La Pucelle by E.J. LeMaitre at Inkitt
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La Pucelle

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Summary

Frankreich, 15. Jahrhundert. Ein schier endloser Krieg bildet das Tor zum Ende des Mittelalters, die Zeit der Ritter und Burgen ist bald vorbei. Doch für den Anbruch der Neuzeit und des damit unvermeidbaren Fortschritts braucht es zunächst das Ende dieses apokalyptischen Krieges. Die Evolution von der Steinschleuder zur Armbrust und des Katapults zur Kanone konnte noch nichts in die Richtung des neuen Zeitalters bewegen. Auch nicht der Schweiß und das Blut tatkräftiger und starker Männer, die stets nach vorne blickten, sondern nur die altbewährte Tugend und Überzeugung eines kleinen Mädchens, oder eher einer jungen Frau, deren Geschichte epischer als die der größten Könige sein sollte...

Status
Ongoing
Chapters
4
Rating
n/a
Age Rating
18+

Kapitel I

Der Ruf Gottes

Rouen, Frankreich.

1431...

Wir befinden uns in einer Gefängniszelle. Schlecht beleuchtet, mit Stroh als Teppich auf dem steinernen, kalten Boden und stickiger Luft, die sich an der Decke einen Platz mit den Spinnenweben teilte. In der Zelle saßen zwei Personen:

Die erste war augustinischer Ordensbruder und Almosenier Jean Pasquerel auf einem löchrigen Holzbrett, das als Bank an der Wand hing. Eine friedfertige Erscheinung in ihren Dreißigern mit einem tiefschwarzen Vollbart.

Er war der Beichtvater einer jungen Frau, die ihm soeben auf dem Stroh im Schneidersitz und in Ketten gegenübersaß - gerademal neunzehn Jahre alt, eine charismatische Person, die ihrer Schönheit während des Aufenthalts im Gefängnis beraubt wurde. Doch trotz der ungemütlichen Umstände konnte man ihr noch immer ansehen, was sie vor der Gefangenschaft war.

Ihr gesprosstes Gesicht bestand aus vollen Lippen, großen, himmelblauen Augen, einer markanten Nase und wurde umrahmt von kurzen, rotbraunen Locken. Diese junge Frau war nicht nur ein zierliches, unscheinbares Geschöpf, sondern frönte sich auch durch und durch der Treue Gottes.

Und doch sollte sie später für ihre Taten schuldiggesprochen und hingerichtet werden...

Pasquerel durchbrach die Stille zwischen sich und ihr und fragte sie: ,,Was hängen sie dir an?”

Die Frau runzelte missmutig die Stirn und antwortete mit ihrer sanften Stimme: ,,Zu keinem geringen Teil, dass ich mich wie ein Mann kleide. Sie ... behaupten, es verhöhnte die Autorität der Kirche.”

,,Das hast du doch nur getan, um dich vor Übergriffen zu schützen.”

Kurz schwiegen sie sich wieder an, bis dann die Frau abschloss: ,,Alles, was ich tat, tat ich auf Befehl des Herrn.”

,,Das weiß ich doch. Ihre Anklagepunkte sind nicht mehr als Provokationen, vollkommen unbegründet.”

,,Tja, dagegen können wir wohl nichts mehr tun. Ich werde sie über meine Geschichte aufklären so gut ich kann und dann ... mal sehen.”

,,Ich bin zwar ungern ein Schwarzseher, doch ich bezweifle, dass dies etwas helfen wird.”

,,Dann sind wir schon zu zweit.”

Pasquerel fuhr sich durch den Bart mit einem müden Lächeln. ,,Mein Gott.”

,,Was denn?”

,,Wie du dich verändert hast. Einst warst du noch nicht einmal im Stande, eine kleine Notlüge zu erzählen, und nun bist du ...”

,,Hör’ auf.”

,,... Im Gefängnis. Von ihnen allen respektiert und gefürchtet. Du hast sogar beschlossen, dich selbst im Prozess zu verteidigen. Eine wie dich wird es nur einmal geben.”

,,Jetzt hör’ auf, du wirst ja schon ganz sentimental.”

,,Ja, du hast recht. Ach ... die Ritter haben ihre raubeinige Art und ihre Ungezwungenheit auf dich abblättern lassen.”

