Kapitel 1
„Eva, langsam!“
Die Bar war voller als sonst. Die Leute waren in Feierlaune, bereit, das Ende der Arbeitswoche zu begießen und auf die Band des Abends zu warten. Die Leadsängerin und Gitarristin sang sanft ins Mikrofon; ihr kurzes, schwarzes Haar schwang wild hin und her, jedes Mal wenn sie sich zurücklehnte, um in die Saiten zu greifen. Der Schlagzeuger war oberkörperfrei, und man konnte gut sehen, wie heiß es unter den Bühnenscheinwerfern war. Bei jeder Bewegung flogen Schweißperlen von seiner Brust und seinen Armen. Das Publikum liebte es, und es wurde immer schwieriger, sich durch den Laden zu bewegen.
Ali griff nach meiner Schulter und nutzte sie, um sich zwischen zwei breiten Kerlen hindurchzuschieben, die ihr den Weg versperrten. Ich packte ihre Hand und zog sie in Richtung Tresen. Die Menge stand ein paar Leute tief, aber alle drängten sich so eng aneinander, dass es schwer werden würde, uns nach vorne durchzukämpfen. Alice hängte sich bei mir unter, während wir auf unsere Chance warteten.
„Wessen Idee war es eigentlich, hierherzukommen?“, schrie ich über die Musik. Ich lehnte mich vor und spähte an beiden Enden der Bar entlang, ob irgendwo ein Platz frei war. Die Leute schienen sich einfach überall reinzudrängen, wo sie konnten. Ich strich mir mit der freien Hand das Haar hinter das Ohr und suchte nach einer Lücke, in die wir uns schmuggeln konnten.
„Hör zu, jemand musste die Kritik schreiben, und du brauchst einen Abend unter Leuten“, maßregelte Ali mich und wippte von einem Fuß auf den anderen. „Ich muss mal pinkeln, wo sind hier die Toiletten?“
Das Lied endete abrupt, und die Band fing an, etwas weniger Aggressives zu spielen. Die Menge schien sich mit dem Wechsel der Musik zu beruhigen. Dass wir wie die Heringe in der Bar zusammengepfercht waren, war Alis Schuld. Sie hatte mich dazu überredet, eine Kritik über den Abend zu schreiben – ein Job, der eigentlich unter meinem Niveau war. Ali und ich waren eng befreundet, aber sie war ein viel positiverer Mensch als ich. Sie drängte mich ständig zu Dingen und meldete mich für Jobs an, an denen ich gar kein Interesse hatte. Aber sie war ein toller Mensch, mit dem man Spaß haben konnte. Ali und ich kannten uns seit unserer Kindheit, und wir waren uns trotz aller Abenteuer, die uns auf verschiedene Wege geführt hatten, immer nah geblieben. Wir waren sogar gemeinsam an der Uni und hatten dort unsere Journalismus-Abschlüsse gemacht.
Ich entdeckte das Damen-WC am Ende der Bar und zeigte ihr den Weg. „Geh schon, ich hole unsere Drinks.“ Ich ließ ihre Hand los, und Ali nickte mir zu, salutierte im Spaß und hüpfte in Richtung Badezimmer, wobei ihr langer, lockiger Pferdeschwanz auf und ab wippte. Ich entdeckte eine winzige Lücke in der Menge vor der Bar, gerade groß genug, um mich hineinzuschieben, und machte einen Schritt vorwärts. Unglücklicherweise für mein Hinterteil hatte jemand anderes die gleiche Idee, und wir prallten zusammen. Die Leute um mich herum wichen zurück, als ich mit einem „Uff“ flach auf meinen Arsch fiel. Der Boden war unter meinen Handflächen klebrig, und ich war mir nicht sicher, ob ich wissen wollte, warum. Ich versuchte gerade, wieder auf die Beine zu kommen, als eine Hand in mein Sichtfeld schnellte.
„Hier, lass mich dir helfen. Tut mir leid, ich hab dich nicht gesehen.“ Die Hand gehörte zu einem muskulösen Unterarm, der mit Tattoos verziert war. Ich sah zu seinem Gesicht hoch, das im schummrigen Licht lag, und unsere Blicke trafen sich, als ich seine Hand ergriff. Mein Atem stockte, und mein Herz klopfte mir bis zum Hals. Seine Haare waren kurz geschoren, aber oben länger und zu einem wuscheligen Quiff gestylt, der teilweise von einer grauen, lässigen Beanie verdeckt war. Er hatte einen stoppligen, aber gepflegten Bart, und ein silberner Ring im linken Nasenflügel blitzte im fahlen Licht auf. Verdammt.
