Chapter 1
Ben wusste nicht genau, wann alles begonnen hatte. Es gab keinen klaren Moment, keinen Auslöser – nur das Gefühl, dass sich etwas ändern musste. Vielleicht war es die Leere in den Tagen, das stetige Kreisen um dieselben Fragen. Vielleicht auch einfach nur Langeweile.
Er war Mitte zwanzig, groß, kräftig gebaut, mit dunklem Haar und auffallend blauen Augen – der Typ, bei dem Fremde im Bus annehmen, er gehe regelmäßig ins Fitnessstudio. In Wahrheit war er seit Monaten arbeitslos. Die Tage vergingen zäh, seine Bewerbungen versandeten im Nichts. Greg, sein Mitbewohner, half ihm so gut er konnte – mit der Miete, mit Essen. Doch Ben empfand längst Schuld statt Dankbarkeit.
Und dann war da diese Anzeige gewesen.
> „Wir suchen Dich: männlich, jung, mit Lust auf etwas Neues, das dein Leben verändern wird.
Wenn du dich angesprochen fühlst, dann melde dich unter 030 595 …“
Er hatte sie gelesen, zweimal, dann ein drittes Mal.
Der Text war vage – fast zu vage, um glaubwürdig zu sein.
Aber irgendetwas daran störte ihn nicht. Im Gegenteil: Es reizte ihn.
Was genau wollte man von ihm?
Er rief an. Ein kurzer, höflicher Austausch.
Keine echten Antworten – nur eine Einladung.
Man wolle ihn sehen. Persönlich.
Am nächsten Tag trug er sein ordentlichstes Hemd, den Lebenslauf in der Tasche, und fuhr in die Stadt.
Das Gebäude war modern, kühl, fast steril – Glas und Beton in elegantem Gleichgewicht. Beim Betreten spürte er die Klimaanlage wie einen Schlag. Sein Nacken kribbelte, obwohl es eiskalt war. Nervosität oder Vorahnung?
Ein Concierge nickte ihm zu, ohne Lächeln.
„Erste Etage. Man erwartet Sie.“
Oben wartete ein Mann auf ihn – sportlich, gut gekleidet, glatt wie aus einem Werbeclip.
„Herr Cyrus? Das Meeting beginnt gleich. Folgen Sie mir.“
Ben zögerte kurz, dann folgte er ihm in einen Raum, der mehr an einen Hörsaal erinnerte als an einen Konferenzsaal. Dreißig, vielleicht vierzig Männer saßen bereits dort – alle jung, alle in weißen Hemden und schwarzen Hosen. Fast schon uniformiert.
Er setzte sich. Schaute sich um. Fragte sich, ob sie genauso wenig wussten wie er.
Dann wurde es still.
Ein Mann betrat das Podium. Grauer Anzug, ruhige Stimme, professionelles Lächeln. Herr Bloom.
Er sprach von Expansion. Von Chancen. Von besonderen Fähigkeiten.
Aber nichts Konkretes. Kein Produkt, kein Ziel, kein Unternehmen, das man hätte googeln können.
Ben runzelte die Stirn. Er hörte zu, aber verstand nichts.
Was war das hier?
Ein Jobangebot oder ein Rekrutierungs Versuch für irgendeine Sekte?
Dann fiel sein Name.
> „Herr Cyrus – würden Sie bitte nach vorn kommen?“
Ben stand langsam auf. Die anderen sahen ihn an. Manche neugierig, manche abschätzend.
Bloom begann, über ihn zu sprechen – über Dinge, die Ben nie in seiner Bewerbung erwähnt hatte. Dinge, die man nicht googeln konnte. Persönliche Dinge.
Ben spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.
Woher wussten sie das?
„Möchten Sie etwas ergänzen?“ fragte Bloom.
„Ich frage mich eher, wie Sie an diese Informationen gekommen sind“, antwortete Ben.
Ein paar der anderen schmunzelten. Offenbar war er nicht der Einzige mit dieser Reaktion.
Bloom wich der Frage aus. „Unsere Methoden sind
Unkonventionell."
Dann war das Meeting vorbei. Die meisten gingen zum Buffet. Ben blieb stehen, allein.
Niemand sprach ihn an.
Hatte er jetzt den Job?
Und vor allem: Welchen Job überhaupt?
Noch bevor er eine Entscheidung treffen konnte, trat ein Sicherheitsbeamter an ihn heran.
