Unlautere Mittel und ein Buch
Mist, mir blieben nur 4 Wochen, um die Hausarbeit in englischer Literatur, für den Kurs von Prof. Miller abzugeben.
Wenn alles planmäßig verlief, schloss ich das Grundstudium mit Ende des Sommersemesters endlich ab. Ungewollt kräuselte sich meine Nase.
Nein ... Ambra ... dies ist nicht der richtige Zeitpunkt, um trüben Gedanken nachzuhängen. Reiß dich gefälligst zusammen.
Gemäß Mrs. Baker, der Bibliothekarin, verweilte das Objekt meiner Begierde in dem Regal, direkt vor mir.
Nur wo?
Mein Blick wanderte über das deckenhohe, dunkle Bücherregal.
Hunderte Bücher, ältere und neuere Exemplare warteten darauf, ihr Wissen preiszugeben. Ich inhalierte den einzigartigen Duft, den nur die Bibliothek verströmte. Eine Mischung aus etwas Erdigem, einem Hauch Vanille, Fichtenholz, das Ganze untermalt mit einem Quäntchen Muffigkeit.
Ich ging die zahlreichen Buchtitel durch,bis mein Blick abrupt an dem gewünschten Titel hängen.
„Aha...da hast du dich also versteckt.“
Verdammt, es stand zu weit oben. Hilflos sah ich mich um. Keine Leiter in Sicht. Ich seufzte resigniert. Nach einer kurzen Überlegung traf ich einen Entschluss.
Ich balancierte auf den Zehen, streckte den Arm weitmöglichst aus und tastete mit den Fingerspitzen nach dem Buch.
Plopp.
Das Buch knallte mir auf Kopf und ich fiel nach hinten, wappnete mich innerlich, auf einen harten Fall. Stattdessen umschlangen maskuline ,raue Hände meine Taille und verhinderten eine unsanfte Begegnung mit dem Boden. Mein verräterisches Herz schlug ein paar Takte schneller, als ich die muskulöse Brust in meinem Rücken wahrnahm. Hitze schoss in die Wangen.
Ich ähnelte mit Sicherheit einer Strauchtomate.
Schnell befreite ich mich aus den Armen meines Retters, drehte mich in seinen Armen und wandte ihm das Gesicht zu. Amüsiert, lachende eisblaue Augen erwiderten meinen Blick.
„Alles okay?“, erklang eine tiefe, baritone Stimme.
„Mmmh...ich glaube schon“, erwiderte ich.
Meine Synapsen verarbeiten den Schreck noch, da ging der Typ in der Hocke und hob das Buch auf.
„Cool, dank deinem kleinem Missgeschickt, habe ich das letzte Ausleihexemplar auf Anhieb gefunden. Danke...Kleines.“
Kleines? Und was meinte der, mit seinem Exemplar ... das war definitiv Meins.
Ich kniff die Augen zusammen und unterzog dem Kerl eine genaue Musterung.
Er hatte eine stattliche Grösse,schwarze, wellige Haare. Seine Gesichtzüge konnte man als durchaus nett aussehend bezeichnen. Allerdings waren seine Lippen etwas zu breit, für einen Mann. Am meisten zogen seine eisblauen Augen,mich in seinen Bann. Sie stachen auf den ersten Blick hervor. Dem Typ war genau bewusst, das ich ihn abcheckte. Ein selbstgefälliger Ausdruck lag auf seinem Gesicht.
Oh, nein ... er trug eine Teamjacke der California Grand Bears, dem Footballteam der New Berkley.
Der Uni, an der ich ebenfalls studierte. Nur hatte ich rein gar nichts mit Sportlern am Hut.
„Du meinst meinem Exemplar, Little Bear“, stiess ich wütent aus.
Ich streckte ihm demonstrativ die Hand entgegen. Er hob amüsiert die Augenbraue.
„Little Bear.Echt jetzt...Kleines?“
„Du willst erst noch einer von den Grossen werden.Wenn ich jetzt bitten darf.Das Buch würde gerne in meinn Besitz übergehen“, blieb ich hartnäckig.
Ich trat einen Schritt auf ihn zu. Er grinste frech und hob den Arm, mitsamt dem Buch, über seinen Kopf.
Na, toll 1,90 geballte Muskelmasse.
„Du wolltest es nicht anders, Herausforderung angenommen Little Bear.“
Ich versuchte mein bestes. In dem ich gegen Little Bears Oberkörper sprang. Leider bewegte sich der Muskelberg keinen Zentimeter.
Mein Versuch glich eher dem Auf- und Abhüpfen eines Gummiballs und ich war nach wenigen Sekunedn aus der Puste.Etwas Gefährliches blitze in Little Bears Augen auf. Er schlang seine Arme fest um meine Taille und presste mich an sich. Mir wurde flau im Magen und ich schluckte schwer. Seine vollen Lippen kamen nah, für meinen Geschmack zu nah. Ein diabolisches Grinsen lag auf ihnen.
