First night
Die Ehe!
Ein Tag, der sich tief ins Herz eingräbt. Für manche ist es einer der schönsten Tage ihres Lebens, für andere ein völliger Neuanfang. Manche Frauen sehen darin die Feier, für immer jemandem zu gehören, während andere es als Vereinigung zweier Seelenverwandter betrachten – jeder nimmt das Eheversprechen nach seinen tiefsten Sehnsüchten wahr. Doch eines bleibt universell: die Liebe. Sei es die Liebe zum baldigen Ehepartner oder die Zuneigung, die einem während der gesamten Zeremonie entgegengebracht wird.
Es heißt oft, dass ein Mädchen an ihrem Hochzeitstag wunderschön aussieht. Diese Wahrheit spiegelt sich meist in den Tränen wider, die ein Bräutigam vergießt, wenn er die Frau, die er liebt, als seine Braut vor sich sieht.
All das hätte auf Asmaira zugetroffen, wäre ihre Hochzeit unter normalen Umständen geschehen. Obwohl die Trauung genau so verlief, wie sie es sich vorgestellt hatte – in ihrem schlichten Zuhause, nur im Kreis ihrer Familie, um einen der bedeutendsten Momente ihres Lebens zu bezeugen –, war sie alles andere als glücklich. Für sie waren die romantischen Vorstellungen von der Ehe und der Suche nach einem Seelenverwandten nur ein grausamer Hohn auf ihre Realität. Sie stand dort, allein und voller Trauer. Sie trauerte um das, was bereits geschehen war, und vor der Angst vor dem, was vor ihr lag.
„Ja, ich will!“
Ein Zittern lief über ihren Körper, als sie sich an seine Stimme während der Zeremonie erinnerte. Die erdrückende Spannung in dem Moment des Eheversprechens jagte ihr noch immer einen Schauer über den Rücken. Es war eine Stimme, die sie zuvor noch nie gehört hatte, und doch spürte sie eine unerwünschte, fast abstoßende Verbindung. Eine Verbindung, die sie von Anfang an verzweifelt hatte vermeiden wollen.
Sie war vollkommen zufrieden mit ihrem bürgerlichen Leben gewesen, bis die Wahrheit ans Licht kam und ihre friedliche Welt in Stücke riss. Die Ehe sollte Freude in ihr Leben bringen. Stattdessen war sie von Angst, Leere und tiefer Unruhe erfüllt. Anstatt den Trost ihrer Familie zu finden, war sie von Einsamkeit belagert. Anstatt von einer Zukunft voll der Liebe ihres Mannes zu träumen, war sie zu Tode erschrocken.
Seelenverwandte?
Wenn ihre Seele nichts als tiefen Abscheu für ihren Ehemann empfand, wie konnte man sie dann nur Seelenverwandte nennen?
Eine einzelne Träne entwich ihrem gesenkten Blick, als sie sich an die Mienen ihrer Familie erinnerte, besonders an die ihres Vaters. Der niederschmetternde Gedanke, dass ihr Vater ihr nicht einmal in die Augen schauen konnte oder nicht da gewesen war, um sie zu verabschieden, drohte sie zum Schluchzen zu bringen. Sie ballte die Hände zu Fäusten und spürte, wie ihre fragile Fassung langsam bröckelte.
Sie konnte sich nicht daran erinnern, wie lange sie auf dem Sofa gesessen hatte oder wann ihre Schwägerinnen sie in das geführt hatten, was sich für sie wie die Höhle des Löwen anfühlte. Hätte sie durch ein Wunder die Kraft dazu aufgebracht, hätte sie sich geweigert, auch nur einen Fuß in dieses Zimmer zu setzen – das Zimmer des Teufels, dem sie für die Hochzeitsnacht nicht gegenübertreten wollte.
