1.
Ich hörte weit entfernte Stimmen, oder besser gesagt eine. Ich konnte sie nicht erkennen, aber trotzdem erschien sie mir bekannt. Ich konzentrierte mich darauf und schon bald schienen sie klarer zu werden und näherzukommen.
Die Dunkelheit, die mich umhüllte, wurde leicht heller, als ob jemand mit weißer Farbe auf dunkles Papier malte. Meine Sinne kehrten langsam wieder. Das Gefühl für meinen Körper kündigte sich mit sachtem Kribbeln an.
Ich fokussierte mich wieder mehr auf die Stimmen und die Helligkeit, die mich langsam empfing. Unschärfe verklärte mir jedoch weiterhin die Sicht. Ich schien zu sitzen. Meine Arme lagen anscheinend auf einer Art Tisch. Zwischen meinen Unterarmen konnte ich allmählich einen Schreibblock erkennen, und zwischen meinen Fingern hielt ich einen Stift. Bei genauerer Konzentration konnte ich ihn als einen Kugelschreiber identifizieren. Wobei ich dafür keine Sicht benötigte, da ich nur äußerst selten mit einer anderen Art von Stift schrieb.
Ich hob langsam den Kopf und blickte mich um. Meine Sicht war immer noch ein wenig verzerrt und unklar, als ob ich durch einen dicken Schleier oder einen Wasserfall gucken würde. Auch meine Ohren schienen voll mit Wasser zu sein, so hörten sich die Stimmen an. Nur langsam wurde es klarer und ich erkannte, dass ich mich in einem Hörsaal befand. Die Stimme, die am stärksten zu mir aus der Dunkelheit durchgedrungen war, gehörte meinem Professor.
Professor Waldstedt war an der Universität für alte Geschichte zuständig und hielt eine Vorlesungsreihe über Architektur in der vorchristlichen Zeit. Meine Erinnerungen an diese Informationen kehrten ebenfalls endlich wieder. Meine Augen hatten sich noch nicht vollständig an die Umgebung gewöhnt, als ich merkte, dass der Professor aufgehört hatte zu reden. Nun stand er neben seinem Pult.
Der Professor räusperte sich. „Langweile ich Sie, Herr Lewis?“
Ich zuckte zusammen. Ich hatte nicht damit gerechnet, angesprochen zu werden, zumindest nicht während der Vorlesung. Mein Verhalten musste also aufgefallen sein, und zwar nicht nur dem Professor. Ich richtete mich in meinem Stuhl auf und sah stark verschwommen etwas an der Tafel geschrieben stehen. Ich schüttelte den Kopf, in der Hoffnung, dass meine Sehkraft wieder normal würde und ich rechtzeitig auf den Dozenten reagieren könnte. Ich musste etwas sagen, irgendetwas. Ich musste Zeit schinden und endlich klar denken können.
Ich: „Durchaus nicht, Professor. Es ist Wittgenstein.“
Mein Mund bewegte sich, noch ehe ich mir im Klaren war, was ich gesagt hatte. Das Gefühl angestarrt zu werden überkam mich, was mit Sicherheit auch der Fall war. Jemand in meiner Nähe kicherte in einer Art Schluckauf.
Die Studenten waren dieses Verhalten von mir gewohnt, ich hatte in letzter Zeit des Öfteren geblödelt, wodurch insbesondere die Dozenten irritiert waren. Dieses Verhalten, was ich mir - eigentlich nur um nicht meine Probleme offenzulegen - angeeignet hatte, war die Ursache für meinen ungewollten Bekanntheitsgrad.
Waldstedt: „Und was hat Wittgenstein zu meiner Vorlesung zu sagen?“
Waldstedt klang sehr gezügelt. Man konnte sehen, wie er innerlich kochte. Ich suchte verzweifelt einen Ausweg, um wenigstens dieses Mal nicht als Störenfried zu gelten. Es fiel mir schwer.
