Kapitel 1
Fenrir spürte, dass jemand ihre Hand hielt und immer wieder ihren Namen rief. Obwohl sie die Stimme nur durch eine Art Schleier hörte, wollte sie reagieren, konnte es aber nicht. Es war, als würde sich ihr Mund nicht bewegen wollen und ihr Körper nicht auf sie hören.
Die Watte, die sie umhüllte, war angenehm und gab ihr ein geborgenes Gefühl, was es ihr noch schwerer machte, sich davon zu befreien.
Irgendwie fühlte sie sich frei, schwerelos und müde zugleich. Ein schönes Gefühl, dem sie gerne nachgab, auch wenn die Stimme mehr und mehr in den Vordergrund rückte. Fast schon eindringlich und penetrant, bis sie widerwillig damit kämpfte, ihren Körper zu bewegen. Alles, was sie schaffte war, ihre Finger dazu zu bringen.
„Fenrir, bitte lass mich nicht allein“, bat die männliche Stimme eindringlich. Fenrir spürte, dass jemand ihr Gesicht streichelte. Zudem merkte sie, dass sie irgendwo lag und ihr warm war.
Endlich brachte sie einen Laut hervor, der sich leicht gequält und müde anhörte. Je mehr sie der Stimme im Unterbewusstsein folgte, desto mehr Schmerzen spürte sie. Es war bestimmt nur ein Albtraum.
Plötzlich drängten sich die Erinnerungen an den Kampf mit Freyr und Kale in ihr Bewusstsein und sorgten dafür, dass sie ruckartig ihre Augen aufriss.
Mit rasendem Herzen starrte sie an eine Decke, die sie glaubte zu kennen. Dunkler, schwerer Samt von einem Himmelbett, in dem sie bereits gelegen hatte.
„Oh, bei allen Göttern“, brachte Freyr erleichtert hervor. „Fenrir? Hörst du mich?“, fragte er besorgt, weil sie noch immer an die Decke blickte.
Langsam wandte sie den Kopf und ihr war, als würde sie vor Freude zusammenbrechen. Freyr saß an ihrem Bett. Er war da! Sein Gesicht zeigte größte Besorgnis und Erleichterung zugleich. Ihr Plan, wieder hier zu sein, war scheinbar geglückt.
Sie rang sich ein schiefes Lächeln ab und bewegte ihre Finger als Zeichen, dass sie verstanden hatte. Eigentlich wollte sie sprechen, doch ihre Zunge fühlte sich taub und pelzig an. Das Gefühl wurde aber bereits besser.
Freyr beugte sich vor und küsste sie sanft auf die Wange. „Mach das nie wieder“, sagte er tadelnd. „Ich musste euch hinterherspringen, um euch aus dem Wasser zu fischen“, erzählte er ernst, doch ihm kamen Freudentränen.
Fenrir machte den Versuch, ihm diese wegzuwischen, aber ihr Körper gehorchte ihr noch immer nicht. Seine Worte drangen nur langsam zu ihr durch. Mit der Zunge befeuchtete sie ihre Lippen und sie setzte zum Sprechen an. „Ihr habt Kale gerettet?“, fragte sie rau und hustete, weil ihr Hals kratzte.
Freyr machte ein sanftes Geräusch, damit sie wusste, dass sie nicht so viel sprechen sollte. „Ich habe euch beide rausgezogen“, sagte er sanft. „Er lebt und wurde auch behandelt“, versicherte er beruhigend. Er hatte es nur getan, weil er Fenrir entscheiden lassen wollte. Zudem erhoffte er sich, durch Kale an mehr Informationen zu gelangen.
„Ich danke Euch, Eure Hoheit. Ich verdanke Euch so viel“, flüsterte Fenrir froh. Erleichtert, dass sie die Kontrolle langsam wieder über ihren Körper bekam, hob sie endlich ihre Hand und fuhr Freyr über die Wange und seinen Bart. Er war genauso kratzig, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Das ließ sie lächeln und sie versuchte, sich irgendwie aufzurichten, doch es gelang ihr nicht. Ihr Unterkörper und ihre Beine taten ziemlich weh.
