Die Welle
»Vorsicht! Eine große Welle kommt!«, höre ich eine Stimme und drehe mich um, nur um zu sehen, wie die geballte Wassermasse, die eine unglaubliche Höhe angenommen hat, in einer bedrohlichen Geschwindigkeit auf mich zukommt. Meinen Blick wieder davon abwenden, schaue ich mich um, versuche einen Weg zu finden, dem noch zu entkommen, obwohl mir klar ist, dass dies wohl nicht möglich ist. Wie immer eigentlich. Angst verspüre ich keine, kenne ich das schon zu gut. Dadurch weiß ich auch, dass ich es überstehen werde, irgendwie. Wie immer eigentlich.
Seufzend sehe ich wieder zu der Welle, die nun direkt vor mir ist und mich gleich mit voller Wucht erwischen wird, weswegen ich nun tief Luft hole und meine Augen schließe. Nicht mal eine Sekunde später bin ich unter Wasser, hoffe, dass es diesmal nicht so lange dauert, bis ich wieder auftauche. Außerdem hoffe ich, dass diesmal nicht zu viel von meiner Welt von der Welle zerstört wird.
Frustriert versuche ich, wieder zurückzufinden, raus aus diesem dumpfen Gefühl, als würde man unter Wasser gedrückt werden, ohne eine Aussicht wieder auftauchen zu können. Es ist, als wäre der Kopf wie leergefegt und man kann einfach keinen klaren Gedanken fassen, nichts was einen weiter bringt. Dazu fühlt sich der Körper so schwer an und man hat einfach zu nichts Lust. Ich hasse dieses Gefühl und es frustriert mich, dass ich immer wieder davon überrollt werde. Schon weil ich nie weiß, wie lange es dauert, bis ich es wieder abschütteln kann. Tage? Wochen? Monate? Es fühlt sich einfach so an, als wäre diese Zeit, in der ich mich so fühle, verloren. Einfach weil ich dann nie etwas auf die Reihe bekomme. Mich zu nichts wirklich aufraffen kann. Jedenfalls privat, auf der Arbeit muss man ja irgendwie funktionieren.
Das Wasser ist wieder weg. Vorerst. Doch für wie lange? Das ist immer schlecht einzuschätzen. Manchmal hab ich ein paar Wochen Ruhe, manchmal ein paar Monate, bis ich wieder unter Wasser gedrückt werde, für eine unbestimmte Zeit. Jetzt bleibt mir erst mal nichts anderes übrig, als zu schauen, was die letzte Welle angerichtet hat, was sie heil gelassen hat, was nicht. Und dann erst einmal leben, die Zeit genießen. Irgendwann ist sie schließlich wieder vorbei. Die unbekümmerte Zeit.
Mein Blick schweift über meine Umgebung. Ein paar Bäume sind ausgewurzelt, liegen nutzlos am Boden. Auch einige andere Pflanzen sind zerstört.
Seufzend wende ich mich davon ab und schaue zu meinem Haus. Von diesem fehlt nun das Dach. Außerdem sind die Fenster zerstört, genauso wie die Außenwände, die nur noch zum Teil stehen. Wieder kommt ein Seufzen über meine Lippen.
Kurz darauf stehe ich in der Küche, hebe einen Topf auf, der auf dem Boden liegt und entdecke eine Art Lucke, die geöffnet ist und vor der eine Frau hockt. Während ich mich frage, seit wann ich einen Keller habe und einen Zugang dazu, schaut die Frau zu mir und meint Schulterzuckend: »Irgendwo muss man ja Schutz suchen.«
Schön, wenn ich das auch einfach könnte… Doch irgendwie schaffe ich das nie.
Die Zeit, in der ich nicht das Gefühl habe, unter Wasser zu sein, genieße ich so gut ich kann und versuche auch kreativ so viel zu schaffen, wie es mir möglich ist. Immerhin weiß ich nicht, wann ich das nächste Mal in diese deprimierende Gefühlslage gerate. Trifft es mich doch immer unerwartet. Kann ich doch nie vorhersehen, wenn eine Situation eintritt, die dieses Gefühl auslöst. Auch möchte ich nie darüber nachdenken, nicht wenn es mir gut geht, aber auch nicht, wenn es mir schlecht geht. Ich möchte nur, dass diese Zeit so schnell wie möglich vorbei geht und dann am besten nicht mehr daran denken. Schließlich möchte ich mein Leben doch genießen.
Entspannt genieße ich die Sonne, die vom Himmel scheint und alles wärmt, was sie trifft. Es ist schon eine Weile so friedlich. Das Gefühl von Gefahr sehr weit weg. Ich weiß nicht, wie lange es schon so schön ist, wenn es nach mir ginge, könnte es für immer so sein. Doch weiß ich, dass der Schein trügt.
