Kayra - 1
In völliger Finsternis, führte Kayra gemächlich das brennende, längliche Streichholz von einer Kerze zur nächsten. Sie war gerade eben erst erwacht und aus ihrem Bett aufgestanden, das noch hochgefahren war, da sie nicht darauf geschlafen hatte, sondern in der eingebauten, samtig weichen Kammer darunter. So hatte sie die letzten zwei Monate ausschließlich geruht, meistens in einem mehrtägigen Schlaf und trotz der Nacht, waren die Schutzplatten an ihrem Fenster verriegelt und die Vorhänge darüber zugezogen. Gut zwei Dutzend Dochte hatte Kayra am Ende entzündet und lediglich bekleidet mit einem erdbeerroten Schlafmantel, der ihr halb von den Schultern hing und nicht zugebunden war, setzte sie sich vor eines ihrer neuesten, begonnen Gemälde. Es war fast fertig, aber sie malte es nicht aus Lust an der Kunst, wie so viele zuvor und sie sah sich in dem Bild ihren Erlebnissen von jener Nacht gegenüber.
Feuer war das fast völlig einnehmende Merkmal der Malerei. Hässliche Flammen Fratzen säumten alles, wie als säßen sie auf einer Tribüne und sie gierten hämisch auf einen geschlagenen, verwundeten Körper inmitten dieser brennenden Hölle. Dass ein grimmiges, verhöhnendes Lachen von ihnen widerhallte, war allerdings nicht Teil des Bildes.
Nein, Kayra hoffte, mit diesem Bild ihre Alpträume loszuwerden, die sie seit jener Nacht heimsuchten, denn egal wie mächtig sie oder jeder andere Vampir auch war - keiner war immun gegen Ängste und das, was einen normalen Menschen quälen konnte. Sie bemühte sich nicht aufzuhören und war kurz davor das Bild zu vollenden, doch dann lies sie den Pinsel fallen und griff sich krampfend an ihren linken Arm. Der war inzwischen vollständig ausgeheilt, bis auf die Tatsache, dass die Haut so weiß wie Schnee war und absolut nicht zu Kayra`s sonst so mediterranem Teint passte. Alles half nichts und die Erinnerungen übermannten Kayra!
„Und jetzt fahren sie zur Hölle!“, brüllte Dalia Kayra entgegen und schickte sie mit einem kraftvollen Fausthieb gefühlt über das halbe Areal, bevor sie durch das Fenster eines brennenden Gebäudes und durch mehrere, teils flammende Wände krachte. Als wären Kayras kritische Armwunde und die harte Landung nicht schon genug gewesen, so tat das brutale Hitze ihr übriges dazu. Dalia hatte sie wortwörtlich in die schlimmste Hölle eines jeden Vampirs geschickt, mit Feuer und Flamme. Ihr Schmerz war unerträglich und windend und weinerlich schreiend hielt sie hielt sich den Ellenbogenstumpf, während sie überall an ihrem Körper bereits üble Verbrennungen erlitten hatte, gegen die ihre sonst so übermenschliche Selbstheilung keinerlei Chance hatte, genauso wie ihren abgeschlagenen Arm zu heilen. Es gab keinen Ausweg mehr für Kayra und nur eines, was sie jetzt noch tun konnte, als sie mit ihrer letzten Kraft nach ihrem Blutauge griff. Vater … hilf mir. Wimmerte sie gedanklich und hielt das Objekt fest umschlossen und sie krümmte sich zusammen, wie ein kleines Mädchen als das sie sich fühlte. War das ihr Ende? Angesicht in Angesicht zum Feuer, einer der reinsten Kräfte dieser Welt? Lachte es über sie? Es schien gar zu tanzen, aber nein! Es tanzte nicht, es wich?!
Trotz der immensen Gefahr, knarrten neue Schritte nur langsam über den Boden und ein Schatten vermochte das grelle Licht der Flammen zu dämpfen und obgleich des Vampirs größter Feind, zogen sich in Oskars Anwesenheit sogar zurück
Ja, Kayra war im Moment wirklich ein kleines Mädchen und streckte ihren gesunden Arm Halt suchend aus, als ihr Vater sie behutsam aufnahm und ihren blutigen Armstumpf gegen seine Brust drückte, um sie aus dieser Todesfalle zu retten.