„Nicht so viel bewegen“, bat er inständig. „Du bist schwer verletzt“, sagte er sorgenvoll.
Trotzdem kam Fenrir nicht umhin, neugierig zu sein. Sie schob langsam die Bettdecke zur Seite und starrte geschockt auf ihre Beine, die in dicken Verbänden und Metallstangen so befestigt waren, dass sie diese nicht bewegen konnte. „Was … was ist passiert?“, fragte sie stirnrunzelnd.
„Du hast dir einige Knochen gebrochen“, sagte er, bevor er ihre Hand nahm und diese küsste. „Kale hat es nicht so erwischt. Er wäre nur ertrunken“, gestand Freyr, der sie damit beruhigen wollte. Dennoch machte er sich Sorgen. Durch ihre Drachenaugen würde sie zwar schneller heilen, doch Schmerzen blieben dennoch.
Erleichtert seufzte Fenrir und bewegte ihre Finger, um seine Lippen zu streicheln. Es gab keine Toten, wie sie befürchtet hatte. „Wenn es sonst nichts ist“, murmelte sie leicht gequält. Die Schmerzen waren grässlich, aber zum Aushalten. Damit konnte sie umgehen. „Ich habe nicht mit dem Stein gerechnet, auf dem wir aufgeschlagen sind“, gab sie verlegen zu.
„Du warst dumm und leichtsinnig“, sagte er tadelnd, bevor er ihre Hand nahm, sie an seine Wange legte und die Augen schloss. „Was hätte ich machen sollen, wenn du nicht wieder aufgewacht wärst?“
Solche ähnlichen Worte hatte sie erst gehört. „Es war nicht geplant, ohnmächtig zu werden, Eure Hoheit“, erklärte Fenrir und schloss ebenfalls die Augen. Wie sie seine Haut vermisst hatte! Seine Stimme, die ihr mehr Schauer über den Rücken jagen konnte als alle anderen. „Es tut mir leid. Alles. Wirklich“, flüsterte sie und gab dem Gefühl der aufsteigenden Tränen nach. Auch dem Kloß, der sich in ihrem Hals gebildet hatte.
Sanft nahm Freyr sie so gut es ging in die Arme. „Du wolltest dich nur ertränken, nicht wahr?“, fragte er nüchtern nach, wobei seine Worte auch etwas Neckendes hatten. Er war einfach nur froh, dass sie lebte.
Schniefend hielt Fenrir inne und sog seinen geliebten Geruch tief ein. „Das hätte ich auch bei Vater tun können. Dafür hätte ich nicht zurückkommen müssen“, konterte sie und bekam plötzlich einen Schluckauf. Eine unangenehme Kombination, wenn sie weinte. „Ich musste mich in dem Moment entscheiden, wer mir wichtiger ist. Und das seid Ihr, Eure Hoheit.“
„Freyr“, sagte er leise. „Ich mag es nicht, wenn du mich in solchen Momenten so höflich ansprichst“, murmelte er und vergrub einfach seinen Kopf an ihrer Schulter, um seine Tränen zu verstecken.
Da Fenrir lag, musste er sich zu ihr legen. Sanft legte sie einen Arm um ihn und kuschelte sich an ihn, bevor sie ihn streichelte.
Noch nie hatte er sie gebeten, ihn nicht höflich anzusprechen. Nur in seiner Drachengestalt duzte sie ihn und nannte ihn Tajna. „Ich habe Euch so sehr vermisst. Es war eine schreckliche Zeit voller Lügen, Geheimnisse und hässlichen Worten“, flüsterte sie an sein schwarzes Haar.
„Jetzt bist du wieder hier“, sagte er sanft und streichelte ihre Wange. „Ruh dich aus, du bist in Sicherheit.“
„Zum Glück“, murmelte Fenrir und verfestigte ihren Griff um Freyr, als eine erneute Welle von Schmerzen ihr die Tränen in die Augen trieb. „Ich danke Euch, so gut mitgemacht zu haben. Ihr wart eine große Hilfe, dass ich die Zeit überstehe. Und Dunja. Ohne sie wäre überhaupt nichts möglich gewesen“, sagte sie glücklich und ernst zugleich. Die kleine Fee musste belohnt werden.