Jede andere Frau auf der Welt hätte sie um ihre Position beneidet, doch für Asmaira war es, Mrs. Hashmi zu werden, eine tiefe Qual statt eines Glücksfalls. Verheiratet mit dem begehrtesten Junggesellen der Stadt, hätten viele sie sofort als Goldgräberin aus bescheidenen Verhältnissen oder als gerissene Frau abgestempelt, die den Mann der Stunde verführt hatte. Wenn sie doch nur wüssten, dass in ihrem Fall keine dieser Annahmen stimmte. Wenn sie doch nur ihre Wahrheit kennen würden.
Asmaira saß kerzengerade da, ihr Körper war angespannt. Die Stille im Raum war so vollkommen, dass sie an einem Punkt ihr eigenes Herz vor lauter Angst wild gegen ihre Rippen hämmern hörte. Aus Furcht, aus den Schatten des schwach beleuchteten Raumes beobachtet zu werden, umklammerte sie ihr schlichtes Brautkleid. Sie achtete darauf, leise zu atmen, damit dieser ungesehene Schatten nicht gestört würde. Im Unterbewusstsein wusste sie, dass sie allein war, doch die Dunkelheit – nur durch die einzelne Nachttischlampe neben dem Sofa durchbrochen – und die Angst, der Person zu begegnen, die sie niemals sehen wollte, machten einen klaren Gedanken unmöglich.
Jeder, der Asmaira wirklich kannte, wusste, dass sie schon immer extrem introvertiert war. Genau wie ihr schlichtes Äußeres war auch ihr Innenleben unkompliziert. Sie hegte weder große Erwartungen an andere noch an das Leben selbst, und sie besaß nicht den Mut, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Ihr einziger Traum seit ihrer Kindheit war es, ihre Eltern stolz zu machen. Ihr Pflichtgefühl und ihre Dankbarkeit gegenüber ihren Eltern wogen schwerer als jede Form von Selbstliebe. Sie hätte alles in ihrer Macht Stehende geopfert, sogar ihr eigenes Wohlbefinden aufgegeben, nur für ihre Eltern – eine Tatsache, derer sich ihre Eltern schmerzlich bewusst waren. Egal wie sehr sie sie ermutigten, ein eigenes Leben aufzubauen, sie stellte die Bedürfnisse ihrer Eltern immer über ihre eigenen.
Das war nicht das Ergebnis einer strengen Erziehung; sie war einfach so veranlagt. Nicht jeder Mensch teilt dieselbe Persönlichkeit und dieselben Eigenschaften. Und so wenig man Menschen dafür verurteilen kann, extrovertiert oder ambivertiert zu sein, so wenig kann man das bei Introvertierten. Asmairas Mutter nutzte diese Verteidigung oft, wenn sie nach der zurückhaltenden Art ihrer Tochter gefragt wurde.
Anders als andere Mädchen suchte sie nie Aufmerksamkeit. Im Gegenteil, sie bekam Panik, sobald sie im Mittelpunkt stand, besonders bei Männern. Ein weiterer Grund, warum sie oft missverstanden wurde, war ihre panische Reaktion, wenn Jungs auf sie zukamen oder versuchten, ein Gespräch zu beginnen. Sie betrachtete sich selbst als „old school“, wenn es um Männer ging, und wurde deshalb während der gesamten Highschool unerbittlich verspottet.
Es war genau diese tief verwurzelte Einstellung, die die Leute verblüffte, als sie einwilligte, ihren Mann zu heiraten. Für einen Außenstehenden schien es, als wäre sie von dem einflussreichen Familiennamen – den Hashmis – und der damit verbundenen Macht verführt worden. Wenn das doch nur die Wahrheit wäre.
Als ihr Rücken vom langen, steifen Sitzen und dem gesenkten Kopf zu schmerzen begann, bewegte sie sich schließlich. Der Gedanke, ihre steifen Muskeln zu entspannen, blitzte kurz auf, wurde aber sofort von der Aussicht ausgelöscht, IHM gegenüberzutreten, auch wenn er nun ihr Ehemann war.
