Prolog
„Du weißt, dass du dran bist, sobald sie dich finden, oder?“ Ich hob den Blick zu meinem Adoptivvater und Mentor Ryker, während er sprach und breit grinste. „Ich glaube nicht, dass das ein Spaß ist.“
„Ich lache nicht, Dad.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Ich denke nur darüber nach, wie du mir wegen der Jungs drohst.“ Jungs – das Wort beschrieb sie nicht einmal im Ansatz. Es waren Männer, große, voll ausgewachsene Männer.
Er brummte und verschob die Papiere auf seinem Eichenschreibtisch. Hinter ihm erstreckte sich die Skyline von London, überall funkelten Lichter. Ein schweres Seufzen hob seine Schultern, und Angst zeichnete sich in seinem Gesicht ab, während er sich mit der Hand durch sein schulterlanges, schwarzes Haar fuhr.
„Ich drohe dir nicht in ihrem Namen. Sie haben es gesagt … ich fand nur, ich sollte die Nachricht weitergeben.“
„Schon gut!“ Ich hob abwehrend die Hand. „Nachricht angekommen, laut und deutlich.“
Er runzelte die Stirn. „Aber du willst immer noch nicht nach Hause kommen?“
Mein Hals schnürte sich bei seinem Tonfall zu. „Du weißt, dass ich das nicht kann.“
„Es ist gefährlich für dich, da draußen ganz allein zu sein.“
„Nicht gefährlicher als zu Hause“, entgegnete ich und strich mir durch die Haare. Wir starrten uns kurz an, bevor er wieder sprach.
„Zumindest ist zu Hause jemand, der dich beschützt“, argumentierte er. „Jemand, der für deine Sicherheit sorgt.“
„Wenn ich immer einen Beschützer brauche, wozu brauche ich dann die ganze Technik?“ Ich wusste, dass meine Augen jetzt leuchteten; mein System erwachte in mir zum Leben. „Ich sollte sie einfach entfernen lassen und SolJourner Tech anrufen. Ich bin bereit, all meine Entwürfe auszuhändigen. Gebt diesem Bastard, was er will.“
„Hey!“, rief er. „Wage es bloß nicht. Wage es nicht, dieses Tier das nehmen zu lassen, wofür du so hart gearbeitet hast. Und verdammt noch mal, hör auf, mit so etwas zu drohen.“
„Das ist sowieso schon passiert, Dad.“ Tränen sammelten sich in meinen Augenwinkeln und meine Stimme zitterte. Frustration überkam mich, dabei hatte ich mir geschworen, nicht zu weinen. „Ich versuche nur, das wieder in Ordnung zu bringen.“
„Indem du verschwindest? Und die Six im Stich lässt?“ Er seufzte erneut und ballte die Hand so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. „Indem du mich verlässt?“ Er schüttelte den Kopf, während seine Augen die meinen suchten. „Ich bin dein Vater und ich weiß nicht einmal, wo du gerade bist.“
Nun, das stimmte so nicht ganz. Ryker Daniels war nicht wirklich mein Vater, auch wenn er mich großgezogen hatte. Meine Eltern waren vor zwölf Jahren auf tragische Weise ums Leben gekommen, durch die Hand des Mannes, der jetzt SolJourner Technologies leitete.
Ich war zu jung und zu schwach gewesen, um sie zu retten. Das war es, was mich dazu getrieben hatte, zu tun, was ich getan hatte. Deshalb war die ganze Situation zur Scheiße geworden … einfach nur zum Kotzen.
„Wisse einfach, dass ich in Sicherheit bin“, versicherte ich ihm, wohl wissend, dass er mir nicht glaubte. Zumindest nicht wirklich. Er sah so abwesend, blass und erschöpft aus. Meine Abwesenheit trieb nicht nur mich an den Rand des Wahnsinns. „Hast du geschlafen?“
„Nein“, murmelte er. „Wie könnte ich? Du tingelst ohne Schutz durch die Welt.“
„Ich tingele nicht … ich streife eher herum“, lachte ich leicht.
„Das ist nicht lustig!“
Sofort wurde ich ernst. Ryker hatte recht. Das war kein Spaß. Echte Menschen waren hinter mir her, gefährliche Leute – das war der Grund, warum ich die Six überhaupt erst hatte. Aber dieser Traum war verdorben.
„Es tut mir leid, Ryker.“ Sein schweifender Blick hielt an meinem fest und brannte sich in meine Seele. „Das ist kein Witz und ich sehe es auch nicht so. Ich muss das tun. Du musst das verstehen.“
„Ich verstehe es nicht, Rose. Das ist das Problem. Warum kannst du das, was du erledigen musst, nicht von hier aus machen?“ Als ich nicht antwortete, schnalzte er mit der Zunge. Dann begann er, mit den Fingern auf den Schreibtisch zu trommeln, während er gedankenverloren vor sich hin starrte. „Aber ich kann ohnehin nichts dagegen tun.“
„Na also, das ist die richtige Einstellung!“
„Das heißt nicht, dass ich die Six stoppen werde.“
Ich schluckte schwer. „Sie werden mich auch nicht finden. Bitte sag ihnen, sie sollen aufhören zu suchen.“
Er lächelte, wobei seine schiefen, weißen Zähne zum Vorschein kamen. Sein Bart war voller, ungepflegter, und seine Augen waren gerötet. Die Sorge setzte ihm zu, aber das hier musste ich einfach tun. Es duldete keinen Aufschub mehr. Ich konnte nicht länger warten.