Da drehte Pasquerel den Kopf weg von ihr, warf einen flüchtigen Blick durch die Gitterstäbe in den Flur und sah den patrouillierenden englischen Knechten in den roten Surcots und mit den Hellebarden auf den Schultern nach.

,,Ich kenne deine Geschichte, sie hingegen ...”

Pasquerel war bezüglich des Krieges nicht besonders bewandert, doch er wusste, dass die Engländer sie hassten. Und dass sie dafür ihre Geschichte nicht kennen mussten. Zwar war er ein Mann des Glaubens, war stets dafür offen, jemandem seine Taten zu vergeben, doch es fiel ihm schwer, nach dem Anblick der schwächlichen, jungen Frau in der Zelle dem Besatzer aus dem Norden nicht verstimmt gegenüber zu sein. Doch eines musste man den Engländern lassen: Auch sie respektierten sie im Inneren und schafften es aus diesem Grund auch nie, sie jemals zu schänden, selbst, wenn sie in der letzten Zeit die Chance dazu durchaus hatten.

Seine nächsten Worte bekam er nur schwer von den Lippen.

,,Hasse- ... hasse nicht den Sünder ...”

,,Sondern hasse die Sünde.“, beendete sie seinen Satz. ,,Als sie mich hier einsperrten, war das erste, was sie mir mitgaben, eine simple Frage. Sie fragten, ob ich stolz auf mich sei.”

,,Was hast du ihnen geantwortet?”

,,Ich sagte: Nein, denn der Stolz auf einen selbst gilt auch als Sünde. Aber ich bin stolz, das kann ich nicht leugnen.”

,,Worauf?”

,,Auf uns. Alle Männer, die genau die Courage bewiesen, die ich von ihnen erwartete. Alle Männer, die ihr Leben für Frankreich riskierten und ließen.”

Pasquerel beobachtete, wie sich langsam Tränen in ihren Augen sammelten und sie sich auf die Lippen biss, während sie sich scheinbar in Erinnerungen verlor.

,,Sie waren alle so tapfer. Einige von ihnen haben nie wieder zum Herrn zurückgefunden, doch das kann man ihnen nicht verübeln. Der Krieg dauert schon zu lange. Doch die Engländer - So oft habe ich ihnen angeboten, einfach zu gehen und sich selbst ... und uns allen ... weiteres Blutvergießen zu ersparen. Aber sie sind noch da. Warum sind sie noch da, Pater?”

Kummer machte sich in ihr breit, von welchem Pasquerel sofort angesteckt wurde.

,,Ich wünschte, ich könnte es dir sagen, Jeanne. Doch ich weiß es auch nicht. Das weiß allein der Herr.”

Er drehte machtlos die Daumen und warf einen Blick aus dem kleinen Fenster der Zelle über ihnen auf die unruhigen Straßen von Rouen. Zwischen den vielen Passanten marschierten auch englische Knechte, die mit ihrem satten Rot leicht herausstachen. Sie schubsten die Bürger aus dem Weg als wären sie nicht mehr als Hindernisse gewesen. Pasquerel kam es so vor, als wäre es gerade erst gestern gewesen, als das Volk noch seinem gewohnten Alltag ohne Unterdrückung nachgehen konnte. Doch mit der gegenwärtigen Situation hatte das Königreich nun solange umzugehen, bis der Feind vollständig besiegt war. Alles lag nun in der Hand von König Charles VII., seitdem die kleine Jeanne und ihre talentierten Ritter für ihn die ersten Schritte zur Befreiung vollzogen.

,,Du sagtest, du würdest sie über deine Geschichte aufklären.“, griff Pasquerel wieder auf. ,,Was wirst du ihnen sagen?”

,,Die Wahrheit.”

,,Und wo wirst du anfangen?”

Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und erwiderte ihm ihr verzückendes und warmherziges Lächeln, das typisch für sie war. ,,Am Anfang.”

Pasquerel erwiderte ihr Lächeln und wirkte ausgesprochen beeindruckt davon, wie noch immer ihr altes Ich zum Vorschein kam, bedachte man all das, was ihr schon im Kampf und danach widerfuhr. ,,Du bist unverbesserlich.“, kommentierte er amüsiert und stolz auf sie. ,,Dann erzähle mal.”

Und dies tat sie. Die ganze Geschichte...

