Beta Varek mit seinem eisigen, berechnenden Lächeln noch Gamma Kaelen oder Delta Draven – wendete den Blick ab. Sie alle kannten die wahre Dynamik im Rudelhaus. Sie alle wussten, dass Astra zwar den Titel der Luna trug, aber im Geheimen weniger Respekt genoss als die unterste Magd.
Morrigan blieb direkt neben Malakors Stuhl stehen. Sie ignorierte Astra völlig, beugte sich hinab und flüsterte dem Alpha etwas ins Ohr. Ein langsames, amüsiertes Lächeln stahl sich auf Malakors Lippen. Ohne Rücksicht auf Astra, die direkt neben ihm saß, legte er seine Hand an Morrigans Hüfte und zog sie leicht an sich heran.
„Astra“, sagte Malakor, ohne sie überhaupt anzusehen. Seine Stimme war beiläufig, als würde er mit einem Hund sprechen. „Steh auf. Morrigan wird für den Rest des Abends hier sitzen.“
Ein leises Tischtuscheln ging durch den Saal. Ein paar der niederen Rudelmitglieder kicherten hinter ihren Händen. Es war keineswegs das erste Mal, dass Malakor sie vor den Augen aller erniedrigte, aber der Schmerz schnitt jedes Mal aufs Neue tief in ihr Herz.
Astra spürt, wie die Hitze der Scham in ihre Wangen stieg. Sie sah zu Varek, der sie nur mit spöttischer Kälte beobachtete, und zu Scylla und Vespera, zweien von Malakors anderen Gespielen, die ihr süffisante, triumphierende Blicke zuwarfen.
„Alpha...“, flüsterte Astra mit brüchiger Stimme. „Das ist der Platz der Luna.“
Malakor drehte langsam den Kopf. Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Die Aura eines erdrückenden Alphas brach wie eine zentnerschwere Last über Astra herein und drückte sie mental zu Boden.
„Du bist das, was ich sage, dass du bist“, zischte er leise, sodass es nur die Umstehenden hören konnten. „Und im Moment bist du im Weg. Geh in die Küche und hilf den Omegas beim Abwasch. Vielleicht lernst du dort ein wenig Demut.“
Ein Raunen ging durch die Ränge. Eine Luna, die den Abwasch der Dienstboten erledigen sollte – eine tiefere Demütigung gab es nicht.
Morrigan lächelte triumphierend und setzte sich auf den Stuhl, den Astra gerade erst räumen musste.
Astra stand auf. Ihre Beine zitterten, doch sie zwang sich, den Kopf aufrecht zu halten, während sie unter den spöttischen Blicken des Schattenblut-Rudels den Saal verließ. Jeder Schritt fühlte sich an wie ein Gang zum Schafott.