Der Rest war Geschichte und Kayra öffnete ihre Augen, um ihr Gemälde erneut zu konfrontieren und letzten Endes doch die finalen Striche darauf zu machen, aber das hatte all ihre Kraft aufgezehrt und dabei war sie erst kurz zuvor aus einem langen Schlaf erwacht. Frische Luft im Garten und Bewegung, das sollte ihre Abhilfe schaffen, nachdem sie ein vollen Glas eiskalten Blutes ohne einen Gedanken an Genuss hinunter gestürzt und sie sich den Schlafmantel gerichtet hatte.
Hier in Patriarch Steins Anwesen konnte man kaum meinen, dass nun offiziell Krieg in Great Kingston herrschte. Es war so still wie eh und je, obwohl das auch daran lag, dass viele Klan Mitglieder eben in der Stadt unterwegs waren und spähten, wachten oder zuschlugen.
Kurz vor dem Garten hielt Kayra inne, genauso wie der Mann, der ihr entgegenkam – Ryan. Nicht ein Wort hatte sie mit ihm gewechselt, seit er sich aufgedrängt hatte. Er hatte sie ein paar Mal angesprochen, doch das hatte sie stets unbeantwortet gelassen ihn gar ignoriert und das würde sie jetzt nicht ändern.
Ryan versuchte es aber mittlerweile auch gar nicht mehr, als die Frau mit durchgedrücktem Rücken und starrem Blick an ihm vorbei lief. Dass er verloren wirkte, blieb allerdings nicht unbemerkt.
Einzig weil Kayra wusste, dass es keinen anderen Weg gegeben hatte, hatte sie dem Wunsch des Kindes zugestimmt. So konnte Ryan in ihren Klan eintreten, ohne dass ihr Vater das Gesicht verlor. Eine Mutter für ihn sein? Nein! Sie hatte ihn beschützt und unterstützt, weil es ihre Pflicht gewesen war und auch wenn sie die Erfolge von Ryan achtete und sie nicht leugnen konnte, dass jene Gedanken sie seit diesem Auftrag bei seltener Gelegenheit erfassten, so war sie stärker als diese. Sie würde treu bleiben.
Der Winter hatte die Landschaft noch immer fest im Griff und abseits der geräumten, völlig freien Wege aus gepflastertem Stein, lag alles unter einer fast Knöchel hohen Schicht aus Schnee, der so gleichmäßig glatt war, als hätte jemand Präzisionsarbeit geleistet.
Zunächst ging Kayra auf den Wegen entlang und entfernte sich dabei ein gutes Stück vom Anwesen. Es war nicht nur Ryan, den sie mied. Seit ihrer Verletzung, war sie ihren Pflichten als rechte Hand nicht eine Sekunde nachgekommen und fühlte sich angreifbar. Das Grundstück war groß genug, dass sie selbst nach einem kleinen Fußmarsch immer noch darauf war, aber sie verließ die klaren Wege und schritt, ohne Fußabdrücke zu hinterlassen oder den Schnee knarzen zu lassen, über die weiße Pracht. Ein Stein, größer noch als Raugh und mit recht flacher Oberseite, sollte ihr als Ruheplatz dienen und unbekümmert, legte sie sich mit ausgestreckten Armen und Beinen nieder, so dass sich ihr Schlafmantel öffnete. Kayra konnte es einfach nicht lassen, auch nicht nach all den Jahrhunderten und sie starrte zum klaren Viertelmond hinauf, begleitet vom leichten Wind und einigen, knackenden Ästen. Bis heute war sie sich nicht ganz sicher, warum sie diese nackten Mondscheinbäder von Zeit zur Zeit machte, aber ihre stärkste Vermutung war, dass sie so auf diese Welt kam – als Vampir. Beinahe geschändet, für ihre Gegenwehr abgestochen worden und dem Tode nahe, war sie von Patriarch Stein unter einem solchen Viertelmond geschaffen worden. Vermutlich quälte sie sich deswegen auch nicht, wenn sie jetzt hier so ähnlich lag wie damals, denn das war danach, als der Alptraum vorbei gewesen war. „Wenn andere wüssten wieso ich das hier tue, würden sie denken ich sei nicht bei Verstand, oder?“
Diese Frage war kein Selbstgespräch, sondern wurde wissentlich in den Raum geworfen. „Möglich“, drang die Stimme von Oskar sanft durch die Nacht. Es war, als könnte er überall sein, ein Schatten eins mit der Nacht und er sprach auf einer äußerst persönlichen Ebene zu seiner Tochter. „Aber du wirst nie jemand sein, der sich um die Meinung anderer kümmert. Das ist eine der größten Stärken, die man haben kann.“
