Kapitel 1 - LP
Raphael
Der Regen prasselt gegen die Fenster unseres Büros, ein unerbittlicher Angriff. Blitze erhellen Rhys’ Gesicht, während er auf und ab geht, seine stahlgrauen Augen, die meinen so ähnlich sind, wild vor Sorge. Ich beobachte ihn und sein ständiges Auf und Ab geht mir immer mehr auf die Nerven.
»Was ist los, Bruder?«
»Was ist los? Wir haben heute Abend den Mondlauf und ein ahnungsloser Mensch ist auf dem Weg hierher Raphael!«
Ich seufze und lehne mich in meinem Stuhl zurück. Das Leder knarrt unter mir, ein vertrautes Geräusch in diesem Raum, in dem wir gefühlt mehr Zeit verbringen als im Rest des Hauses. »Das wird schon«, sage ich und versuche, ihm etwas von meiner Gelassenheit zu vermitteln.
»Warum nimmt das keiner so ernst wie ich?«, knurrt Rhys, seine Frustration ist spürbar.
Ich unterdrücke eine Antwort. Die Göttin weiß, dass Rhys einen in den Wahnsinn treiben kann, wenn er so ist, wenn er sich an Regeln und Traditionen klammert wie an einen Rettungsanker. Die Erinnerung an seinen jüngsten Plan, Harper, Wildes menschliche Gefährtin, aus dem Rudel zu verbannen, hinterlässt immer noch einen bitteren Geschmack in meinem Mund.
»Ich habe Rudel gesehen, die mit normalen Menschen zusammenleben … ich habe gesehen …« Ich setze an, doch Rhys fällt mir ins Wort.
»Unser letzter Besucher ist hier geblieben und wurde sogar markiert, Raphael!«
»Rhys, wir reden hier von Harper …«, versuche ich es, aber wieder fällt er mir wütend ins Wort.
»Die unser Bruder gefickt hat!«
»Harper ist Wildes Gefährtin, Rhys, egal, wie oft du Rudelversammlungen einberufst oder mit ihr streitest«, erinnere ich ihn. Rhys muss immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden, denn er hat den Sturkopf unseres Vaters geerbt.
Rhys fährt sich mit der Hand durchs Haar, seine Stimme ist angespannt. »Ich kann es nicht mehr hören. Wir hatten schon einen Zwischenfall, wir brauchen nicht noch einen.«
Ich atme langsam aus und versuche, meine eigene Frustration im Zaum zu halten. »Rhys, können wir bitte in den Wald gehen? Ich glaube, Claudia wartet auf dich.«
Bei der Erwähnung von Claudia verzieht Rhys das Gesicht vor Ekel, während er aus dem Fenster schaut. »Sie wird aufdringlich. Sie hat schon gestern versucht, hier reinzukommen.«
»Mag sie dich?«, frage ich, obwohl ich die Antwort schon kenne.
»Sie mag mich nicht«, antwortet Rhys mit verächtlicher Stimme, »sie will, dass ich sie markiere.«
Ich kann mich eines gewissen Mitgefühls nicht erwehren. Mit seinem starren Festhalten an der Tradition ist Rhys genauso gefangen wie ich, gefangen zwischen Pflicht und eigenen Wünschen, auch wenn er sie nie ausspricht.
»Weißt du, Rhys«, beginne ich leise und bedächtig, »wir sind beide die Alphas des Nixon-Rudels. Wir hätten um den Titel kämpfen können, wie es die Zwillingsregel vorschreibt. Aber wir haben uns anders entschieden. Lass uns das nicht bereuen, Rhys.«
Seine stahlgrauen Augen starren in meine, ein Sturm braut sich in ihnen zusammen. »Und was hat uns das gebracht?«, schnauzt er, die Fäuste an den Seiten geballt. »Unser Rudel verliert seine Identität, seine Stärke.«
Ich spüre meine eigene Wut aufsteigen, eine heiße Flut, die überzukochen droht. »Die Welt verändert sich, Bruder. Andere Rudel haben sich angepasst, sich in die menschliche Gesellschaft integriert. Aber wir? Wir klammern uns an die Vergangenheit, als wäre sie eine Rettungsleine.«
»Es sind unsere Traditionen, die uns stark machen, die uns definieren!«, brüllt Rhys und schlägt mit der Handfläche auf den Schreibtisch.