Domrémy, Frankreich.

1425...

Die Burgunder - die Partei Frankreichs, die mit den Engländern verbündet war - kontrollierten den Großen Osten des Landes und terrorisierten die Städte, die sich weigerten, die Engländer als die wahren Herrscher des Landes anzusehen. Ihr Gegenstück waren die Armagnacs - die Partei des späteren Königs und rechtmäßigen Erbens von Frankreich Charles VII.. Die politische Lage des Königreichs war zur Zeit ausgesprochen prekär, die Armagnacs waren finanziell angeschlagen und von den Engländern und Burgundern in die Ecke gedrängt worden...

Jeanne, gerademal dreizehn Jahre alt, war in dieser Krise nur so weit miteinbezogen, dass sie der Schreckensherrschaft der Burgunder zum Opfer fiel. In Domrémy war sie gerade noch das Bauernmädchen einer angesehenen Familie der Stadt - die d’Arcs - der Name ihres Vaters - waren die Vorläufer der Landwirte aus der Umgebung. Ihr Vater, ein strikter Verwalter, der sein persönliches kleines Reich mit eiserener Faust regierte, kontrollierte viele Arbeiter unter sich, weswegen er öfters außer Haus war, um sie herumzukommandieren, selbst, wenn er gleichzeitig versuchte, für seine Gemahlin und seine Kinder stets da zu sein. Jeannes ältere Brüder würden für ihre Sicherheit sorgen, wenn es der Vater nicht konnte und ihre Mutter würde ihr das Wort Gottes mit aller Gründlichkeit beibringen.

Als ihre Heimatstadt eines Tages vom Feind überfallen wurde, so erzählte sie, musste sie den Tod und die Misshandlung so mancher guter Freunde mit ansehen. Nicht nur Erwachsene, sondern auch Gleichaltrige. Nicht nur Morde, sondern auch Entführungen und Schändung. Ihre frühste Erfahrung mit dem Besatzer, die sie bewusst erlebte...

Die Engländer durchstreiften die Stadt als gehörte sie ihnen und ließen keinen Stein auf dem anderen. Die Bürger versteckten sich und machten ihnen so den Weg frei.

Jeanne war soeben bei Florence, einer guten Freundin, zu Besuch, die sie für eine Mittagsspeise einlud, und half bei der Zubereitung. Sie hatte eine durchaus gute Beziehung zu den Familien ihrer Freunde, vermutlich sogar eine bessere als zu ihrer eigenen, vor allem, da sie bei ihnen zu jeder Zeit willkommen war.

Der Tisch wurde hergerichtet für sechs Personen: Für Mutter, Vater, Florence, ihre zwei Brüder und für Jeanne. Auf den Tellern gab es das Brot und das Fleisch vom Markt, frische Eier aus dem Stall und reichlich Trauben aus dem Garten. Für die Familie war es opulente Speise, Jeanne war es mittlerweile gewohnt, mehr im Teller zu haben, doch sie bedankte sich höflich für die großzügige Einladung, da sie wusste, dass die anderen Bauern der Stadt für gewöhnlich weniger hatten und die Tat der Familie deshalb äußerst selbstlos war.

Jeanne saß neben dem Vater, welcher bemerkte, wie sie das gebogene Messer in der Hand drehte und auf das Fleisch blickte.

,,Warte, ich mache das, bevor du dich schneidest.“, sagte er und nahm ihr das Messer ab. ,,Das Fleisch ist ziemlich zäh, musst du wissen, und man kann leicht beim Schneiden ausrutschen.”

Als dann alles angerichtet war, falteten sie gemeinsam die Hände zusammen und sprachen das Tischgebet. Während sie dies taten, ertönte in der Ferne die Kirchenglocke. Deswegen unterbrachen sie ihr Gebet noch nicht, allerdings vernahmen sie auf den Straßen die Schritte von schweren Schlachtrössern, die sie allmählich stutzig machten. Glücklicherweise beendeten sie ihr Gebet rechtzeitig, bevor der Vater dann aufstand und allen mit gesenkter Stimme zusprach:

,,Versteckt euch so schnell es geht.”

Allesamt entfernten sie sich vom Esstisch und ließen das Essen kalt werden, die Mutter und die Kinder gingen nach oben - mit Ausnahme von Florence, die bei Jeanne blieb. Der Vater würde auf die beiden Mädchen aufpassen.

