Canadian Adventures

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Summary

Meine Abenteuer in Kanada, erzählt in Kurzgeschichtenform. Kommt mit mir ins Land der Ahornblätter, des Ice Hockeys und der atemberaubenden Naturlandschaften und erfahrt, was ich während meines Work & Travel Aufenthalts erlebt habe! Freut euch unter anderem auf: -Die Niagarafälle featuring die Jogginghose aus dem Tourishop -Bei den Menonniten im ländlichen Ontario, die manchmal sogar noch mit Pferdekutschen fahren -Interessante Begegnungen in einem klapprigen Landbus -und etliches mehr...

Status
Complete
Chapters
3
Rating
n/a
Age Rating
16+

Mennonite Country

In eine längst vergangene Zeit werde ich zurückversetzt, während ich die Dorfstraße zum Farmers Market entlang laufe. Vor mir eilt ein Old Order Mennoniten-Paar in traditioneller Kleidung an der Bäckerei vorbei, aus deren Auslage mich mit Rosen verzierte Törtchen anlachen. Die Frau trägt ein weiß-blau kariertes Kleid, das bis zum Boden reicht und eine kreisrunde Haube, die mit Haarnadeln über dem Dutt an ihrem Hinterkopf befestigt ist. Der Mann dagegen hat eine schlichte braune Stoffhose mit Hosenträgern an, die sich über sein hellblaues Hemd spannen. Beiden baumeln geflochtene Weidenkörbe von den Armen. Anscheinend haben sie das gleiche Ziel wie ich und wollen sich am Markt mit frischen Lebensmitteln eindecken.

Traditionelle Mennoniten gibt es hier im ländlichen Ontario viele, doch europäische Augen erinnern sie an einen Film über das 19. Jahrhundert. So einfach erscheinend ihre selbst geschneiderte Kleidung, ihre bedächtigen Schritte und ihre genügsame Lebensweise. In der Ferne erspähe ich eine ihrer Farmen, auf deren Grund Pferde grasen und die Äste von Obstbäumen sich im Wind hin und her wiegen. Was für ein Kontrast zum kunterbunten Toronto, einer Stadt, die vor geschäftigem Trubel zu bersten scheint. Ich atme gierig die frische Landluft ein, rieche das nasse Gras am Wegesrand, den Duft gerade aus dem Ofen geholter Backwaren und den herben Geruch näher kommender Pferde.

Mit fröhlichem Hufgetrappel werde ich von einer schwarzen Kutsche überholt, in der eine Familie sitzt. Mutter, Vater und drei Kinder, von denen das jüngste in eine Decke gewickelt von der Mutter im Arm gehalten wird. Auf dem Kutschbock sitzt ein ergrauter Herr, der vielleicht der Großvater der Familie ist. Alle tragen die traditionelle Kleidung der Old Order Mennoniten, doch ich schmunzle, als ich das rote Warndreieck an der Hinterseite der geschlossenen Kutsche entdecke. Auch die Gefährte der Mennoniten müssen sich an den modernen Straßenverkehr anpassen. Nun schnalzt der Großvater und die Pferde traben davon bis die Kutsche nur noch als winziger Punkt am Horizont sichtbar ist.

Natürlich fahren nicht alle Mennoniten in Kutschen. Die moderneren haben Autos, auch wenn sie oft schwarz sind, weil schwarz eine bescheidene Farbe ist, die kaum auffällt. Im Glauben der Mennoniten sind ein verschwenderisches Leben und die Sucht nach Materiellem verpönt, denn sie wollen sich Gott widmen, anstatt irdischen Reichtümern nachzujagen. Ihre einfache Lebensweise scheint sie dennoch zu erfüllen, weil sie ihnen hilft, sich an den kleinen Dinge des Alltags zu erfreuen. So lächelt die Frau, die vor mir läuft, besonnen, als sie am Wegesrand eine Pusteblume pflückt und sich deren Samen in alle Himmelsrichtungen verstreuen.