Freyr löste seinen Kopf aus ihrer Halsbeuge und küsste sanft ihre Wange. „Sprich nicht so viel“, sagte er beruhigend. „Es ist alles wieder gut und du musst dich erholen.“
Widerwillig gab sie ihm recht. Dabei wollte sie ihm alles erzählen, doch das hatte Zeit. Sie würde hierbleiben und ihm alles berichten. „Nur, wenn Ihr bei mir bleibt“, bat sie verlegen. Fenrir wollte ihn neben sich liegen haben, nachdem sie die letzten Wochen jede Nacht bei Kale verbracht hatte.
„Ich bleibe hier“, versicherte er, denn er wollte selbst nicht von ihrer Seite weichen. Er brauchte ihre Nähe jetzt.
Dankbar musterte sie Freyr mit müden Augen. Die Tage hatten an ihr gezehrt. „Habt Ihr nicht zufällig einen Tee?“, fragte sie vorsichtig, da sie erneut das Kratzen im Hals spürte.
Widerwillig stand Freyr auf. „Warte bitte kurz“, sagte er und küsste ihre Wange. Dann ging er zur Tür, machte diese auf und sprach draußen mit jemanden.
Seine Stimme war leise, sodass sie nicht wirklich hören konnte, was er sagte, aber sie ging davon aus, dass es eines der zahlreichen Dienstmädchen war.
In der kurzen Zeit, in der Freyr nicht bei ihr war, starrte sie wieder an die Decke. Kale lebte. Freyr hatte ihn nicht getötet, obwohl er die Möglichkeit hatte. Es zeigte, wie gutherzig der König war und dass sie sich in ihm nicht getäuscht hatte.
Unter größter Anstrengung versuchte Fenrir, sich irgendwie aufzurichten. Durch die Metallstangen konnte sie kaum richtig liegen. Es war nicht angenehm und sie fragte sich, ob sie diese wegmachen konnte, damit sie wenigstens auf der Seite liegen konnte.
Allerdings kam Freyr schnell wieder zu ihr. „Nicht, bitte“, bat er. „Ich helfe dir, wenn du dich anders hinlegen willst, aber bitte nicht aufstehen“, sagte er. „Sonst öffnest du die Wunden wieder.“
Fenrir zuckte zusammen. Hatte er nicht von gebrochenen Knochen gesprochen? Von welchen Wunden sprach er dann? „Ich darf mich nicht hinsetzen?“, fragte sie niedergeschlagen. „Es ist unangenehm, so liegen zu müssen.“
„Noch nicht. Der Heiler sagt, es wäre besser, wenn du erst einmal nur liegst. Du hast dich auch aufgeschrammt und gequetscht“, sagte er, bevor er sich zu ihr setzte. „Soll ich dir ein Kissen in den Rücken legen, damit du etwas höher liegst?
„Ja, bitte. Das hilft bestimmt“, antwortete Fenrir und rieb sich müde das Gesicht. Die Aussicht, nur liegen zu dürfen, war nicht gerade berauschend, aber Fenrir hatte es sich selbst eingebrockt, also musste sie damit leben.
Freyr suchte die Kissen zusammen und legte ihr dann mehrere unter den Kopf und den Rücken, damit sie zumindest ein bisschen höher lag. „Bequemer?“, fragte er, als es auch schon klopfte.
Er ging zur Tür, nahm den Tee entgegen, roch daran, nahm einen kleinen Schluck, nickte und kehrte damit zu Fenrir zurück.
„Viel besser“, sagte sie mit glänzenden Augen und nahm die Tasse entgegen. Dass Kissen ihr solch eine Erleichterung schaffen konnten, hatte sie nicht geahnt. „Danke. War das Suno?“, fragte sie neugierig und nippte am Tee. Dieser war süßlich und beruhigte ihren trockenen Mund.