„Es spielt keine Rolle, was ich sage.“
„Doch, das tut es.“
„Nein, tut es nicht. Männer wie sie … Männer, die so fühlen …“
Plötzlich verlegen, rutschte ich auf meinem Sitz hin und her. „Männer, die wie was fühlen?“
„Männer, die so verzweifelt verliebt sind wie sie, bewegen Himmel und Hölle für das, was sie wollen.“
Ich schnaubte. „Sie sind nicht in mich verliebt.“
„Lüg mich nicht an“, tadelte er scharf. „Ich dachte, es wäre nur Chris … aber alle von ihnen? Sie sind besessen davon, dich zu finden.“
„Sie werden es nicht. Mir wird nichts passieren.“
„Du solltest sie anrufen.“
„Und mich von ihnen persönlich bedrohen lassen? Eher nicht. Das ist nicht nötig. Du sagst ihnen, dass es mir gut geht, und sie werden es gut sein lassen.“
Er wirkte nicht überzeugt. „Wenn du meinst. Ich will nur, dass du sicher und gesund bleibst.“
„Das bin ich, Dad.“ Meine Augen wanderten zur Uhr und ich setzte mich hastig auf. Die Zeit war schneller vergangen, als ich gedacht hatte. „Ich muss los.“
„Ich weiß.“ Sein trauriger Tonfall rührte an meinem Herzen. „Nächste Woche zur selben Zeit?“
Ich nickte und erzwang ein weiteres Grinsen. „Nächste Woche zur selben Zeit.“
Der Bildschirm wurde schwarz. Ryker war weg. Er war auf der anderen Seite der Welt, in seinem ordentlichen Büro, und ich war hier, raste auf dem letzten Tropfen Sprit durch die Vereinigten Staaten.
Ich hatte nicht über sie sprechen wollen. Die letzten neun Monate waren die Hölle gewesen. Jede Zelle in meinem Körper schrie danach, nach Hause zurückzukehren und mich wieder von ihnen haben zu lassen.
Genau deshalb war ich überhaupt erst gegangen. Das Bedürfnis, bei ihnen zu sein … das Bedürfnis, mich von ihnen fangen zu lassen und mich durchficken zu lassen – nein! Ich fuhr auf meinem Sitz hoch, warf das Wegwerfhandy auf den Beifahrersitz und fuhr zur nächsten Recyclingstation, während ich den Drang bekämpfte, meine heißen Nächte mit ihnen wiederaufleben zu lassen.
Ich warf es hinein und fuhr davon, nahm die Autobahn für die sechsstündige Fahrt zurück nach Caldera Canyon. In der verschlafenen Gemeinde lebten etwas mehr als 100.000 Menschen. Sie lag direkt an der Autobahn, leicht zu erreichen und noch leichter wieder zu verlassen.
Meine Finger tippten zum klagenden Rhythmus von Emeli Sandé auf das Armaturenbrett, während ich unter der sengenden Sonne fuhr. Ein schwerer Stein legte sich auf meine Brust, als meine Gedanken erneut abschweiften. Es war neun Monate her, seit ich verschwunden war, und ich war dem Beheben des Fehlers im Code um kein Stück näher gekommen.
Die Technik unter meiner Haut funktionierte – gerade so – und war immer noch sehr stark mit den Six verbunden. Obwohl sie viele meiner Körperfunktionen auslesen konnten, war mein Standort schwer zu bestimmen und wurde ständig weit weg angezeigt. Es hatte Stunden und akribische Arbeit gekostet, das komplizierte Netzwerk zu erschaffen, das alles verbarg.
Ich konnte sie auch spüren. Sie waren wahnsinnig, notgeil und standen kurz vor dem Abgrund, weil ich weg war – und genau das war das Problem. All meine Arbeit war einem Programmierfehler zum Opfer gefallen.
Jeder einzelne von ihnen litt unter denselben Gefühlen. Sie mussten mich haben. Sie mussten mich berühren, küssen, ficken … mich lieben.
Schon als nur Chris so fühlte, war ich fast ertrunken, und jetzt waren es sechs? Ich bekam kaum noch Luft. Sie ließen mich nie aus den Augen und ich schlief selten mehr als fünf Stunden pro Nacht. Es waren sechs Schwänze in meinem Hals vor dem Frühstück und mindestens zwei in meiner Muschi, bevor ich zur Arbeit ging.
Sie hatten mich abgefangen, als ich das Labor verließ, mich in der Dusche eingesperrt, in Limousinen gefickt und in Kinos mit den Fingern bearbeitet. Es gab keinen Moment der Ruhe und ich war es leid. Ich musste einen Weg finden, den Code zu reparieren … oder ich würde –
Mein Gehirn setzte aus. Für mich gab es kein „Was wäre wenn“. Ich musste ein Heilmittel finden, und da mein neues Ich morgen an der Caldera Canyon High School anfangen würde, hatte ich keine Sekunde zu verlieren.