01
Ich hasste ihn. Ich hasste ihn so sehr, dass es schon weh tat. Mein Herz zog sich krampfhaft zusammen und ich bekam keine Luft mehr. Eine kleine Träne tropfte meine Wange hinunter.
Immer wieder spiegelte sich diese eine Szene vor meinem Auge ab, Tobi auf meiner kleinen Schwester liegend, während er sie leidenschaftlich küsste.
Verletzt blickte ich in die warmen braunen Augen, in die ich mich einst so verliebt hatte. Ich musste es einfach wissen, auch wenn ich die Antwort bereits wusste.
Nervös schluckte ich den schweren Kloß, der sich in meinem Hals gesammelt hatte, hinunter. ,,Hast du es jemals auch nur eine Sekunde mit mir ernst gemeint?'', flüsterte ich mit Tränen erstickter Stimme.
Stille. Ernst sah er mich an. ,,Rose, ich..'', mehr brachte er nicht zustande, ehe mich die Verzweiflung packte und ich immer wieder wütend auf seine Brust schlug.
,,Ich hasse dich! Wie konntest du mir das nur antun! Hast du denn gar kein schlechtes Gewissen?!''
Doch meine Worte prallten nur an ihm ab. Seine kühle Art brachte mein Blut zum Kochen. Schließlich es schoß aus mir heraus.
,,Marilyn hätte sich im Grab umgedreht und hätte ihrem Sohn die Ohren langgezogen, wenn sie erfahren hätte, was du für eine Psychoschei-''
Doch weiter kam ich nicht mehr, denn als ich seine tote Mutter erwähnte, blitzten seine liebevollen Augen gefährlich dunkel auf. Harsch packte er meinen Arm und hob mich ein Stückchen hoch, ehe er mir bedrohlich ins Ohr flüsterte :,, Wag es nicht den Namen meiner Mutter noch einmal in deinen dreckigen, verlogenen Mund zu nehmen!''
Sein heißer Atem stieß gegen meine erhitzte Haut. Danach ließ er meinen Arm los und ich prallte mit meinem Hintern auf den kalten Boden.
Mit brennenden und roten Augen blickte ich ihn trozig an und schrie hysterisch :,, Weißt du was mein süßer, verlogener Dreckssack? Fick dich!'' Um meine Aussage zu verdeutlichen, zeigte ich ihm meinen schönsten Finger. Lachend erwiderte er :,, Du bist ja eine größere Psychobitch als deine süße Schwester!'' Verzweifelt fuhr er sich durch seine blonden Haare.
Und schon wieder hatte er mir mein schwaches Herz herausgerissen und war drauf herumgetrampelt. Schluchzend sackte ich in mich zusammen. Ganz tief in meinem Inneren wusste ich, dass ich ihn immer noch liebte. ,,Du wusstest es doch die ganze Zeit, also warum jetzt das ganze Geheule und Drama?''
Verwirrt sah ich ihn an. Nichts, absolut nichts, von dem, das er gerade geschwafelt hatte, ergab Sinn. Die Rädchen in meinem Kopf ratterten schneller und schneller. Doch ich verstand genau gar nichts. Wovon sprach er?
Ohne auf meine Reaktion einzugehen, sprach Tobi unbeiirt weiter :,, Du wusstest die ganze Zeit, dass ich Gefühle für deine Schwester habe, sie aber nicht für mich.
Trotzdem hast du es für dich behalten und die Situation zu deinen Gunsten genutzt. Weißt du was, Rose?-Du bist genauso verlogen, wie Amanda!''
Seine Stimme glich einem Donnerschlag. Laut und erbarmungslos. Ohne ein weiteres Wort stürmte er aus meinem Zimmer und verschwand somit aus meinem Blickfeld. Panisch schrie ich nach ihm :,, Tobi, bitte verlass mich nicht! Du weißt doch ganz genau, dass ich das so gar nicht gemeint habe.
Es tut mir leid! Du weißt doch, dass ich dich brauche!'' Die Tränen liefen mir mittlerweile in Bächen die Wangen hinunter.