Kaum denke ich daran, höre ich das Rauschen von Wasser, welches immer näher kommt. Die Frau bei mir muss es auch hören, weil sie plötzlich aufschaut und an mir vorbei. Und da weiß ich es. Die Wellen kommen wieder, um mich unter Wasser zu drücken. Und ich weiß, es gibt kein Entkommen.
Plötzlich sitzt die Frau vor mir, legt ihre Arme um mich, als würde sie mich trösten wollen oder selber Trost suchen. Und in dem Moment wünschte ich mir, ich könnte diese Welt, meine Welt ändern, die hohen Wellen, die ständig etwas zerstören, verschwinden lassen. Doch das kann ich nicht, nicht hier, wo ich jetzt bin. Nicht mal in dieser Zeit. Dafür müsste ich zurück, wo alles begann. Zu den Zeiten, wo die ersten Wellen mich überraschten und unter Wasser drückten. Und noch während ich dies denke, spüre ich diese Kraft in mir, eine Kraft, die mich zurückbringen kann, wenn ich es zulasse.
Doch als hätte die Frau bei mir es gemerkt, schüttelt sie den Kopf, sie will nicht, dass ich gehe, weil es zu gefährlich ist. Und doch, spüre ich den Wunsch in mir, es doch zu tun. Das Schicksal meiner Welt zu ändern.
Während ich darüber nachdenke, höre ich, dass die Wellen nicht mehr weit weg sind. Also schließe ich wieder meine Augen und halte die Luft an, kurz bevor das Wasser mich ein weiteres Mal verschlingt.
Was sollte es auch bringen, weiter darüber nachzudenken, was einen immer wieder runterzieht? Es ändert nichts! Immerhin müsste ich dafür Dinge in meiner Vergangenheit ändern und das kann ich nicht. Ich kann nicht einfach zurückreisen, gewisse Taten und Entscheidungen ungeschehen machen und dafür sorgen, dass alles besser wird oder immerhin einen anderen Verlauf nimmt. Und jetzt hier in meiner Zeit etwas ändern… Wie soll das möglich sein? Ich kann die negativen Gefühle schließlich nicht einfach löschen. Ich bin keine Maschine, bei der man unerwünschte Programme einfach entfernt, damit sie reibungslos funktioniert.
Ich weiß nicht, was passiert ist, wo ich hier bin. Doch als ich meine Augen öffnete, sehe ich sie vor mir, eine junge Frau, oder eher noch ein Mädchen. In ihrer Nähe ist eine Schatten-Gestalt, welche ein hämisches Grinsen im Gesicht hat und überall um sie herum ist Gelächter zu hören. Man merkt, dass das Mädchen sich unwohl fühlt. Kurz darauf steht sie vor einem Spiegel, fährt mit ihren Fingern durch ihre langen Haare. Sie mag sie, das spürt man. Auch dass sie glaubt, diese langen Haare für immer zu haben.
Doch plötzlich sieht sie vor sich eine Frau, mit kurzen Haaren und selbstbewussten Blick. Sie weiß automatisch, dass sie es ist, älter und nicht mehr so unsicher und ängstlich wie jetzt. Auch spürt sie, dass sie die kurzen Haare eins lieben wird. Dass es ihre eigene Entscheidung war.
Sie sah sie nur für einen kurzen Moment, ein paar Sekunden, doch die reichten aus, um sich ihr verbunden zu fühlen und den Wunsch zu haben, jetzt gleich zu ihr zu werden, nicht erst in einigen Jahren. Dafür würde sie auch jetzt schon auf ihre langen Haare verzichten.
Die Szene vor meinen Augen verschwimmt noch in diesem Moment und ich sehe eine Person auf einem Berg stehen, doch dies nur kurz, da ändert sich das Bild wieder und nun sehe ich eine Frau einen Weg entlang gehen, eine Art Treppe, mit sehr breiten Stufen. Die Frau braucht mehrere Schritte, ehe sie eine Stufe runter gehen kann. Diese Frau scheint glücklich zu sein, es geht ihr gut, doch irgendwie weiß ich, dass es nicht lange so bleiben wird, wenn sie ihren Weg weiter fortführt. Sie sollte umkehren oder einen anderen Weg einschlagen. Doch wie? Wie soll ich sie darauf aufmerksam machen? Wie warnen?
Egal, wie oft man an gewisse Ereignisse zurück denkt. Egal, wie oft man sich vorstellt, wie es hätte anders laufen können. Egal, wie oft man davon träumt. Man kann die Vergangenheit nicht ändern. Man kann nur versuchen, damit zu leben. Wobei es immer einfach ist, die Gefühle einfach zu ignorieren, sie tief in seinem Herzen zu verschließen und zu hoffen, dass sie nie wieder an die Oberfläche kommen, damit sie einen nicht vom Neuen erdrücken.

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