Er war heiß. Richtig heiß.
Seine Haut war schwielig und rau, aber warm. Seine langen, schlanken Finger streichelten meine Handfläche, und er zog mich hoch. Er schob meinen Körper vor seinen, sodass ich gegen den Tresen gepresst wurde. Ich konnte seine Muskeln an meinem Rücken spüren und das Aftershave riechen, das er trug – Pinie und Sandelholz. Die Leute um uns herum drängten sich weiter durch, also stützte er seine Arme links und rechts von mir auf der Holzplatte ab, um mich einzukesseln und zu verhindern, dass sich jemand zwischen uns quetschte. Ich spürte seinen Atem an meinem Nacken und hätte schwören können, dass er den Kopf gesenkt hatte, um an meinem Haar zu riechen. Die Tattoos verschwanden unter den Ärmeln seines schwarzen V-Neck-Shirts. Ich vergaß alles um uns herum, während meine Augen dem Umriss eines Oktopus-Tentakels folgten, der sich um sein Handgelenk wand. Darüber schwebte ein sinkendes Holzschiff. Ich zuckte zusammen, als der Barkeeper mit der Hand vor meinem Gesicht winkte.
„Zweimal Tequila, Limette und Soda.“ Ich hielt zwei Finger hoch, und er nickte kurz, drehte sich um, um eine Limette zu nehmen, und holte zwei Gläser aus dem Regal hinter der Bar.
„Entweder hat man dich alleine losgeschickt, um dich durch diese Menge zu kämpfen, oder du feierst etwas.“ Seine tiefe Stimme drang in mein Ohr, als er versuchte, gegen die Musik anzukommen, die alles andere verschluckte. Sein heißer Atem strömte gegen meinen Nacken. Ich schauderte, schloss die Augen und mein Hals war wie zugeschnürt, bevor ich mich umdrehte, um ihn zu bitten, ein Stück zurückzutreten. Seine bernsteinfarbenen Augen funkelten und reflektierten die Lampen, die tief über dem Tresen hingen. Ich brachte keine Antwort heraus, blinzelte ihn nur an und zog die Mundwinkel nach oben. Er hob erwartungsvoll eine Augenbraue, als ich den Mund ein paar Mal öffnete und wieder schloss wie ein dummer Goldfisch.
Stark, Eva. Jetzt hält er dich für eine Idiotin.
Ich kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf, um meine Peinlichkeit abzuschütteln. „Ich bin die Heldin unserer Gruppe. Eva. Hammond. Eva Hammond“, lachte ich nervös.
„Okay …“, er nickte langsam, und seine Augenbrauen zogen sich nach oben, als würde er es bereits bereuen, mich angesprochen zu haben. Ich nahm mir mental vor, nie wieder einen attraktiven Mann anzusprechen. „Nun, Eva Hammond, ich bin Conner Chase. Brauchst du Hilfe, die Drinks zu deinen Freunden zu bringen?“ Ich fragte mich unwillkürlich, ob er das nur fragte, weil er mich jetzt für völlig tollpatschig hielt und befürchtete, ich würde mich oder jemand anderen bei einer so simplen Aufgabe verletzen.
Direkt hinter seiner Schulter konnte ich Ali sehen, die sich durch die Menge zurückkämpfte. Ich nahm unsere Drinks und knallte das Geld auf den Tresen. „Alles gut, danke. Vielleicht sieht man sich ja mal.“ Ich lachte humorlos über meinen armseligen Versuch, sozial zu sein, während er seinen Arm hob, damit ich darunter durchschlüpfen konnte.
„Wer war *das?*“, fragte Ali und warf einen Blick zurück, als ich ihr einen der Drinks in die Hand drückte. Sie nahm einen Schluck, ihre Augen blieben auf Conner gerichtet, und ich schüttelte nur den Kopf.