„Ja. Aber auch Kayla und Serano sind draußen vor der Tür“, erklärte er. „Sie bewachen dich. Damit nichts passiert, sollte ich nicht da sein.“
„Wo wollt Ihr hin?“, fragte Fenrir unwohl. Glaubte er, dass sie in Gefahr schwebte, nachdem sie wieder hier war?
„Im Moment nirgendwo“, beruhigte er sie und kam wieder zu ihr aufs Bett. „Aber ich muss der Sache mit Isis nachgehen und werde dich ab und an für einige Zeit allein lassen müssen.“
„Gut, wenn Ihr der Sache nachgeht. Ich war geschockt, als Lili mir das erzählt hat“, erwiderte Fenrir düster und trank langsam ihren Tee. Von ihr wusste sie, welches Dorf betroffen war. Auch andere litten darunter. „Ich wünschte, ich könnte etwas für die Kinder tun. Vater schickt sie ins Verderben“, seufzte sie traurig. Auch wenn der Schamane alles für sie und die Kinder getan hatte, er verfolgte Absichten und Ziele, die sie nicht mehr mit ihm teilte.
„Ich muss sehen, was ich für sie tun kann“, sagte Freyr nachdenklich. „Sie besitzen alle Drachenaugen, oder?“, wollte er wissen, während er scheinbar nachdenklich an die Wand starrte.
Fenrir nickte. „Ja, aber nicht jeder wird zum Kämpfer ausgebildet. Die meisten bleiben im Dorf oder ziehen in ein anderes“, erklärte sie und hob erneut ihre Hand, um seine Wange zu streicheln. „Lili wurde von ihren Eltern verbannt, weil Mylady Isis Angst und Schrecken verbreitet und viel höhere Abgaben als sonst einfordert. Ihre Eltern hatten Angst, dass Lili wegen ihrer Augen etwas passiert. Da hat Vater sie natürlich aufgenommen.“
„Isis hat wirklich große Probleme mit den Menschen, die solche Augen haben“, grummelte Freyr, verriet aber Fenrir nicht, dass es wohl ihre Schuld war.
Diese nickte. „Leider. Es ist schade, dass sie deshalb ihre Kinder abschieben“, flüsterte sie traurig. „Genau wie meine Mutter. Sie wollte mich auch nicht mehr, nachdem Vater mir die Möglichkeit zu sehen gegeben hat“, sagte sie und zuckte mit den Schultern. Es sollte ihr egal sein, aber trotzdem dachte sie manchmal daran.
Freyr streichelte sanft ihren Kopf. „Wie groß schätzt du die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder hier leben wollen würden?“, fragte er murmelnd. „Eigentlich haben sie mir nichts getan und sie wären eine Generation, die man als Reiter, nicht als Jäger ausbilden könnte.“
Fenrir schloss ihre Augen und genoss Freyrs Berührungen. Sie fühlte sich bei ihm geborgen. „Die jüngsten sind noch relativ rein und unschuldig. Vater ist manipulativ, aber er bildet nur diejenigen aus, die gut sind und Kampfgeist zeigen. Die anderen machen die Arbeiten im und rund um das Haus. Harte und leichte“, erzählte sie nachdenklich. Sie selbst hatte erst spät erfahren, warum Kale und andere Kinder spielerisch kämpften. „Daher gehe ich davon aus, dass die kleineren eher hier leben wollen würden.“ Die Kinder waren noch zu jung, um Vaters Hass zu verstehen oder mitzubekommen, da er ihnen ein einfaches, aber hartes und liebevolles Leben bot. Es wäre für die Kinder eine große Veränderung, hierherzukommen. „Diejenigen in der Ausbildung stehen völlig unter Vaters Einfluss, Eure Hoheit. Bei ihnen wird es schwer werden, sie zu überzeugen. Erst, als Vater sich entschlossen hatte, mich wirklich auszubilden, habe ich erfahren, wozu es gut ist. Davor habe ich alles für ein Spiel gehalten“, sagte Fenrir ernst und seufzte gequält. Ihre Schmerzen nahmen sie ein, doch es war nichts, was sie nicht aushalten konnte.