Florence versteckte sich in einer Truhe, die gerade groß genug für sie war, Jeanne in einem Schrank. Das Messer nahm sie mit. Der Vater, bewaffnet mit einem Beil aus der Küche, wartete in Deckung, bis er hörte, wie sich die Tür öffnete. Es verschafften sich drei englische Soldaten Zutritt in sein Haus; zwei Knechte und ein junger Hauptmann.

Warum, von allen Häusern in der Stadt, ausgerechnet mein Haus?, fragte sich der Vater stumm und genervt. Er lehnte sich an den Schrank in welchem sich Jeanne versteckte und erklärte ihr:

,,Jeanne, was du auch tust, gehe nicht auf die Straße bis du dir sicher bist, dass sie alle weg sind.”

Da erklang die Stimme des Offiziers lautstark und selbstbewusst.

,,Darf ich den Hausherren sprechen?", fragte er und warf einen flüchtigen Blick auf den Tisch. ,,Mir scheint, das sind aber viele Teller. Und so fürstlich gedeckt. Ist euch nicht danach, zu teilen? Wo seid ihr?”

Den Knechten ordnete er an, die Treppe hinauf zu gehen, um im Obergeschoss nach der Familie zu suchen. Damit war er alleine im Erdgeschoss mit dem Vater, der sich hinter dem Schrank versteckte, in welchem sich Jeanne befand.

Der Hauptmann, glattrasiert und mit einem leicht angedeuteten, schelmischen Lächeln, griff zum nächsten Stuhl und setzte sich verkehrtherum darauf in die Mitte des Raumes, wobei er den Vater bemerkte. Sie beide ergänzten sich in den Ausdrücken, die sie einander gaben: Der Vater war gespannt wie ein Bogen und auf einen ernsten Kampf vorbereitet, der Hauptmann lässig und ein bisschen müde zugleich, als wäre so ein Hausbesuch für ihn eine reine Routine.

,,Ah, da seid Ihr ja. Dachte schon, ich würde mit mir selbst sprechen. Was macht Ihr da hinter dem Schrank?”

Der Vater erwiderte mürrisch: ,,Was macht ihr in unserem Land?”

,,Das ist nun nichts Persönliches, aber wir müssen ab und zu auch etwas essen und dafür können wir nicht jedes Mal zurück nach England segeln.”

,,Dann kehrt zurück und bleibt gefälligst dort!”

Jeanne hörte das Gespräch deutlich mit und konnte sogar ein kleines Bisschen vom Geschehen durch den Schlitz zwischen den Schranktüren vor sich auffangen. Von oben jedoch kamen gänzlich andere Geräusche. Es klang wie das Auftreten einer Tür, auf das das entsetzliche Schreien einer Frau folgte. Es polterte und krachte, was Florence und ihren Vater immer mehr beunruhigte. Ihm perlte der Schweiß von der Stirn derweil er immer aufgebrachter wurde und jederzeit die Beherrschung hätte verlieren können.

Der Hauptmann runzelte die Stirn und sah zur Decke hinauf, als hätte er sich für den Tumult im Obergeschoss geschämt. Das Schreien der Frau wurde auf einmal intensiver, konnte allerdings nicht das Knarren von Holz und die rhythmischen Stoßgeräusche dazwischen übertönen.

,,Das ... “, bemerkte der Hauptmann nach oben zeigend, ,,muss dann wohl Eure Gemahlin sein.”

Florence’ Vater begann, heftig zu schnaufen. Er war zwar bekannt dafür, äußerst geduldig zu sein, doch nach dem, was er gezwungen war, über sich zu vernehmen, brach ein blinder Zorn aus ihm heraus.

,,Nur nicht aufregen, es hat nichts mit Euch zu tun.“, beschwichtigte der Hauptmann vergebens. Dem wollte er noch eine Entschuldigung beifügen, doch zu spät dafür.