„Deine Meinung ist mir wichtig“, sagte Kayra offen. Dass sie in Oskars Anwesenheit hier so lag, wie die Natur sie schuf, störte sie nicht. Nichts was er nicht schon an ihr gesehen hatte und seit jeher, war sein Interesse und seine Liebe die eines Vaters. „Und nur deine und ich … bin eine solche Enttäuschung als Tochter, eine Schande.“
„Wir alle fürchten das Feuer Kayra und das zurecht“, gestand Oskar ihr zu. Der Mann, vor dem das Feuer wich. „Immer erfüllst du deine Pflicht, immer bist du stark und immer bist du Vorbild. Ich liebe alle meine Kinder, selbst mit ihren Fehlern, aber du hörst nie auf mich stolz zu machen – du bist ohne Fehl.“
Demonstrativ reckte Kayra ihren neuen Unterarm in die Höhe, so dass sie ihn mit dem Mond im Hintergrund ansehen konnte. „Ich achte deine Meinung, aber gerade siehst du mich mit den Augen eines Vaters. Ich sehe es objektiv, du nicht.“
Oskar lachte verhalten. „Vielleicht und vielleicht wäre das ein guter Zeitpunkt, meine Sichtweise verstehen zu lernen. Du hast seit einiger Zeit die Gelegenheit und die Verantwortung.“
„Ich … wollte das nicht“, erwiderte Kayra ruhig und schloss ihre Faust und ihre Augen. „Du weißt, ich bin absolut loyal und ich will keinen eigenen Kreis oder Klan. Ich habe ihn nur akzeptiert, weil ich wusste, dass das in deinem Sinne war. Er aber, hat sich mir aufgedrängt. Ich bin nicht seine Mutter. Ich bin keine Mutter. Das war nie mein Schicksal.“ Sie öffnete ihre Faust und legte jene Hand stattdessen auf ihren flachen Bauch.
„Schicksal ist nur ein komfortables Wort für das Chaos, das der wahre Antrieb aller Welten ist und dem Chaos Ordnung zu bringen, das kann nicht jeder und du bist niemand, der sich dem Chaos ergibt“, meinte Oskar ernst, als seine Silhouette am Rande des Steins sichtbar wurde, aber sein Blick war ebenso in den Nachthimmel gerichtet. „Nein, du siehst nach Vorne. Eine gute Eigenschaft gegen das Chaos und vielleicht fühlst du dich noch nicht als Mutter, aber endlich als Herrin deines eigenes Kreises. Mit Ryan als Sohn und Anna als menschlicher Dienerin, hast du die perfekten Grundsteine.“
„Dalia hatte mich beleidigt“, erklärte Kayra sich gelassen. „Ich habe Anna in meine Dienste genommen, um Dalia ihre Grenzen zu zeigen.“
„Und weil du nicht ohne weiteres eine Unschuldige sterben lassen würdest.“
„Und das, ja.“
Oskar, trotz all seiner Erfahrung, war bis heute immer wieder überrascht von der absoluten Loyalität seiner Tochter. „Von all meinen Kindern, hätte keines seine eigene Familie mehr verdient als du“, meinte er nachdenklich. „Glaubst du, ich würde misstrauisch werden? Mich von dir entzweien? Dich fürchten, weil du etwas Eigenes möchtest?“
„Haus Stein ist meine Familie“, sagte Kayra und das nicht nur als Plattitüde. Sie fühlte sich mit den Dingen wie sie waren wohl und auch wenn sie ihrem Vater glaubte, dass es keinen Zwiespalt zwischen die beiden treiben würde, so fehlte Kayra einfach diese Ambition und das, wo Vampire oftmals von Ehrgeiz und Ambitionen getrieben waren, mit einem ewigen Leben voller Möglichkeiten. „Dein Umhang ist der Einzige, den ich tragen möchte.“
„Eine eigene Familie bedeutet auch nicht, dass du ihn ablegst. Du bist kreativ, diszipliniert und weise. Besser kann ein Familienoberhaupt nicht sein.“
„Vielleicht gefällt es mir einfach so, wie es ist“, erwiderte Kayra. Sie schloss ihre Augen und sprach frei nach ihrem Herzen. „Ich habe die Befürchtung, dass wenn ich nicht mehr an deiner Seite stehe so wie jetzt, die Dinge nicht mehr so funktionieren und etwas passiert, das ich hätte verhindern können, was ich nicht könnte, weil ich mit … mir selbst und meiner Familie beschäftigt wäre.“
