Kapitel 1
Khloes Sicht:
Ich lehnte mich nach vorne und versuchte, den brennenden Schmerz auf meinem Rücken zu lindern, aber es half alles nichts.
Ausgepeitscht. Letzte Nacht wurde ich ausgepeitscht. Wofür, weiß ich nicht, aber ich wollte das nie wieder erleben.
Meine eigenen getrockneten Tränen klebten mir noch im Gesicht.
Seit gestern Abend hatte der Pet Master mein Halsband so eng geschnallt, dass das Atmen zur Qual wurde. Ich konnte nicht einmal leise atmen, selbst wenn ich gewollt hätte.
Ich wusste nicht, was ich getan hatte, um das zu verdienen. Ich habe immer versucht, das zu tun, was man mir sagte.
Zumindest, wenn es um Dinge ging, die ich kontrollieren konnte.
Die anderen Pets und ich zuckten zusammen, als plötzlich das Licht im Laden anging. Es folgte der laute Knall, mit dem der Pet Master durch seine private Tür eintrat.
Öffnungszeit.
Die anderen Mädchen rutschten in ihren Käfigen zurück, als der Pet Master vorbeiging. Einige wimmerten leise. Ich saß einfach nur da und wollte nicht, dass der Schmerz zurückkehrte.
Meine Augen trafen seine nur für einen kurzen Sekundenbruchteil, bevor ich vor lauter Angst wegsah.
Der Tag verlief wie üblich. Vampire kamen und gingen, wie es ihnen gefiel. Einige gingen mit Pets, andere mit Zubehör.
Ich versuchte heute, mich noch kleiner als sonst zu machen. Mein rotes, ungekämmtes Haar hing mir in die Augen, während ich auf den Boden meines Käfigs starrte. Ich wagte es nicht einmal, die Vampire anzusehen, die mich begutachteten.
Die Glocke läutete, als ein weiterer Vampir den Laden betrat. Aus irgendeinem Grund entschied ich mich nachzusehen, wer da gerade hereingekommen war.
Er war groß. Er fuhr sich mit der Hand durch sein schwarzes Haar, das zu einer Tolle frisiert war, und seine stechenden, smaragdgrünen Augen scannten den Laden. Er hatte eine markante Kieferpartie, die sein Gesicht perfekt einrahmte.
Wieder so ein Vampir, der jeden menschlichen Mann locker in den Schatten stellen konnte.
„Wofür kann ich Sie heute begeistern?“, sprach der Sklavenhändler ihn mit seinen üblichen Sprüchen an.
Ich richtete meinen Blick wieder auf den Boden meines Käfigs, lauschte aber weiter ihrem Gespräch.
Es war so ziemlich die einzige Unterhaltung, die ich hatte.
„Ich brauche ein Pet“, sagte der Mann.
Seine Stimme war tief.
„Nun, Sir, ich kann Ihnen versichern, dass wir das Beste haben, was diese Stadt zu bieten hat. Folgen Sie mir bitte“, bot der Sklavenhändler an.
Ihre Schritte wurden stetig lauter, während sie näher an uns Pets herankamen.
„Suchen Sie etwas Bestimmtes?“, fragte der Sklavenhändler.
Ich hob meine Augen gerade weit genug, um zu sehen, wie der Vampir träge jeden Käfig musterte.
„Nicht wirklich.“
Ich sah sofort wieder nach unten, als sich unsere Blicke trafen. Ein plötzliches Gefühl von Nervosität überrollte mich.
Seine Schritte kamen näher, was mir ein flaues Gefühl im Magen bescherte.
Ich wollte nicht gekauft werden.
Ich wollte nicht wie ein Hund gehalten werden, nur um am Ende als Snack zu enden, wenn er genug von mir hatte.
Er bückte sich und suchte erneut meinen Blick. Er kniff die Augen zusammen, während er meinen Körper musterte.
Sofort wich ich in die hinterste Ecke des Käfigs zurück. Ein gequältes Winseln entwich mir, als der Schmerz durch meinen Körper schoss.
Die Augen des Mannes weiteten sich eine Spur.
„Was ist mit ihr passiert?“, fragte er.
Der Pet Master lachte.
„Ach, die. Die ist bei fast allem eine ziemliche Heulsuse“, spottete er.
Na ja, so kann man es auch ausdrücken.
Der Mann richtete sich wieder auf, mein Blick folgte ihm.
„Und was hat es mit den Peitschenhieben auf sich?“, fragte er.