Ich sah nur einen Ausweg.
„Mrs. Baker“, rief ich laut.
In dem Bewusstsein, die obliagatorische Ruhe in den geheiligten Hallen zu stören eilte sie zu meiner Rettung.
Absätze klapperten über den altehrwürdigen Boden. Mrs. Baker, der Prototyp einer Bibliothekarin, erschien in ganzer imposanter Gestalt. Ein wütenter Ausdruck lag auf ihrem Gesicht.
„Wie kann ich Ihnen Beiden behilflich sein?“
Sie rückte die knallbunte Brille auf ihrer Nase zurecht.
Ich zeigte mit dem Finger auf Little Bear. Der setze sein charmantestes Lächeln auf.
„Ich benötige dieses Buchexemplar für meinen Kurs. Er hier... hat es mir einfach wegenommen. Mrs. Baker bitte,ich brauche es dringend ...es ist quasi überlebenswichtig“, bettelte ich.
„Das ist so nicht ganz korrekt. Es lag bei meinem Auffinden,genaugenommen auf dem Boden. Ich hab es nur aufgehoben. Und...ich benötige es ebenfalls dringend für meinen Kurs, Mrs. Baker“, konterte Little Bear.
Seit wann besuchte DER Englische Literatur? Ich hatte Little Bear vorher noch nie im Seminar gesehen.
Anderseits bemerkte ich überhaupt niemanden ... ausser meiner Mitbewohnerin.
Mrs. Bakers Blick huschte amüsiert zwischen uns hin und her. Ihre Augen funkelten.
„Nun Kinder...das ist mein letztes Leihexemplar. Ich sehe nur eine Möglichkeit. Ihr müsst zusammen lernen und es teilen,“ traf sie die salomonische Entscheidung.
„Was? Nicht möglich.Bitte es muss doch eine andere Möglichkeit geben“, rief ich entsetzt aus.
Mrs. Baker schüttelte bedauernd ihren Kopf.Ihre ergrauten Locken hüpften dabei auf und ab. Little Bear grinste amüsiert.
„Du...du... brauchst gar nicht so selbstgefällig sein.Ist der Kurs nicht eh nur alibitechnisch? Du bist doch Sportler. Was interessieren dich Noten“, fauchte ich erbost.
Das Lächeln verschwand und seine Züge nahmen einen unleserlichen Ausdruck an. Seine Worte kamen kalt:
„Tja Kleines, egal welche Pseudomythen du gehört hast, auch wir Sportler brauchen gute Noten, damit wir einen Abschluss bekommen. Muskeln reichen nicht aus.“
Mrs. Baker klatschte in die Hände.
„Nana Kinder, keine Beleidigungen.Es passt doch perfekt.Ihr könnt eure Abneigung,während des Lernprozesses, beim gegenseitigen Kennenlernen abbauen und provitiert voneinander. Es ist also beschlossene Sache. Dann leiht ihr also zusammen „Stolz und Vorteil“ aus?“
Wir grummelten und nickten gleichzeitig.
Das war mein Untergang.
Als wir wenig später im Korridor standen, trat kurz ein unangenehmes Schweigen ein. Mir fiel ein, dass ich nicht mal seinen Namen kannte.
„Ich finde Little Bear zwar süß, aber du hast doch sicher einen Taufnamen auf den du hörst,“ begann ich das Gespräch.
Das Eis war gebrochen. Er lächelte schief und deutete eine Verbeugung an.
„Grayson Fitzwillam McKenzie, zu Euren Diensten Mylady.“
Meine Augen weiteten sich.
„Fitzwilliam, wie...Mr. Darcy.Das ist ein Witz...oder?“
„Nope...es ist genau so. Und dein verehrter Name?
„Ambra Elizabeth Bain.“
Grayson lachte laut auf.
„Soso Elizabeth...ich glaube, das wird interessant. So lange du mich nicht zu deinem Mr. Darcy auserkorst.“
Er zwinkerte mir zu. Wieso hinterließ sein salopper Kommentar ein flaues Gefühl in meinem Magen.Ich stand nicht auf Sportler.
„Ich würde ja gerne mit dir plaudern...aber ich habe noch andere Verpflichtungen.Wir sehen uns nachher im Kurs... Kleines.“
Grayson schlenderte siegessicher mit dem Buch in der Hand davon. Ich registrierte jetzte erst das es noch in seinem Besitz war.
"Hee... Little Bear, mein Buch.“
Ein Lachen war die einzige Antwort. Ich verdrehte genervt die Augen.
Challenge accept.