Kapitel 1: PROLOG : HEIMKEHR
„Mist!“ Eine kleine gepunktete Blutlinie erschien auf meinem Daumen. Ich hatte mich an einer Zeitung geschnitten.
Ein hagerer Mann mit einem dünnen Oberlippenbart und einer runden Brille saß neben mir. Er sah mich komisch an. „Ist alles in Ordnung, Miss?“, fragte er mich. Sein britischer Akzent war deutlich zu hören.
„Äh... ja. Nur ein Papierschnitt.“ Ich nickte mit einem entschuldigenden Lächeln. Verlegen sah ich weg und steckte die Fingerspitze in den Mund. Ich leckte das Blut weg und schmeckte das salzige, metallische Rot.
Ich faltete die Zeitung zusammen und steckte sie in die Sitztasche vor mir. Mein Blick wanderte zum kleinen Fenster neben mir. Wie ein Kind starrte ich auf die Wolken. Ich versuchte, Figuren in ihnen zu erkennen, da ich sonst nichts zu tun hatte. Die Morgensonne warf ein wunderschönes Licht auf die weißen Wattebausche. Sie wirkten fast magisch. Ich wünschte mir, auf einer von ihnen zu schweben.
„Meine Damen und Herren, hier spricht Ihr Copilot. Wir werden in wenigen Minuten am Seattle Tacoma Airport landen. Die Außentemperatur beträgt 9 Grad Celsius. Bitte legen Sie Ihre Sicherheitsgurte an und fahren Sie Ihre Laptops herunter. Vergessen Sie nicht, Ihre Arbeit zu speichern. Wir dimmen nun die Kabinenbeleuchtung. Bei Bedarf können Sie Ihre Leselampen einschalten.“
Meine Hände klammerten sich fest an die Armlehne. Bei Flügen war ich immer zappelig. In der Luft wurde mir flau im Magen, aber die Landungen waren immer am schlimmsten. Mir rutschte das Herz in die Hose, als die Räder des Flugzeugs den Boden berührten. Mein Puls raste. Ich schloss die Augen, bis die restliche Tortur vorbei war.
„Verehrte Fluggäste, wir sind gelandet. Ihr Gepäck können Sie am Band 32B abholen. Vielen Dank, dass Sie mit uns geflogen sind.“ Die Durchsage endete. Ich atmete erleichtert auf. Ich hatte eine weitere Horrorreise meines Lebens überlebt.
Um mich herum eilten alle zum Ausgang. Ich folgte der Menge. Nachdem ich mein Gepäck geholt hatte, ging ich schnell zum Gate. Ich wollte den belebten Flughafen endlich verlassen.
Die kalte Luft schlug mir ins Gesicht. Sie erinnerte mich an das Wetter hier. Es war zwei Jahre her, seit ich das letzte Mal zu Hause war. Damals verbrachte ich nur zwei kurze Tage hier. Jetzt wirkte die Stadt fremd und fast beängstigend auf mich. Alles war so hektisch.
Meine Mutter hatte mich vorhin angerufen. Sie und ihr Freund Henry konnten nicht kommen. Sie machten einen Ausflug nach Hawaii und kehrten erst morgen früh zurück. Henrys Sohn sollte mich abholen. Ich hatte ihr zwar gesagt, dass ich auch allein ein Taxi nehmen kann. Sie wollte aber, dass ich ordentlich empfangen werde. Bisher war von ihm jedoch keine Spur zu sehen. Geduldig sah ich mich um und wippte mit dem Fuß.
Ich zitterte, als mich wieder ein kalter Windstoß traf. Meine Haare flogen mir wild im Gesicht herum. Es war eiskalt. Ich war die Hitze von Arizona gewohnt und hatte vergessen, eine warme Jacke mitzunehmen. Ich verfluchte meine Dummheit. Dabei hatte ich gestern sogar noch nachgesehen, wie das Wetter werden sollte.
Ich tippte die Nummer ein, die meine Mutter mir gegeben hatte. Es war die Nummer von Henrys Sohn. Ich hielt mir das Handy ans Ohr und wartete. Nach drei Freizeichen ging eine Frau ran. „Büro von Reid Parker. Wie kann ich Ihnen helfen?“ Hm. ′Büro’? Wie beschäftigt war dieser Mann eigentlich? Ich verdrehte die Augen über das Getue der Business-Welt. Dabei hatte ich selbst einen Abschluss in Betriebswirtschaft.
„Äh... kann ich Reid sprechen? Er sollte mich eigentlich vom Flughafen abholen“, sagte ich lahm. Ich hätte mir am liebsten selbst eine Ohrfeige gegeben, während ich von einem Fuß auf den anderen trat.
Das ist doch doof. Ich hätte einfach ein Taxi nehmen sollen.
„Ma'am, der Herr ist gerade in einer Besprechung. Ich werde ihn danach informieren, dass Sie angerufen haben. Ähm... wie war noch gleich Ihr Name?“
„Elizabeth. Ich bin die Tochter von Hazel Baker...“
„Alles klar, Ma'am. Ich werde Mr. Parker Bescheid geben.“
„Eigentlich ist es egal. Sagen Sie ihm nicht, dass ich angerufen habe.“ Was brachte das überhaupt? Es klang nicht so, als würde es ihn interessieren.
„In Ordnung, ganz wie Sie wünschen.“
„Danke, tschüss.“
Ich legte schnell auf. Nach ein paar Minuten erwischte ich ein Taxi. Ich seufzte erleichtert auf, als ich im warmen Auto saß und dem Fahrer die Adresse nannte.
Ein Lächeln stahl sich auf mein Gesicht, während die Straßen an mir vorbeizogen. Nach dem Tod meines Vaters hatte sich vieles verändert. Ich dachte ungern daran, aber es war Zeit, der Realität ins Auge zu blicken. Als wir an der Stadtbibliothek vorbeifuhren, zog sich mein Herz zusammen. Ich erinnerte mich an die Tage dort mit meinem Vater. Er hatte mich jeden Samstag zum Lesen mitgenommen. Wir hatten uns gegenseitig unsere Lieblingsbücher empfohlen. Mein Lächeln verschwand, als ich das Krankenhaus sah. Dort hatte mein Vater seinen letzten Atemzug getan. Er hatte mir seine letzten Worte zugeflüstert, bevor er mich für immer verließ.
Bleib stark, Kleines. Sei freundlich, bleib dir treu, Betty.
Ich hatte die vollen Straßen vermisst. Die beißende Kälte und die riesigen, hohen Gebäude, die den Himmel verdeckten. Ich hatte mein Zuhause vermisst.









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read this book in 2023 and now I am back in 2026 to read it again just to tell you how good it is