Ich stehe auf, mein Stuhl schrammt über den Boden. »Und sie sind es auch, die uns auseinanderreißen«, argumentiere ich und meine Stimme wird lauter, um mit seiner mitzuhalten, »wir haben gute Wölfe verloren, Rhys. Wölfe, die das Gewicht unserer sogenannten Traditionen nicht tragen konnten.«
Für einen Moment sehe ich ein Aufflackern von Schmerz in Rhys’ Augen, das schnell von sturer Entschlossenheit überdeckt wird. »Wir wachsen immer noch«, beharrt er, aber seiner Stimme fehlt die gewohnte Überzeugung. »Wir ziehen immer noch neue Mitglieder an.«
»Das kann nicht dein Ernst sein«, entgegne ich kopfschüttelnd, »es ist nicht mehr wie zu Zeiten unserer Großeltern. Kennst du noch die Geschichten? Sie mussten die Wölfe wegschicken, die hierherkommen wollten. Und heute? Wir können froh sein, wenn wir eine Handvoll neue Mitglieder pro Jahr bekommen.«
Die Stille, die folgt, ist schwer, beladen mit unausgesprochenen Ängsten und Frustrationen. Ich kann fast hören, wie sich die Zahnräder in Rhys’ Kopf drehen, wie er mit dem Konflikt zwischen seinen tief verwurzelten Überzeugungen und der harten Realität unserer Situation ringt.
»Was sollen wir deiner Meinung nach tun?«, fragt er schließlich mit ungewohnt leiser Stimme. »Alles aufgeben, wofür wir stehen? Ein weiteres Rudel werden, das sich in der Menschenwelt verirrt?«
»Nein, Rhys. Aber wir müssen einen Mittelweg finden. Für unser Rudel, für unsere Familie.« Ich halte inne und denke an Harper, an die Veränderungen, die sie in unser Leben gebracht hat. »Den ersten Schritt haben wir bereits getan, indem wir Harper akzeptiert haben. Vielleicht ist es an der Zeit, noch ein paar Schritte weiterzugehen.«
Rhys’ Kiefer verkrampft sich und ich kann den inneren Kampf in seinem Gesicht sehen. Für einen Moment glaube ich, dass er tatsächlich über meine Worte nachdenkt. Doch dann verhärtet sich sein Gesichtsausdruck und ich weiß, dass wir wieder am Anfang stehen.
»Das besprechen wir später«, sagt er knapp und dreht sich zur Tür, »kommst du mit?«
Ich strecke die Hand aus, drücke Rhys auf die Schulter und löse mit der anderen Hand meine Krawatte. »Natürlich«, sage ich und versuche, die Stimmung aufzulockern, »es wird Zeit, dass du etwas Dampf ablassen kannst.«
Rhys dreht sich zu mir um, seine stahlgrauen Augen funkeln in einer Mischung aus Frustration und Belustigung. »Nicht ich sollte meinen Wolf beruhigen, sondern du«, antwortet er.
Ich muss lachen. Natürlich hat er recht. Die Ironie entgeht mir nicht. Ich tanze nun schon seit Jahren mit dem Wolfswahnsinn. Das ist mir schon fast in Fleisch und Blut übergegangen.
Die Miene meines Bruders wird etwas weicher und Besorgnis schleicht sich in seinen Ausdruck. »Wie hältst du das aus?«, fragt er leise, »die ständige Unruhe…«
Ich zucke mit den Schultern und versuche, die richtigen Worte zu finden. »Es ist nicht leicht«, gebe ich zu. »An manchen Tagen habe ich das Gefühl, meine Haut fällt ab, ich platze aus meinem Körper. Aber ich klammere mich an die Hoffnung. An den Glauben, dass sie irgendwo da draußen ist.«
Rhys nickt verständnisvoll. Das ist einer der wenigen Punkte, in denen wir uns noch einig sind – wie wichtig es ist, unsere wahre Gefährtin zu finden.
»Wilde hat Glück gehabt«, murmelt er mit einem Hauch von Neid in der Stimme und ich muss schmunzeln, weil er diesen Satz wohl nie vor jemand anderem als mir sagen würde.
»Das hatte er«, stimme ich zu und denke an unseren jüngeren Bruder und seine menschliche Gefährtin Harper. »Aber wir sind erst vierunddreißig, Rhys. Wir haben Zeit.«
Wir tauschen Blicke, denn wir wissen, dass dem nicht so ist. Jedes Jahr, seit wir dreißig sind, wird mehr zur Qual.