„Herr Cyrus? Herr Sommer möchte jetzt mit Ihnen sprechen.“
Ben hob eine Augenbraue.
„Sommer? Der Geschäftsführer?“
„Das werden Sie gleich herausfinden.“
Sie gingen einen stillen, endlosen Flur entlang. Alles wirkte perfekt arrangiert – zu sauber, zu symmetrisch. Am Ende warteten zwei große Flügeltüren mit Messingbeschlägen. Ein Mitarbeiter öffnete sie wortlos.
Der Raum dahinter lag im Halbdunkel. Bläuliches Licht, abstrakte Bilder an den Wänden. Nur der Schreibtisch im Zentrum war beleuchtet. Dahinter saß ein massiger Mann mit Glatze und grauem Vollbart – ruhig, gelassen, fast einschüchternd.
„Herr Sommer, Herr Cyrus ist jetzt da“, sagte der Sicherheitsbeamte.
„Danke, Schmidtke.“
Sommer erhob sich und deutete auf einen Stuhl.
„Setzen Sie sich, bitte.“
Ben setzte sich, den Blick aufmerksam auf seinen Gegenüber gerichtet. Sommer goss Wasser aus einer Karaffe ein und schob das Glas zu ihm.
„Möchten Sie etwas trinken?“
Ben schüttelte den Kopf.
„Ich nehme lieber erst Antworten.“
Sommer nickte langsam. Kein Anzeichen von Ärger.
„Ein verständlicher Wunsch.“
„Was genau ist das hier?“, fragte Ben. „Warum wurde ich eingeladen? Was für eine Firma ist das, für die Sie arbeiten – oder leiten?“
„Wir sind kein gewöhnliches Unternehmen“, antwortete Sommer. „Wir suchen Menschen, die anders sind. Die Fähigkeiten haben, die andere übersehen.“
„Welche Fähigkeiten meinen Sie?“
„Das ist Teil des Prozesses. Manchmal kennt man sein eigenes Potenzial nicht, bevor es herausgefordert wird.“
Ben lehnte sich zurück. „Sie erwarten also, dass ich blind irgendwo einsteige? Ohne zu wissen, worum es geht?“
Sommer lächelte beinahe bedauernd.
„Sie wurden ausgewählt, weil Sie sich die richtigen Fragen stellen. Das ist selten.“
„Antworten wären mir lieber als Komplimente.“
„Dann kommen Sie morgen wieder“, sagte Sommer ruhig. „Packen Sie das Nötigste. Kleidung, Dokumente. Keine Fragen mehr heute.“
Ben schwieg einen Moment. Er konnte gehen. Oder bleiben. Aber beides war mit Risiko verbunden.
„Und wenn ich nicht wiederkomme?“, fragte er.
„Dann werden wir nicht weiter nach Ihnen suchen. Aber Sie werden sich immer fragen, was gewesen wäre.“
Ben hielt seinem Blick stand. Dann nickte er langsam.
„Einverstanden.“
Sommer griff nach seinem Handy – das Zeichen, dass das Gespräch beendet war.
„Schmidtke wird Sie hinausbegleiten.“
***
Später
Ben stand mit zwei Sandwiches und einem Sechserpack Bier vor der Wohnungstür.
Er wusste nicht genau, ob das hier ein Anfang oder ein Fehler war – aber irgendetwas musste man schließlich feiern.
Drinnen lag Greg wie üblich auf der Couch, in eine Decke gewickelt, ein Slasherfilm flackerte über den Bildschirm. Die Wohnung roch nach Chips und Staub.
„Hey! Ich hab Bier. Und Essen.“
Greg hob nur den Kopf. „Hast du im Lotto gewonnen, oder hast du jemanden überfallen?“
Ben grinste schief. „Ich hab morgen... einen neuen Job.“
Greg richtete sich auf, die Augen plötzlich wach. „Was? Echt jetzt? Was machst du?“
Ben stellte die Tüte auf den Couchtisch. Zögerte kurz.
„Keine Ahnung“, sagte er. „Ganz ehrlich. Ich weiß es wirklich nicht.“
Greg blinzelte. „Du hast einen Job angenommen – und weißt nicht, was du machen sollst?“
„Die sagen, man kann es nicht erklären. Man muss es... erleben.“
Gregs Blick wurde schmal. „Alter. Das klingt exakt wie der Anfang von jeder schlechten Netflix-Doku über Sekten. Du wirst morgen mit Glatze und weißem Umhang im Schwarzwald aufwachen.“
Ben lachte leise, aber seine Schultern blieben angespannt.