„Niemand, der jemals wieder ein Wort mit mir wechseln wird.“ Ich griff nach ihrer freien Hand und wir quetschten uns zurück zu unserem Tisch. Jacob wartete bereits auf uns; er hellte sich sichtlich auf, als wir zurückkamen. Jacob, ein weiterer langjähriger Freund und unser ständiges „drittes Rad“ bei solchen Events, war mit uns durch die Uni und bis ins Erwachsenenleben eng verbunden geblieben.
„Ich dachte schon, ich verliere euch beide für immer.“ Er nahm noch einen kräftigen Schluck aus der Flasche in seiner Hand und stellte sie dann auf den Tisch. Die Band auf der Bühne legte mit einer weiteren energiegeladenen Hymne los, und die rauchige Stimme des Sängers machte das Publikum noch wilder. Ali und ich setzten uns schnell. Der Notizblock, den ich mitgebracht hatte, um für die Kritik Notizen zu machen, lag leer vor meinem Hocker, bis auf ein paar krakelige Kritzeleien. Der Schreiber, der eigentlich über das Konzert berichten sollte, hatte sich in letzter Minute krankgemeldet und Ali die Chance gegeben, meine Dienste für den Abend anzubieten, damit sie ebenfalls mitkommen konnte.
Ich hatte ihr unter dem Tisch einen Tritt verpasst, als sie das gesagt hatte, und sie hatte mir die Zunge rausgestreckt, sobald unser Chef aus unserem Büro war.
„Jacob, wir würden *dich* doch nie im Stich lassen, wie sollten wir denn sonst nach Hause kommen?“, neckte Ali ihn und tippte mit der anderen Hand im Takt der Musik auf die Tischplatte.
Ich trank meinen Drink aus, während ich mir ein paar Notizen über die Show machte. Dieser ganze Kram war sowieso meistens nur Einschleimerei. Ich hatte sie schon einmal live gesehen, und sie spielten eigentlich immer eine gute Show. Ich erinnerte mich, wie ich als Kind in San Diego aufgewachsen war und mir gewünscht hatte, meine Freunde würden eine Band gründen, damit wir etwas zu tun hatten, anstatt nur in Alis Baumhaus herumzusitzen und zu kiffen. Natürlich konnte ich kein Instrument spielen und hätte mehrere Tausend Dollar für Gesangsstunden gebraucht. Trotzdem klang „junges Punk-Mädchen aus Südkalifornien“ nach einer großartigen ersten Zeile für eine Biografie, die ich eines Tages schreiben könnte.
Jacob stand ein paar Mal auf, um für uns neue Drinks an der Bar zu holen, während Ali und ich Punkte für den Gig besprachen. Aber unser designierter Fahrer hatte es schwer, bei seinem eigenen Alkoholkonsum auf die Bremse zu treten – und noch schwerer, die Frauen zu ignorieren.
Schließlich beendete die Band ihr Set, legte die Instrumente weg und verteilte sich in der Menge. Diejenigen, die sich mit ihnen unterhalten wollten, blieben da, aber ein Großteil der Leute verließ den Laden schnell.
Ich legte meinen Stift weg und gähnte: „Oh Gott, ich bin fix und fertig.“
„Zum Glück hast du morgen frei, oder?“ Ali hob ihre Augenbrauen in einem Ausdruck von ich-habe-nicht-das-geringste-Mitleid-mit-dir.
„Hör mal zu, du. Ich *würde* morgen ins Büro gehen, wenn du mich nicht dazu verdonnert hättest, eine Hair-Metal-Band in Arizona zu interviewen, nur damit du hoffentlich mitkommen kannst! Du meldest mich ständig für so einen Mist an, und dann kannst du nie mit, weil du deinen eigenen Terminkalender nicht im Griff hast!“ Ich zeigte im Spaß drohend mit dem Finger auf sie und versuchte, ein Lachen zu unterdrücken.
„Die Fahrt ohne mich wird dir sicher auch Spaß machen“, lachte sie und legte ihren Arm um meine Schultern. Jacob war ein paar Meter entfernt in ein tiefes Gespräch mit einem hübschen blonden Mädchen vertieft. Sie war definitiv interessiert an dem, was er sagte, und sehr bereit, sich uns auf der Heimfahrt anzuschließen.