»Mit jedem Vollmond, der vergeht, spüre ich, wie der Wahnsinn näher kommt. Der Gedanke, irgendjemanden zu markieren …«, erklärt er mit belegter Stimme, und sein Gesicht verrät Abscheu.
Ich nicke und spüre den gleichen Ekel bei dem Gedanken. »Ich weiß«, sage ich leise. »Aber wir müssen daran glauben. Die Göttin hätte uns nicht erschaffen, nur damit wir dem Wahnsinn verfallen.«
Rhys antwortet nicht, aber ich sehe den Konflikt in seinen Augen. Aber wir würden beide lieber dem Wolfswahnsinn verfallen, als uns mit weniger als unserer wahren Gefährtin zufrieden zu geben.
»Weißt du«, sage ich mit einem ironischen Lächeln, »ich suche sie, seit ich achtzehn bin. Jedes Jahr mache ich mich wie ein Uhrwerk auf den Weg. Ich durchquere Reviere, besuche andere Rudel …«
»Ich weiß«, bemerkt Rhys, »falls du es vergessen hast, ich kümmere mich in der Zeit hier um alles.«
»Du könntest auch einfach gehen, Rhys, wenn du willst.« Ich weiß, dass er mich gehört hat, aber er sagt nichts. Er schweigt einfach und geht mit mir über die Veranda in den Garten.
Wir sind beide die Anführer unseres Rudels, und doch sind wir genauso verletzlich wie jeder unverpaarte Wolf gegenüber den grausamen Launen des Schicksals und der tickenden Uhr des Wolfswahnsinns.
Der Moment der Verständigung zwischen Rhys und mir wird durch das Geräusch schwerer Schritte auf der Treppe hinter uns unterbrochen. Wilde erscheint und kämpft mit einem überdimensionalen Karton. »Hat einer von euch Calle gesehen?«
»Draußen? Beim Mondlauf?«
»Nein, er ist in seiner Bar«, knurrt Rhys hinter mir, wirft seine Jacke ab und zieht seine Schuhe aus. In seiner Stimme schwingt Missbilligung mit.
»Warum?«, frage ich neugierig. Dass Calle bei einem Mondlauf nicht dabei ist, ist zumindest ungewöhnlich.
Wilde verzieht die Lippen zu einem Grinsen. »Weil er, genau wie ich, es nicht nötig hat, irgendwelche Wölfinnen zu vögeln.« Er nickt in Harpers Richtung, die gerade mit verschränkten Armen und hochgezogenen Augenbrauen aus der Küche kommt.
»Wenn ihr zurückkommt, nehmt die Hintertür«, sagt sie mit einer Mischung aus Belustigung und Verzweiflung. Sie ist noch nicht lange dabei, aber sie macht keinen Hehl daraus, was sie davon hält.
Wildes Grinsen wird breiter. »Oh, ich bin mir ziemlich sicher, dass einer von ihnen definitiv den Hintereingang benutzt.«
Harper gibt ihm einen spielerischen Klaps auf den Arm und rollt mit den Augen. »Idiot.«
Ich muss über ihren Scherz schmunzeln und verspüre einen Anflug von Neid auf die ungezwungene Vertrautheit zwischen Wilde und Harper.
Die kühle Nachtluft streichelt meine Haut, und ich spüre die vertraute Anziehungskraft des Mondes. Rhys und ich entkleiden uns schnell und effizient, unsere Körper reagieren auf den Urschrei unserer Natur. Im Nu verändert sich die Welt und ich stehe auf vier Pfoten, die Sinne geschärft, die nasse Erde unter den Krallen.
Wir schlängeln uns durch den dichten Wald, unsere Wolfsgestalten sind perfekt an dieses Gelände angepasst. Fast sofort nehme ich die Witterung von Ariel und Claudia auf. Sie folgen uns und bieten sich, wie schon in letzter Zeit, an, uns zu helfen, den Druck, der durch unseren ungebundenen Status entsteht, abzubauen.
Ich fühle einen Moment des Konflikts. Ein Teil von mir – der Teil, der so lange vergeblich nach meiner Gefährtin gesucht hat – möchte nachgeben, sich in dem einfachen Vergnügen verlieren, das sie mir bieten. Aber mein Wolf schnappt nach Ariel, als sie spielerisch versucht, mich zum Stehenbleiben zu bewegen.