Der Vater sah nur rot, gab einen lauthalsen Schrei von sich und kam mit Beil und geballter Faust auf den Hauptmann zu. Er wollte gerade ausholen, da stand sein Gegner auf, griff zum Stuhl und zerschmetterte diesen auf ihm. Der wuchtige Aufprall brachte ihn zu Fall. Das nächste, was er spürte, waren die Stäbe der Rückenlehne, wie sie ihm in die Oberarme gedrückt wurden, sodass er am Boden festgenagelt wurde. Der Offizier drückte weiter gegen den kräftigen, wütenden Mann und schaffte es mühsam, ihn zu entwaffnen und sich seines Beils zu bedienen. Im Eifer des Gefechts rammte er ihm dieses in den Kopf.

Mitanzusehen, wie ihr Vater starb und sich sein Blut auf dem Holzboden verteilte, entlockte Florence einen Angstschrei. Dieser verriet sie und die Truhe, in der sie versteckt war, öffnete sich langsam. Sie lag eingeengt darin und begann zu schluchzen. Der Hauptmann schüttelte unschlüssig den Kopf und sah auf das Beil. ,,Das mit deinem Vater tut mir leid, aber er hat mich angegriffen.”

Florence war paralysiert von dem offenbar gefühlskalten Antlitz über ihr.

,,Ich habe schon sehen müssen, wie so manches Kind als Waise aufwuchs. Kein schönes Schicksal, also erspare ich es dir. Das wird mir jetzt wahrscheinlich mehr wehtun als dir.”

Und Jeanne sah mit an, wie er ausholte und das Beil mit der Klinge voraus in die Truhe fiel. Dabei konnte sich Florence in ihrem engen Versteck noch nicht einmal wehren.

Jeanne wurde zwar plötzlich Zeugin von zwei brutalen Morden, doch sie blieb überraschend ruhig. Es tobte in ihr innerlich, aber sie gab die ganze Zeit über keinen Laut von sich.

,,Lads, how many have you got?“, fragte der Offizier mit einem Blick zum Esstisch, während er heftig schnaufte und sich mit der Hand durchs verschwitzte Gesicht fuhr wie mit einem Lappen.

,,Two sons and the mother, Captain!“, antwortete einer von ihnen barsch.

,,But I can see six plates down here. Keep searching.”

Der Hauptmann näherte sich dem Schrank. Das Licht, das durch den Schlitz eindrang, verdunkelte sich, als er sich davor stellte. Jeanne hatte eine böse Vorahnung.

Die Türen des Schranks wurden ruckartig aufgerissen und Jeanne fror vor der einschüchternden Erscheinung ein.

,,Man, I'm great. Oh ... du bist ja bewaffnet.“, sprach er gespielt beeindruckt und warf das Beil weg. ,,Keine Bange, ich habe meine nicht mehr. Siehst du?”

Ihm fiel auf, wie Jeanne das Kreuz um ihren Hals fest umklammerte, sodass es sich schon in ihre Hand bohrte.

,,Bitte, bitte, gib das Messer her. Wir sind doch beide gottesfürchtige, kleine Menschen, die auch ohne sowas miteinander reden können.”

Sie versuchte, ihre Starre langsam aufzulösen, indem sie damit anfing, ein Gebet aufzusagen. Es war zwar leise, doch der Hauptmann verstand sie und sprach es mit ihr.

,,Himmlischer Vater ... vergib mir ...”

,,... Meine Sünden ...”

,,... Meine- ... meine Sünden, die ich beging, denn ich fürchte mich vor ... ”

,,... Vor der gerechten Strafe ... ”

,,... So ... vergebe mir auch die, die ich noch begehen werde.”

In einem Augenblick war der Hauptmann überrascht von diesem Abschluss, aber er dachte sich nichts dabei und streckte die Hand aus. ,,Gib mir bitte das Messer, Kleines, und deine Sünden werden dir vergeben, das verspreche ich.”

Er hatte zwar ein heiteres Lächeln auf den Lippen, doch Jeanne erkannte das Böse, das er dahinter verbarg. Sie erkannte den Frevler und den Teuferl, der sich als Engel maskierte. Also nahm sie sich zusammen und stürzte sich auf ihn. Das Messer stieß sie ihm mitten in den Hals durch die Pulsader. Eine schlechte Entscheidung des Hauptmanns, an jenem Tag keine Kettenhaube zu tragen.