„Was machst du immer noch hier, Eva Hammond?“, Conner näherte sich unserem Tisch, flankiert von einem anderen Kerl mit dunklem, zotteligem Haar, der in Jeans und Muskelshirt gekleidet war. Jetzt, wo das Licht ein wenig heller war, konnte man die Winkel in Conners Gesicht, seine schlanken Muskeln und die Tattoos, die fast jeden Zentimeter seiner freien Haut bedeckten, besser sehen. Gott verdammt, an dem würde ich hochklettern wie an einem Baum.
„Das Gleiche könnte ich dich fragen.“ Meine Augen trafen seine, und ich fühlte mich viel selbstbewusster als bei unserer letzten Begegnung – dank meiner Freunde, auch wenn einer von ihnen gerade seine zukünftige Frau kennenlernte.
„Ich hab zuerst gefragt, Prinzessin“, grinste er schelmisch und zwinkerte mir zu.
„Ich bin Content-Editor für *Louder*. Unser Rezensent für heute Abend hat in letzter Minute abgesagt, also saßen wir ohne jemanden da, der über das Konzert schreibt.“ Ich deutete auf Ali, die den Kerl, der Conner begleitet hatte, so offensichtlich anstarrte, als säße sie im Todestrakt und er wäre ihre letzte Mahlzeit. „Das ist Ali, sie ist unsere Bildredakteurin. Und jetzt zurück zu dir. Ein Haufen Metalheads in einer Absteige wie dieser – das scheint nicht so dein Ding zu sein.“
Er schien von meiner Aussage leicht überrascht, aber sein Gesichtsausdruck normalisierte sich schnell wieder. „Ich besitze die Sicherheitsfirma, die heute das Event betreut. Das hier ist Max, mein Einsatzleiter.“ Conner hakte seinen Zeigefinger ein, um auf den Typen mit dem zotteligen Haar zu deuten, der von Ali genauso abgelenkt war. „Und ich mag Metalheads.“
„Einsatzleiter? Was bedeutet *das*?“, Ali setzte ihre flirty Stimme auf, als sie ihre Frage an Conners rechte Hand richtete. Die beiden fingen an zu plaudern, und Ali hakte sich bei ihm unter, als sie gemeinsam zur Bar gingen, um einen weiteren Drink zu holen.
„Also, du bist der Sicherheitsmann, was? Warum trägst du nicht diese Leuchtwesten?“, neckte ich ihn und deutete auf einen bulligen Kerl in der Nähe der Vordertür.
Conner kicherte und stieß einen Seufzer aus. „Ich arbeite normalerweise nicht auf Events. Ich habe viel wichtigere Aufgaben, um die ich mich kümmern muss. Die Sängerin ist die Freundin meines besten Kumpels.“ Er neigte den Kopf in Richtung einer Frau mit schwarzem, stumpfem Bob-Schnitt, blutrotem Schmollmund und einem Vintage-Pullover über einer Jeans. Sie hatte ihre Arme um den Hals des Sängers der Band geschlungen, und die beiden küssten sich. „Ich biete Unterstützung an“, beendete Conner seinen Satz.
„Was für ein Kerl.“ Ich stützte mein Kinn in meine Hände und lächelte ihn verträumt an. Meine Absicht war spielerisch gewesen, aber sie hatte eindeutig die Pfütze verraten, die sich in meiner Unterwäsche bildete. Er war süß und schämte sich nicht, seine Freunde zu unterstützen.
„Du solltest besser nett zu ihnen sein in deiner Kritik.“ Er verengte spielerisch die Augen. „Lola ist sensibel, was ihre Band angeht, und Meredith bringt mich um, wenn sie herausfindet, dass ich dich einen Artikel schreiben ließ, der weniger als brillant war.“
„Keine Sorge, wir haben nur Gutes über diese Jungs zu berichten.“ Ich fuhr mir mit der Hand durch mein langes, leuchtend rotes Haar und strich es aus dem Gesicht. Ich beobachtete, wie seine Augen meinem Arm folgten. Sein Blick ließ meinen Magen Knoten schlagen; seine Augen blieben auf meiner Haut hängen, als er das Cameo-Tattoo an meinem Oberarm musterte. „Also, du besitzt die Firma. Das klingt nach einem tollen Job. Übernehmt ihr auch andere Arten von Sicherheit?“ Sein Starren ließ meinen Bauch warm werden, und ich musste ihn zum Reden bringen, damit seine gefährlichen Augen in Bewegung blieben.
