Prolog
652 a.P.
Die Elemente umgaben mich. Der Wind zog sanft an meinen Kleidern und strich mir federzart übers Gesicht, fuhr hörbar über große und kleine Gestalten, die alle mit mir um das Lagerfeuer sassen. Dieses brannte stark, erhitzte mein Gesicht, meine Beine, mein Bauch und fraß sich hörbar knackend durch die aufgeschichteten Holzscheite. Die Erde unter mir war gemütlich und warm. Und das Meer weit draußen, das ich nur hörte, wenn ich mich anstrengte, lehrte mich, das die Welt dort weiterging, wo meine Sinne aufhörten.
„Erzähl uns eine Geschichte Oma Vinea.“ Ich wandte meinen Kopf zu dem kindlichen Sprecher. An der Tonlage und der Art, wie er lispelte, hörte ich raus, dass ich eigentlich nicht seine Oma war. Doch dieser Name und Altersbezeichnung hatte sich von meinen Enkeln hinweg unter allen Kindern der Jenai wie eine Krankheit verteilt und bildete sich mit den fortschreitenden vollen Monden zu etwas anderem um. Das Wort Oma wurde zu etwas wie einer Ehrbezeichnung, die schlussendlich sogar die Erwachsenen gebrauchten. Oma Vinea die alle Geschichten kannte, sogar die, des Endes und des Anfangs und sie so erzählte, als wäre man mittendrin.
Da das Reisen, das Handeln mit Ware, und das jagen nach neuen Geschichten, in meinem Alter nur noch eins war, und zwar beschwerlich, wandte ich mich mit voller Inbrunst der vierten großen Aufgabe zu, die eine Jenai ihrer Lebtage lang zu erfüllen hatte. Das erzählen von den gesammelten Geschichten und den eigenen Erlebnissen. Sodass sie weitererzählt wurden und so weiterleben konnten.
„Welche Geschichte wollt ihr hören?“, fragte ich meine Zuhörer mit brüchiger, rauer Stimme.
„Die große Geschichte“, stotterte ein Mädchen leise vor sich hin. Ich hörte einige vermischte Ja Rufe.
„Wenn ihr die große Geschichte hören wollt, werden wir aber einige Nächte hier sitzen, bis sie zu Ende ist, sie heisst nicht umsonst die große Geschichte.“
„Das wissen wir“, ertönte eine mehrstimmige Antwort. „Ich würde gerne mal alles von Anfang bis zum Ende hören, nicht nur Bruchteile davon“, wisperte das Mädchen, das den Wunsch angebracht hatte. Ich legte meine Hand auf meine Stirn und ließ sie dann auf meine Augenlider rutschen. Vollkommene Dunkelheit umgab mich. Als ich die Augen wieder aufmachte, war die Dunkelheit noch immer da. Keine Kunst, sie begleitete mich schon drei Jahre lang. Trotzdem wandte ich meinen Kopf hin und her. Die Umrisse die ich dank des Windes hatte erahnen können, verschwanden und machten den Geschichten platz. Die so voller Farbe, Aufregung und Leben waren, dass es mir war, als hätte ich sie erst gestern erlebt. Ich erging in meinen Erinnerung, schwamm regelrecht darin, bis ich den Anfang von allem fand.
Ein kollektives Raunen durchlief die Umgebenden, was mir ein Lächeln auf mein Gesicht zauberte.
In meinen jungen Jahren hatte ich einem Wortbieger der höheren Klasse das Leben gerettet. Als dank hatte er einen Zauber auf mich angewendet. Dieser Zauber hat mir eine außergewöhnliche Fähigkeit verliehen. Die Fähigkeit, mit meinen Worten für andere sichtbare Bilder zu malen. Ich hatte diese Fähigkeit über die Jahrzehnte geschliffen, während ich auf den richtigen Moment gewartet hatte, sie vor einer großen Versammlung einzusetzen. In meinem tiefsten Innern wusste ich, das die Zeit angebrochen war, diese Fähigkeit zu gebrauchen. Da ich nicht mehr sehen konnte, musste ich die anderen sehend machen. Denn als älteste der Jenai wusste niemand besser als ich, dass Geschichten, die man nicht nur hörte, sondern selbst erlebt hatte, am besten in Erinnerung blieben. So konnte ich dank meiner Fähigkeit sicher sein, dass die große Geschichte in Erinnerung blieb. Auch wenn schon längst die Elemente mich zu Staub zermalmt hatten.