Es war nicht das erste Mal, dass ich von einem Mann verlassen wurde. Mit der Zeit hatte ich es geschafft es etwas zu verarbeiten, doch Tobis Verhalten hatte wieder alte, noch nicht verheilte, Wunden aufgerissen.
Ich sah mich in derselben aussichtslosen Situation, wie vor knapp zehn Jahren. Damals war ich gerade mal sieben Jahre alt gewesen und hatte einfach nicht verstanden, warum mein Daddy gegangen und nie mehr zurückgekommen war.
Unzählige Erinnerungen an ihn und Tobi schossen durch meinen Kopf und vermischten sich allmählich. Mein Kopf drohte allmählich zu explodieren. Ablenken! Genau, ich muss mich ablenken! Wie von einem Blitz getroffen, sprang ich auf und stürmte in das Zimmer meiner Mutter.
Zum Glück dauerte ihre Nachtschicht als Krankenschwester noch eine Weile. Verzweifelt stürmte ich in ihren Kleiderschrank und begann wahllos in Schubladen zu kramen, auf der Suche nach ihrem Geheimversteck. Solange bis ich unter Trägertops fündig wurde. Stolz zog ich die Schachtel Marlboro und den Tequila aus der Lade.
Gerade als ich mich auf den Weg nach unten machen wollte, erkannte ich das Klimpern eines Schlüssels. Scheiße...Ich dachte Mom hatte Nachtschicht?! Meine einzige Fluchtmöglichkeit, das Haus zu verlassen ohne, dass Mom es mitbekam, war durch mein Zimmerfenster.
Sie arbeitete schon Vollzeit und machte auch noch Überstunden, um meiner kleinen Schwester und mir das Leben zu finanzieren. Im Gegensatz zu meiner Schwester achtete ich darauf später einmal einen guten Job zu bekommen, Amanda jedoch gab ihr Geld für Makeup, Kleidung und Zigaretten aus. Natürlich hinter Moms Rücken. Amanda war trotzdem immer schon Moms kleiner Liebling gewesen, ich hingegen arbeitete mir den Arsch ab, um gute Noten nach Hause zu bringen und wenigstens etwas Anerkennung zu erhalten. Aber wenn Mom mich jetzt mit der Flasche Tequila und der Schachtel Zigaretten erwischte, die ganz nebenbei erwähnt ihr gehörten, dann wäre ich sowas von geliefert. Klack, Moms müde Schritte ertönten vom Erdgeschoss.
Auf Zehenspitzen schlich ich mich aus Moms Zimmer, an der Treppe vorbei und direkt in mein Zimmer. Leise schob ich mein Fenster nach oben und warf einen schnellen Blick nach unten.
Offensichlich war es doch höher, als ich dachte. Mit zittrigen Händen stopfte ich die Flasche unter meinen BH und betete, dass sie ja nicht herausfiel. Denn Scherben und Ärger von Mom war das letzte, das ich gerade gebrauchen konnte.
Die Marlboro Schachtel klemmte ich mir zwischen die Zähne. Mit schwitzigen Händen packte ich die Regenrinne und hielt mich ängstlich daran fest. So schwer kann das doch nicht sein, wenn es sogar meine 14-Jährige Schwester schaffte, sich dauernd aus dem Haus zu schleichen.
Schritt für Schritt glitt ich ganz vorsichtig die Regenrinne herunter, zusätzlich verschaffte ich mir Halt, in dem ich mich mit meinen Converse an der rauen Hauswand abstützte. Alles wird gut, Rose. Ganz vorsichtig, ein Schritt nach dem anderen, wie eine Besessene wiederholte ich das Mantra, um mir Mut zu machen.
Doch bei dem nächsten Schritt rutschte ich mit den Füßen an der Hauswand aus und versuchte panisch mit meinen Händen zu stoppen. Was zur Folge hatte, dass ich mir beide Handflächen an der alten, rostigen Regenrinne aufschnitt und mit einem lauten Rumms in dem Lieblingsrosenbusch meiner Mom landete.