„Wir haben Verträge für eine ganze Menge Dinge. Wir machen Events, kommerzielle Verträge und Personenschutz…“ Er zuckte mit den Schultern, während seine Stimme leiser wurde. „Privatdetektiv-Arbeit, Begleitschutz für Politiker, alles, wofür man einen gruseligen Mann oder eine gruselige Frau braucht.“
„Du hast sicher alle Hände voll zu tun.“ Ich riss meine Augen von seinen los und versuchte, das Brennen in meinen Wangen unter seinem Blick zu beruhigen. Stattdessen beobachtete ich Ali und Max an der Bar. Die Menge hatte sich aufgelöst, und sie konnten viel einfacher bestellen. Conner setzte sich auf den Hocker, den Ali gerade freigemacht hatte.
„Deshalb brauche ich Max.“ Er nickte den beiden zu. „Wir arbeiten an Aufträgen mit hoher Priorität und Geheimhaltungsstufe. Er entscheidet aber auch, wer welchen Auftrag übernimmt. Ich bin viel zu sehr damit beschäftigt, neue Kunden und Investoren an Land zu ziehen.“
„Bist du also sowas wie ein Spion?“, fragte ich und lachte über meinen eigenen Witz.
„Das ist eingestuft.“ Er grinste und stieß mich mit dem Ellbogen an. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie sie nähergekommen war, aber das Mädchen mit dem schwarzen Bob trat an uns heran und legte Conner den Arm um den Hals. Er legte seinen Arm um ihre Taille. „Meredith, das ist Eva. Ich habe sie davor bewahrt, an der Bar niedergetrampelt zu werden.“ Er schenkte ihr ein stolzes Lächeln.
„Eva, ich bin Meredith. Hör nicht auf das, was er sagt. Das ist alles gelogen.“ Meredith lächelte herzlich und lehnte sich vor, um mir die Hand zu schütteln.
„Ich wusste doch, dass er nicht mit jemandem befreundet sein kann, der so umwerfend aussieht wie du.“ Ich lachte, nahm ihre angebotene Hand und schüttelte sie.
„Es ist so schön, dich kennenzulernen. Lass dich bloß nicht von diesem Vollidioten auf Abwege führen.“ Sie ließ meine Hand los und wandte sich an Conner. „Wir hauen jetzt ab, Lola hat da was…“
„Klar, ruf mich an, wenn du zu Hause bist.“ Conner drückte einen Kuss auf ihre Schläfe und drückte kurz ihre Schulter, bevor er sie losließ und Lola zuwinkte, die ein Stück weiter weg stand. Meredith hob zum Abschied die Hand, drehte sich dann um und schritt neben ihrer Freundin davon.
„Hey.“ Ali war mit einem Drink für mich zurück, und Max drückte Conner ebenfalls ein Bier in die Hand. „Jacob musste los, er hat ein Mädel kennengelernt.“
„Danke für die Info, Jacob“, sagte ich sarkastisch. „Ich wünschte, er hätte noch gewartet. Ich muss bald los, Ali. Ich bin so müde und muss früh raus, um allein nach Phoenix zu fahren.“
„Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass er dich heimfahren wollte, während so eine heiße Braut an ihm klebt?“, spottete Ali und trank ihren Drink aus.
„Phoenix?“, erkundigte sich Conner.
„Sie springt für einen anderen Schreiberling ein. Sie muss morgen Nachmittag in Phoenix die Band Through Ruin interviewen“, erklärte Ali und wich meinem Blick aus.
„Du fährst selbst?“, wandte sich Conner wieder an mich. Ich nickte langsam und er stieß einen leisen Pfiff aus. „Das ist ein ganzes Stück. Ich habe es gehasst, diese Strecke zu fahren, als ich angefangen habe.“ Ali und ich starrten ihn verständnislos an. „Ich habe zwei Büros in Arizona, eins in Tucson, eins in Scottsdale“, fügte er hinzu.
„Ich übernachte dort, die Rückfahrt ist zu weit“, zuckte ich mit den Schultern und starrte in mein mittlerweile leeres Glas. „Louder bezahlt das, also bestelle ich mir eine Pizza und schaue die ganze Nacht Filme im Hotel.“
„Begleitet dich jemand?“, fragte er aufmerksam.