Oskar lachte zurückhaltend. „Ich bin zwar alt und habe viele Feinde, aber ich bin noch nicht so alt, dass ich nicht auf mich selbst und den Klan aufpassen kann.“
„Ein Klan kann nicht mit einer starken Hand alleine funktionieren“, meinte Kayra resolut und schlug ihre nun stark leuchtenden, gelben Katzenaugen auf, stets den Nachthimmel fixierend. „Die Hand braucht gute Werkzeuge, um das Gebilde zu bewahren und voran zu bringen.“
Diese Aussage ließ die Falten der Freude vom vorherigen Lachen aus Oskars Gesicht schwinden. Es war einer der wenigen Momente, wenn er mit Kayra unzufrieden war, wenn sie so von sich sprach. „Weder du noch der Rest unserer Familie sind bloße Werkzeuge für mich, aber ich schätze, du bleibst eisern in deiner Entscheidung und ich werde dich gewiss zu nichts zwingen. Allerdings ist Ryan ohne deine Führung verloren und Anna, nun ich beschäftigte sie im Haus, doch sie ist die deine.“
„Ryan hat genug Anlaufpunkte hier, mit dir oder den anderen. Sag mir nicht, er würde den Rest meiden.“
„Das nicht, glücklicherweise“, erwähnte Oskar und er entfernte sich so weit vom Felsen, dass er seiner Tochter den Rücken zuwandte. „Ich sprach schon mit ihm, vor allem über dich, aber mir fehlte die Zeit für seine Bedürfnisse und ich werde dich derer nicht berauben. Mit ein paar anderen Familienmitgliedern hat er erste Verbindungen aufgebaut und das wird für eine Weile genügen. Früher oder später, wirst du dich ihm jedoch stellen müssen.“
Kayra schmunzelte schmal. „Wie war das, mit dem nicht zwingen? Ich muss?“
„Glaub mir, es ist unvermeidlich“, meinte Oskar überlegt. Immer schon sprach er mit seiner Tochter über Politik, doch nun machte er sie zum einem aktiven Teil davon. „Es sei denn, du willst dass er Schande über deinen Namen und damit über Haus Stein bringt, denn das geschieht mit Kindern ohne Eltern, unwissend und anfällig für Fehler ... geschähe dies, würdest du mich zum ersten Mal wirklich enttäuschen.“
Ihren Vater enttäuschen?! Niemals würde Kayra das tun oder zulassen! „Eher wird die ewige Nacht zum ewigen Tag“, offenbarte sie ehrlich und machte eine Faust, die sie auf den Felsen presste, wodurch er ein wenig splitterte. „Ich … kann das nur nicht so einfach! So viel ist passiert und ich bin noch nicht ganz wieder da!“
„Dann trifft es sich gut, wenn ich dich fortschicke“, antwortete Oskar trivial, als wäre ein Krieg und die Gefahr für den Klan bloß eine Kleinigkeit. „Ein wenig weiter entfernt von all diesen Nebensächlichkeiten, das wird dir helfen einen klaren Kopf zu bekommen und trotzdem unserer Familie zu helfen.“
„Dann hast du also eine neue Aufgabe für mich“, erkannte Kayra und richtete ihren Rücken auf. „Wie kann ich zu Diensten sein?“
„Magier Zivai“, hielt sich der Patriarch knapp. „Es ist nun knapp zweieinhalb Monate her, dass er auf seiner Mission verschwunden ist.“
„Vermutlich ist er tot oder denkst du anders?“
„Nein, ich glaube nicht dass er so einfach stirbt“, schüttelte Oskar seinen Kopf. Er war von dem Magier beeindruckt. „Zum Sterben ist er zu eitel und das mit Recht. Seine Talente sind für sein Alter außerordentlich.“
„Das mag sein“, nickte Kayra, aber sie zweifelte. „Nur wenn er so gut ist, warum ist er verschwunden? Oder denkst du … er ist unser Feind und hat den Splitter seinem Meister oder Lady Gardner gebracht?“
„Das hätte für mich wenig Sinn ergeben und so ist es auch nicht“, sagte Oskar gewiss und er sah zum Felsen zurück, in die Augen seiner Tochter, bevor er ein wenig abfällig sprach. „Robert´s Dämon erwies sich in dieser Sache als nützlich.“
„Wie das?“, fragte Kayra überrascht. Sie kannte weder Percival wirklich, noch hatte sie viel mit Dämonen zu tun.