„Ich glaube, ich soll sogar dort wohnen. Temporär.“
Einen Moment lang sagte Greg nichts. Dann schob er die Fernbedienung zur Seite und sah ihn ernst an.
„Mach, was du willst, Ben. Aber versprich mir eins: Wenn’s komisch wird – meld dich. Kein Stolz, kein Schweigen. Einfach melden. Immer.“
Ben nickte.
Und obwohl er es nicht zugeben wollte, war er froh über Gregs Ernst.
***
Nächster Morgen
Ben erwachte sehr früh nach einem traumlosen Schlaf. Während das erste Licht durch die Vorhänge kroch, überdachte er sein Vorhaben noch einmal. Doch der Entschluss stand fest – er würde es wagen.
Er packte einige Sachen, nur das Nötigste. Es würde für ein paar Tage reichen, wenn es hart auf hart käme.
In der Küche stand Greg bereits mit einem dampfenden Becher Kaffee und sah ihn über den Rand seiner Tasse hinweg an.
"Du hast dich also für den 'Job' entschieden?" Seine Stimme war ruhig, aber wachsam. "Ich hoffe, du weißt, was du tust."
"Ich gucke mir den Laden erstmal nur an. Keine Panik."
Sie frühstückten schweigend – Kaffee und ein Bagel. Danach verabschiedeten sie sich mit einem festen Händedruck.
***
Der Weg zum Salzufer war grau und gedankenverhangen. Die Stadt schien zu schlafen, während Ben mit wachsender Nervosität dem Ziel entgegenlief. War das mutig – oder naiv?
Das Gebäude der "WoR's" wirkte wie am Vortag: unscheinbar, nüchtern.
Doch dieses Mal führte man ihn nicht in die erste Etage, sondern in das zweite Untergeschoss.
Der Lift glitt langsam abwärts.
Unten angekommen, wurde Ben mitten in ein hektisches Treiben gespuckt. Junge Männer mit ernsten Gesichtern eilten durch einen langen, grauen Flur, der sich rechteckig um das Innere zog.
Ein Blick in die offenen Türen offenbarte karg eingerichtete Zimmer – Bett, Schrank, Sessel. Auf jedem Türschild stand ein Name.
Ben suchte seines. Drei Mal bog er links ab, ehe er wieder beim Aufzug war – sein Zimmer lag direkt daneben. Türschild: „Cyrus“.
Der Raum wirkte steril. Grau. Kalt. Die Möbel waren schwarz, aus Metall. Kein Fenster. Die Lüftung lief tief an den Wänden entlang – wie in einem Bunker. Immerhin: ein eigenes Bad.
Kurz darauf rief ein Mann – Schmidtke – alle zusammen. In einem kargen Besprechungsraum begrüßte er sie.
„Meine Herren, willkommen. Wir sind nicht im Four Seasons.
Sie sind hier, um zu arbeiten – und sich auszuruhen, ohne Ablenkung. Was heute noch unverständlich klingt, wird bald selbstverständlich sein."
„Wie sehen die Arbeitszeiten aus?“, fragte Ben laut.
„So, wie wir Sie brauchen. Die Aufträge bestimmen alles."
Ben flüsterte seinem Nachbarn zu: „Was genau machen wir hier eigentlich?“
„Wenn du das noch nicht weißt, bist du noch nicht so weit."
Die Gruppen wurden aufgeteilt. Aus dem Lautsprecher tönte eine Stimme:
„Gruppe I: Sportraum 3.UG bis 15 Uhr. Gruppe II: Einkleidung. Gruppe III: Diensteinteilung. Gruppe IV und V: Kampftraining. Herr Cyrus: Gruppe I."
Ben zog sich um – bereitgelegter Sportdress, alles in seiner Größe. Wer wusste das?
Im Sportraum trainierten bereits sechs Männer. Er schloss sich an. Nach schweißtreibendem Basketball und Hantelübungen ging es zum Duschen, dann zur Kantine. Es roch nach gebratenem Fleisch.
Die Kantine war voller Stimmen, Teller Klappern und dem dumpfen Hall von Stiefeln auf Steinboden. Der Geruch von Eintopf und altem Kaffee lag in der Luft.
Ben balancierte sein Tablett zwischen den Reihen hindurch, suchte einen Platz, ohne wie der ganz Neue dazustehen.
