1 Lou
Die Tür war weiß.
Oder vielmals war sie wohl ursprünglich einmal weiß gewesen. Jetzt verliefen lange Kratzer quer über das Türblatt, vermischt mit allen Stufen von Grau.
Ich schluckte. Meine Hand zitterte leicht, als ich sie nach der Türklinke ausstreckte. Gleich würde ich ein Zimmer voller fremder Gesichter betreten. Gesichter, die ich nicht kannte, die mich anstarren würden. Neugierig und Erwartungsvoll.
Mein Herz hämmerte in meiner Brust, wie ein gefangener Vogel. Der Gang war still, fast erdrückend. Meine Finger zitterten, als sie das kalte Metall des Türgriffs berührten. Tief holte ich Atem.
Als die Tür aufschwang, richteten sich alle Blicke auf mich. Ein Flüstern ging durch die Reihen, als ich langsam und zögernd den Raum betrat. Ich schluckte. Wie Stiche spürte ich die vielen Augenpaare auf meiner Haut, die Neugierde, das Unverständnis. Neben dem Lehrerpult stand die Lehrerin. Eine ältere Frau mit strenger Frisur und dünnen Lippen, die sich in einem gezwungenen Lächeln verzogen.
"Du musst Lou sein", stellte die Lehrerin fest. Sie wartete nicht auf meine Antwort, sondern drehte sich zur Klasse um.
"Sie ist neu in der Klasse. Seid nett zu ihr."
Ein paar gemurmelte Begrüßungen, ein paar leere Blicke. Ich nickte nur stumm. Wie immer. Ich wusste, dass sie erwarteten, dass ich etwas sage. Meinen Namen, eine Begrüßung, doch blieben die Worte tief in mir vergraben, wie von einer unsichtbaren Barriere blockiert. Eine Barriere, die niemand außer mir verstehen konnte.
"Du kannst dich dahinten hinsetzen." Die Worte der Lehrerin, drangen wie durch Nebel zu mir. Ich folgte ihrem ausgestreckten Zeigefinger, der ungeduldig durch die Luft wedelte und auf einen leeren Platz in der hintersten Reihe deutete. Mit steifen Schritten machte ich mich auf den Weg, der Aufforderung nachzukommen. Ich ließ mich auf dem Stuhl sinken, die Hände fest ineinander verschlungen, während der Unterricht weiterging. Doch die Blicke spürte ich immer noch auf mir. Von der anderen Seite des Raums drang ein Kichern an meine Ohren, gedämpft, aber gezielt. Ich wagte nicht aufzusehen.
"Hey."
Ich erschrak, als plötzlich eine Stimme dicht neben mir flüsterte. Es war ein Mädchen, mit roten Haaren und süffisantem Lächeln.
"Wieso wechselst du mitten im Jahr die Schule?", fragte sie. Meine Kiefer verkrampften sich, ich wusste, jetzt muss ich etwas sagen, doch nichts geschah.
"Kannst du nicht reden?" Das rothaarige Mädchen zog spöttisch eine Augenbraue hoch, als ob sie eine ernsthafte Frage stellte. Die anderen in der Nähe lachten leise. Meine Hände krampften sich noch mehr ineinander. Ich schluckte, um den unangenehmen Kloß im Hals endlich loszuwerden. Mein Blick blieb auf der zerkratzten Tischplatte kleben. Ich spürte wie mir Röte ins Gesicht schoß und ich zu schwitzen anfing. Meine Hände wurden feucht, während ich sie krampfhaft ineinander drückte.
"Vielleicht ist sie stumm", sagte eine Stimme an meinem anderen Ohr.
"Bist du stumm?", fragte das rothaarige Mädchen. "Vielleicht hat sie Angst vor uns", warf ein anderer Junge ein. "Na hast du Angst?" Seine Stimme war lauter, herausfordernder. Wieder drang Gelächter durch den Raum, wie ein Schwarm Fliegen, den man nicht abschütteln konnte. Ich wollte etwas sagen, irgendwas, nur um zu beweisen, dass ich nicht stumm war und keine Angst hatte. Doch die Worte blieben in meinem Hals stecken. Wie schwere Steine drückten sie schmerzhaft in meinem inneren. Meine Zunge war schwer. In meinem Kopf wirbelten wild die Gedanken durcheinander. "Hey, sag doch mal was!", rief das rothaarige Mädchen und tat so als ob sie horchte. "Oder kannst du nicht reden?"
Das Lachen wurde lauter, boshafter. Innerlich krümmte ich mich zusammen. Alle Muskeln spannten sich an. Meine Hände begannen unkontrolliert zu zittern, was erneutes Lachen heraufbeschwor. Um meine Brust legte sich eine unsichtbare Fessel. Die grauen Wände schienen plötzlich näher zu kommen, als wollten sie mich erdrücken. Die Schlinge aus Lachen und spöttischen Bemerkungen zog sich enger um meine Brust zusammen.
"Hört auf damit!", mischte sich plötzlich eine weitere Stimme ein, scharf und genervt. Es war ein Junge mit dunklem Haar, der in der ersten Reihe saß. Er drehte sich halb um und funkelte die anderen wütend an. "Lasst sie doch in Ruhe!" Mit einem Mal herrschte Ruhe. Das Lachen verstummte abrupt und das rothaarige Mädchen und die anderen tauschten verlegene Blicke. Ich spürte wie sich meine Schultern langsam lockerten. Gerne wollte ich dem Jungen danken, doch ich schaffte es nicht im zuzunicken. Die Lehrerin sagte nichts. Sie hatte von dem Ganzen nichts mitbekommen, war viel zu sehr mit dem Unterricht beschäftigt. Ich senkte den Kopf und atmete flach. Es war nicht vorbei. Es würde nie wirklich vorbei sein. Aber in diesem Augenblick fühlte ich mich nicht ganz so allein.