Ich schüttelte den Kopf. „Die Band hatte ihr Fotoshooting mit Ali schon, als sie hier waren, aber wir mussten das Interview verschieben.“ Ich deutete über den Tisch, wo Ali und Max wieder in ein Gespräch vertieft waren. „Also kein Fotograf nötig, nur ich und mein kleines Aufnahmegerät“, gähnte ich und streckte meine Arme über den Kopf. „Ich sollte wirklich los.“ Ich nahm meine Tasche vom Stuhl, stieg vom Barhocker, strich meine engen schwarzen Jeans glatt und stopfte meinen Notizblock in die Tasche.
„Wie kommst du nach Hause?“, Conner stand ebenfalls auf und machte sich bereit, sich zu verabschieden.
„Ich gehe zu Fuß, es ist nicht weit von hier.“ Ich zog meine Bikerjacke aus Leder an und hängte mir die Tasche über die Schulter. „Ali, kommst du gut nach Hause?“ Ich trat an den Tisch und drückte ihre Schultern, um sie von dem Gespräch mit Max abzulenken.
„Ich sorge dafür, dass sie sicher nach Hause kommt“, grinste Max.
„Ruf mich an, wenn du da bist“, murmelte ich zu Ali, küsste ihre Wange und drehte mich wieder zu Conner, um mich zu verabschieden und vielleicht nach seiner Nummer zu fragen.
„Ich begleite dich. Ich würde mich viel besser fühlen, wenn ich wüsste, dass du gut zu Hause angekommen bist“, unterbrach er mich, als ich gerade den Mund öffnete.
„Mir passiert schon nichts“, kicherte ich. „Ich laufe den Weg ständig.“
„Sicherheit ist mein Job. Lass mich das machen.“
„Na schön“, ich verdrehte spielerisch die Augen. „Aber wenn du mich ständig rettest, muss ich mich irgendwann revanchieren, und ich habe eh schon zu viele Schulden“, lächelte ich, drückte die schwere Tür auf und trat hinaus in die Nacht. Wir machten uns auf den Weg zu meiner Wohnung. Der Winter war vorbei, aber die kalte Nachtluft ließ unseren Atem immer noch in kleinen Wölkchen aufsteigen. Eine Weile blieben wir stumm; nur das Geräusch unserer Schritte auf dem Beton und das gelegentliche Auto durchbrachen die Stille.
Conner hatte die Hände in den Taschen vergraben und den Blick starr auf den Boden vor sich gerichtet.
„Wie lange wohnst du schon in San Diego?“, fragte er schließlich.
Ich schluckte nervös. Das war kein Gespräch, für das ich bereit war. „Nicht lange. Ich bin zwar hier aufgewachsen, aber nach dem Studium vor etwa drei Jahren an die Ostküste gezogen.“
„Beruflich oder privat zurückgekommen?“, fragte er mit einem Grinsen. Ich zögerte wieder. Ali war die Einzige, die die Wahrheit kannte, und sie war der einzige Grund, warum ich es hierher zurückgeschafft hatte. Meine Gedanken wanderten zurück zu den zahlreichen Anrufen in Abwesenheit, die ich nach unserem Meeting am Nachmittag erhalten hatte. Byron saß im Gefängnis, und das war meine Schuld. Weil ich keine andere Möglichkeit sah, ihm zu entkommen. Aber das hatte ihn nicht davon abgehalten, mich zu schikanieren. Es fing mit Briefen an – mehrere die Woche. Dann kamen die Anrufe. Seine Familie hatte Geld, eine Menge davon. Er konnte sich die besten Anwälte des Landes leisten. Die Art von Anwälten, die ein Schwerverbrechen auf ein Bagatell-Delikt herunterhandeln und einen Gefängnisaufenthalt mit Privilegien rausschlagen, bei dem Wärter bestochen wurden, um ihm Dinge reinzuschmuggeln. Das bedeutete, dass Byron Zugriff auf Handys hatte, wann immer er wollte. Er hatte auch Privatdetektive, die alles über meinen Aufenthaltsort oder meine Begleitung herausfinden konnten. Es hatte keinen Sinn, sich zu verstecken oder Nummer und Namen zu ändern. Er würde es herausfinden, und die Konsequenzen wären nur noch schlimmer.