„Sie wollte nicht aufhören zu heulen, und das fing an zu nerven. Also habe ich ihr einen echten Grund zum Heulen gegeben“, antwortete der Pet Master und sah sehr zufrieden mit sich aus. „Es war eigentlich ziemlich unterhaltsam.“
Der Mann zog die Stirn kraus, aber nur für einen Moment.
„Alter?“, fragte er.
Meine Augen weiteten sich.
Er überlegte tatsächlich, mich zu kaufen.
„Siebzehn.“
„Wer war ihr Züchter?“, fragte er.
Züchter. Das sind die Vampire, die Sklaven und Pets aufnehmen, die ihre Pflichten nicht mehr erfüllen können. Sie zwingen sie dazu, ein paar Kinder zu zeugen, bevor sie ihnen das Kind wegnehmen und die Eltern für ihr Blut töten. Bei dem bloßen Gedanken daran wollte ich mich nur noch zusammenrollen und weinen.
Der Pet Master schüttelte den Kopf.
„Sie hat keinen. Sie ist ein Rogue.“
Ich war also frei gewesen.
„Ich habe sie und ihre Familie vor fünf Jahren am Stadtrand herumstreunen sehen, also habe ich sie selbst eingefangen“, schloss er.
Er ließ den Teil aus, in dem er meine Familie brutal ermordete und ihre Leichen den Wölfen und Geiern überließ.
Ich blinzelte die plötzlichen Tränen schnell weg und schüttelte die Erinnerungen aus meinem Kopf. Ich wollte nicht schon wieder ausgepeitscht werden.
Der Mann schwieg und dachte offenbar über das nach, was er gerade gehört hatte.
Rogues waren ein seltener Fall. Man sagte ihnen immer nach, sie seien rebellisch und in manchen Fällen sogar gefährlich. Offenbar bin ich eine große Ausnahme, aber das muss er ja nicht wissen.
„Blutgruppe?“, fragte er.
Meine Augen weiteten sich erneut.
Warum zum Teufel will er mich immer noch?
„B-negativ.“
Eine Seltenheit, wie man mir gesagt hat.
„Und zu ihrem Glück wurde sie noch nie gebissen“, fügte er hinzu und verschränkte die Arme.
Pet Master durften nicht von dem trinken, was sie im Laden hatten. Das galt als unfair gegenüber dem Rest ihrer Rasse.
Das ist so ziemlich das einzige Vampir-Gesetz, dem ich zustimme.
Die Augen des Mannes weiteten sich.
Er bückte sich wieder und sah mir in die Augen.
Es war, als würden diese Augen direkt durch meine Seele starren. Ich fühlte mich so ausgeliefert.
„Warum hat sie noch niemand gekauft?“, fragte er.
Der Pet Master lehnte sich gegen die Wand, da er das schon so oft erzählt hatte.
„Angststörungen.“
„Angststörungen?“ Der Mann sah den Pet Master an.
Dieser nickte.
„Jep. Sie wurde nicht gekauft, weil die Leute keine Lust haben, sich damit rumzuschlagen. Sie hat das, seit ich denken kann.“
Ich warf den Kopf zur Seite.
Er tut so, als wäre es nicht seine Schuld.
„Sie hat so ziemlich jede Nacht diese heftigen Alpträume. Es ist fast schon witzig, wenn man sich erst mal dran gewöhnt hat. Sie ist sogar dafür bekannt, mitten im Traum anzufangen zu schreien oder zu weinen“, beendete er seinen Satz und lachte leise vor sich hin.
Der Mann richtete seinen Blick wieder auf mich.
„Ich nehme sie“, sagte er.
Ich bin mir sicher, dass mein Herz gerade stehen geblieben ist, aber gleichzeitig fing es an zu rasen.
Warum wollte er mich?
ICH WILL NICHT GEWOLLT WERDEN!
Mein Atem wurde schneller. Durch das enge Halsband klang es, als würde ich nach Luft japsen.
„Warten Sie, echt jetzt?“, fragte der Pet Master ungläubig. „Warum?“
Der Mann hielt einen Moment inne, bevor er sich wieder aufrichtete und mit einem Grinsen seine Fangzähne entblößte.
„Ich mag ein Pet, das zu schreien weiß.“
Ich glaube, ich muss mich gleich übergeben.
„Alles klar“, sagte der Pet Master und griff nach einer alten Leine von den vielen, die neben den Käfigen hingen.
