I
Kieselsteine knirschten unter Katerina Grays Sneakern, während sie über die Einfahrt lief und die paar Stufen zur Veranda hochstieg. Ihr neues Haus war das einzige in der Nachbarschaft, das nachtschwarz war. Die Häuser der Nachbarn waren ein Meer aus Weiß und Beige. Aber ihres war dunkel und mattschwarz. Die Tür war kunstvoll mit wunderschönen Mustern verziert, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Sie fragte sich, ob jemand, der hier wohnte, talentiert genug gewesen war, das selbst zu machen. Nina runzelte ihre dunklen, frisch gezupften Brauen. Sie prüfte den zerknitterten Brief in ihrer Hand, um sicherzugehen, dass sie an der richtigen Adresse war. Sie starrte auf die Anschrift. 1828 Glenn Place Drive. Ja, sie war richtig. Nina griff den Riemen ihrer Tasche fester und atmete tief durch. Sie schob den Schlüssel ins Schloss und drehte den Knauf herum.
Das Haus war von innen noch schöner als von außen. Ninas Gesicht hellte sich auf, als sie die moderne Einrichtung sah. Im offen gestalteten Wohnzimmer standen schicke, schwarze Ledermöbel. Zwischen dem Sofa und der Küche stand ein langer Esstisch aus Eiche. Er bot genug Platz für jeden einzelnen Cousin, den Nina hatte.
Als sie die Treppe hochging, spitzte Nina die Ohren. Männerstimmen drangen durch das Haus. Ihre haselnussbraunen Augen entdeckten ein Banner, das über ihrer Tür hing: Willkommen zu Hause, Katerina. Ihr Name stand in krakeliger Schrift auf dem dünnen Papier. Der Gedanke, dass ihre neuen Mitbewohner an sie gedacht hatten, wärmte ihr Herz. Niemand nannte sie mehr bei ihrem vollen Namen.
Sie betrat das Schlafzimmer und fühlte sich wegen der schlichten Deko sofort wohl. Sie hatte schon lange kein Zimmer mehr für sich allein gehabt. Es war so lange her, dass sie es gar nicht mehr zählen konnte. Das hier war genau das, was sie für einen Neuanfang brauchte. Ein neues Zimmer, ein neues Haus und hoffentlich neue Freunde. Einfach alles neu. Nur das war ihr wichtig: die Vergangenheit hinter sich zu lassen und von vorne anzufangen.
Hinter Nina räusperte sich jemand und eine tiefe Stimme erfüllte den Raum. Sie fuhr mit einem erschrockenen Schrei herum und starrte den Eindringling mit großen Augen an. Der Mann vor ihr war groß, gut gebaut und verdammt attraktiv. Unter seiner tätowierten Haut schimmerten dunkle Töne durch, was einen Kontrast zu seinem hellen Haar bildete. Ninas Magen zog sich zusammen, als sie sah, wie gut er aussah. Er legte den Kopf schief und verschränkte die Arme vor der Brust. Er musterte sie mit gerunzelter Stirn. „Katerina, nehme ich an?“ Seine Stimme war rau, aber heiß wie Scheiße.
Nina starrte ihn an, völlig geplättet von seiner Ausstrahlung. Der Geruch seines Parfüms umhüllte sie. Sie prägte sich die Noten von Sandelholz und Moos ein. Es roch, als stünde sie an einem kühlen Morgen mitten im Wald. Er verengte seine fast schwarzen Augen und räusperte sich erneut. Sie blinzelte und presste ihre Schenkel zusammen, als eine Hitzewelle sie überrollte. Sie war sich nicht sicher, ob die Hitze Erregung war, weil er so attraktiv war. Oder ob es die Peinlichkeit war, weil er sie beim Starren erwischt hatte.