„Mein Job dort war zu Ende, also kam ich zurück zu Freunden und Familie“, log ich und verschränkte die Arme vor der Brust, während wir die Straße entlangschlenderten. „Und du? Lebst du schon dein ganzes Leben hier?“
„Ursprünglich komme ich aus Seattle. Ich bin wegen meiner Dienstzeit hierhergezogen und dann hängengeblieben.“
„Du warst beim Militär?“
Conner nickte. „Spezialeinheiten. Nach meiner Entlassung habe ich die Firma gegründet, und sie ist einfach durchgestartet. Wir bevorzugen Ex-Militärs, speziell von den Spezialeinheiten – die Sorte Typen, die Saddam geschnappt haben.“ Er kickte gegen einen Stein, der über die Straße polterte und von den Gebäuden widerhallte.
„Ist das nicht gefährlich? Leute vom Militär kommen doch oft mit psychischen Problemen zurück…“
„Diese Jungs sind die Besten der Besten, aber ja, manchmal haben sie Probleme. Unser gesamtes Team durchläuft bei der Einstellung gründliche psychologische Screenings. Manche sind geeignet für den Hintergrunddienst, also bilden wir sie in der Verwaltung aus. Oder sie bringen IT-Kenntnisse mit und gehen in unsere Cyber-Abteilung.“
„Es hat mich immer fertiggemacht zu sehen, wie viele Soldaten nach ihrem Dienst für das Land nach Hause kommen und feststellen müssen, dass das Land nicht bereit ist, ihnen zu dienen. Für Jungs wie mich, die nicht zwanzig Jahre lang gedient haben, gibt es kaum Unterstützung. Wir haben keinen Mangel an Arbeit im Sicherheitsbereich, also stellen wir so viele Leute wie möglich ein. Eines der ersten Dinge, die ich getan habe, war, Firmenpsychologen einzustellen, damit meine Mitarbeiter kostenlos Zugang zu Therapien haben.“ Er blickte beim Gehen stur geradeaus.
„Das ist so…“, ich hielt inne und suchte nach den richtigen Worten. „Du scheinst dich wirklich um diese Leute zu kümmern. Nicht viele würden so etwas zurückgeben.“
Conner zuckte die Achseln und tat es ab. „Es ist der beste Weg, ihnen wieder auf die Beine zu helfen. Es endet nicht immer perfekt. Viele haben nicht lang genug gedient, um eine Rente zu bekommen, und viele kommen mit schweren posttraumatischen Belastungen zurück. Ich musste schon für einige die Kaution stellen, sie zum Entzug fahren oder sie davon abhalten, sich etwas anzutun. Das macht Versicherungen ziemlich teuer.“ Er versuchte zu lachen, aber es klang eher wie ein resignierter Seufzer. Der Wind ließ nach, als wir uns vom Strand entfernten, doch ich umklammerte meine Taille und schauderte. „Kalt?“
„Ja. Wir sind aber gleich da“, ich nickte und zog meine Jacke enger um den Körper. Conners Blick blieb kurz auf mir haften, bevor er sich abwandte und wir weitergingen.
„Also, du fährst morgen früh nach Phoenix. Um wie viel Uhr geht’s los?“
„Gegen sechs“, gähnte ich und wünschte, ich hätte mir ein Auto für den Heimweg gerufen. Meine Wohnung war nicht weit vom Veranstaltungsort, aber mit dem Auto ging es deutlich schneller. „Du sagtest, du hast Büros in Tucson und Scottsdale?“
„Kleinere Büros, ja. Wir bauen uns außerhalb von Kalifornien noch einen Kundenstamm auf. Im Moment arbeiten wir in Arizona eher an kleineren Aufträgen: Firmenverträge, Events, Personenschutz… nichts in dem Ausmaß, das wir hier haben.“ Conners selbstbewusste Art war zurück. Mein Handy fing in meiner Handtasche an zu vibrieren, während er sprach, und ich fischte es heraus, um aufs Display zu schauen.
Unbekannte Nummer.
Byron.
Ich hatte meine Nummer dreimal gewechselt, bevor ich es aufgegeben hatte. Jedes Mal, wenn er über seinen Detektiv die neue Nummer bekam, wurde es nur noch schlimmer. Er rief immer spät in der Nacht an – bei ihm drüben musste es weit nach 3 Uhr morgens sein. Ich drückte den Anruf weg.
„Musst du da nicht rangehen?“, Conner fixierte mich mit gehobener Augenbraue.