Freyr streichelte sie noch immer. „Er lernt es ihnen spielerisch, um sie an sich zu binden“, seufzte Freyr. „Dabei sollte er doch merken, was seine Taten für Konsequenzen hinterlassen. Jedes Jahr werden die Ernten schlechter, die Tiere weniger und das Wetter schlimmer“, murmelte der König gegen ihre Haut.
„Er hat so einen Hass gegen die magischen Wesen und gegen die Drachen, dass es ihm wohl nicht klar ist“, erwiderte Fenrir und legte ihren Arm wieder um ihn. „Es war schwer, ihn und Kale zu überzeugen, dass ich wieder auf ihrer Seite bin“, seufzte sie und wischte sich trotzig eine Träne weg, die plötzlich über ihre Wange rollte.
Freyr streichelte ihren Kopf. „Sie bedeuten dir viel“, stellte er fest. Er konnte es ihr nicht verübeln, immerhin waren sie ihre Familie.
Schniefend nickte Fenrir und meinte, dass Kale ihr bester Freund war, seitdem Vater sie mitgenommen hatte. „Sie waren immer für mich da, aber ich kann ihre Ansichten nicht mehr teilen. Das Dorf war lange Zeit meine Familie, aber ich bin jetzt hier, bei Euch. Und ich werde nicht zulassen, dass Vater Euch etwas antut“, sagte sie bitter und nahm noch einen Schluck aus der Tasse.
„Du hast genug gekämpft“, sagte er sanft. „Jetzt, wo ich weiß, wo das Dorf liegt und warum es ist, wie es ist, werden wir andere Maßnahmen ergreifen.“
„Eure Hoheit“, sagte Fenrir quengelnd und sah ihn mit verweinten Augen an. „Ich werde Euch beschützen. Ich respektiere Vater, aber er kann nicht einfach seinen Hass an anderen auslassen und alles zerstören!“, erklärte sie eindringlich. „Er benutzt andere für seine Taten. Ich werde Euch eine Karte zeichnen, damit Ihr genau wisst, wo das Dorf liegt und wie es dort aussieht.“
„Erst einmal wirst du dich ausruhen“, sagte der König ernst. „Du kannst nicht laufen und hast viel eingesteckt. Sieh es als Strafe, dass du mir solche Angst eingejagt hast, aber in der nächsten Zeit wirst du nicht kämpfen!“ In dieser Sache ließ er nicht mit sich verhandeln.
Fast schon trotzig verschränkte Fenrir ihre Arme, nachdem sie die Tasse auf den Beinen abgestellt hatte. „Ich werde es mir trotzdem nicht nehmen lassen, Euch zu beschützen“, erwiderte sie eindringlich und senkte dann den Blick. „Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie ich mich schäme.“
„Für was?“, fragte Freyr und hob leicht den Kopf, um sie zu mustern.
Erneut schniefte Fenrir. „Für alles …?“, fragte sie hilflos, bevor sie begann, aufzuzählen. „Dafür, dass ich einfach allein spazieren gegangen bin, wobei Kale mich entführt hat. Dafür, dass ich in der Zeit bei Vater so schlecht über Euch sprechen musste. Dafür, dass ich mit Kale schlafen musste, nur um sein Vertrauen zu gewinnen. Aber auch, dass ich Euch Sorgen bereite.“ Zum Ende hin wurde ihre Stimme immer leiser.
„Es ist dein Leben“, sagte Freyr ernst. „Deine Entscheidungen. Niemand kann sie dir abnehmen. Du kannst nur daraus lernen.“ Er würde niemals auf die Idee kommen, ihr Dinge zu verbieten, allerdings sollte sie die Konsequenzen aus ihren Handlungen lernen.
„Es fühlt sich an, als hätte ich Euch betrogen. Nur gab es keine andere Möglichkeit, zu Euch zurückzukehren. Vater hätte mich niemals gehen lassen“, flüsterte sie und begann, bitterlich zu weinen.