Der große, dunkle und gutaussehende Mann verlagerte sein Gewicht und warf ihr einen wertenden Blick zu. „Sprichst du auch, oder siehst du nur gut aus, Katerina?“
Nina spottete. Sie fand ihre Stimme wieder, machte den Rücken gerade und kniff die Augen zusammen. „Ich heiße Nina. Niemand nennt mich Katerina“, sagte sie barsch. Jede Erregung verflog bei seiner unhöflichen Begrüßung sofort.
„Oho, sie ist temperamentvoll.“ Der Mann machte einen Schritt auf sie zu und nahm die Arme herunter. Nina hielt den Atem an. Seine Körperwärme strahlte direkt auf sie ab. „Ich mag Temperament“, murmelte er und fuhr mit dem Zeigefinger über ihre Wange. Nina erschauerte und stieß einen hauchenden Seufzer aus, als seine Haut die ihre berührte. Eine neue Stimme drang in den Raum und unterbrach den Moment. Nina sprang förmlich von dem Mann weg, als zwei weitere Männer hinter ihm das Zimmer betraten.
Sanfte blaue Augen trafen ihre und sie entspannte sich. „Hi“, begrüßte er sie mit einem albernen Grinsen. „Du musst Katerina sein. Ich bin Dallin.“
Dallin hatte rötlich-blondes Haar, das eher rot als blond war, aber seine Sommersprossen gut betonte. Er war der kleinste der Gruppe, aber locker eins achtzig groß. Er war schlank, aber fit. Seine Arme waren voller Tattoos und kleine Linien schauten oben aus seinem Hemdkragen hervor.
Nina schüttelte ihre Gedanken ab und streckte ihm mit einem sanften Lächeln die Hand entgegen. „Nina“, korrigierte sie ihn. Dallins Hand umschloss ihre und Wärme erfüllte sie. Ihr fiel auf, dass er nach frischen Zitronen roch.
„Alex hast du ja schon kennengelernt“, sagte Dallin und deutete auf den großen, grimmigen Kerl neben sich. „Lass dich von ihm nicht abschrecken. Er ist eigentlich ein riesiger Kuschelbär.“
„Dallin –“, knurrte Alex durch zusammengepresste Zähne. Er warf Dallin einen vernichtenden Blick zu, doch der schien das gar nicht zu beachten.
Stattdessen drehte Dallin sich leicht zu dem letzten der drei um. Er sah aus wie der Inbegriff eines heißen, beliebten Typen, der noch nie das Wort „Nein“ gehört hatte. Er war groß, schlank, aber extrem muskulös und verdammt heiß. Heiß mit großem H. E. I. ß. Nina wettete, dass er ein Sixpack hatte. Alle drei waren ohne Zweifel die heißesten Männer, die sie je gesehen hatte – und sie hatte schon viele Männer gesehen. Dallin nickte in Richtung des Mannes. „Das ist Kai.“
„Schön, euch kennenzulernen, Kai, Dallin und Alex“, murmelte sie schüchtern. Ihre Anwesenheit überwältigte sie fast. Ihre Namen fühlten sich auf ihrer Zunge perfekt an. Als wären sie nur dafür gemacht, von ihr ausgesprochen zu werden.
Kai grinste sie frech an. „Ganz meinerseits, Engelchen.“
„Brauchst du Hilfe mit deinen restlichen Sachen?“, fragte Dallin und deutete auf den Koffer, den Nina beiseitegeschoben hatte.
„Ähm, nein.“ Nina blickte darauf hinunter. „Das ist alles.“
Alex spottete und zog eine Braue hoch. „Das ist alles, was du mitgebracht hast?“
„Das ist alles, was ich besitze“, antwortete Nina kurz angebunden. In Alex’ Augen flackerte sofort ein schlechtes Gewissen auf, aber er sagte nichts weiter.
„Na ja, dann müssen wir wohl mit dir losziehen und mehr Zeug besorgen. Damit du dich hier richtig zu Hause fühlst“, platzte Dallin heraus und schenkte ihr ein aufmunterndes Grinsen.
Zu Hause. Nina hatte sich noch nie irgendwo zu Hause gefühlt... bis jetzt.