Vielleicht lebt man mehr im Moment, wenn man auf die Errungenschaften der Moderne verzichtet und im Einklang mit der Natur lebt. Nicht von einem schrillen Piepen aufgeweckt, sondern von Sonnenstrahlen wachgekitzelt wird. Gott jeden Tag für zwei gesunde Füße, die einen aufs Feld tragen und zwei gesunde Arme, die für die Familie kochen, dankt. Nach einem harten Arbeitstag nicht dem nachtrauert, was einem fehlt, sondern das genießt, was das Leben einem geschenkt hat.

Mittlerweile sind wir dem Farmers Market recht nahe gekommen, denn ich höre bereits das Klappern von Kisten und das aufgeregte Plappern von Kindern. Unbewusst beschleunige ich meine Schritte, denn vor meinem inneren Auge tauchen bereits leckerer Bienenstich und selbst gebackenes Brot auf.

Endlich sehe ich die rot bemalten Verkaufshallen des Marktes und die zahlreichen Stände, die auf der Wiese vor den Hallen aufgebaut sind. Der Geruch von Bratwurst und Churros erinnert mich daran, dass ich viel zu lange nichts mehr gegessen habe und mein Magen knurrt auffordernd. Tatsächlich komme ich nicht weit, da ich salzig-mehlige Brezeln rieche, die mich an die Volksfeste zu Hause erinnern. Wie eine Marionette werde ich von unsichtbaren Fäden zum Brezelstand gezogen, an dem zwei junge Frauen arbeiten. Beide tragen schlichte, rosane Kleider sowie weiße Hauben und formen die Brezeln so schwungvoll, als hätten sie ihr Leben lang nichts anderes getan.

Nachdem ich meinen fordernden Magen besänftigt habe, sehe ich mich um. Auch viele andere Stände werden von Old Order Mennoniten betrieben, die hier Lebensmittel, gehäkelte Decken mit Motiven aus ihrem Leben auf den Farmen und sogar Ausflüge in ihren Pferdekarren anbieten. Gemütlich schlendere ich durch die Markthallen und beim Anblick der Auslagen mit deutschen Backwaren läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Bayerischer Apfelkuchen, Schwarzwälder-Kirschtorte und Bienenstich lachen mir entgegen, weshalb ich mir über die Lippen schlecke. Wenn man den matschigen Toast der Nordamerikaner kennt und in Toronto regelmäßig auf der Suche nach Schwarzbrot verzweifelt, ist der Farmers Market der Himmel auf Erden.

Da ich mich nicht entscheiden kann, nehme ich von jeder der drei Leckereien ein Stück und bahne mir an Ständen mit Kleidung und Cowboystiefeln, Schmuck und Dekoartikeln mit der Ahornflagge meinen Weg nach draußen. Am Wochenende ist der Farmers Market so gut besucht, dass man sich durch die vollen Hallen quetschen muss wie durch den Eingangsbereich des Rogers Centres bei einem Spiel der Toronto Blue Jays. Auch draußen brummt das Leben. Das Landidyll wird nur von Ständen mit Ramschartikeln wie Geldbeutel aus Kunstleder oder Baseballcaps für Touristen gestört. Und natürlich trifft man auf dem Markt nicht nur Old Order Mennoniten, sondern auch solche, die Moderne und Tradition vermischen. So tragen manche Frauen moderne Regenjacken über Kleidern im Stil des 19. Jahrhunderts, Mädchen laufen mit schicken, pinken Brillen durch die Menge und einige Familien in traditioneller Kleidung tragen ihre Einkäufe zu Autos anstatt zu Pferdekarren.