In der Nähe des Ausgangs fiel ihm eine Gruppe auf. Die Sechs Männer vom Sport, alle zwischen zwanzig und dreißig, saßen um einen Tisch, das Tablett voller Brot und Fleisch, Stimmen tief, Lachen selten. Sie wirkten nicht wie Schüler, sondern wie ein eingespieltes Team.
Einer von ihnen, dunkelhaarig, sehnig, mit wachsamen Augen, sah auf und winkte ihn heran. Keine Einladung – eher eine Prüfung.
„Hey, Neuer. Name?“
Ben stellte sein Tablett ab. „Ben. Ben Cyrus.“
Der Mann nickte knapp. „Marek Tomkov.
Ich führe die Gruppe I.“
Er sprach ruhig, ohne überflüssige Betonung. Man hörte sofort: Das war der Anführer.
Neben ihm grinste ein breitschultriger Typ und schlug Ben kumpelhaft auf die Schulter.
„Trevor Shaw. Fünfzehn Jahre dabei.“
Ben starrte ihn an. „Fünfzehn? Du siehst wie keine fünfundzwanzig aus.“
Trevor grinste noch breiter. „Zeit läuft hier anders. Du wirst’s merken.“
Die anderen stellten sich nacheinander vor.
Kilian, schlank, hellhaarig, mit einem durchdringenden Blick, der Ben musterte, als wäge er ihn ab.
Patrick, kräftig, Arme wie Baumstämme, der nur kurz nickte und weiter aß.
Wu Chen, still, mit einem Lächeln, das so kontrolliert wirkte wie jede seiner Bewegungen.
Und schließlich Sam, der Jüngste, Augen hellwach, die Hände ständig in Bewegung, als hätten sie zu viel Energie übrig.
Marek lehnte sich zurück, verschränkte die Arme und sah Ben prüfend an.
„Hier drin zählt nicht, wie stark du allein bist. Hier überlebt nur, wer mitzieht. Wir halten zusammen. Immer. Verstanden?“
Ben nickte. „Verstanden.“
Einen Moment lang herrschte Stille am Tisch, nur das Klirren von Trevors Löffel gegen den Teller war zu hören. Dann lachte Patrick leise, und Trevor zog ein abgegriffenes Kartenspiel hervor.
„Na dann, Cyrus. Willkommen bei Gruppe I. Hoffen wir, du hältst länger durch als der letzte.“
Ben sah sie der Reihe nach an – sechs Gesichter, sechs Arten von Stärke.
Und er wusste: Das war mehr als nur eine Essensrunde.
Es war der Beginn einer Prüfung.
„Was soll das hier alles sein?“
Trevor grinste: „Wir sind die Waage zwischen Gut und Böse.“
„Klingt wie ein Witz.“
„Der Chef wird's dir erklären. Bald."
***
Später
Ben suchte Herrn Sommer auf. Ein Security-Mann hielt ihn auf, doch Sommer trat persönlich aus dem Büro.
„Ich habe Sie erwartet. Kommen Sie.“
Im Kaminzimmer reichte Sommer ihm eine Akte.
„Wir sind ‘WoR’s – Wings of Revenge’. Eine geheime Organisation. Wir geben jenen Frieden, die Opfer grausamer Taten wurden.“
Ben runzelte die Stirn. „Sie meinen… Rache?“
„Gerechtigkeit… Unsere Informanten liefern Hinweise.
Ihre Gruppe – Marek, Trevor und die anderen – führen die Aufträge aus. Diskret. Präzise.“
„Und was soll ich da? Ich bin kein Killer."
„Sie sind auserwählt. Warum, werden Sie noch verstehen. Lesen Sie die Akte."
Ben kehrte ins Zimmer zurück. Die Akte zeigte sein Leben – jedes Detail. Freunde, Familie, alte Urlaubsfotos. Nichts schien verborgen.
Noch bevor er damit fertig war, platzte Marek ins Zimmer.
„Zieh dich um. Einsatz.“
„Was soll ich da tun?“
„Zusehen. Lernen. In 15 Minuten geht’s los.“
Ben war wie benommen. Doch er zog sich um.
Draußen war es Nacht. Zwei schwarze SUVs warteten. Sie stiegen ein. Die Stimmung war angespannt, als würden sie in den Krieg ziehen.
„Du schaffst das“, sagte Marek. „Jeder fängt mal an.“
„Nicht jeder überlebt“, warf Patrick düster ein.
Marek sah ihn finster an.
War das ein schlechter Witz?
***