Die scharfen Dornen der roten Schönheit schnitten mir unbarmherzig in die nackten Beine, da ich nur meine kurze Hello Kitty Schlafhose anhatte. Zornig fluchte ich auf und die Zigarettenschachtel landete in hohem Bogen in den roten Rosen. Vorsichtig versuchte ich die Papierschachtel aus den Fängen der Blumen zu befreien.
Doch die hartnäckigen Dornen gaben einfach nicht nach. Gerade als ich es erneut probieren wollte, öffnete sich das Küchenfenster und Mom streckte neugierig ihren Kopf heraus. Sofort duckte ich mich und wieder stachen die spitzen Dornen in meine Beine.
,,Hallo? Ist hier jemand?'', fragte meine Mom verunsichert, sie versuchte zwar selbstbewusst rüberzukommen, scheiterte daran aber kläglich. Ich verharrte einige Augenblicke in der äußerst gemütlichen Haltung bis sie schließlich das Fenster schloß. Ach scheiß doch auf die Zigaretten.
In geduckter Haltung schlich ich mich an unserem Haus vorbei, bedacht darauf in der Dunkelheit zu bleiben. Als das Haus schon einige Meter hinter mir lag, fing ich an loszurennen.
Die kühle Nachtluft umhüllte mich und gab mir Kraft weiter zu laufen. Von weitem ertönte schon das sanfte Rauschen der Wellen und die salzige Brise stieg mir in die Nase. Beim Strand angekommen, öffnte ich flink meine Schnürsenkel und tapste vorsichtig mit meiner nackten Zehe in den Sand, der immer noch warm war.
Achtlos schmiss ich meine Schuhe in den Sand und setzte mich. Eine halbe Flasche Tequila später, drehte sich plötzlich alles und meine Gedanken schweiften immer wieder zu Tobi. ,,Dreckskerl'', murmelte ich zornig. Und da war sie wieder, diese unfassbare Wut auf ihn.
Anscheinend half Alkohol überhaupt nicht dabei diesen Wixxer zu vergessen. Nein, es machte alles nur noch schlimmer. Meine Gedanken wurden immer wirrer und schwirrten vor meinem Gesicht herum. Verzweifelt fuchtelte ich in der Luft herum, tat alles, damit diese Scheißviecher aufhörten mein Denken einzuschränken.
,,Und genau das passiert, wenn kleine Mädchen an einer Flasche Alkohol nuckeln'', ertönte eine dunkle Stimme hinter mir und lachte. Warte, lachte mich dieser Trottel gerade aus?!
Mit einem Ruck drehte ich mich um meine eigene Achse und blickte in die dunkelsten Augen, die ich jemals gesehen hatte. Schwarze, wilde Locken und ein Gesicht, das einem Adonis glich. Und dieser Körper erst.
Tobi würde grün vor Eifersucht werden. Bei der Vorstellung, entwich mir ein leises Kichern. ,,Und was war es bei dir? Der Freund fremdgegangen?''
Auch wenn es offensichtlich nicht böse klingen sollte, traf er genau ins Schwarze und mein Herz schmerzte wieder. Sofort ging ich in den Angriff über. Leicht schwankend ging ich näher an ihn heran und tippte ihm mit meinem Zeigefinger auf die harte Brust, dass es sich anfühlte als würde mein Zeigefinger brennen, ignorierte ich gekonnt.
Amüsiert hob der Fremde seine rechte Augenbraue. ,,Misch dich gefälligst nicht in fremde Angelegenheiten an, die dich nichts angehen!'', fauchte ich bedrohlich. ,,OHO, das kleine Mädchen fährt ihre Krallen aus!
Kannst du auch beißen?'', erwiderte er provokant. ,,Ich hoffe doch, dass dir bewusst ist, dass ich eine Glasflasche dabeihabe und ich nicht eine Sekunde zögern werde, sie einem geistesgestörten Psycho, wie dir, über den Schädel zuziehen'',konterte ich.