Ich presste mich so fest es ging gegen die Rückwand des Käfigs und ertrug den stechenden Schmerz, während er anfing, meinen Käfig aufzuschließen.
Nein. Das durfte nicht wahr sein!
Ich drehte den Kopf weg, als sich seine Hand mir näherte, und hoffte, dass dies nur ein weiterer kranker Alptraum war.
Sobald er die Leine befestigt hatte, riss er mich praktisch heraus. Ich landete als ein japsendes, zitterndes Elend auf dem Boden und versuchte verzweifelt, durch dieses verdammte Halsband ordentlich Luft zu bekommen. Jede Bewegung ließ den Schmerz in meinem Rücken aufheulen.
„Verdammt, steh auf!“, schrie er.
Ein ersticktes Keuchen entriss sich meiner Kehle, als er die Leine nach oben zog, ohne mir auch nur Zeit zu geben, seinem Befehl zu folgen.
Instinktiv griff ich nach der Leine und zog daran, damit ich nicht komplett erwürgt wurde.
Ein Fehler.
Der Pet Master hasste es, wenn ich versuchte, mich gegen ihn zu wehren.
„Du kleines Ding...“, murmelte er und hob den Fuß.
Ich zog den Kopf ein und bereitete mich auf den Aufprall vor.
Was ich nicht erwartet hatte, war, dass der Mann ganz beiläufig einen Schritt zwischen uns machte, noch bevor der Pet Master mich treten konnte.
„Ich bevorzuge es, wenn mein Eigentum unversehrt bleibt“, sagte er schlicht und hielt ihm die Hand entgegen.
Sowohl ich als auch der Pet Master starrten ihn an.
Der Pet Master seufzte und erlangte seine geschäftsmäßige Fassung zurück. Seine Augen huschten kurz zur Seite, um sicherzugehen, dass niemand sonst gesehen hatte, was er getan hatte.
„Richtig, tut mir leid, Sir“, sagte er und legte meine Leine in die Hand des Mannes. „Bitte folgen Sie mir nach vorne.“
Damit drehte sich der Pet Master auf dem Absatz um.
Ich blieb dort auf dem Boden liegen und versuchte, alles zu verarbeiten.
Die Welt drehte sich viel zu schnell.
Ich sah auf und wich zurück, als ich in diese stechenden Augen blickte.
Er deutete mit dem Kopf an, dass wir gehen sollten, und zupfte leicht an meiner Leine.
Ich stand so schnell wie möglich auf. Ich wollte nicht gewürgt werden, falls er sich entschied, beim nächsten Mal fester zu ziehen.
Meine Beine zitterten, als ich stand – sowohl vor Schmerz als auch wegen der Tatsache, dass ich meine Beine schon eine Weile nicht mehr richtig benutzt hatte.
Der Mann wartete, bis ich sicher stand. Er bemerkte meine Mühe, bevor er losging.
Dieser Vampir war seltsam. Der Pet Master hätte mich einfach mitgeschleift, wenn ich so lange gebraucht hätte.
Es war mir unangenehm.
Ich gab mir alle Mühe, einen guten Abstand zwischen uns zu halten. Gerade so viel, dass die Leine etwas locker war und kein Zweifel daran bestand, dass ich hinter ihm herlief.
Ich wäre fast in ihn hineingelaufen, weil ich nicht gemerkt hatte, dass er stehen blieb.
„Brauchen Sie heute sonst noch etwas?“, fragte der Pet Master und deutete auf das Sortiment an Halsbändern, Leinen, Peitschen, Maulkörben und unzähligen anderen Dingen, deren Zweck ich gar nicht wissen wollte.
Der Mann sah auf mich herab, bevor er den Blick über die Auswahl schweifen ließ.
Ich vermied um jeden Preis den Augenkontakt.
„Ja, ich nehme die da“, sagte er und zeigte auf etwas, das ich nicht sehen konnte.
„Exzellente Wahl“, sagte der Pet Master und holte hervor, wonach der Mann verlangt hatte.
Die Ungewissheit ließ mich unruhig hin- und herrutschen.
„Sind Sie sicher, dass Sie keine Peitschen brauchen? Bei der Kleinen hier könnten Sie eine nötig haben“, sagte er und zeigte auf mich.
Der Mann schüttelte den Kopf, was meine Nerven ein kleines bisschen beruhigte.
„Nee. Ich habe schon eine“, sagte der Mann.
Vergiss es.