Freyr zog sie noch fester an sich. „Es ist alles gut, du bist ja wieder da“, sagte er beruhigend.
Sie rang sich ein kleines Lächeln ab, aber es half nicht, ihr Weinen zu beenden. „Ohne Eure Erlaubnis hätte ich niemals mit Kale geschlafen. Ich wusste nicht einmal, dass er starke Gefühle für mich hatte. Danach habe ich mich so schrecklich gefühlt. Ich musste ständig an Euch denken“, erzählte sie stotternd und drückte sich an Freyr, um Schutz zu suchen.
Freyr fragte nicht, ob es wirklich nötig war oder nicht. Er konnte sich gut vorstellen, dass Fenrir es auch getan hatte, um zu sehen, was geschah. Dass sie nur mit ihm gespielt hatte, musste ihr auch zusetzen.
Eine Weile schwieg sie und weinte. Dabei wurde ihr Körper durchgeschüttelt. Endlich konnte sie sich gehen und alles herauslassen, was sie zurückgehalten hatte. Irgendwann, als sie sich ein wenig beruhigt hatte, versuchte sie zu lachen. „Eigentlich müsste ich Euch böse sein, weil Ihr mich verzaubert habt. Es gab keinen Tag, an dem ich nicht an Euch gedacht habe. Aber ich bin glücklich, dass ich wieder hier bin.“
„Sowas nennt man Liebe“, meinte Freyr sanft. „Ich musste auch jeden Tag an dich denken. Es war teilweise so schlimm, dass ich nicht richtig arbeiten konnte.“
Fenrir zuckte zusammen und sah schuldbewusst zu ihm hoch. „Ist das … wirklich Liebe?“, fragte sie vorsichtig und hob ihre Hand, um seine Haare zu streicheln. Diese waren noch so weich, wie sie es in Erinnerung hatte. „Ich meine … ich bin mir meinen Gefühlen bewusst, aber bei Euch war ich mir nicht ganz sicher“, sagte Fenrir und schluckte. Es war eine Beleidigung gegenüber dem König, das war ihr bewusst, nur war ihr nicht ganz klar gewesen, wie Freyr liebte.
„Wenn du nur an mich denken musst, dann ist das sicherlich Liebe“, sagte er sanft und küsste ihre Nase. „Ich will nicht mehr ohne dich.“
Tief sah Fenrir ihm in die Augen und vergaß alles um sich herum. Genauso wie früher. Es gab nur Freyr und sie. „Ich auch nicht mehr ohne Euch“, flüsterte sie heiser. „Deshalb ist mir die Zeit bei Vater so schwergefallen, Eure Hoheit. Ihr wart mein erster Gedanke, als ich aufgewacht bin.“
„Jetzt wirst du hoffentlich jeden Tag neben mir aufwachen“, murmelte er und drückte ihr einen ganz sanften Kuss auf die Lippen.
Dieser löste in ihr ein Kribbeln aus, das sie schaudern und leise stöhnen ließ. „Wenn Ihr es wünscht, werde ich das“, flüsterte sie mit geschlossenen Augen und hielt ihm auffordernd ihre Lippen hin.
„Ja, das wünsche ich mir“, flüsterte er und küsste sie erneut. Es fühlte sich so gut an. Wie sehr hatte er sie nur vermisst? Er konnte es nicht in Worte fassen.
Er spürte, wie Fenrir lächelte. „Dann bin ich glücklich, Eure Hoheit“, hauchte sie ihm an die Lippen und sah ihn aus verweinten Augen an. „Ich werde für immer bei Euch bleiben, solange Ihr mich wollt.“ Ob er ahnte, wie tief seine Worte ihr Herz berührten? Fenrir selbst konnte es nicht einmal verstehen. Aber das Kribbeln, das er in ihr auslöste, war eindeutig.
Er lächelte ein verheißungsvolles Lächeln, das Fenrir einen Schauer über den Rücken jagte.