„Ja, ich will!“
Seine Stimme war mit spürbarem Gift durchsetzt gewesen, als er nach seiner Zustimmung zur Ehe gefragt wurde.
Asmaira war sich seines Hasses auf sie schmerzlich bewusst und hatte seine unverhohlene Verachtung während des gesamten Ereignisses bemerkt. Zu allem Überfluss war er sofort nach der Unterzeichnung der Heiratsurkunde gegangen, was ihm einige skeptische Blicke einbrachte, allen voran von seiner Mutter.
Überwältigt von einem Gefühlschaos konnte Asmaira den genauen Ursprung ihrer Angst nicht benennen. War es die Aussicht, in einem fremden Herrenhaus zu leben, da sie noch nie eine Nacht fern von ihrem Elternhaus verbracht hatte? Oder war es der erschreckende Gedanke, das Zimmer mit ihrem teuflischen Ehemann zu teilen?
War es das Scheitern an dem Ziel, das sie ursprünglich in das Haus geführt hatte, oder war es ihre introvertierte Persönlichkeit, die das Überleben unter diesen absurden Umständen so schwierig machte?
In der Vergangenheit war immer eine Person gekommen, um sie zu retten, wann immer sie in einer solchen Klemme steckte. Sie schloss die Augen, rief sich dieses vertraute Gesicht vor Augen und flüsterte: „Wo bist du? Warum bist du nicht hier? Bitte komm und sag mir, dass du dieses Problem für mich lösen wirst, so wie du es immer tust.“
Eine weitere einzelne Träne kullerte über ihre Wange, die sie schnell mit dem Handrücken wegwischte. Sie hatte pausenlos geweint, seit dem Tag, an dem sie Ja zu dieser Ehe gesagt hatte, doch sie konnte jetzt nicht aufhören. Es war ihre Entscheidung gewesen, ganz allein, sich in diese Verbindung zu stürzen – eine Verbindung, die auf nichts als gegenseitigem Hass aufgebaut war.
Sie holte tief und zittrig Luft, öffnete die Augen und versuchte, ihren Mut zusammenzunehmen, bevor sie schließlich den Kopf hob. Sie wusste, dass es für sie keinen Weg zurück gab, und je eher sie ihre harte Realität akzeptierte, desto weniger kompliziert würde alles zwangsläufig werden.
Sie ließ ihren Blick durch das Zimmer schweifen und versuchte, etwas Vertrautes in der Einrichtung zu finden. Sie schob ihre schwarz gerahmte Brille auf der Nase zurecht und suchte nach einem Lichtschalter. Sie strich ihr schlichtes Brautkleid und den Schleier glatt, der ihren Kopf bedeckte, und erhob sich vom Sofa. Nach ein paar Minuten des Suchens fand sie den Schalter. In dem Moment, als das Licht den Raum flutete, japste sie vor Erstaunen.
Wie erwartet, war der Raum mit unverkennbarem Stil und Luxus eingerichtet. Jede Ecke schrie nach Reichtum und spiegelte den exquisiten Geschmack des Bewohners wider. Der Raum war groß genug für eine Zwei-Zimmer-Wohnung und bot elegante, moderne Möbel. Lavendelpflanzen waren wohlüberlegt in jeder Ecke platziert und bildeten einen markanten Kontrast zum strahlend weißen Hintergrund. Eine Wand wurde von einem raumhohen Bücherregal dominiert, ergänzt durch einen bequemen Sessel und eine moderne Stehlampe – der perfekte Rückzugsort für jeden Bücherliebhaber.
„Genau wie sie es sich immer gewünscht hat“, ein schwaches Lächeln umspielte zum ersten Mal seit vielen Monaten ihre Lippen.
Asmaira sah sich langsam und ehrfürchtig um und vergaß für einen Moment ihre lähmende Angst. Jedes Detail, jede Ecke des Zimmers war eine ergreifende Erinnerung an „sie“.