Ich: „Nichts. Und genau das ist das Problem.“
Ich rieb mir die Augen. Wieso wollte die Sehkraft immer noch nicht wieder zurückkehren? Was war mit mir passiert, dass ich so die Orientierung verloren hatte? Andere Studenten fingen nun an zu kichern. Waldstedt holte tief Luft, um sich zu beruhigen. Er blickte auf den Boden, um sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Ich war schon einige Male in diesem Semester mit komischen Ablenkungen aufgefallen und es schien sich von Woche zu Woche zu steigern.
Waldstedt: „Herr Lewis, ich hoffe, es war nicht Ihre endgültige Antwort auf meine Frage.“
Der Professor fixierte mich mit einem eindringlich mahnenden Blick an. Dann wandte er sich wieder dem Stehpult zu und überflog seine Notizen. Anscheinend versuchte er seinen Vortrag wieder an der Stelle aufzunehmen, wo er aufgehört hatte. Ich schlug mir so unauffällig wie möglich die Hände auf dem Kopf und ließ sie dort verschränkt ruhen.
Ich: „Nein, Professor.“
Waldstedt blickte mich ermüdet an. Er vermutete eine weitere Störung, einen weiteren Streich oder etwas Unangebrachtes. Das war klar zu erkennen, auch wenn sich für mich noch alles drehte. Ich konnte keinen Rückzieher mehr machen und erst recht konnte ich nicht auf meine körperlichen Probleme hinweisen. Es war persönlich und ging niemanden von den anderen Studenten etwas an.
Waldstedt: „Na, da bin ich mal gespannt.“
Waldstedt stemmte seine Faust in die Seite und stierte. Ich nahm die Arme wieder herunter, mein Kreislauf schien sich gefangen zu haben. Unbewusst nahm ich den Kugelschreiber in die Hand und richtete ihn auf den Professor.
Ich: „Da geht es nicht nur Ihnen so.“
Die Frau neben mir keuchte auf und ich erkannte nun klar ihre Stimme. Sie war genauso wenig angetan von meinem Problem mich auf die Vorlesung zu konzentrieren wie der Professor. Andere Studenten schienen die Ablenkung jedoch zu genießen. Gerade als der Professor mich tadeln wollte, ließ ich meinen Kugelschreiber auf das Tischchen fallen. Ich hatte die Hoffnung aufgegeben, noch etwas zu erkennen. Vielleicht war es einfach an der Zeit, eine Brille zu tragen. Oder hatte ich eine Augenmigräne?
Ich presste erneut meine Augen zusammen und konnte endlich einzelne Wörter an der Tafel ausmachen. Erleichtert atmete ich auf. Die Sehstärke schien sich zu verbessern und die Buchstaben ergaben auch endlich einen Sinn: die Chinesische Mauer.
Ich: „Es tut mir leid, ich wollte nicht herumalbern.“
Waldstedt schien überrascht. Mir war bewusst, dass ich bisher noch nie eine Entschuldigung auf eine solch ernsthafte Weise ausgesprochen hatte. Insbesondere nicht vor allen Teilnehmern.
Ich: „Tatsächlich habe ich an den Hadrians Wall gedacht.“
Die Studierenden um mich herum stöhnten enttäuscht, abgesehen von Amy – einer Freundin, die neben mir saß – und dem Professor. Beide schienen überrascht von der Wendung des Gespräches, wie auch ich. Der Professor signalisierte mir fortzufahren und den Gedankenweg auszubauen. Ausgerechnet in der Vorlesung über die Chinesische Mauer, auf die ich mich gefreut hatte, hatte ich diesen Ohnmachtsanfall bekommen. Ich schämte mich dafür. Es war wieder einer von den Aussetzern gewesen, die ich nicht kontrollieren konnte. Ein kurzer Blick auf meinen Notizblock reichte, um wieder Fassung zu erlangen und mich an meine vor Tagen geplante Frage zu stellen. Ich drehte den Kugelschreiber einmal und blickte dann wieder auf den Professor.
Ich: „Die Große Mauer besteht insbesondere auch aus Reis – zumindest diente die Nahrung als Klebstoff, da sie viel Stärke beinhaltet.“
Der Professor nickte und musste leicht lächeln.