„Um mit der grossen Geschichte anfangen zu können, muss ich ein kleines bisschen aussholen und zwar bis zu den Pentaden. Die Menschen, die noch lebten hatten nichts. Ihre Häuser waren zerstört. Die Natur aus ihrem Gleichgewicht gebracht. Ihre Fortschritte und Errungenschaften, die sie sich über Tausende von Jahren angeeignet hatten, zerstört. Das angesammelte Wissen vergessen oder vernichtet. Ihre Götter fanden den Tod. Die ganze Welt verbrannte zu Asche. Keine gute Grundlage, sich für das Leben zu entscheiden. Und trotzdem schafften es von Milliarden von Menschen, zehntausend aus der Asche emporzusteigen und neu anzufangen.“
Ein kindlicher Zwischenruf unterbrach mich.
„Wie viel ist eine Milliarde Oma Vinea?“ Ich zeigte nach oben in den dunkler werdenden Himmel.
„Nimm hundert Hand Voll Nachthimmel, und beginne die Sterne darin zu zählen. Wenn du das geschaftt hast, wirst du bei einer Milliarde angekommen sein.“
„Aber das mache ich nicht jetzt. Jetzt will ich deiner Geschichte zuhören“, erklärte das Kind inbrünstig.
„Zu gütig Kleiner. Also, wo war ich.“
„Du warst bei den zehntausend überlebenden Menschen Oma Vinea“, half mir eine erwachsene Stimme.
„Der Neuanfang der Zehntausend war schwerer, als alles, was ihr euch vorstellen könnt. Denn sie sassen nicht wie wir, alle gemeinsam am Feuer friedlich beieinander, um gemeinsam eine Lösung zu finden oder den Geschichten der Vergangenheit zuzuhören. Sie waren auf der ganzen Welt verteilt. Viele kleine Grüppchen, auch einzelne Menschen durchstreiften diese Welt, um wieder einen Ort für sich zu finden, wo man leben könnte. Wenn die Grüppchen aufeinandertrafen, schlossen sie sich zusammen oder bekämpften sich. Freundschaften wurden geschlossen, Verbündete gesucht und Feinde erkoren. Und nur langsam, so langsam wie die Berge wachsen, fanden die Grüppchen wieder Orte, wo sie sich wohl fühlten und sich niederließen. Neue Häuser wurden gebaut oder alte Ruinen instand gesetzt. Neue Regeln wurden erlassen und Grenzen gezogen. Kriege wurden geführt, um diese Grenzen wieder zu verschieben oder die Befehlshaber der jeweiligen Länder zu stürzen. In diesen turbulenten Zeiten wurden Helden und Legenden geboren. Manch normaler Mensch wurde nach seinem Tod zu einem Gott erhoben und alten Göttern, die die Pentaden in den Köpfen der Menschen überlebt hatten, wurde neuer Atem eingehaucht. Neugeborenen wurden alle möglichen Wünsche und Geschenke dargebracht. Geschichte wurde gemacht und aufgeschrieben. Wissen wurde gesammelt archiviert und weitergegeben. Freundschaften verliefen im Sande. Liebende wurden getrennt, Hass wurde geschürt, Allianzen und Friede wurde geschlossen und Feinde wurden zu unbesiegbaren Monstern stilisiert.
Mit dem Wuchs der Berge nahm unsere Welt langsam die Gestalt an, die wir heute kennen. Der Kontinent, auf dem wir unser Nest haben, war nicht mehr als ein Schwelfeuer gewesen, als es ein einzelner Mensch aus der Asche erhob und zu den freien Landen vereinte. Der Erste und die Gleichen in Forared schwuren die Nachbarn zum Sieben Nationen Bündnis zusammen. Ebb indes, war nach großartigen Erfolgen zu Wasser, zu Land und zu Schiff seinem Untergang geweiht. Es verlor Götter und Menschen. Numina schottete sich von uns allen ab. Während die Vogellande jedem Menschen jedes Jahr die Möglichkeit gab, den Thron zu besteigen, setzte sich im Khaghanat Devanor ein Einzelner mit eiserner Hand und blutigen Schwert durch und brachte die Untertanen auf Spur. Oldsalt suchte auf der Jagd seinen Herrscher, während die Herrscherin von Vord, verjagt wurde. Dalnör verschwand von den Landkarten und aus den Köpfen. Indes Ilmarins Strudel das Leben vom Tschumur Marinit bestimmte und das kleine Kollektiv zu den Adern der Meere wurde, wurden wir zu Adern des Landes. Doch kaum, war so etwas wie Frieden eingekehrt, wurde Forareds Bündnis brüchig und Devanors Herrscher entwickelte sich zu einem irren Monster.
Funken begannen zu fliegen und es gab genügend Menschen, die bereit waren, ein zerstörerisches Flächenfeuer daraus entstehen zu lassen.