Was ihre Aufmerksamkeit wirklich fesselte, war eine Wand direkt gegenüber dem Kingsize-Bett, die mit zahlreichen Fotos eines Paares bedeckt war. Schon beim bloßen Betrachten konnte man sehen, dass sie tief ineinander verliebt waren und mit einem strahlenden Lächeln in die Kamera blickten. Das Lächeln des Mädchens war so ansteckend, dass Asmaira nicht anders konnte, als selbst zu lächeln, während sie daran dachte, wie charismatisch sie war.
Für einen Augenblick, als sie ihr Bild sah, war Asmairas Elend vergessen. Die Leere in ihrem Herzen wurde sofort durch einen Strom kostbarer, liebevoller Erinnerungen an sie ersetzt. Unterbewusst hob sie die Hand, um das Foto zu berühren, um ihre Nähe zu spüren, als wäre sie dort und würde sie wie ein Schutzschild bewahren.
In ihre Träumereien versunken, bemerkte Asmaira nicht die Anwesenheit einer anderen Person. Als sie auf das Foto zuging, hörte sie nicht, wie sich die Tür öffnete, und sah nicht den Schatten, der über den Boden fiel. Sie bemerkte nicht das Knurren, das auf dem Gesicht des Besuchers erschien, als er sie im Zimmer entdeckte. In ihrer Benommenheit wollte sie das Bild gerade berühren, als ein starker Arm hervorschnellte und ihr Handgelenk mit schockierender, intensiver Kraft packte. Erschrocken wirbelte sie herum und erstarrte sofort. Vor ihr stand genau die Person, vor der sie sich am meisten gefürchtet hatte.
Sein Gesicht war grimmig und lag tief im Schatten, und seine Augen waren von solch rohem, brennendem Hass erfüllt, dass sie instinktiv den Blick senkte, unfähig, seinem starren Blick standzuhalten. Sie zuckte vor Schmerz zusammen, konnte sich aber nicht aus seinem Griff befreien. Es war, als hätte seine kalte Wut den letzten Rest ihres Verstandes zerschmettert. Hätte jemand die Szene beobachtet, hätte man angenommen, dies sei nicht ihre erste Begegnung; doch es war das erste Mal, dass sie sich wirklich sahen. Er war während und nach der Hochzeit abwesend gewesen, sehr zu Asmairas Erleichterung zu diesem Zeitpunkt.
Ja, sie hasste ihn aus tiefster Seele, aber es stimmte auch, dass er die Liste der Menschen anführte, vor denen sie absolut panische Angst hatte. Obwohl sie sich noch nie getroffen, geschweige denn gesprochen hatten, waren sie durch einen tiefen, gegenseitigen Hass miteinander verbunden.
Etwas an seinem Ausdruck ließ sie erkennen, dass sie bei ihm nicht sicher war – nicht, wenn er aussah, als wäre er bereit, sie in Stücke zu reißen. Sie zuckte zusammen, als ein tiefes Knurren die gespenstische Stille zerriss, und sie sah, wie er ihr schlichtes Hochzeitskleid mit völligem Ekel musterte.
Zu sagen, dass sie in diesem Moment einfach nur Angst vor ihm hatte, wäre eine maßlose Untertreibung gewesen.
Instinktiv schnellte ihr Blick von dem Mann auf dem Foto zurück zu demjenigen, der schmerzhaft ihr Handgelenk zerquetschte. Es war derselbe Mann wie auf dem Foto, doch völlig frei von jeder Emotion. Sie holte keuchend Luft, entsetzt darüber, wie dasselbe lächelnde Gesicht jetzt so kalt und bedrohlich wirken konnte. Der Teufel, der in ihren Augen die Wurzel all ihres Elends war.
Amaan Hashmi, der Mann, den sie gleichermaßen hasste und fürchtete: ihr EHEMANN!