Ich: „Wie hat die Bevölkerung von Chu, mit den folgenden Dynastien, es geschafft, ein solches Bauwerk zu errichten, die Römer, aber, zu inkompetent waren. Zumindest, was den Hadrians Wall angeht, wenn man beide Bauwerke vergleicht und die Zeit aus der beide stammen. Die Große Mauer ist erheblich älter als dieser oder auch der Limes. Alexander der Große war bis nach China, oder wie die damalige Dynastie hieß, vorgedrungen. Er hätte dieses Wissen, wie viele andere Kenntnisse auch, mit nach Europa bringen können. Nicht, dass die Römer ganz und gar inkompetent waren. Aber damals waren bereits Quark und Käse auch bekannt. “
Waldstedt freute sich über diese Frage. Er nickte zustimmend und fing langsam an, seine Notizen zusammenzulegen.
Waldstedt: „Nun, Herr Lewis. Wie wäre es, wenn Sie darüber Ihre Hausarbeit schreiben? Es könnte Ihrem Studium mit Sicherheit guttun, die Bautechniken und mögliche Komplikationen miteinander zu vergleichen. Vielleicht hilft Ihnen das Beispiel der Pyramiden von Ägypten und Nubien. Vielleicht im Zusammenhang mit dem Antoninus Walls? Oder Sie nehmen eine eher politische Herangehensweise. Das ist natürlich auch möglich. Überraschen Sie mich.“
Waldstedt klemmte seine Notizen unter den Arm und ging mit erhobenem Haupt aus dem Hörsaal. Ein Stöhnen drang ungewollt aus meiner Kehle und mein Kopf fiel auf den Klapptisch vor mir. Amy stand auf und wartete darauf, dass ich ebenfalls den Raum mit den anderen Studenten verlassen würde.
Bis ich meine Unterlagen im Rucksack verstaut hatte, dauerte es eine Weile. Die Jacke, die normalerweise ohne Probleme über die Arme glitt, schien sich mehrfach dem Anziehen zu widersetzen. Erst nach dem Sieg über das Kleidungsstück stand ich langsam auf. Mein Kopf schwirrte noch.
Um meine Langsamkeit zu beschleunigen, wollte Amy ein Gespräch anfangen.
Amy: „Ich habe ein gutes Buch über den Hadrians Wall. Ich kann es dir leihen, wenn du möchtest. Die Uni-Bibliothek hat es nämlich nicht.“
Da ich sowieso für Recherchen in die Bibliothek gehen musste, um auch eventuell andere Bücher zu bestellen, verneinte ich ihr Angebot dankend. Amy blieb jedoch hartnäckig und erinnerte, dass viele Artikel und bestimmte Bücher für Studenten nicht kostenlos auszuleihen seien. Leider hatte sie damit recht. Beim Hinausgehen aus dem Universitätsgebäude verlor ich leicht den Halt. Offensichtlich war ich immer noch nicht ganz in dieser Welt wieder angekommen. Um dies zu überspielen, legte ich Amy einen Arm um die Schultern.
Ich: „Und was macht meine Lieblingsfreundin am Abend?“
Amy musste lachen. „Deine Lieblingsfreundin ist nur deine Lieblingsfreundin, weil du alle anderen Damen deines Umfeldes vergrault hast.“
Die Reaktion war nichts Neues, Amy war schon immer jemand gewesen, die frei heraussagte, was sie meinte. Um jedoch die scharfe Kritik zu umgehen, blieb ich stehen und schlug eine Hand auf meine Brust, und spielte den Schockierten. Amy blickte auf die Uhr, musste aber schmunzeln.
Ich: „Autsch, mein Stolz und meine Ehre wurden soeben angegriffen und verletzt.“
Amy zuckte mit den Schultern und ging weiter. Nach vehementem Nachfragen erfuhr ich endlich, dass sie mit ein paar Freundinnen verabredet war.
Ich: „Also unser Süßer kommt auch?“
Amy blieb stehen und ich, der ihr die meiste Zeit hinterher geschritten war, lief fast in sie hinein. Nach einem angespannten Wortaustausch und dem erneuten Hinweis, dass Sven nicht süß, sondern ein Mann sei, ließ sie mich zurück und sah es nicht mehr ein, mir das Buch zu geben.