Kapitel 25: Gurkenthomas kriegt aufs Maul
Im Laufe der Jahre trifft man auf Menschen. Ob man will oder nicht. Der normale Mitteleuropäer, sofern er nicht als extrem einsamer Eremit sein Leben fristet, ist mehr oder weniger von anderen Leuten umgeben. Diese sind dann auch sowas von unterschiedlich, daß man selbst mit
Wahrscheinlichkeitsrechnung nicht genau voraussehen kann, wen man so alles kennen lernt. Die Auswahl ist aber auch gewaltig, Männlich, weiblich, jung, alt, groß, klein,dick, dünn, hübsch, gruselig und neuerdings auch mit
Gendersternchen auf der Stirn. Hinzu kommen Hautfarben, Körpergerüche, Sprachen, Religionen, Essgewohnheiten und die unterschiedlichen Arten des Reisens.
Das potenziert sich so lange, bis alle 7,5 Milliarden Erdenbewohner erfaßt sind. Und da habe ich die Überschneidungen noch nicht einmal mit einbezogen.
Den einen kann man leiden, wenn man ihn kennen lernt, den anderen nicht so. Der eine wird Dein Freund, der andere bleibt ein Neutrum, im günstigsten Fall.
Ich wohnte nun im wunderschönen Land Brandenburg, berufsbedingt in der Garnisonsstadt Beelitz. Und da lebten naturgemäß viele andere dem Militär verbundene Menschen. So zum Beispiel mein Freund Rene und das Neutrum Gurkenthomas. Der hieß so, weil er irgendwie genau das war. Anfang 20, einen dürren Hals wie eine Salatgurke, eine große Klappe aber von nichts so wirklich Ahnung. Ich weiß nicht einmal, was für eine Funktion er in der Armee hatte. Aber es muß irgendwas gewesen sein, wo er nichts wichtiges kaputt machen konnte. Weil er aber mit seiner dürren Gestalt und seinem schwarzen Haarschopf irgendwie wie ein Italiener aussah, mochten ihn die Frauen. Na egal.
Eines Abends kamen er und mein Freund Rene aus dem Kino, wo sie sich ein Kung Fu lastiges Machwerk gegönnt hatten.
Gurke war im Auswertungsmodus. Er sprang um Rene herum wie der legendäre Duracell Hase, nur höher. Und dabei formte er Sätze wie “Und wenn mich einer blöd von der Seite anmacht dann…..” Schon setzte es wuchtige Handkantenschläge und die milde Abendluft bekam harte Tritte in den Bauch, untermalt mit lautem “Hu” und “Ha” Gebrülle.
Rene tat so als wäre er zutiefst beeindruckt und nickte zustimmend. Der Zufall wollte es, daß sie den Rest des Heimweges auf unterschiedlichen Wegen zurücklegen mußten und so verloren sie sich zügig aus den Augen. Am nächsten Morgen schaute Rene nicht schlecht, als er Gurkenthomas wieder traf. Diesen zierte ein wunderschönes Veilchen, in allen Farben schillernd und schon von weitem zu erkennen.
Und Thomas erzählte: Kaum war Rene um die Ecke verschwunden bremste ein papyrus farbiger Trabant neben Gurkenhals, ein kräftig gebauter Titan (falls die Beschreibung der Wahrheit nahe kommt) sprang heraus und haute dem verdutzten Kung Fu Kämpfer derartig aufs Maul, daß dieser sich erst einmal auf den Bürgersteig legte.
Der siegreiche Titan beugte sich herab und sagte überrascht “Du bist es ja gar nicht, komm ich helf Dir mal hoch”.
Dann kramte er eine zerknautschte Schachtel Zigaretten aus der Hosentasche und die beiden Protagonisten qualmten erst mal ein Friedenszigarettchen. Dann kletterte der Sieger wieder in seine Rennpappe und brauste davon. Gurkenthomas ging sein Auge kühlen.
Auch als erfahrener Shaolin ist es immer besser, ein kühles Steak im Kühlschrank zu haben.