Ich kann nicht.
Ich will nicht.
Nicht jetzt.
Als wir tiefer in den Wald eindringen, blicke ich Rhys in die Augen. Trotz seiner vorherigen Worte habe ich das Gefühl, dass Claudia später am Abend ihren Weg ins Haus und wieder hinausfinden wird. Aber ich werde sie nicht verurteilen. Wir alle versuchen nur, diesen Fluch auf unsere Weise zu überleben.
Der Regen dringt durch mein Fell, aber ich merke es kaum. Ich konzentriere mich nur auf das Geräusch meiner Pfoten auf dem Boden und das Rauschen des Windes in meinen Ohren.
Ein Geruch trifft mich plötzlich wie eine physische Kraft und lässt mich innehalten. Vanille und Zimt vermischen sich zu einem berauschenden Duft, der meinen Wolf vor Sehnsucht winseln lässt. Meine Nasenflügel blähen sich auf, verzweifelt versuche ich mehr von dem verlockenden Duft einzufangen.
Rhys’ Wolf durchbricht den Wald hinter mir und bleibt irritiert neben mir stehen. Sein Wolfskopf neigt sich, doch ich schüttle nur den meinen.
Ohne auf ihn zu achten, tauche ich tiefer in den Wald ein, meine Pfoten graben sich in die weiche Erde. Der Geruch zieht mich wie ein unsichtbarer Faden vorwärts und führt mich durch das Labyrinth der Bäume.
Mein Wolf hat jetzt die Kontrolle, getrieben von einem Instinkt, den ich mir nicht erklären kann.
Der Wind flüstert durch die Blätter und trägt diesen betörenden Duft mit sich. Er wird mit jedem Schritt stärker und erfüllt meine Sinne, bis er alles ist, worauf ich mich konzentrieren kann.
Plötzlich weicht der dichte Wald einer kleinen, wenig befahrenen Straße. Die Duftspur führt zurück ins Zentrum von Nixon.
Hin- und hergerissen bleibe ich stehen.
Claudia und Ariel tauchen am Waldrand auf, die Augen weit aufgerissen vor Verwirrung und mit einem Hauch von Schmerz darüber, von mir und Rhys zurückgelassen worden zu sein.
Doch ausnahmsweise ist mir sein Festhalten an der Tradition egal. In Nixon wartet etwas auf mich, und ich werde nicht ruhen, bis ich es gefunden habe.
Als ich meine ersten Schritte in Richtung Stadt mache, spüre ich Rhys’ Missbilligung hinter mir.
Das Geräusch meiner Pfoten auf dem Kopfsteinpflaster von Nixon hallt durch die vertraute Stadt, während mein Herz rast. Jeder Instinkt schreit, dass ich nicht hier sein sollte, nicht so, nicht bei Vollmond. Aber ich kann nicht anhalten.
Ich bleibe an der Ecke zum Marktplatz stehen, meine Krallen schaben über den Stein. Da, auf der anderen Straßenseite, sehe ich sie.
Mir stockt der Atem. Sie steigt aus einem Auto, ihr Gesicht ist deutlich verärgert. Aber es ist nicht ihr Gesicht, das mich erstarren lässt – es ist ihr Geruch. Vanille und Zimt, gemischt mit etwas Einzigartigem … menschlichen.
Sie ist zierlich, aber sie hat eine unverwechselbare Präsenz. Ihr langes schwarzes Haar mit blauen Strähnen fällt ihr über die Schultern, während sie mit ihrer Jacke kämpft. Alles an ihr schreit nicht von hier, aber mein Wolf heult, dass sie zu uns gehört.
Zu mir.
Meine Gedanken rasen. Ein Alpha kann keine menschliche Gefährtin haben. Das ist unerhört. Wildes Situation mit Harper war schon grenzwertig, aber das hier? Das könnte das Rudel spalten.
Wie erstarrt sehe ich zu, wie sie über die Straße zu Calles Bar eilt. Die Neonreklame flackert und wirft für einen Moment einen roten Schimmer auf ihr Gesicht. Das reicht, um ihr Bild in mein Gedächtnis zu brennen.
Sie gehört mir.