Als sie es herauszog, spritzte ihr eine Fontäne Blut entgegen und bedeckte ihr ganzes Gesicht. So schnell wie der Hauptmann gurgelnd und zappelnd wie ein Fisch im Sterben lag, so schnell kamen die Knechte die Treppe hinunter gestürmt, um Jeanne zu stellen. Trotz eines plötzlichen Schocks schaffte sie es doch, rasch aus der Hintertür zu entfliehen. Die Knechte stolperten über den Leichnam ihres Offiziers und blickten ihr nach, wie sie in der Ferne immer kleiner wurde.

Ihr strömten heiße, bittere Tränen hinab, die sich mit dem Blut auf ihren Wangen vermischten, während sie die Stadt verließ und durch das Feld bis zur nächsten Straße rannte. Sie schrie und weinte so laut, dass es noch lange durch die Gassen von Domrémy widerhallte. Als sie weit genug weg war, brach sie zusammen und fiel ins hohe Gras. Ihr wurde nicht klar, was sie soeben vollbrachte. Sie suchte nach einer Antwort aber sie fand keine. Alle Gedanken und Gefühle in ihr waren verworren und ließen sie allmählich die Wirklichkeit hinterfragen...

Für eine Weile lag sie nur da, bis auf der Straße ein Wagen in ihre Richtung fuhr. Die Pferde hielten an und ein Mann stieg ab, der sie im Gras durch das viele Rot an ihrem Körper sofort erkannte. Er hob sie an und wurde mit Fassungslosigkeit erfüllt.

,,Jeannette?”

Es war ihr Onkel, der mal wieder auf Reisen war. Sie war erleichtert, aber sie fühlte sich nach dem, was vorfiel, undefinierbar kühl. Sie hatte keine Worte für ihn, sie warf sich lediglich in seine Arme und weinte sich an ihm aus. Er wollte nicht wissen, was seiner Nichte zustieß, aber er brachte sie sofort nach Domrémy zu seinem Bruder zurück, nachdem die Engländer weiterzogen. Von Jeannes Vater hielt er noch nie sehr viel, doch nach diesem Tag fragte er sich, was ihn dazu bringen konnte, seine Tochter so verantwortungslos in solcher Notlage dem unzuverlässigen Rest der Stadt zu überlassen...

Die Bürger fassten einen Entschluss und waren von diesem Tage an endgültig für die Bekämpfung des Feindes. Es sollte wieder Frieden herrschen, keine Morde, keine Plünderungen und keine Zerstörung mehr. Sie wären für das nächste Mal vorbereitet gewesen. Vermeintlich...

Jeanne allerdings versuchte, dieses traumatische Erlebnis so gut es ging zu verdrängen, um den aufkochenden Hass im Keim zu ersticken - denn Hass war nicht der Weg des Herrn. Dies war ihr kein leichtes, denn immer wieder erwischte sie sich dabei, wie sie in ruhigen Minuten gewalttätige Gedanken und Rachegelüste bekam. Sie befand sich im Kampf gegen sich selbst, schließlich war in der Welt kein Platz für noch mehr Böses.

Dann aber erlebte sie etwas gänzlich Anderes. Sie wanderte durch ihren Garten und hielt für einen Moment inne, während die Kirchenglocken in der Ferne ertönten. Sie erschrak als ein Schwarm Sperlinge aus den Gebüschen flog. Die Vögel verschwanden am Himmel, der mit grauen Wolken übersät war. Ein deprimierender Anblick. Sie seufzte und ließ die Schultern fallen, als jemand ihren Namen hinter ihr rief.

,,Jeanne?”

,,Pierre?“, fragte sie, die Stimme für ihren Bruder haltend.

,,Jeanne?“, wiederholte die Stimme nur in einem flüsternden Ton und kam dabei immer näher. Ihr Klang verschwamm mehr und mehr im Rascheln der Kiefer hinter ihr. Also drehte sie sich um, schnell genug, um es sich nicht zweimal überlegen zu können. Ihr lief es zwar kalt den Rücken hinunter, doch der Anblick der Gestalt, der die Stimme gehörte, traf sie leichter als erwartet.