„Nein. Ist nicht wichtig.“ Ich schob das Handy zurück in die Tasche, als es ein weiteres, längeres Vibrationssignal von sich gab – eine Nachricht.
„Sicher? Es ist fast Mitternacht. Wer auch immer anruft, hat sicher etwas Wichtiges zu sagen.“
„Ist nichts. Ich bin nur hier oben.“ Ich wechselte das Thema und deutete auf einen Wohnkomplex weiter die Straße runter. Conner nickte stumm. „Danke, dass du mich begleitet hast. Das hättest du wirklich nicht tun müssen.“ Ich wandte mich ihm zu und schenkte ihm ein sanftes Lächeln.
„Wie gesagt, Sicherheit ist mein Job.“ Er lächelte zurück – ein Grinsen, bei dem meine Unterwäsche fast Feuer fing.
Wir erreichten die Einfahrt meines Wohnkomplexes und ich blieb stehen, um mich zu ihm zu drehen. „Das wäre dann mein Zuhause“, ich biss mir auf die Lippe und versuchte, die peinliche Stille zu ignorieren. „Möchtest du… vielleicht reinkommen?“ Ich deutete mit dem Daumen über die Schulter auf mein Apartment im Erdgeschoss. Conners Blick traf meinen, und sein Kiefer spannte sich an. Ich atmete zittrig ein, während seine Augen auf mir brannten und meine Körpertemperatur nach oben schoss.
Er starrte mich noch ein paar Sekunden an und mahlte mit den Zähnen. „Du musst früh raus, ich sollte lieber nicht…“ Seine Stimme war ein heiseres Flüstern, und er schien nur widerwillig abzusagen, aber der Schlag gegen mein Ego saß bereits. „Du bist von hier an sicher, oder?“ Mein Magen zog sich zusammen, und ich nickte.
„Nun“, ich schluckte meine Enttäuschung hinunter, zwang ein Lächeln auf mein Gesicht und hielt ihm die Hand zum Abschied hin. „Es war schön, dich kennenzulernen, Conner. Vielleicht laufen wir uns ja mal wieder über den Weg.“
„Das werden wir“, nickte er und sah mich hungrig an. Er ließ meine Hand nicht los, sondern trat einen Schritt auf mich zu, schloss die Lücke zwischen uns und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Seine Finger unter meinem Kinn hoben meinen Kopf an, und er presste seine Lippen auf meine. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen, meine Beine wurden weich. Conners Hand verirrte sich in meinem Haar und gab ihm einen leichten Ruck. Ich stöhnte in seinen Mund, meine Lippen öffneten sich leicht, und seine Zunge streifte sanft meine. Er spielte mit derselben Haarsträhne, strich sie über meine Schulter und rieb mit den Fingerkuppen in kleinen Kreisen über meine nackte Haut. Er schmeckte nach einer Mischung aus Bier und Wodka, aber ich war nur allzu bereit, das hinzunehmen, um den Kuss noch ein bisschen länger zu genießen.
Viel zu schnell löste er sich und drückte seine Stirn gegen meine. Ich konnte seinen Atem auf meinen Lippen spüren, und meine Beine zitterten so sehr, dass ich fürchtete, umzukippen, sollte er mich loslassen. Seine Hand tastete in seiner Tasche, dann hielt er mir eine kleine weiße Karte vors Gesicht. „Schreib mir, wenn du aus Phoenix zurück bist, Kleine.“
Conner Chase
Managing Director, Chase Security
Ich drehte die Karte um; seine Nummer und E-Mail-Adresse standen auf der Rückseite.
„Bist du sicher, dass du nicht reinkommen willst?“, bot ich nochmal an.
„Nein. Du brauchst Schlaf. Du kannst morgen nicht fahren, wenn du am Steuer einnickst. Geh rein.“ Conner hob das Kinn, deutete auf meine Wohnung und ließ seine Hände von meinem Körper gleiten. Sofort kroch die Kälte an den Stellen unter meine Haut, wo er mich gerade noch berührt hatte, und mein Magen zog sich schmerzlich zusammen, flehend nach seiner Berührung. Ich schluckte, winkte kurz und drehte mich dann weg. Ich holte meine Schlüssel raus, schloss die Tür auf und schlüpfte hinein. Doch nicht, ohne mich über die Schulter umzusehen, ob er wartete, bis ich sicher in meiner Wohnung war.