In strahlendem Sonnenschein suche ich mir ein ruhiges Plätzchen und genieße die mennonitische Backkunst. Da diese Glaubensgruppe ursprünglich in der Schweiz, den Niederlanden und Norddeutschland gelebt hatte, von wo aus sie vertrieben wurde, hat sie sich einige Bräuche aus ihrer alten Heimat nach Kanada mitgebracht und an ihre Nachfahren weitergegeben. Ein Glück, denn sonst säße ich jetzt ohne Bienenstich auf der anderen Seite des großen Teiches.

Pappsatt schließe ich die Augen und genieße das Stimmengewirr um mich herum. Wie gerne würde ich meiner Familie und meinen Freunden in Europa ein Stück des ländlichen Ontario, ein Stück der Kultur der Mennoniten schenken. Plötzlich fällt mir auf, dass ich das tatsächlich kann!

Von einem Ohr zum anderen strahlend laufe ich auf einen Buggy (einspännrige Pferdekutsche) zu, dessen Türen weit geöffnet sind und aus dessen Inneren heraus eine Mennonitin mit schneeweißen Haaren Ahornsirup-Produkte ihres Familienbetriebes verkauft. Die gläsernen Flaschen in Ahornform ziert eine Zeichnung einer traditionellen Farm mit Weideland, vor der ein Horse & Buggy (einspännrige Pferdekutsche der Amish und Old Order Mennoniten) steht.

Nichts ersetzt die persönliche Begegnung, dieses Bild aus längst vergangen geglaubten Zeiten, wenn eine Pferdekutsche mit Menschen in Kleidung des 19. Jahrhunderts an Feldern und Getreidesilos vorbeifährt. Den Respekt, den die einfache Lebensweise der Mennoniten in unser so verschwenderischen Zeit hervorruft. Und die Erkenntnis, dass die meisten von ihnen glücklich wirken, obwohl sie auf so Vieles verzichten. Schließlich muss eine Lebensweise nicht schlechter sein als eine andere, nur weil sie nicht den Vorstellungen der Mehrheit entspricht. Nichts ersetzt das, was ich mit eigenen Augen sehe, rieche, fühle, höre. Und doch springt mein Herz vor Freude, weil ich meinen Lieben zuhause eine kleine Kostprobe aus einer anderen Welt mitbringen darf. Der Welt der Old Order Mennoniten, irgendwo zwischen Tradition und Moderne.


Die Story hinter der Geschichte:

Mennoniten, egal ob die sehr traditionellen Old Order Mennoniten, solche, die Tradition und Moderne mischen, oder sehr moderne, die sich genauso kleiden wie die Mehrheitsgesellschaft und Auto fahren, gibt es im ländlichen Ontario viele. Auch in der Augenklinik gehörten viele unserer Patienten dieser Glaubensgruppe an und zwei meiner Kollegen waren moderne Mennoniten. Ich fand es spannend zu sehen, wie selbstverständlich selbst die konservativen Old Order Mennoniten in die kanadische Gesellschaft eingebunden sind. Sie lebten nicht abgekapselt vom Rest der Welt, sondern interagierten mit dem Rest des multikulturellen Kanada in der Augenklinik und dem Farmers Market (auch wenn die Old Order Mennoniten wohl ihre eigenen Schulen haben). Viele integrierten auch moderne Elemente in ihr traditionelles Leben, das sich häufig auf ihren Farmen, auf denen sie Äpfel und Getreide anbauen sowie Ahornsirup gewinnen, abspielt. So gab es Old Order Mennoniten, die zur Kontaktlinsenanpassung kamen oder im Winter mit modernen Schneestiefeln unterwegs waren. Am Farmers Market konnte man sich nett mit ihnen unterhalten und die Interaktion mit anderen Kanadiern war stets von gegenseitigem Respekt geprägt. Klar gibt es auch immer wieder Kritik an ihrer Lebensweise (wobei die Old Order Mennoniten oft mit den Amish verwechselt werden, die deutlich abgeschotteter vom Rest der Welt leben), aber bevor man pauschal eine ganze Gruppe verurteilt, sollte man sie und ihre Traditionen lieber persönlich kennenlernen.