Es war eine tiefe, schon fast übermenschliche Stimme, aber sie war ätherisch, fast nicht in der Wirklichkeit vorhanden. Der Besitzer der Stimme war ein schemenhaftes Etwas in goldener Rüstung, gewaltigen Flügeln auf dem Rücken und hatte die Erscheinung eines erwachsenen Mannes mit roten Locken, jedoch stimmte etwas nicht:

Sein Gesicht verbarg sich hinter einem unerklärlichen Schatten. Das machte den Mann unerkennbar. Hinter ihm befanden sich keine grauen Wolken, nur das Leuchten der Sonne, das ihn umrahmte. Er stand unter der Kiefer, einfach so. Doch Jeanne fragte sich, wie er das konnte, so ganz ohne Füße. Die verschwanden nämlich irgendwann knapp über dem Boden.

,,Was seid denn Ihr?”

In den Händen des Mannes erschien ein altes, blutiges Schwert, das er sich wie ein Kreuz vor die Brust hielt.

,,Ich bin der, der den Drachen getötet hat.”

Da verstand sie, um wen es sich handeln musste, aber sie wollte es noch nicht ganz begreifen.

,,Saint ... Michel?”

Erzengel Mikail, der Anführer des himmlischen Heeres und Bezwinger des Teufels höchstselbst, tauchte angeblich vor ihr auf. Sie sah sich panisch um und rieb sich die Augen, nur um dann festzustellen, dass der Engel noch immer da war. Kein Trugbild also.

,,Aber wie- ... was führt Euch hierher?”

,,Eine Botschaft.”

Sie legte ihre Hand wie einen Schirm auf die Stirn und kniff die Augen bei dem blendenden Anblick zusammen. ,,Eine Botschaft? Werdet Ihr etwa Frankreich erneut beschützen vor dem Übel?”

,,Nein. Da, wo ich hingehe, werde ich das nicht schaffen. Aber du wirst es.”

,,Was meint Ihr damit?”

Ehe sie eine Antwort von ihm erhielt, verschwand Saint Michel auch schon wieder.

Dies war eine verstörende Begegnung für sie, die sie die fürchterlichen Erinnerungen an die letzten Tage für einen Augenblick vollkommen vergessen ließ. Verstörend und zugleich ... wunderschön.

Sie rannte so schnell es ging ins Haus, wo ihr ihr ältester Bruder Jacquemin entgegenkam.

,,Jeannette, bist du wohlauf?“, fragte er bei ihrem hastigen Auftreten.

,,Oh, du bist es.“, meinte sie erleichtert.

,,Ich hab’ gesehen, dass du im Garten Selbstgespräche geführt hast. Denkst du immer noch an das, was geschehen ist? Mach dir um solche Vorfälle bitte keine Sorgen mehr, nochmal werden sie uns nicht so leicht überwältigen.”

Jeanne wollte nicht lügen, deshalb sagte sie ihm, was tatsächlich war.

,,Das ist es nicht, ich- ... ich glaube ich habe Saint Michel gesehen.”

Jacquemin runzelte verdutzt die Stirn. ,,Bei uns im Garten?”

,,Es ist ... vergiss es, ich habe es mir wahrscheinlich nur eingebildet.”

,,Wirklich? Du wirkst schon ziemlich besorgt.”

,,Ich bin nur etwas neben mir, danke.”

Da blickte Jacquemin ihr nach, wie sie sich träge ins Schlafzimmer begab. Dieses verdächtige Verhalten warf Fragen in ihm auf, doch er führte seinen Tag fort wie immer. Nur mit der Besorgnis seine Schwester und ihren seelischen Zustand betreffend in Gedanken.

Was Jeanne anging, so ist es nicht bei dieser einen Begegnung geblieben - es kamen noch mehr Begegnungen mit noch mehr Engeln, doch hauptsächlich sprach Mikail zu ihr, der Schutzpatron von Frankreich. Aber an jenem Tag war sie nicht mehr ganz auf der Höhe: Sie warf sich auf das Familienbett und vergrub das Gesicht im nächsten Kissen. Sie war vielleicht noch nicht bereit für den Besuch eines Engels.

Über die Tage hinweg begegnete ihr auch so manche Heilige, etwa wie Margarete und Catherine - Jungfrauen, die sich gegen starke Feinde auflehnten und für ihre Überzeugungen gepeinigt und getötet wurden.

Sie gewöhnte sich schließlich an die ‘Visionen’ und nahm diverse, rätselhafte Botschaften zur Kenntnis, die ihr eines Tages einen Auftrag von großer Bedeutung geben würden.

Doch dieser Tag war noch fern...

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