Kurz vor Ladenschluss
Kurz vor Ladenschluss
„Sag mal, du wolltest doch eine neue Brille machen lassen?“ fragte Bernd, als wäre ihm gerade eine unwahrscheinlich ungewöhnliche Idee gekommen. „Dann kann ich dir empfehlen, geh zu Optik Kosmos und trag eine rote Fliege. Und vereinbare einen Termin um kurz vor 18:00 Uhr.“ „Eine rote Fliege“ frage ich nach, „wieso denn?“ „Lass dich überraschen“ lächelt Bernd vieldeutig. „Und schau auch drauf, dass du frisch geduscht erscheinst“ ergänzt er. Alle meine Nachfragen, was es mit der sonderbaren Empfehlung auf sich hat, lässt Bernd unbeantwortet, antwortet immer nur mit „Lass dich überraschen“.
Zwei Tage später betrete ich an einem heißen Augusttag das Brillengeschäft Kosmos, bekleidet mit einer roten Fliege, die ich extra zuvor noch gekauft hatte. Mein Blick trifft auf eine gutaussehende Optikerin in den besten Jahren, die gerade einen Sonnenbrillenträger berät. Geöffnet bis 18:00 steht am Eingang, mir scheint der Termin um 17:45 Uhr dann doch reichlich spät. Noch bevor ich mir lang Gedanken darüber machen kann, erscheint eine junge Mitarbeiterin im Empfangsraum, die mich breit lächelnd zu sich bittet. Sie ist wohl so um die 20 Jahre, hat so wie ihre Kollegin eine hellblaue Bluse und einen dunkelblauen Rock. Besonders fallen mir die meerblauen Augen auf, die hinter ihrer Goldrandbrille hervorblitzen. Über das Hellblau der „Uniform-Bluse“, die diese Optikerinnen bei der Firma Kosmos offenbar tragen, entfalteten sich dunkelbraune, lange Haare. Das Dunkelbraun der Haare lässt das Blau sowohl der Bluse wie auch der Augen der jungen Frau noch blauer erscheinen. „Sie sprechen mit Cornelia Kobelka“ steht auf einem an der Bluse befestigten Schild. „Guten Tag! Sie sind Herr Blumberg nehme ich an?“. Die Wörter bahnen sich ihren Weg in die Wahrnehmung von mir, die ungewohnt stark mit der Verarbeitung der optischen Reize beschäftigt ist. „Ja genau, der bin ich“ antworte ich und nehme die Sonnenbrille ab. „Ich möchte gerne eine neue Brille“ sage ich, so als wäre das der hübschen Optikerin nicht schon bekannt gewesen. „Gerne, haben Sie schon eine Idee, welche Fassung es sein soll?“ In der Tat hatte ich mir schon ein Modell von Ray Ban ausgesucht, das mir Frau Kobelka mit ihren grazilen Fingern auf die Nase setzt. „Die matte, graublaue Farbe des Brillengestells passt besonders gut zu Ihnen.“ Eine kurze Pause, in der ich mich beherrschen muss, dass sich mein Kopf nicht rot färbt. „Passt sowohl zu Ihren grauen Haaren wie zu Ihren blauen Augen“ erlaubt sich die Optikerin eine weitere Bemerkung, die mich jetzt ein wenig schmunzeln lässt. Eine solche Beratung war ich im Optik-Geschäft bisher nicht gewohnt gewesen. „Eine rote Fliege tragen Sie für gewöhnlich wahrscheinlich eher nicht“ fügt sie weniger fragend, als vielmehr feststellend hinzu. „Ja, ähh, damit haben Sie recht“ bringe ich nach einer kurzen Schrecksekunde hervor, was ein breites Grinsen in ihrem Gesicht verursacht.
„Ich mache denn Feierabend, tschüss“ sagt die Kollegin und verlässt das Geschäft. Dabei wirft sie Cornelia einen vielsagenden Blick zu, diese schließt die Tür hinter ihrer Kollegin und gibt das Schild „Geschlossen“ an die Tür. Mein Herzschlag hat seine Frequenz inzwischen deutlich erhöht. Was ging hier vor? Ich schaue aufs Smartphone, es ist 18:00 Uhr. Warum gab es einen so späten Termin, wenn der Laden um 6 schon dicht macht? Noch bevor ich zum Weiterdenken komme, bittet mich die junge Frau in das Untergeschoss, dort wird meine Sehstärke kontrolliert. „Nehmen Sie schon einmal Platz“ bittet sie mich und sieht mir dabei tief in die Augen. „Sie tragen die rote Fliege ja nicht ohne Grund?“ wollte sie wissen, als wäre das die normalste Frage der Welt. Selten noch hatte ich ein Kleidungsstück mit einem ganz klar definierten Grund getragen, „Nein, also da haben Sie schon recht, Frau Kobelka. Mein Freund hat mir das mit der roten Fliege gesagt“ stammle ich, woraufhin sie sich lasziv über ihre ungeschminkten Lippen leckt. „Sehr gut, Sie können gern Cornelia zu mir sagen. Ich bin gleich wieder da“…