„Diese Tiara konnte in der Hölle in Erfahrung bringen, dass Magier Zivai im Flugzeug gegen eine äußerst starke Magierin gekämpft hat, deren Künste des Eises ihresgleichen suchten. Bedenkt man die Tatsache, dass die Ritter des Vatikans Ivy, den arktischen Wind, beim Kampf um den Virus an ihrer Seite hatten, fügt sich ein plausibles Muster zusammen.“
„Ivy, mh“, raunte Kayra nachdenklich. Sie kannte den Namen und wofür die magische Söldnerin stand. „Denkst du, sie hat Percival gefangen genommen und den Splitter an den Vatikan übergeben?“
„Fraglich. Laut Tiara soll Magier Zivai aus dem Flugzeug entkommen sein, bevor sein Dämon zur Hölle fuhr und dort wiedergeboren wurde.“
„Da er jedoch nicht zurückgekehrt ist, muss irgendetwas mit ihm passiert sein.“
„Zweifellos“, nickte Oskar und enthüllte aus seinem Umhang heraus, ein neu gefertigtes Blutauge, welches er zu seiner Tochter schweben ließ. „Das Flugzeugwrack wurde gefunden, samt des Flugschreibers. Es lässt sich ungefähr erahnen, wo der Kampf begann und Percival sein könnte.“
„Sagtest du nicht, das Gebiet sei ein weitläufiges Nirgendwo?“, fragte Kayra und öffnete ihre Hand, um das Blutauge zu umschließen. „Wenn er gefangen genommen wurde, von wem auch immer, ist er bestimmt nicht mehr dort.“
„Wir müssen irgendwo anfangen“, meinte Oskar und trat langsam den Rückweg zum Anwesen an, mit lautlosen Schritten und ebenfalls ohne Abdrücke im Schnee zu hinterlassen. „Und wie ich sagte, das wird dich weit weg von diesem Krieg und allem Ärger bringen. Wer weiß, was du in der Wildnis findest oder für Erkenntnisse hast.“
Kayra stand langsam auf, so dass der Wind ihren offenen Mantel zum flattern brachte, während sie nachdenklich das Blutauge ansah. „Was ist dir wichtiger – der Splitter, oder der Magier?“
Oskar war auf einmal verschwunden, aber seine entschiedene Stimme war noch zu hören. „Wenn möglich, beides. Wenn nicht, bring mir den Splitter unter allen Umständen und komm mit einem klaren Verstand und unversehrt zurück – das ist mein Gebot.“
Willensstark drückte Kayra die Faust mit dem Blutauge an ihre Brust. „So sei es, Vater“, hauchte sie und flüsterte. „Aber wenn ich weg bin, wer kümmert sich um das Kind?“
„Niemand, aber ich werde ihn beschäftigen und wir werden sehen, ob er deiner wirklich würdig ist.“
Ein dunkles Lächeln umspielte Kayras Lippen. Ja, der Patriarch wusste ganz genau was sie hören musste und wie er sie steuern konnte. Gerade Letzterem war sie sich voll bewusst und sie war damit absolut im Reinen, loyal und treu, wie sie es immer sein würde. Bevor sie jedoch eine lange, strapazierende und schmutzige Reise in die Wildnis unternehmen würde, würde sie sich jetzt erst einmal einer ausführlichen Körperpflege widmen, inklusive Milchbad.